«Wir müssen wagemutiger werden»
Veit Dengler, CEO der NZZ-Mediengruppe, äussert sich im Gespräch mit Werbewoche-Chefredaktor Pierre C. Meier zu den Herausforderungen, denen sich die Gruppe stellen muss.

Werbewoche: Was bedeutet für Sie die NZZ?
Veit Dengler: Die NZZ war für mich schon immer ein Leuchtturm in der deutschsprachigen Presselandschaft. Eine Zeitung mit einem hohen Anspruch an die Publizistik, die es versteht, Inhalte bestens zu kuratieren, einzuordnen und mit hoher Dossier-Kompetenz zu vermitteln.
Sind Sie mit dem heutigen Online-Auftritt der NZZ zufrieden?
Im Grossen und Ganzen ja, aber es besteht noch Verbesserungspotenzial.
Wo sehen Sie Verbesserungsbedarf?
Die Struktur und auch das Layout der Seite können sicher noch verbessert werden.
Was hat die Paywall bewirkt?
Das Prinzip, dass für Qualitätsjournalismus bezahlt werden muss, ist richtig. Von der Werbung alleine können wir in Zeiten ständig sinkenden Anzeigenaufkommens nicht leben. Aber unsere Paywall ist heute sehr starr und erlaubt es uns nicht, für verschiedene Kundengruppen auch verschiedene Produkte zu machen. Hier können wir sehr viel von der Konsumgüterindustrie lernen, die ihre Angebote stark differenziert. Für die NZZ kann ich mir zum Beispiel Spartenabonnemente für Menschen vorstellen, die nur ein Teil unserer Zeitung interessiert, zum Beispiel Kultur oder Wirtschaft. Vielleicht ein Angebot für Studenten – billiger, dafür aber nicht mit allen Inhalten. Oder Premium-Angebote, die neben der gedruckten und der digitalen Zeitung den Zugang zu Konferenzen oder zu anderen unserer Dienstleistungen beinhalten.
Wer entwickelt diese neuen Produkte, und wann werden wir die ersten sehen?
Wir müssen zunächst die Grundlagen schaffen. Also eine IT-Infrastruktur, die es uns erlaubt, kundenspezifische Produkte zusammenzustellen und zu vertreiben. Heute bekommen die Kunden, die bei uns ein digitales Abonnement bestellen, noch eine Papierrechnung. Da haben wir viel Nachholbedarf. Deswegen werden wir auch erst ab 2015 neue Produkte lancieren können. Bis dahin gibt es höchstens mal den ein oder anderen Piloten.
In einem Interview mit der österreichischen Zeitung Die Presse sagten Sie: «Wir müssen eigentlich mehr wie ein Technologieunternehmen agieren als wie ein klassisches Zeitungshaus.» Was meinen Sie genau damit, wie stark ist die Bereitschaft im Hause, diesen Wandel zu vollziehen?
Das war ein bisschen «tongue-in-cheek» (ironisch, mit Hintergedanken, nicht ganz ernst gemeint) wie man auf Englisch sagen würde. Natürlich sind wir ein Medienunternehmen, aber im digitalen Zeitalter ist Technologiekompetenz eine wesentliche Voraussetzung, um auf Online- oder Mobile-Plattformern attraktive differenzierte Angebote machen zu können. Das haben Medienunternehmen nicht in den Genen, denn um ein Technologieunternehmen zu werden, müssen wir auch unser Verhalten ändern. Agiler werden, schneller, wagemutiger. Für diesen Wandel gibt es viel Bereitschaft. Angefangen vom Verwaltungsrat bis zu den Mitarbeitern. Alle wissen, dass unser traditionelles Geschäftsmodell nicht mehr trägt und wir viele Dinge ändern müssen, die wir vielleicht jahrzehntelang nicht in Frage gestellt haben. Konkretes Beispiel: Wir haben sehr viele Dossier-Experten hier im Hause. Ihr fachspezifisches Wissen verbunden mit der Fähigkeit, es in hervorragender journalistischer Manier ausdrücken zu können, ist eine unserer tragenden Säulen. Deswegen werden wir diese Dossier-Experten in Zukunft von der Bürde der Produktion befreien, damit sie möglichst viel recherchieren und schreiben können. Nachgelagerte Teams kümmern sich dann um Editierung und kanalspezifische Produktion.
Was ändert sich dann?
