Blutroter Auflagenfrühling

Wemf Markanter Auflagenverlust der Wirtschaftspresse und ein heftiger Aderlass bei Tamedia-Titeln.

Wemf Markanter Auflagenverlust der Wirtschaftspresse und ein heftiger Aderlass bei Tamedia-Titeln.Beim Blick auf die diesjährige Wemf-Beglaubigung muss man sich die Augen reiben – markant wie nie zuvor sausten die Auflagen vieler Printmedien talwärts. Vor allem die Titel von Tamedia mussten massiv Federn lassen. Der Tages-Anzeiger verliert 15482 (–6,2 %), die SonntagsZeitung 19000 Exemplare (–8,2 %). Geradezu dramatisch erodierten die Tamedia-Zeitschriften. So brachen Facts um 23163 (–22,4%), Annabelle um 26315 (–26,3 %) und Du um 4200 Exemplare (–19,3%) ein. Einzig der Schweizer Familie gelang – nur dank Übernahme des Abostammes von Meyer’s – ein Zuwachs um 4276 Exemplare (+2,7 %). Die starken Verluste begründet Tamedia mit «neuen Wegen in der Auflagenpolitik». Man habe die einzelnen Absatzkanäle einer Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen und festgestellt, dass einige Kanäle unbefriedigende Resultate erzielten. Daher verzichte man bei der diesjährigen Beglaubigung auf jene «Kanäle, die neben hohen Kosten kaum Leser generieren». Dies betreffe besonders die Airline- und Lesezirkel-Exemplare. Zudem würden auch «Abo-Promotionen optimiert».
Nicht nur Tamedia-Titel litten, auch andere Zeitungen mussten zurückbuchstabieren. So die Basler Zeitung, die 5446 weniger verkaufte Exemplare (–5 %) ausweist. Der Bund strich einen Verlust von 1970 (–2,9 %) ein, und auch die NZZ beglaubigte 3822 Exemplare (–2,2 %) im weniger.
Desaster Wirtschaftspresse
Keine Überraschung ist das katastrophale Abschneiden der Wirtschaftspresse. Cash verlor 7482 (–11 %), die HandelsZeitung 2527 (–7,1 %), die Bilanz 7975 (–14,6 %), und Stocks büsste 5858 Exemplare ein (–21,7 %). Ausstehend ist noch das Resultat von Finanz und Wirtschaft.
Eine Abwechslung der erfreulichen Art im Deutschschweizer Zeitschriftenmarkt: Die Weltwoche – erstmals als Magazin beglaubigt – legte um 6137 (+7,2 %) auf 91094 Exemplare zu.
In der Westschweiz notierte Le Matin Dimanche mit einem Minus von 11211 Exemplaren (–5,2 %) den kräftigsten Verlust unter den Tageszeitungen. Als Trost legte Le Matin Semaine um 1033 Exemplare (+1,6 %) zu.
Jürg Brauchli, Bereichsleiter Tamedia-Zeitungen.
(dse)

«Aggressive Accounting»

Gastkommentar Downtrading (Reklame statt Werbung) und Uptrading (Image statt Werbung) bringen die klassische Fullservice-Agentur bald zum Verschwinden: Die neue Doktrin heisst Programming.

