Der BSW sucht im Workshop.02 unverbrauchte KommunikationstalenteVon Luca Aloisi 25 ambitiösen Quereinsteigern mit gutem Background soll in einem BSW-Workshop die Wer-be- und Kommunikationsbranche schmackhaft gemacht werden. Von der zukunftsgerichteten Massnahme erhofft sich der BSW einen Imagegewinn für die Branche.
Budgetkürzungen, Personalabbau, Insolvenzen – die Werbebranche hat schon bessere Zeiten erlebt. Doch der Branchenverband Schweizer Werbe- und Kommunikationsagenturen (BSW) steckt den Kopf nicht in den Sand und bricht zu einer geschickt orchestrierten «Suchaktion» im In- und Ausland auf: In ganzseitigen Anzeigen wirbt er um «Talente für die Werbung», um potenzielle Quereinsteiger, die am ersten, siebentägigen BSW-Talent-Workshop ihr verborgenes Können entdecken wollen. Beim BSW ist man überzeugt, dass das günstige Angebot – 1600 Franken Eintrittsgeld – der Branche frisches Blut zuführt und gleichzeitig positiv auf deren nicht überall lupenreine Reputation wirkt.
Skeptiker vermuten ein Ablenkungsmanöver
Wie wichtig ihm die Aktion ist, bewies der Verband mit seinem Staraufgebot am Infotag: BSW-Präsident und Chairman TBWA Hanspeter Detsch meinte, dass jetzt die Chancen, talentierte Leute zu finden, grösser seien als in Zeiten der Überbeschäftigung. René R. Hürlimann, VR-Mitglied Euro RSCG Switzerland, stapelte Eckwerte aus besseren Zeiten und projizierte sie in die Zukunft. Publicis-CCO Jean Etienne Aebi wiederum parlierte launig über das faszinierende Geschäft der Ideen und schloss mit einer grossartigen Nike-Spotkaskade ab, die nahezu das Filmbudget eines ganzen Schweizer Werbejahres verschlingen dürfte. Und Euro-RSCG-CEO Frank Bodin erklärte, weshalb er sich dem Spitzensport Werbung verschrieben hat. Anschliessend skizzierte eine ebenso prominente, dreiköpfige und von Workshop-Coach Urs Beer moderierte Runde den idealen Werbeeinsteiger.
Nur knapp 70 Neugierige wohnten den Ausführungen der Werbergilde bis am Schluss bei. Der verhaltene Response reflektiert wohl das Interesse an einer krisengebeutelten Branche, die einen Türöffner-Kurs seit Jahren diskutiert und jetzt – zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt – plötzlich einführen will.
Hinter vorgehaltener Hand hegen darum kritische Geister Zweifel an Wirksamkeit und Seriosität des Kurses, der für sie nicht mehr sei als Imagepolitur. Aber selbst dazu sei sie von fraglichem Wert, weil dafür Kontinuität nötig wäre, was beim Talent-Workshop alles andere als sicher sei. Dass der Verband gesunde Branchendynamik vorgaukeln und von internen Querelen ablenken will – namentlich von der nachlassenden Bereitschaft vieler Agenturen, sich an BSW-Pitch-Regeln zu halten –, dieser Verdacht ist wohl nicht ganz unbegründet.
Merkwürdig mutet das neue Angebot auch deshalb an, weil der Arbeitsmarkt für talentierte Quereinsteiger zurzeit alles andere als ausgetrocknet ist, und weil es in der kleinen Schweiz kreativen Köpfen bisher fast immer gelang, direkt oder über Umwege in die Werbung einzusteigen – auch ohne Stallgeruch. Frank Bodin oder Dominique von Matt, Mitinhaber und Geschäftsleiter JvM/Limmat sind lebende Beweise dafür.
BSW will mit dem Workshop antizyklische Signale setzen Detsch betrachtet das Projekt als zyklusunabhängige, langfristige Aufgabe. «Wir investieren in die Zukunft», betont er. Man wolle die Werbebranche «für Leute mit einem guten Background» attraktiver machen, um sie für eine gehobene Agenturlaufbahn zu gewinnen.
Natürlich sei die Frage des Zeitpunkts diskutiert worden, räumt der BSW-Präsident ein. «Im Vorstand haben wir aber den Entschluss gefasst, jetzt machen wir es erst recht.» Schliesslich gehe es um die Qualität der potenziellen Mitarbeiter. Und Cornelia Harder, Managing Director Publicis, ergänzt: «Die heutige konjunkturelle Lage und die angespannte Konkurrenzsituation im Agenturgeschäft entlassen uns nicht aus der Verpflichtung, qualitativ guten Nachwuchs zu fördern.»
Fast ausgeblendet blieb am Infotag die anhaltende Konjunkturflaute, die der Kommunikationsbranche weit mehr zu schaffen macht als die knauserigen Kunden. Auf dieses Szenario haben sich denn auch die meisten Personalabteilungen der Agenturen eingestellt, wie eine Ad-hoc-Umfrage ergab: Die meisten BSW-Agenturen haben derzeit keinen Bedarf an zusätzlichem Personal. Abwiegelnd bemerken die Verantwortlichen, dass sie «natürlich immer gute Leute» suchen.