In der alten Verlagswelt haben wir von den Abonnenten unserer Zeitung gelebt und mehr noch von den Werbekunden. Wir haben ein oder zwei Produkte angeboten und sehr gut daran verdient. In der neuen Welt müssen wir unser Produktespektrum erweitern, über alle möglichen Bezahlmodelle verfügen und crossmedial Werbung anbieten können. Das können wir noch nicht. Und das ist richtig schwierig. Der Umbau auf der kommerziellen Seite ist sehr anspruchsvoll. Der Umbau in der Publizistik ist fundamental hinsichtlich Arbeitsweisen, zeitlicher Präsenz und der Fähigkeit, in mehreren Angebotsformen zu denken. Was sich aber nicht ändern darf bei diesem Prozess, ist die Bewahrung der Güte des Inhalts.
Geplant ist eine organisatorische Entflechtung zwischen Inhaltsherstellung, Editierung und Produktion der NZZ-Redaktion. Die Online-Produzenten – um sie jetzt mal so zu nennen – werden neben der eigentlichen Redaktion eng mit dem Marketing und dem Verkauf zusammenarbeiten müssen, um zum Beispiel auch neue Werbemöglichkeiten zu finden resp. zu bespielen. Ein Konflikt- Potenzial ohne Ende….
So gross ist das gar nicht. Wir verkaufen Werbung, für die unser publizistisches Angebot der richtige Träger ist. Aber wir richten unser publizistisches Angebot nicht nach der Werbung aus. Einer unserer Kern-Markenwerte ist die publizistische Unabhängigkeit. Sie lesen die NZZ, weil Sie darauf vertrauen, dass sie nicht nur gewisse Interessen abbildet und dass sie nicht käuflich ist. Das muss in der neuen Welt genauso sein wie in der alten Welt. Deswegen gibt es bei der Kommerzialisierung klare Grenzen. Native Advertising zum Beispiel. Das ist bei der NZZ undenkbar. Wo Marketing und Verkauf die Redaktionen antreiben, ist auf dem Gebiet der Selbstvermarktung. Wir haben einige der besten Journalisten des deutschsprachigen Raumes in unseren Reihen. Das sind Marken, die eine hohe Anziehungskraft ausstrahlen. Wenn die nur Artikel recherchieren und verfassen und nicht auch mal rausgehen und über ihre Arbeit reden – oder darüber twittern –, dann lassen wir Umsatzpotenzial ungenutzt. Aber auch hier gibt es kein Konfliktpotenzial zwischen Publizistik und Geschäft; damit renne ich bei NZZChefredaktor Markus Spillmann offene Türen ein.
Im gleichen Interview sagten Sie: «Nur weil wir in der Vergangenheit starke Marken und treue Leser hatten, heisst nicht, dass wir die ewig behalten werden. Die Schwierigkeit ist, herauszufinden, wie die neuen Medien gestaltet werden sollten.» Tönt gut, aber wer übernimmt heute bei der NZZ diese Aufgabe? Woher kommen die Ideen? Ist es der CR, die Ressortleiter, die Redaktion, die neu angestellten Unternehmensberater oder am Ende gar Sie?
Es ist die Aufgabe unseres Bereichs «Marketing und Produkt», Kundendaten zu analysieren und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen – zum Beispiel, wo es Bedarf für neue Produkte gibt, wie hoch Akzeptanz und Marktpotenzial dafür sind. Dann müssen wir entscheiden, ob wir so ein Produkt im Rahmen unserer publizistischen Unabhängigkeit anbieten können und wollen. Da hat die Publizistik ein entscheidendes Wort mitzureden. Wenn wir dann sagen, ja, das machen wir, dann müssen wir uns gemeinsam überlegen, wann, wie und mit welchem Investitionsaufwand. Und wir müssen uns von Anfang an kommerzielle Ziele setzen. Schon deshalb, um klar zu definieren, wann wir die Notbremse ziehen, wenn ein Produkt nicht hält, was wir uns davon versprochen haben.
Wer hat den Lead?
Beide, das müssen sie zusammen machen. Wir haben ganz bewusst eine Doppelspitze für den Geschäftsbereich NZZ. Die Publizistik hat bei uns einen sehr hohen Stellenwert, der Chefredaktor sitzt bei uns in der Unternehmensleitung – das wird auch weiterhin so bleiben. Ich bin vielleicht anders sozialisiert, aber ich glaube, wir müssen lernen, mehr im Team zu arbeiten. Sie können heute ein Unternehmen nicht mehr so führen wie vor 20 Jahren. Das muss heute so sein wie im Fussball. Es ist völlig egal, wer den Ball vom Gegner erobert. Entscheidend ist, dass jeder in der Mannschaft weiss, wann er den Ball führen und wann er ihn abgeben muss, damit irgendjemand am Ende der Stafette das Tor macht.
