Simko gewinnt La Vaudoise
Die Versicherung La Vaudoise wechselt die Werbeagentur:
«Scholz & Kids» malen rote Zahlen. Von A wie Alyona bis V für Valentina reicht die Palette der zuckersüssen Imageträgerinnen, die den Geschäftsbericht der seit November 2001 börsenkotierten Berliner Agenturgruppe Scholz& Friends zieren. Die Fotos aus den Familienalben ihres Humankapitals stehen zum einen für dessen (private) Produktivität, zum andern jedoch für die Zukunftsorientierung des unterdessen in 14 europäischen Ländern vertretenen Netzwerks. Dessen umsatzmässiger Babyspeck ist 2001 indessen um knapp zehn Prozent auf 74,4 Millionen Euro geschwunden. Kein Wunder also richtet Scholz-&-Friends-Chef Sebastian Turner seinen Blick hoffnungsvoll auf die Zukunft.
Schmucker Tresor. Schmuckfans erhalten ab Mitte Oktober neue Lektüre: Das Magazin Tres Or berichtet vierteljährlich über Unikatschmuck. Es wird als Huckepack den Tamedia-Zeitschriften Facts und Annabelle beigelegt und über Luxushotels, Designerboutiquen und im Direktversand an Goldschmiedekunden vertrieben. Die Startauflage des 128-seitigen, vierfarbigen Magazins beträgt rund 200000 Exemplare. Die Startnummer vom Oktober erscheint auf Deutsch, eine Ausgabe für die Romandie ist für 2003 angedacht. Hinter Tres Or steht Verleger Jean-Christophe Gyr, der mit Gold’Or bereits ein Fachmagazin für Edelmetall, Uhren, Schmuck und Steine herausgibt. Realisiert und vermarktet wird das Heft von der Zürcher Agentur Bleuler MediaNeutralCommunication.
Fussballenspiele. Bei einigen ist vielleicht nichts mehr gelaufen, weil sie zu viel Fussball geschaut haben. Bei anderen ist das Problem ernsthafterer Natur. Das könnte an einem überstrapazierten Fussballen liegen. Dies jedenfalls suggeriert das Inserat mit dem erigierten Zehen in den sexy geöffneten Sandalen. Auf den zweiten Blick geht es natürlich um erektile Dysfunktion. Jung von Matt/Limmat hat sich kreativ des Problems angenommen, von dem gemäss Forschung rund 500000 Männer in der Schweiz betroffen sind. Dass Selbstversuche mit Aphrodisiaka nicht zu empfehlen sind, weil sie «nur Zeit und Geld kosten», ist auf www.wir-helfen-koennen.ch zu lesen, wo man auch Rat für weiter gehendes Pillenschlucken mit einem neuen Produkt im Jahre vier nach Viagra findet.
Corporate Identity. Unter Corporate Identity lässt sich auch körperliche Identität verstehen. Jedenfalls illustriert dies ein neuer Flyer aus der Kommunikationsagentur von Marc Bohnenblust und Joseph Haas. BH, wie sich die Agentur an der Lavaterstrasse 101 in Zürich nennt, will «Marken machen, die Kunden, Mitarbeitende und Aktionäre gleichermassen überzeugen», wie es beim Umdrehen des Flyers heisst. Zur Aufklärung: Auf der Vorderseite des Flyers geht es selbstredend um Business – ohne BH.
Werbeaufwand sinkt um 5,25% im Mai. Der Bruttowerbeaufwand in der Schweiz ist im Mai gegenüber dem Vorjahr um 5,25% gesunken. Ein positives Ergebnis verzeichneten laut den Zahlen von Media Focus nur Radio (3,4%) und Kino (23,2%). Die Tageszeitungen mussten nach dem knappen Minus (0,5%) vom April wieder stärker bluten: Ihr Werbeumsatz sank um 7,2%. Auch die Fachzeitschriften hatten mit minus 6,0% keinen guten Mai, während die Publikumszeitschriften mit 1,1% Verlust mit einem blauen Auge davon kamen. Teletext und Plakate büssten 3,9% beziehungsweise. 7,5% ein.
