Prognostischer Hochseilakt
Prognos AG und SevenOne Media sehen die Werbeausgaben 2003 bereits wieder im Steigflug
Mancher Teilnehmende rieb sich bei der Präsentation der neuesten Mittel- und Langfriststudie zur Entwicklung der Werbeausgaben in der Schweiz die Augen. Was Josef Trappel von der Prognos AG vergangene Woche an Aussichten präsentierte, übertraf sogar die kühnsten Optimisten. Trappel ist Projektleiter der im Auftrag von SevenOne Media nun bereits zum zweiten Mal erstellten Studie. Gemäss seinen Ausführungen soll die nun schon seit zwei Jahren anhaltende Baisse im kommenden Jahr abrupt Vergangenheit sein.
Und dies nicht zu knapp. Nachdem das Basler Institut für das laufende Jahr noch mit einem Minus von 1,4% rechnet, sollen die Werbeausgaben im 2003 bereits wieder um satte 6% oder 272 Millionen Franken zulegen (siehe Tabellen).
Solche Prognosen sind zwar Balsam für die gebeutelten Medien, doch woher die Prognos AG ihre Zuversicht nimmt, wurde nicht ganz klar. Ihre Werbemarktprognosen überraschten nicht nur an der Präsentation, sie sind auch viel optimistischer als die eher düsteren Aussichten, welche die Verlagsfachleute der WerbeWoche im August zu Protokoll gaben (WW 28/02). Niemand wagte daran zu glauben, dass es rasch wieder aufwärts gehen könnte. Mehrheitlich wurde die Meinung vertreten, ein Wachstum der Werbeausgaben würde frühestens in der zweiten Hälfte 2003 oder sogar erst 2004 zurückkehren.
Die Gründe für die Diskrepanz liegen auf der Hand: Die Prognos AG legte ihren Berechnungen allzu optimistische Konjunkturprognosen zu Grunde. So gingen die Basler Auguren für 2003 weiterhin von einem Wirtschaftswachstum von 2,3% aus. Doch diese Zahl entspricht längst nicht mehr der Wirklichkeit und wurde inzwischen längst nach unten revidiert. Aktuell rechnet das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) für das kommende Jahr nur noch mit 1,7% Wirtschaftswachstum, andere Konjunkturforschungsstellen gehen sogar von nur 1,5% aus.
«Wir haben in schwierigen Zeiten einen prognostischen Hochseilakt gewagt», relativierte Trappel denn auch die Aussagen seiner überaus optimistischen Werbemarktprognose. «Die mikroökonomischen Rahmendaten und Trends sind ebenso widersprüchlich wie die Aussagen der Branchenfachleute.» Vorbehalte seien daher angebracht. «Auch angesichts des drohenden Irak-Krieges bleibt die konjunkturelle Entwicklung ein zentraler Unsicherheitsfaktor», sagte Trappel.
Künftige Überflieger sind TV-, Aussen- und Onlinewerbung
Sollten die optimistischen Prognosen der Prognos AG trotz aller offenen Fragen eintreffen, dürfte der vorhergesagte Werbesegen allen Mediengattungen Zuwachsraten von 5% oder mehr bescheren. Die Überflieger der kommenden Jahre werden laut Prognos AG die Fernseh-, die Aussen- und die Onlinewerbung sein. Diesen Mediengattungen werde es gelingen, ihre Anteile an den gesamten Werbeausgaben weiter auszubauen.
Geradezu euphorisch fühlen darf sich die Plakatwerbung, die einzige Mediengattung, die sogar im Krisenjahr 2002 um über 3% zulegte. Für sie errechnet Trappel einen Anstieg ihres Anteils an den Werbeausgaben von heute 13,8% auf 14,8% im Jahr 2006. Für das Fernsehen prognostizierte er einen Ausbau von 10,9% auf 11,4% im selben Zeitraum.
Mit einem starken Comeback kann auch die Onlinewerbung rechnen, die in den vergangenen beiden Jahren dramatisch an Bedeutung verloren hat. Im nächsten Jahr werde sie sich von heute 14 Millionen Franken auf neu 29 Millionen Franken mehr als verdoppeln. Und auch in den Jahren danach soll die Kletterpartie mit zweistelligen Zuwachsraten weitergehen. Allerdings mahnte Trappel auch hier zur Vorsicht, denn bereits im vergangenen Jahr hatte die Prognos AG die Entwicklung des Online-Marktes viel zu optimistisch eingeschätzt. «Online ist immer noch sehr volatil und bleibt deshalb für die Prognostik eine ganz besondere Knacknuss», gestand Trappel.