Ich gehe mit Ihnen einig, aber in einem Medienunternehmen gibt es schon noch Unterschiede. Es können Ideen entwickelt werden, die vielleicht kommerziell interessant sind, aber publizistisch nichts bringen oder sogar schädlich sind. Umgekehrt können es Ideen sein, die zwar publizistisch sehr interessant sind, ein Heidengeld kosten und nichts einbringen.
Ich nehme jetzt mal Frame, die neue Filmbeilage der NZZ am Sonntag, als Beispiel. Die Idee war sehr stark geprägt von Felix Müller, dem Chefredaktor der NZZ am Sonntag, und Christian Jungen, dem Filmredaktor, für die das ein wirkliches Anliegen war. Dann gab es das Zürcher Film Festival (ZFF), das sich als Partner angeboten hat, weil es schon immer so eine Publikation haben wollte. So entstand die Idee für Frame. Natürlich haben wir das in unseren Leitungsgremien besprochen. Wir haben das Projekt kritisch durchgerechnet und überlegt, wovon der Erfolg abhängt und was die Erfolgskriterien sind. Auf dieser Basis haben wir uns entschieden, es zu machen. Ohne die unternehmerische Initiative von Felix Müller und Christian Jungen wäre das nie passiert. Aber jetzt liegt der Ball bei uns, und jeder kennt seine Rolle im Spiel. Das ist mein Verständnis von Teamwork.
Ich komme nochmals auf die organisatorische Entflechtung zwischen dem Schreiben, dem Editieren und den Produzenten zurück. Was meint eigentlich die Redaktion dazu?
Wir nennen sie nicht Produzenten, sondern sie heissen ein wenig sperrig Publizistische Produktverantwortliche. Momentan sind wir dabei, sie zu rekrutieren. Wichtig ist, dass sie im Range von Stellvertretenden Chefredaktoren stehen werden. Sie müssen schliesslich entscheiden, welche Inhalte wie veredelt werden. Sie müssen sich die Frage stellen, wie gestalte ich meinen Kanal, damit er den Ansprüchen der NZZ, aber auch der Logik dieses Kanals gerecht wird. Das ist eine äusserst wichtige Rolle, mit viel kommerzieller Verantwortung, die weit über die klassische Rolle des Produzenten hinausgeht.
Gerade weil diese Position so wichtig ist, kann es zu Diskussionen führen…
Das ist sicher so. Die redaktionellen Abläufe müssen sich neu einspielen. Daran müssen wir hart arbeiten. Aber ich bin sehr zuversichtlich. In der Redaktion gibt es ein breites Verständnis dafür, dass die verschiedenen Kanäle erfolgreich bespielt werden müssen.
Wieso tut man sich in der gesamten Medienbranche so wahnsinnig schwer mit dem Wechsel zum Digitalen?
(lacht) Das ist nicht nur in dieser Branche der Fall. Ich sag nur Kodak oder Universal Music. Grosse Marken verschwinden in jeder Branche, in der die Digitalisierung zuschlägt. Neue Marken entstehen. Das ist dramatisch, aber nicht zu ändern. Wer nicht bereit ist, sein Geschäftsmodell permanent an veränderte gesellschaftliche oder technologische Rahmenbedingungen anzupassen, der verschwindet. Wenn ich meine Runden durch die Häuser in St. Gallen, Luzern und hier drehe, höre ich immer wieder die Geschichte, wie man noch vor zwölf Jahren Werbung ablehnen musste, weil die Klammern in der Druckerei keine weiteren Seiten halten konnten. Wie gesagt: Das ist erst zwölf Jahre her! In diesen zwölf Jahren hat sich die Medienwelt aber so verändert, dass unser altes Geschäftsmodell – Print-Werbung und Print-Abonnenten – schlicht nicht mehr funktioniert. Natürlich verstehe ich die Reaktion: «Muss das wirklich sein? Es hat ja gut funktioniert.» Es ist ja nicht so, dass die Medienunternehmen früher soviel profitabler waren. Aber sie mussten viel weniger effizient sein, weil die Zeitungen bezogen auf ihre jeweilige Klientel wenig Wettbewerb hatten und damit entsprechend gute Umsätze machten. Ich verwende manchmal das Bild: Wir kommen aus einem sehr fruchtbaren Land und sind jetzt über einen Fluss ans andere Ufer gewechselt. Die Brücken zurück gibt es nicht mehr; sie sind abgebrannt. Jetzt müssen wir aus dem, was wir vorfinden, ein neues fruchtbares Land machen.