Freibier für alle. Mercedes-Benz gratulierte dem Vizeweltmeister mit einem ganzseitigen Inserat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), ebenso Lufthansa und Karstadt. Das Warenhaus lud zu «Freibier für alle» in den Karstadt-Filialen mit Gastronomie und bot «30% Weltmeister-Rabatt». Würdig reagierte Deutschland somit auf den Samba in Yokohama. Da konnte natürlich die FAZ-Redaktion nicht zurückstehen. Unter dem Titel «Kampf, Kampf, Weinkrampf, Kahn» bastelten die Feuilletonisten ein Gedicht aus 29 Bild-Zeitung-Überschriften. «Die Schlagzeile zum Endspiel war bei Redaktionsschluss unseres Feuilletons noch nicht sicher, aber durchaus wahrscheinlich», entschuldigte sich das Blatt für den Schlussreim: «Ausgerechnet Kahn! Aber du bleibst doch unser Held!». Ein Klick auf Bild-Online hätte den recherchierfaulen Kollegen genügt, um die Ergänzung anzubringen: «Man ka(h)n nicht alles haben…»
Das Buch zum Lärm. Die Musik zum Zeitgeist, welche die Kulturchefin des Blick und ihr «Vis-à-Vis» verzweifelt von der lärmigen Stadt weg ins Hotel treibt, löste beim Werd-Verlag kulturgeschichtliche Recherchen aus: «Street Parade – das Buch» heisst der Band, in dem Christoph Soltmannowski die kulturellen Hintergründe der Zürcher Streetparade bis ins Jahr 1902 zurückverfolgt. Damals sind beim Sechseläuten erstmals Figuren aus dem Bereich der Travestie im Zug der Zünfter gesichtet worden. 1916 waren es die Dadaisten um Hugo Ball, die auch für Unverständnis der Kultursachverständigen mit biederer Fantasie gesorgt haben. «Alle Klänge und Geräusche sind Musik», soll auch Karlheinz Stockhausen frank und frei behauptet haben. Wie aus diesem Kulturerbe die von einigen inzwischen nur noch als Lärm empfundene Street Parade entstanden ist und was dieser Event auch abseits der Hotelbetten in Zürich alles bewegt, beschreibt Soltmannowski auf mehr als 140 Seiten. Kleiner Tipp: Den Fernseher ausschalten und einen netten Talk mit dem Buch beginnen.
Editorial
Sprungbrett ohne Pool? Noch immer suchen Wirtschaftsanalytiker mit der Lupe Indizien für eine Trendwende. Dabei scheint sich der Silberstreifen am Werbehorizont auch fürs angebrochene Semester als Fata Morgana zu entpuppen. Den düsteren Daten von Media Focus, Publicitas und Wemf trotzt der BSW (Branchenverband Schweizer Werbe- und Kommunikationsagenturen) jetzt mit einem Talent-Workshop (siehe dazu der Beitrag auf Seite 12). Prima vista mag das Timing nicht eben ideal erscheinen. Doch warum soll dem BSW nicht billig sein, was vielen ausländischen Fachverbänden recht ist?
Tatsächlich haben sich so genannte «Advertising Weeks» für kreativen Nachwuchs in Frankreich, Skandinavien und England bewährt. Branchenfremde mischen dank solcher Aktionen die Werbeszene fortlaufend auf und bescheren dem Kommunikationszweig einen guten Ruf. Wenn nun Agenturen ihren Kunden antizyklisches Verhalten in rezessiven Konjunkturphasen predigen und schlüssig nachweisen, dass sie gerade mit dieser Strategie nachhaltig Marktanteile gewinnen können, darf der BSW mit gutem Beispiel vorangehen. Nur mit Investitionen in die Zukunft kann ein Austrocknen des Arbeitskräftemarkts wie vor zwei Jahren verhindert werden.
In Zeiten schrumpfender Budgets mutet so viel Zweckoptimismus suspekt an, sagen Skeptiker des Workshops: Obwohl derzeit kaum Top-Vakanzen zu besetzen seien, suggeriere der Workshop reelle Einstiegschancen. Und: Während talentierte Quereinsteiger gesucht werden, investieren die Agenturen selber wenig Zeit und Geld in ihren eigenen Nachwuchs. So vermuten einige in dieser Schnellbleiche nicht mehr als eine preisgünstige Brautschau.
Apropos antizyklische Markenpflege: Der BSW und sein deutsches Pendant – der Gesamtverband Werbeagenturen (GWA) – sagten vor gut einem Jahr die fünfte Marbach Academy wegen Unterbelegung ab. Damals, also noch vor dem eigentlichen Einbruch nach dem 11. September, führten die Organisatoren das dürftige Interesse auf die wirtschaftliche Situation zurück.
Man darf gespannt sein, ob den Sawi-Einführungskursen in die Werbung und in das Marketing Talente abspenstig gemacht werden, oder ob sich das BSW-Experiment, wie das Inseratsujet, in ungewollter Ironie als Sprungbrett ohne Pool entpuppt. Luca Aloisi
