Jahrelang hatten Medienunternehmen gehofft, ihre Online-Auftritte allein mit Werbung finanzieren zu können. Das war anfänglich nicht ganz so blauäugig, wie es heute erscheinen muss. Als Mitte der 1990er-Jahre das Internet flügge wurde, war der Suchmaschinen- und Werbegigant Google noch ungeboren und e-Commerce (etwa für den Abo-Abschluss), wie es heute selbstverständlich ist, funktionierte damals umständlicher (und unzuverlässiger). Heute stellt etwa Steven Neubauer, Leitung Marketing & Produkte bei der NZZ, fest: «Wie die gesamte Branche erwarten wir in Zukunft im Werbemarkt noch stärkeren Wettbewerb durch andere Anbieter. Das ist keine Frage der Reichweite, sondern eine technologiegetriebene Entwicklung, mit der wir leben müssen.» Kunden wandern mehr und mehr auf mobile Geräte ab, wo sie für Werbung weiterhin schlecht erreichbar sind. Dafür lassen sie nicht nur Websites der Publishers, wo die Preise für herkömmliche Display-Werbung unter Druck sind, hinter sich, sondern auch deren einträgliche Printprodukte verlieren zunehmend Leser. Da ist es naheliegend, dass Medienunternehmen nach Mitteln und Wegen suchen, nicht nur Werbekunden, sondern auch die Benutzer zur Finanzierung ihrer journalistischen Aktivitäten gewinnen zu können. Paywalls sind deshalb nicht nur ein Produkt, sondern das Wort steht auch für den Prozess, bei dem es darum geht, herauszufinden, wie bei den Lesern Geld geholt werden kann. Deshalb sind Paywalls von Verlag zu Verlag, von Titel zu Titel, von Jahr zu Jahr verschieden, und wer die verschiedenen Beispiele aus dem In- und Ausland analysiert, findet eine muntere Vielfalt an Lösungen und Vorgehensweisen (vgl. «Viele Wege»).
Unwillige Leser
Kommt dazu, dass sich Benutzer längst an die Gratiskultur im Netz gewöhnt haben, und inzwischen ist eine ganze Generation herangewachsen, für die solcherlei selbstverständlich ist. «Empirische Studien zeigen, dass nur ein kleiner Teil der Internet-Bevölkerung aktuell bereit ist, für digitale Inhalte im Web Geld auszugeben», weiss Klaus Miller, Business Development & Strategic Analysis bei Ringiers Blick-Gruppe. Denn Nachrichten des Tages haben alle die gleichen, und so gaben etwa in einer britischen Umfrage unter Internet-Benutzern vom letzten August 80 Prozent an, Paywalls bei Zeitungen seien schlecht und sie würden nicht für Online- News-Inhalte bezahlen oder sie seien sinnlos, da die gleichen Nachrichten anderswo gratis zu haben seien. Bei Ringier ist das kein Grund zur Resignation: «Wir sehen aber dennoch das Potenzial, mit ausgewählten, innovativen Inhalten, die den Bedürfnissen der Leser gerecht werden, zusätzliche Einnahmen zu generieren.» Die Formel dazu ist einfach: Wer mit Bezahlinhalten Erfolg haben will, muss mehr bieten.