Dafür gibt es zwei Möglichkeiten. Man kann es so machen, wie es zum Teil die Konkurrenz macht. Man kann in andere Bereiche diversifizieren, im eigentlichen Produkt diversifizieren, indem man für teures Geld wieder zurückkauft, was man verloren hat wie zum Beispiel die Stellen- oder sonstige Portale. Oder man kann versuchen, einen Mittelweg zu gehen, wie es die NZZ macht. Sie expandieren in Bereiche, die einen Zusammenhang mit dem Produkt NZZ haben (Konferenzen, Wirtschaftsdaten etc,). In welche Bereiche lässt sich eine NZZ noch ausdehnen?
Die NZZ ist nur ein Teil der NZZ-Mediengruppe. Der andere Teil sind die regionalen Medien und unsere publizistiknahen Dienstleistungen. Eine Grundsatzentscheidung, die wir für die Gruppe getroffen haben, ist, dass unser Daseinszweck die Publizistik ist. Unser Anspruch ist, dass wir neue Produkte entwickeln, um unsere Kundenbasis in diesem Kern zu erhöhen. Wir werden zusätzliche Ge schäfte nur dann betreiben, wenn sie zumindest einen vernünftigen Link zur Publizistik haben. Ich nehme als Beispiel die Konferenzen. Da gibt es einen natürlichen «Fit» mit der NZZ. Das kann zum Beispiel aber auch ein Rubrikengeschäft sein. Wir haben ja auch einige, allerdings kaufen wir sie nicht so teuer ein (lacht). Es können auch Dienstleistungen im Gesundheitsbereich sein, bei Personal Finance, bei Wirtschaftsinformationen. Das passt alles zu uns. Diese Geschäfte verstehen wir.
Sie investieren jetzt zehn Millionen. Wo liegt das Schwergewicht?
In die Publizistik. In Sales und Marketing und in neuen Produkten. Dort müssen wir Fähigkeiten aufbauen, die wir bisher nicht brauchten. Zum Beispiel im Bereich Datenanalyse. Da müssen wir viel besser werden. Wir müssen verstehen, was unsere Kunden wirklich wollen. Und dann entsprechend neue Produkte entwickeln und testen. Auch Akquisitionen von publizistiknahen Services sind denkbar – wenn sie zu uns passen.

An der Dreikönigstagung haben Sie für Aufregung gesorgt, indem Sie die Eroberung des deutschen und österreichischen Marktes ankündigten. Die NZZ hat ja seit Jahren eine internationale Ausgabe, die zwar wichtig ist, aber eine relativ bescheidene Auflage von rund 10 000 Exemplaren hat. Wo sehen Sie dann effektiv Möglichkeiten, welche Zielgruppen sollen angegangen werden?
Was ich gesagt habe, war – wenn ich mich richtig erinnere – nicht, dass wir Deutschland und Österreich erobern, sondern dass wir diese Märkte nicht kampflos anderen überlassen werden. Das ist ein gewisser Unterschied. Unser Produkt ist ein Nischenprodukt für bestimmte Kundengruppen. Aber wenn Sie einen 90-Millionen-Markt haben – Deutschland und Österreich zusammen –, dann ist das auch für ein Nischenprodukt ein hochattraktiver Markt. Es gibt den berühmten Satz: «Es hat niemand auf die NZZ gewartet.» Der stimmt aber nur bedingt. Erstens gibt es die NZZ schon in diesen Märkten, und sie spielt dort historisch eine relativ wichtige Rolle. Mein Vater war Diplomat, die NZZ gehört für viele österreichische Diplomaten bis heute zur Grundausstattung. Weil sie die beste Auslandsberichterstattung in deutscher Sprache bietet. Gleiches lässt sich mit Fug und Recht auch über das Feuilleton und den Wirtschaftsteil sagen.
Aber wie gross ist dieser Markt?
