Mach Basic 2002: Die Wochenpresse leidet – die Sonntagsblätter fliegen hoch und weitVon Daniel Schifferle Die Pendlerzeitungsgrippe hat erneut zugeschlagen. Nach dem Tages-Anzeiger hat der gewaltige Vormarsch von 20 Minuten nun auch die Berner Zeitung erwischt. Neben dem rasant wachsenden Trend zum Gratislesen hinterlässt aber auch das Konjunkturtief Spuren im Schweizer Blätterwald. Vor allem die Wirtschaftszeitungen litten unter dem eingetrübten Konjunkturklima.
Die Bilanz zwischen Gewinnern und Verlierern sieht in der diesjährigen Mach Basic nicht eben vorteilhaft aus. Mit insgesamt über zwanzig Zeitungen und Zeitschriften ist die Verlierliste gut doppelt so umfangreich wie die Liste jener Titel, die ihre Leserkreise ausbauen konnten.
Besonders auffällig an den Listen mit den roten Zahlen: Sämtliche Zeitungstitel mit signifikanten Verlusten sind in der Deutschschweiz zu finden. Hier büssten Tages-Anzeiger, Berner Zeitung, WoZ, Cash, HandelsZeitung und Online-PC-Zeitung massiv Leserinnen und Leser ein.
Leser haben derzeit wenig Appetit auf Wirtschaftstitel
Grundsätzlich machen die Tageszeitungen aber durchwegs gute Figur. Über alle drei Landesteile betrachtet mussten nur gerade drei Titel signifikante Verluste hinnehmen: Tages-Anzeiger (TA), Berner Zeitung (BZ) und die Neue Luzerner Zeitung. Der Grund für die Taucher von TA und BZ ist klar beim gewaltigen Vormarsch von 20 Minuten zu suchen, das den grössten Wachstumsschub seiner Geschichte realisierte (siehe Seite 25). Im WG 34, den Stammlanden der erstmals von der Pendlerzeitungsgrippe erfassten BZ, konnte 20 Minuten seine Leserschaft mit einem Schlag auf 89000 Lesende mehr als verdreifachen. Als direkte Folge davon muss der happige Verlust der BZ gesehen werden, die um 28 000 Lesende (–8,5%) im Krebsgang war.
Auch der neuerliche Verlust des Tages-Anzeigers, der mit 35000 verlorenen Lesenden (–6,2%) noch markanter ausfiel als im vergangenen Jahr, geht auf das Konto von 20 Minuten. Tamedia-Sprecher Peter Hartmeier glaubt allerdings, der Talboden sei jetzt erreicht. Trotzdem bleibe ein grosses Fragezeichen bezüglich der weiteren konjunkturellen Entwicklung. «Wenn die Leute noch mehr zu sparen beginnen, könnte das weiter auf die Leserschaftszahlen drücken – dann aber nicht nur beim Tages-Anzeiger, sondern auch bei allen anderen Kauf- und Abotiteln», sagt Peter Hartmeier.
Allen voran haben die Wirtschaftstitel derzeit einen schweren Stand. Die bedrückende wirtschaftliche Entwicklung scheint im Publikum den Appetit auf Wirtschaftstitel gründlich verdorben zu haben. Das bekam besonders Cash kräftig zu spüren, dessen Leserschaft um 35000 Personen (–9,6%) schrumpfte. Die Krise des Wirtschaftsblattes, das seit dem Abgang von Markus Gisler ausser Kurs geraten ist, schlägt nun voll im Lesermarkt durch. «Die Wirtschaftspresse hat im Moment ganz generell ein Problem», relativiert allerdings Ringier-Sprecher Fridolin Luchsinger. Im Falle von Cash ist er überzeugt, dass der Abwärtstrend durch die inzwischen erfolgten Umstrukturierungen unter Cash-Gründer Thomas Trüb bereits gestoppt werden konnte.
Auch die HandelsZeitung bekam das Ende der Börsenboomjahre, die mit einem steilen Wachstum bei den Leserschaften der Wirtschaftstitel einher gegangen waren, drastisch zu spüren. Die Lektüre der HandelsZeitung legten 17000 Lesende aus der Hand, das ist ein sattes Minus von 10,5%. Neben dem wirtschaftlichen Tief scheint aber auch die Krise im IT-Bereich ihre Spuren hinterlassen zu haben. Die Online-PC-Zeitung wurde von 20000 Personen (–11,4%) weniger gelesen als noch im Vorjahr.
Nicht so einfach mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu erklären ist hingegen der massive Krebsgang der WoZ Wochenzeitung. Er fiel mit einem Verlust von 11000 Lesenden (–10,8%) für den traditionell mit kleinen Budgets kämpfenden Titel besonders schmerzhaft aus.
Tageszeitungen sind und bleiben sichere Werte
Die Tageszeitungen erscheinen nach dem 11. September als
besonders sichere Werte. Sämtliche grösseren Titel – NZZ, Südostschweiz, St.Galler Tagblatt, Basler Zeitung, Bund, Zürichsee-Zeitung – segelten äusserst stabil in der Aufmerksamkeit des Publikums. Die Westschweiz war sogar für eine Überraschung nach oben gut: Le Matin konnte die erkleckliche Zahl von 33000 Lesenden (+12,4%) hinzugewinnen.