Bestehende Web-Inhalte einfach mit einem Preisschild zu versehen, ist dazu simplizistisch. Das hat auch die New York Times gemerkt, die von Verlagen oft als Vorbild benutzt wird. Nach einer dreijährigen Erfolgsphase mit der Metered Paywall (160 Mio. Dollar pro Jahr) flacht sich das Wachstum ab, und es sind neue Rezepte gesucht. Etwa eine neue Mobile-App, ein Tiefpreis-Abo nur für Meinungsbeiträge kombiniert mit den Restaurant- und Rezept- Seiten oder ein teureres Abo mit Zusatzdiensten. In diese Richtung will, laut Steven Neubauer, auch die NZZ-Mediengruppe gehen: «Wir sind davon überzeugt, dass es bei Online und Mobile einen Markt für Qualitätspublizistik gibt. Allerdings erwarten unsere Kunden auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Angebote. Dafür sind sie auch bereit zu bezahlen.» Deshalb will man zukünftig besser auf die spezifischen Bedürfnisse der Kundengruppen eingehen und «statt des klassischen Bündels ‹Zeitung› neue Bündel schnüren, die ihren Interessenlagen entsprechen ». Und auch bei der AZ-Mediengruppe will man nach dem Worten von Unternehmenssprecherin Ursulina Stecher künftig «noch mehr Aufmerksamkeit auf die Messung des Benutzerverhaltens» legen. Denn: «Nur wer seine Benutzer kennt, weiss, wo und wann diese bereit sind, für die Inhalte zu bezahlen.» Dabei ist nicht nur das Marketing gefordert, neue Produktbündel zu schnüren, sondern auch die Redaktionen beim Herstellen neuer Inhalte. Ob solches im kleinen Schweizer Markt wirtschaftlich machbar ist, wird unterschiedlich beurteilt: Das sei «nicht nur machbar, sondern unbedingt nötig», findet Ursulina Stecher. Und NZZ-Neubauer kommt zum Schluss: «Grundsätzlich ist der Schweizer Markt gross genug für zusätzliche Angebote.» Derweil mahnt Klaus Miller von Ringier: «Die Produktion von innovativen und exklusiven Inhalten ist zeitaufwändig und kostenintensiv. Die Remonetarisierung dieser Kosten ist in grossen Märkten wie zum Beispiel in den Vereinigten Staaten oder in Deutschland sicherlich einfacher als in der Schweiz.» Und BaZ-CEO Rolf Bollmann meint: «Solche neuartigen Inhalte müssen zuerst noch erfunden werden. News-Inhalte können es jedenfalls nicht sein.»
Ein grosses Experiment
Es wird klar: Paywalls sind ein grosses Experiment. Denn es geht nicht nur darum herauszufinden, wie bei den Benutzern Geld zu holen ist, sondern auch darum, die am Werbemarkt nicht relevanten Pageviews zu vertreiben. Dessen ist man sich bei Tamedia bewusst, wie Unternehmenssprecher Christoph Zimmer ausführt: «Der entscheidende Vorteil des Metered-Modell, bei dem Leserinnen und Leser eine gewisse Anzahl Artikel kostenlos lesen können, liegt genau darin, dass die Reichweite nicht signifikant zurückgehen sollte. Wir haben international verschiedene Beispiele analysiert, welche zeigen, dass der Reichweitenrückgang über einen längeren Zeitraum nicht signifikant ist.» Rolf Bollman, CEO der Basler Zeitung (und seinerzeit Gründer von 20 Minuten), sieht das weniger optimistisch: «Es wird die gleiche Entwicklung stattfinden wie bei den Printmedien. Gratis gleich hohe Reichweite, gleich höhere Werbeeinnahmen. Da 20min.ch auch den Online-Inhalt immer gratis anbieten wird, werden sie auch dort bei den Werbeeinnahmen die grossen Gewinner sein – und die Kaufzeitungen bzw. die News-Portale mit Bezahlschranken die grossen Verlierer. Die Einnahmen für den Inhalt können nicht einmal einen Bruchteil davon kompensieren, was im Werbemarkt wegen geringerer Reichweite, da Bezahlschranke, verloren geht.» Er schätzt die zusätzlichen Einnahmen mit einer Paywall «in der Grössenordnung von maximal zehn Prozent der Aboeinnahmen der gedruckten Zeitung» ein. Und Andrea Masüger, CEO der Somedia AG, schätzt die Chancen auf zusätzliche Einnahmen aus dem Lesermarkt als «unsicher» ein: «Wenn es gelingt, die wegfallenden Aboeinnahmen aus dem Print aufzufangen, ist das schon ein Riesenerfolg.» Immerhin eröffnen sich mit der Einführung einer Metered Paywall auch neue Möglichkeiten im Werbemarkt: Werden zusätzliche freie zugängliche Inhalte ausschliesslich registrierten Benutzern offeriert, können Profildaten gewonnen oder bestehende verbessert werden. Zudem können registrierte oder bezahlende Kunden als besondere Inventargruppe für Display-Werbung zu einem besseren Preis verkauft werden, da sie insgesamt einer höheren Kaufkraftgruppe (Geschäftsleute) zugeordnet werden können. Allerdings kann so kaum zu den Schwergewichten im Online-Werbemarkt aufgeschlossen werden.