Wenn unsere Nische nur 0,5 Prozent vom Gesamtmarkt wäre, dann würde das eine Leserschaft von einer halben Million bedeuten. Er ist also gross genug für uns. Die Frage ist, können wir das kostengünstig genug oder profitabel genug anbieten oder nicht.
Online resp. digital kann man das ja günstig anbieten…
Das ist richtig, aber die Kundengewinnung ist teuer. Auch online. Die Inhalte haben wir ja schon. Insofern ist es heute mit der Digitalisierung leichter als vor zwanzig Jahren.
Könnte diese Expansion nach Deutschland und Österreich auch mit Kooperationen erfolgen?
Könnte sein.
Wir haben jetzt sehr viel über die NZZ gesprochen. Alle berichten nur über das Flaggschiff NZZ. Die Regionalzeitungen bringen und brachten aber gutes Geld. Es gab Zeiten, da war die Falkenstrasse froh, dass es die Regionalzeitungen gab. Irgendwie hat man das Gefühl, dass die Regionalzeitungen weder Sie noch Ihren Verwaltungsratspräsidenten gross interessieren…
(lacht) Ich habe vier Kinder und sage aus Überzeugung: Ich liebe sie alle. Es gibt aber einen ganz banalen Grund, warum das so scheint. Wir sind ein relativ kleines Unternehmen. Wir konnten die Strategien nicht für alle Geschäftsbereiche gleichzeitig machen. Deswegen haben wir mit der Gruppe begonnen und dann mit dem Geschäftsbereich NZZ. Darüber sprechen wir jetzt sehr viel. Und so entsteht das Bild, die Regionalmedien seien nicht wichtig. Das Gegenteil ist wahr. Mehr als die Hälfte unseres Umsatzes und unseres Gewinns kommen von den Regionalmedien. Es geht hier aber nicht nur um den finanziellen Beitrag. Wir haben dort Zeitungen, Fernsehstationen, Radiostationen, wir haben ein ganzes Ökosystem an Medien, die für die Zentralschweiz und für die Ostschweiz wichtig sind. Wir sind uns der Verantwortung für dieses System bewusst und wollen ihm gerecht werden. Da gibt es viele Bereiche, in denen wir besser werden können. Online ist sicher einer davon. Und noch etwas: Wir können uns als Gruppe wahrscheinlich publizistisch wie auch kommerziell deutlich verbessern, wenn wir die Medien besser verschränken. Wenn ich zum Beispiel als Erster Bilder vom F18-Absturz in der Zentralschweiz habe, dann sollten die eigentlich fast gleichzeitig in allen unseren Medien erscheinen. Das müssen wir lernen. Darüber hinaus untersuchen wir die Synergien. Wenn sie zwei komplette Redaktionen haben, die Regionalberichterstattung betreiben, muss man sich schon die Frage stellen, ob man die überregionale Themen doppelt machen muss. Das untersuchen wir im Moment. Entschlossen, aber auch mit der gebotenen Sorgfalt.
Es gibt sicher Synergien, die unmittelbare finanzielle Auswirkungen haben. Es kann aber auch teurer werden, wohlverstanden – gerade bei schlank aufgestellten Redaktionen.
Viele Leute verwenden den Begriff Synergie fälschlicherweise als Synomym zum Wort sparen. Meine Frau ist Griechin: synergismós heisst zusammenarbeiten. Das ist für mich der Punkt. Wo kann man sinnvoll zusammenarbeiten? Wenn man das richtig macht, ergeben sich oft automatisch bessere oder kostengünstigere Produkte.
Dazu braucht es Tools, Systeme und den Willen, es auch zu tun…
Richtig!
Könnte eine solche Zusammenarbeit zum Beispiel bei der Sonntagspresse auch noch weiter gehen?
Da muss man vorsichtig sein. Wenn sie sich die Ostschweiz am Sonntag anschauen, dann sind das praktisch nur Themen aus der Region.
Aber es hätte wahrscheinlich kein Leser etwas dagegen, den Ausland- und nationalen Teil der NZZ am Sonntag zu erhalten…
Mein erster Job in der Wirtschaft war im Marketing. Was ich von dort mitgenommen habe, ist, dass verschiedene Menschen Unterschiedliches wollen. Man soll nicht versuchen, alle Bedürfnisse in dasselbe Produkt zu zwängen. Unsere regionalen Sonntagszeitungen sind erfolgreich und gut gemacht. Sie sind auch unterschiedlich. Die Ostschweiz am Sonntag ist weiter weg von einer siebten Ausgabe der Tageszeitung als bei der Zentralschweiz am Sonntag. Sie passen gut in unser Haus. Probleme soll man dann lösen, wenn sie sich stellen. Nicht vorher.