Allerdings geht diese erstaunliche Entwicklung noch nicht auf das Konto des neuen Chefredaktors Peter Rothenbühler und dessen Neukonzept. Denn Rothenbühler hatte das Zepter ja erst im März 2002 übernommen, also nur einen knappen Monat vor Abschluss der Befragungsperiode für die aktuelle Mach Basic.
Wie die Lesenden in der Romandie auf das Neukonzept reagieren, wird sich daher erst bei der nächsten Ausgabe der Studie zeigen.
Einen durchwegs positiven Trend dokumentiert die aktuelle Mach Basic lediglich für die Sonntagsmärkte. Besonders erfreulich: In allen drei Landesteilen nahm die sonntägliche Leselust gleichermassen weiter zu. In absoluten Zahlen am meisten gewonnen hat dabei die Westschweiz. Le Matin Dimanche steigerte sich um 31000 Lesende (+5,2%). Von der weiter gestiegenen Leselust am Sonntag profitierte auch das Ringier-Blatt Dimanche.ch, wenn auch mit lediglich 13000 zusätzlichen Lesenden (+11,8%) deutlich weniger. Das zurückgekehrte Wachstum ist umso erfreulicher, als das Zeitungsbaby von Ringier Romandie im vergangenen Jahr – viel zu früh – in eine bedrohliche Schieflage geraten war.
Ringier hat aber auch sonst Grund zur Freude. Sein Tessiner Sonntagskind – Il Caffè della Domenica – gedeiht prächtig. Das Gratisblatt, an dem die Zürcher zu 45% beteiligt sind, hat ebenfalls 12000 Lesende (+14,1%) mehr als in der Vorjahresperiode ermittelt. Das Nachsehen hatte ganz klar Maspolis Mattina della Domenica, dessen Leserschaft trotz boomenden Tessiner Sonntagsmarkts leicht schrumpfte.
Zu Optimismus Anlass gibt auch die Entwicklung im Deutschschweizer Sonntagsmarkt. Die SonntagsZeitung konnte ihre Leserschaft um 29000 (+3,8%) ausbauen. Doch bereits heute in Jubel auszubrechen, wäre verfrüht. Denn der Start der NZZ am Sonntag, die dem Tamedia-Blatt wohl oder übel Leser wegnehmen wird, erfolgte erst zwei Wochen vor Abschluss der Feldarbeit für die aktuelle Mach Basic. Das heisst, der Einfluss des neuen Sonntagsblattes wird erst bei der nächsten Ausgabe der Leserschaftsstudie sichtbar werden. Erste eigene Leserzahlen hat die NZZ am Sonntag für Dezember angekündigt.
Die ganze statistische Wahrheit kommt aber nicht nur für die SonntagsZeitung erst im nächsten Jahr ans Licht. Auch der SonntagsBlick muss dann möglicherweise mit Überraschungen rechnen, denn auch die Borer-Affäre kam erst nach Abschluss der Erhebungsperiode für die aktuelle Mach Basic ins Rollen. Dass die unappetitliche Geschichte ebenfalls negative Spuren in der SoBli-Leserschaft hinterlassen hat, muss zumindest befürchtet werden.
MethodeGrundgesamtheit: Wohnbevölkerung der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein ab 14 Jahren. Total CH und FL: 5628000 Personen. Deutsche Sprachgruppe: 4053000 (72,0%); französische Sprachgruppe: 1319000 Personen (23,4%); italienische Sprachgruppe: 256000 Personen (4,6%).
Stichprobengrösse: Interviews CH und FL: 23487 (ungewichtet), 23487 (gewichtet). Davon: Interviews deutsche Schweiz: 16853 (ungewichtet), 16914 gewichtet). Interviews Westschweiz: 5506 (ungewichtet), 5503 (gewichtet). Interviews italienische Schweiz: 1128 (ungewichtet), 1070 (gewichtet).
Befragungstechnik: Computer-gestützte Telefoninterviews anhand eines ausgetesteten, vollstrukturierten Fragebogens aus vier zentralen Telefonlabors der Deutsch- und Westschweiz.
Feldarbeit: Demoscope AG, Adligenswil; Link AG, Luzern und Lausanne; M.I.S. Trend SA, Lausanne.
Auswertungen: ISBA GmbH, Hamburg; Link AG, Luzern.
Befragungszeitraum: 9. April 2001 – 28. März 2002 (Befragungspausen 13.4.2001 – 16.4.2001 und 21.12.2001 – 3.1.2002)
Mittelland Zeitung auf Rang DreiDie Anfang Januar 2002 gestartete Mittelland Zeitung landet bei der erstmaligen Teilnahme an der Mach Basic auf Platz drei unter den Deutschschweizer Tageszeitungen. Mit der Netto-Reichweite von 8,9% oder 361000 Lesenden positioniert sie sich allerdings in beträchtlichem Abstand zu den beiden führenden Tageszeitungen Blick (Netto-Reichweite 18,1%, 734000 Lesende) und Tages-Anzeiger (Netto-Reichweite 13,1%, 531000 Lesende). Die Mittelland Zeitung setzt sich aus den vormaligen Titeln Aargauer Zeitung, Solothurner Zeitung, Oltner Tagblatt und Zofinger Tagblatt zusammen.