Piano Media macht es vor
Denn um den High-Tech-Angreifern Paroli bieten zu können, gehen Medienhäuser mit Vorteil gemeinsam vor, wie das etwa in Frankreich, Dänemark, Tschechien der Fall ist. Doch ob im Werbe- oder im Lesermarkt: Der Weg zu solchen nationalen Branchenlösungen ist nicht einfach, denn Verlage sind mit dem Gefangenendilemma (das oft bei soziologischen und ökonomischen Fragestellungen auftaucht: Zwei räumlich getrennte Häftlinge stehen vor der Wahl zu leugnen oder zu gestehen. Für den Einzelnen ist es am sichersten zu gestehen, beidseitiges Leugnen aber verspricht das beste Gesamtergebnis) konfrontiert: Ziehen sich alle hinter eine Bezahlschranke zurück, geht es allen gut. Tut es keiner, leiden alle. Machen es alle und einer schert aus, profitiert dieser schön davon, derweil die übrigen leiden.
Dass auch im Lesermarkt ein gemeinsames Vorgehen von Verlagen möglich ist, zeigen Beispiele in der Slowakei und in Polen. Unter dem Dach von Piano Media wurden hier nationale Paywalls etabliert, die derzeit 25 Medien mit insgesamt 80 Webseiten, darunter die der wichtigsten Verlage, umfassen. Wer sich registriert hat, kann gegen Geld Inhalte aller beteiligten Medien herunterladen. Die Einnahmen werden zwischen den Betreibern von Piano Media und den Verlagen nach einem bestimmten Schlüssel aufgeteilt.
Christop J. Walther
Paywalls in der Schweiz
Die Harten
Norbert Neininger, Verleger und Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten, ist bekannt für seine prononzierten Ansichten zur Schweizer Medienbranche. Und so erstaunt es nicht, dass er seine Inhalte im Netz schon seit über drei Jahren nur noch gegen gutes Geld freigibt. 300 Kunden hat er dafür gewinnen können, während Printabonnenten auf das Online-Angebot ohne Aufpreis zugreifen können. Die Frontpage und alle nicht-redaktionellen Inhalte sind frei zugänglich, und es gibt Premium- Angebote, wie News-Alerts und PDFs im Archive, die zusätzlich kosten. Philipp Honegger, Geschäftsführer der Sobag Schaffhausen Online Betriebs AG, erinnert sich: «Der Aufschrei war gross und der bösen Worte waren da viele. Die User-Zahlen sind um ca. 30 bis 40 Prozent eingebrochen. » Doch für ihn ist klar: «Da die SN vorher schon nicht wirklich Werbeeinnahmen auf shn.ch generieren konnten, konnte dieser Faktor ausgeblendet werden. Somit kann die konsequente Umsetzung des Verkaufs von gutem redaktionellem Inhalt nur als Erfolg bezeichnet werden.» Doch Neininger war nicht der erste, der in der Schweiz für seine Inhalte Geld verlangte. Schon im Jahr 2009 machte der Südostschweiz-Medienverbund von Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument seine Inhalte im Netz kostenpflichtig. Beim Online-Auftritt betrifft dies gemäss Auskunft von Lukas Joos, Leiter Online, allerdings nur «einige wenige, ausgewählte Online-Artikel oder Multimedia-Beiträge». Hingegen sind die Inhalte der kostenpflichtigen Tageszeitungen nur für Abonnenten des jeweiligen Titels frei zugänglich. Wer einzelne Artikel lesen will, kann sich registrieren und profitiert von einem Startguthaben von zehn Franken. Auch bei den Freiburger Nachrichten sind seit Anfang 2013 die exklusiven Inhalte der Zeitung kostenpflichtig und nur Abonnenten zugänglich.
Die Weichen
Das bisher bekannteste Beispiel in der Deutschschweiz für eine Paywall ist die NZZ, die Anfang Oktober 2012 ein Digital-Abonnement auf NZZ.ch lancierte und dabei auf das Modell einer Metered Paywall setzte. Ende März 2014 führte der Tages-Anzeiger als erster Titel im Newsnetz-Verbund eine löchrige Bezahlschranke ein. In den kommenden Monaten soll dieses System auch bei den anderen Tamedia-Regionalzeitungen eingeführt werden.