Keine Lichtblicke konnten die Basler Zukunftsforscher für die Zeitungen ausmachen. Verläuft die Entwicklung in ihrem Sinne, wird deren Anteil an den Werbeausgaben von aktuell 46,5% auf 45,1% im Jahr 2006 sinken. Zur Erinnerung: 1991 holten die Zeitungen noch 54% ab. «Die schleichende Erosion wird sich fortsetzen. Denn nur wenige Zeitungen sind gut für die Zukunft gerüstet», diagnostizierte Trappel. Einzig Gratiszeitungen und Sonntagspresse sagte er eine vergleichsweise sorgenfreie Zukunft vorher.
Bereits vor einem Jahr, als die Prognos AG ihre erste Langzeit-Werbemarktstudie im Auftrag von SevenOne Media präsentierte, waren die Vorhersagen zu optimistisch ausgefallen, wie die Wirklichkeit jetzt zeigt. Dies wurde in der aktuellen Ausgabe denn auch korrigiert: Sämtliche im letzten Jahr gemachten Prognosen zu den Werbeausgaben wurden in der aktuellen Ausgabe der Studie um 150 bis 250 Millionen Franken pro Jahr nach unten gewichtet. Es ist zu erwarten, dass die Prognos AG auch bei der Präsentation der Studie im nächsten Jahr Korrekturen nach unten wird bekannt geben müssen.
Itext verknüpft Teletext und TV-Spot
Unter dem Namen iText bietet SevenOne Media (Schweiz) eine weltweite werberische Neuheit ab sofort auch in der Schweiz an: Die Verknüpfung von TV-Spot und Teletext. Das funktioniert so: Während des iText-Spots werden Zuschauer aufgefordert, in den Teletext zu wechseln. Dort wird parallel zum Spot automatisch eine Sonderwerbeform ausgestrahlt, die den Zuschauern Zusatzinformationen und Kontaktmöglichkeiten liefert. iText wurde von SevenOne Media (Deutschland) im vergangenen August im Rahmen der Telemesse als Weltpremiere lanciert. «Die Resonanz der Branche war beeindruckend. Fachleute sprachen vom ersten Schritt in Richtung echter, interaktiver Fernsehdienste», sagte Christian Gartmann, Geschäftsführer von SevenOne Media (Schweiz) AG. Die Kosten für das neue Werbetool betragen 15 Prozent vom Nettopreis des betreffenden Werbespots. (dse)
Prognose Netto-Werbeumsätze
nach Mediengattung
Netto in Mio. CHF 2001 2002 2003 2004 2005 2006
Zeitungen 2 150 2 098 2 207 2 279 2 348 2 399
Publikumszeitschriften 346 344 361 372 384 393
Fachpresse 390 377 396 409 423 432
Fernsehen (inkl. Sponsoring) 494 489 522 543 577 605
Radio (inkl. Sponsoring) 129 129 137 142 150 156
Aussenwerbung 603 623 678 716 757 785
Kinowerbung 40 36 39 40 43 45
Sonstige Werbeträger 404 396 410 420 429 435
Gesamt exkl.Online-Werbung 4 555 4 493 4 750 4 922 5 112 5 250
Online-Werbung 15 14 29 45 59 67
Gesamt inkl.Online-Werbung 4 570 4 507 4 779 4 967 5 171 5 317
Quelle: 2001 Wemf, Prognos AG
Prognose bis 2012
2006 2012 Veränderung 2006/2012
BIP nominal in Mrd. CHF 487 590 Ø Wachstum 3,2% p.a.
Inflationsrate Ø 1,5% p.a.
Netto-Werbeumsätze in Mrd. CHF 5,3 6,5 Ø Wachstum 3,5% p.a.
Werbeintensität in % des BIP nominal 1,09 1,11 + 0,02%-Punkte
Zeitungen in Mio. CHF 2399 2864 Ø Wachstum 3,0% p.a.
Marktanteil in % 45,1 43,8 – 1,3%-Punkte
Fernsehwerbung (inkl. Sponsoring) in Mio. CHF 605 757 Ø Wachstum 3,8% p.a.
Marktanteil in % 11,4 11,6 + 0,2%-Punkte
Online-Werbung in Mio. CHF 67 147 Ø Wachstum 14,0% p.a.
Marktanteil in % 1,3 2,2 + 0,9%-Punkte
Quelle: Prognos AG