Sie haben Online angesprochen bei den regionalen Titeln. Dort besteht sicher noch Optimierungsbedarf. Aber lässt sich eine regionale Online-Strategie überhaupt finanzieren?
Uneingeschränkt ja. Das sieht man zum Beispiel im Vorarlberg oder im deutschen Saarland. Dort gibt es erfolgreiche regionale Medienhäuser, die online Geld verdienen. Auch die Styria ist auf ihre Art erfolgreich bei den Regionalmedien. Ich bin da persönlich optimistisch, dass wir das auch schaffen.
Als Sie den Job annahmen, stellten Sie sich da vor, dass es soviele Probleme zu lösen gilt?
Man geht ja nicht von aussen in die Medienbranche, ohne seine Hausaufgaben gemacht zu haben. Insofern würde ich sagen, es ist so wie erwartet. Was mich aber sehr positiv stimmt, ist erstens, dass es wirklich viele gute Leute im Haus gibt. Das ist ein Klischee, das man oft sagt, aber hier stimmt es wirklich. Es gibt Ideen und Kompetenz. Das Zweite ist, dass wir ein gesundes Unternehmen mit einer sehr starken Marke sind. Das sind exzellente Startbedingungen für den Erfolg.
Interview: Pierre C. Meier (Das Interview fand am 25. Februar statt)

Aktuelle Medieninformation von Mitte März
Die NZZ hat auch 2013 unter sinkenden Erträgen aus dem Print-Werbemarkt und dem Print-Lesermarkt gelitten. Der digitale Markt legte zwar zu, konnte diese Einbussen aber nur teilweise kompensieren. Das Unternehmen will dennoch weiter in die Publizistik investieren. Die NZZ-Mediengruppe machte im Jahr 2013 deutlich weniger Umsatz und Gewinn als im Vorjahr. Der Umsatz sank um 36,5 Millionen auf 482,4 Millionen Franken. Dies entspricht einem Rückgang von 7 Prozent, wie die NZZ am Freitag mitteilte. Auch beim Gewinn zeigen die Zahlen nach unten: Der Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern sank um 7,4 Milllionen auf 30,6 Millionen Franken. Verdient hat die NZZ-Gruppe unter dem Strich im vergangenen Jahr noch 24,9 Millionen Franken – ein Rückgang von 6 Millionen Franken im Vergleich zum Jahr 2012. Der digitale Werbe- und Lesermarkt erzielte zwar ein Umsatzplus von 8 Prozent, die massiven Ertragseinbussen aus dem Print-Bereich konnten damit aber nicht kompensiert werden. Der Print-Werbemarkt verlor 6,8 Millionen, der Print-Lesermarkt 2,5 Millionen Franken. Die Zahl der Angestellten wurde im vergangenen Jahr deutlich reduziert, von 1639 auf 1514. Dies entspricht einem Abbau von 8 Prozent aller Mitarbeitenden. Trotz diesen unerfreulichen Zahlen hält die NZZ-Mediengruppe an ihrem Entscheid fest, in den kommenden Jahren rund 10 Millionen Franken in die Publizistik zu investieren. «Wir stellen uns dem Wandel der Medienwelt mit seinen rückläufigen Abonnements- und Werbeerlösen, indem wir in die Offensive gehen», wird der NZZ-Chef Veit Dengler in der Mitteilung zitiert. Erster Schritt ist eine Expansion in die deutschsprachigen Nachbarländer, zunächst nach Österreich, wo NZZ-Chef Dengler herkommt. Die NZZ zeigt sich überzeugt, dass es in Österreich genügend Kundinnen und Kunden gibt, die das Angebot eines liberalen Qualitätsjournalismus zu schätzen wissen. Der österreichische Journalist Michael Fleischhacker, ehemaliger Chefredaktor der Tageszeitung Die Presse, wird im Auftrag der NZZ-Mediengruppe die Möglichkeiten in Österreich prüfen. Ein konkretes Projekt gibt es gemäss Angaben der NZZ nicht. Auch der Medienkanal ist noch nicht definiert. (SDA)