Die Unentschlossenen
Als Mitglied des Newsnet-Verbundes wird die Basler Zeitung gemäss CEO Rolf Bollmann «in absehbarer Zeit», analog der Berner Zeitung, Der Bund und den weiteren Mitgliedern des Newsnet, «ebenfalls ein Bezahlmodell prüfen und einführen». Noch Ende 2012 kündigte Christian Dorer, Chefredaktor der Aargauer Zeitung, im «Wochenkommentar» seiner Zeitung für 2013 eine Online-Bezahlschranke an. Daraus ist nichts geworden, und 2014 mag Ursulina Stecher, Leiterin Unternehmenskommunikation der AZ Medien AG, nicht konkret werden: «Wir sind, wie viele anderen Verlage und Medienhäuser auch, der Meinung, dass unsere Inhalte auch in der digitalen Welt wertvoll sind. Entsprechend suchen wir Wege, diesen Wert zur Geltung zu bringen. Die so genannte Bezahlschranke ist einer davon.» Auch Ringier hatte für den Herbst 2013 eine Bezahlschranke beim Blick angekündigt, revidierte indes diese Pläne im letzten Frühling. In einem Radio-Interview sagte Ringier- Chef Marc Walder kürzlich zu diesem Thema: «Wir erwarten auf den digitalen Plattformen im Moment nicht, dass man dafür bezahlt. Das heisst, Ringier ist eines der wenigen Medienhäuser, die im Moment nicht eine so genannte Paywall installiert haben. Denn wir fahren im Moment sehr gut damit, den Userinnen und Usern auf unseren Plattformen gratis Zugang generieren, und damit haben wir sehr hohe Zahlen auf diesen Plattformen und finanzieren das vor allem via den Werbemarkt.»
Die Profiteure
Gratistitel wie 20 Minuten und Start-ups wie Watson freuen sich über jede Paywall, die bezahlunwillige Surfer in ihre Richtung spült. Auch die Gratis-Newssites der SRG dürften so mehr Aufmerksamkeit gewinnen, wenngleich sie diese (auf Grund der Konzessionsvorgaben) derzeit nicht kommerziell ausnützen dürfen. Welche Titel, die heute in Wartestellung sind, in dieser Kategorie aufgeführt werden sollten, entzieht sich den Recherchen (nicht aber der Phantasie) des Autors (und womöglich des Lesers).
Viele Wege
Es gibt verschiedene Methoden, um bei den Konsumenten Geld für journalistische Inhalte zu holen. Hier die wichtigsten im Überblick:
Harte Bezahlschranke: Alle Inhalte sind nur gegen Bezahlung zu haben. Bekanntestes Beispiel ist The Times samt Sunday Times in London mit über 150 000 Digital- Abonnenten, die jährlich Einnahmen von rund 55 Millionen Franken bringen.
Weiche Bezahlschranke: oft als Metered Paywall oder auf Deutsch als löchrige Paywall beschrieben. Die paar ersten Artikel sind gratis, dann setzt die harte Paywall ein. So bei The New York Times und Financial Times. Allerdings kann diese Bezahlschranke leicht umgangen werden, indem im Webbrowser die entsprechenden Cookies gelöscht werden,wozu es verschiedene Browser-Erweiterungen gibt. Weitere Umgehungsmöglichkeiten ergeben sich, wenn Zugriffe via Suchmaschinen oder Social Media weiterhin zugelassen werden, um so das Teilen von Inhalten zu ermöglichen.
Freemium: Ein Teil der Inhalte ist frei zugänglich, andere sind hinter der Bezahlschranke. Zum Beispiel beim Wall Street Journal. Zeitpass: Für einen Tag, eine Woche oder einen Monat gibt es Zugriff auf alle Inhalte, inkl. des Archivs. Stückverkauf: Artikel werden einzeln verkauft, oft gegen ein vorbezahltes Guthaben verrechnet. Massenverkauf: Unternehmen werden Abrufkontingente verkauft. Apps: Inhalte sind nur über kostenpflichtige Apps auf Smartphones oder Tablets verfügbar. In gewisser Weise sind die ePaper-Ausgaben aus der Internet-Frühzeit Vorläufer dieser Variante. Kombi: Egal, ob Print oder digital: Verkauft wird ein Abo für die Inhalte unbesehen der Verteil-Plattform.
Spenden: Leser werden aufgefordert, freiwillig je Artikel einen Betrag zu überweisen. Die Berliner TAZ hat seit April 2011 so über 200 000 Euro eingenommen.
Zeit: Anstatt mit Geld zu bezahlen, füllen Benutzer Fragebogen etwa zu ihrem Konsumverhalten aus. Die so gewonnenen Profildaten können für die gezieltere und besser bezahlte Aussteuerung von Werbung eingesetzt werden.