Anders als in solch wohl klingenden Phrasen hat sich der BSW im Anzeigetext verbindlich gegeben: «Die BSW-Agenturen werden sich Ende 2002 die Chance nicht entgehen lassen, frische und Erfolg versprechende Talente in ihre Unternehmungen zu holen». Nur: BSW-Präsident Hanspeter Detsch will die vollmundige Formulierung nicht als Verpflichtung der Agenturen verstanden wissen. «Wir haben nach wie vor normale Fluktuationen. Ausserdem stehen die Agenturen heute in einem internationalen Konkurrenzkampf, in dem es spielentscheidend ist, Top-Leute engagiert zu haben.»
Detsch räumt wohl ein, dass dieser neue Weg «unkonventionell» sei, wehrt sich aber gegen Unterstellungen, dass es sich um ein Tool handle, mit dem Quereinsteiger zu günstigen Konditionen angelockt werden sollen, um in Praktika-ähnlichen Anstellungen zu landen. Viel mehr gehe es darum, eine Alternative zu den traditionellen Bildungswegen in die Kommunikation zu bieten.
Diffuse Vorstellungen über Werbeagenturen klären
Letztlich reagiere der BSW auf die Veränderungen im Bildungssystem, in dem mit den Fachhochschulen die Konkurrenz zu den einschlägigen Instituten wie etwa dem Sawi gewachsen sei. Letztere hätten nicht im erforderlichen Mass mit den sich schnell verändernden Anforderungen der Wirtschaft Schritt halten können, meint Detsch. Dazu nennt er Planning und den kreativen Bereich, in denen heute «einfach ein anderer Rucksack vorausgesetzt wird». Das habe nicht unbedingt mit den Anbietern zu tun, sondern mit dem Bildungssystem, klagt er.
BSW-Geschäftsführer Walter Merz sieht das «spezielle Einführungsprogramm» mit dem «umfassenden Informationspaket» sowieso nicht als Diplomausbildung und daher nicht als Sawi-Konkurrenz. Im Workshop mit Fallstudie will er den Rucksack anders und vor allem mit Einblickmöglichkeit in 13 renommierte Agenturen füllen: Mit Infos über die Rolle der Kommunikation und den Werbemarkt Schweiz über Markenführung und strategische Planung bis hin zur Ideenfindung, Kreation und Realisation – wenn auch nicht in dieser Reihenfolge oder mit gleichwertiger Gewichtung. Von einer Schnellbleiche könne also nicht die Rede sein, präzisiert Detsch.
Mit dem Programm wolle man den Leuten, die im Assessment herausgefiltert werden und schon anderweitig Know-how und Erfahrung gesammelt haben, die Branche schmackhaft machen. Zudem gelte es, diffuse Vorstellungen über Vorgänge in einer Werbeagentur zu klären und somit eine Entscheidungshilfe anzubieten. Sowieso «ist das ein Versuch», bei dem es darum geht, neues Denken in die Branche zu bringen.
«Am Ende des Workshops hat der Besucher 13 Agenturen und die Bereiche strategische Planung, Beratung, Kreation und Media kennen gelernt und kann definitiv entscheiden, ob das seine Laufbahn ist oder nicht», hält Merz fest. Workshop-Coach Urs Beer bringt es auf den Punkt: «Mit dem Experiment wollen wir einen neuen Prozess für die Talentsuche ankicken.» Eigentlich sei das kein Lehrgang, wie man vermuten könnte, sondern ein Schnupperkurs.
Ob es nächstes Jahr wieder einen Talent-Workshop des BSW geben wird, steht noch aus.
Alles hängt vom Erfolg des ersten Experiments ab, aber wohl auch davon, wie lange das Schweizer Werbevolumen noch in der Talsohle verharrt.
Netto-Werbeumsätze in der Schweiz
(ohne Produktionskosten) in Mio. Fr.
1996 1997 1998 1999 2000 2001 Differenz
Presse 00/01 in %
– Zeitungen inklusive Gratiszeitungen 1850 1850 1926 2118 2250 2150 – 4,4
– Publikumszeitschriften 264 229 243 337 379 346 – 8,7
– Fachpresse 357 365 397 380 404 390 – 3,4
Total Presse 2471 2444 2566 2835 3032 2886 – 4,8
Kino 37 39 40 42 45 40 —
Radio (inkl. Sponsoring) 106 107 114 120 139 129 – 7,6
Fernsehen (inklusive Sponsoring) 343 370 402 486 520 494 – 5,1
Teletext 13 13 14 13 14 14 – 3,5
Aussenwerbung 448 447 468 502 592 603 + 1,8
Adressbücher 121 121 118 128 150 155 + 3,3
Messen und Ausstellungen 196 207 218 220 227 235 + 3,5
Promotionsartikel 99 104 113 121 — — —
Total erhobene Werte 3735 3747 3940 4346 4720 4555 – 3,5
Direktwerbung — — — 976 1061 1109 + 4,6
Gesamt-Total — — — 5322 5781 5665 – 2,0