Gastkommentar Downtrading (Reklame statt Werbung) und Uptrading (Image statt Werbung) bringen die klassische Fullservice-Agentur bald zum Verschwinden: Die neue Doktrin heisst Programming.Wir sparen uns teure Farbanzeigen, damit wir Ihnen günstigere Preise machen können»: Diese ganzseitige Anzeige druckte Bild kürzlich für das Elektronikkaufhaus ProMarkt. Die deutschen Konsumenten staunten. Setzen deutsche Werber jetzt auf Bescheidenheit, oder werden die Verlage masochistisch?Seit Monaten melden Agenturen und Medienunternehmen nicht nur in Deutschland epochale Umsatzeinbrüche. Und klassische Werbung macht gerade noch ein Drittel der Gesamtbudgets aus. Agenturen wie Verlage versuchen durch harten Personalabbau in die Gewinnzone zurückzukehren. Die Arbeitslosenquote bei Kommunikationsberufen liegt in Deutschland derzeit bei fünf Prozent, Tendenz stark steigend.
Noch verdeckt die Rezession die Spielregeln der Märkte von morgen. Die kommerzielle folgt hier der publizistischen Kommunikation: vom General Interest über Special Interest zum Personal Interest. Der Ausdifferenzierung der Medienkanäle folgt die Einbeziehung der Nutzer, individuell und interaktiv. Dabei ersetzt zwar kein Medium das andere. Aber aus der gekauften Aufmerksamkeit, genannt Werbung, wird Kommunikation, aus Monologen werden Dialoge.
Und die Auftraggeber? Weniger Marken bei mehr kommunikativer Power heisst deren Schlachtruf. So verkündet der Media-Markt zwar «Geiz ist geil», investiert zugleich aber kräftiger als im letzten Jahr. Währenddessen reduziert Unilever sein Portfolio von einst 1600 auf 400 Marken; Kraft Jacobs Suchard wird folgen. Kurzum: Die Zukunft gehört den globalen Powerbrands. Welche Folgen hat das für die Agenturenszene? Sie spaltet sich in Schmuddel- und Edelanbieter.
Marketer im Billigsegment werden mit Blitzkriegen versuchen, neue Zielgruppen zu erobern: Verdrängungswettbewerb durch Tieferlegung des Preisniveaus, «mehr durch billig». Der Kampf um die niedrigsten Preise macht vor den Agenturen nicht Halt. Der Tagesbefehl lautet folglich Kostenreduzierung für alle Leistungen. Eine mögliche Gegenstrategie ist die Wiederbelebung der Reklameproduktion; Couponing ist ein Schritt in diese Richtung. So entstehen – nach dem Konzept der Billigfluglinien – grosse Spezialagenturen. Werbliche Basisarbeit wird wieder zur Pflicht, Kreativität zur Kür. Jede Beratungs- und Serviceleistung wird zurück an den Kunden delegiert oder extra berechnet. Branding-Experten werden eingespart, die Briefings und Präsentationen kommen per Mail. Wasser gibts bei Besprechungen gratis, der Tee kostet einen Franken – cash.
Marketer im Premiumsegment hingegen verkaufen Kommunikationshüllen statt Produkte oder Services. So wird Langnese sein Magnum-Eis diesen Sommer nach den sieben Todsünden benennen (Wollust schmeckt nach Erdbeere). Die Hoffnung: mehr Sinngebung gleich mehr Gewinn. Aus Werbeagenturen werden so durchs Showbusiness inspirierte Imageproduzenten. Vorbilder sind Entertainer mit integrierten Medienstrategien wie Dieter Bohlen. Die neue Doktrin heisst Programming und wird nicht nur die TV-Werbeblöcke verändern, sondern die gesamte kommerzielle Kommunikation. Agendasetting und Medianetworking besorgen Spezialisten. Deshalb werden clevere Manager und Buchhalter als «aggressive accounter» auf Kundenseite die Markenführung (auch künftig) ebenso outsourcen, wie sie es mit der Produktion von Waren und Dienstleistungen getan haben.
> Peter Wippermann ist Buchautor, Gründer des Hamburger Trendbüros und Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Essen.

Zum Lotto die Zeitung, bitte

Pressevertrieb Der Einzelverkauf der Schweizer Printmedien bröckelt bedenklich. Und das seit Jahren. Dies belegt ein Langzeitvergleich der K Group erstmals mit aller Deutlichkeit.

Rückgang im Einzelverkauf der Schweizer Printmedien

Der Einzelverkauf der Schweizer Printmedien ist seit Jahren rückläufig, wie ein Langzeitvergleich der K Group zeigt. Die Kioskverkäufe der Printmedien sind seit langem rückläufig, was beim Jahresmeeting des Schweizer Werbe-Auftraggeberverbandes (SWA) für Erschrecken sorgte. Laut Valora-CEO Reto Hartmann ist der Presseabsatz in den letzten Jahren stark gesunken. Das Umsatzvolumen mit Presseerzeugnissen sank von über 530 Millionen Franken im Jahr 1995 auf knapp 490 Millionen Franken im Jahr 2002, ein Rückgang um 40 Millionen Franken oder acht Prozent.

Kiosk als beliebtes Shoppingziel

Trotz des Rückgangs im Presseverkauf konnte die K Group ihren Gesamtumsatz von 1,39 Milliarden Franken im Jahr 1995 auf 1,64 Milliarden Franken im Jahr 2002 steigern, dank Zuwächsen bei Tabakwaren und Süssigkeiten. Besonders stark sind die Verkäufe der grössten Tageszeitungen gesunken. Seit 1998 sank die Zahl der täglich verkauften Exemplare auf 80 Prozent. Ohne den „Blick“, der traditionell viele Exemplare über den Kiosk verkauft, wäre dieser Wert noch niedriger.

Strategien gegen den Absatzverlust

Um dem Absatzverlust entgegenzuwirken, empfiehlt Hartmann, die Titelgeschichte und die Gestaltung der Frontseite zu optimieren. Zudem sollten Verlage den Erstverkaufstag eines Titels auf einen Tag mit hoher Kundenfrequenz legen, wie den Mittwoch, der durch das Mittwoch-Lotto viele Kunden anzieht. Die „HandelsZeitung“ konnte durch diese Strategie ihren Kioskabsatz verdoppeln.

Umsatzanteile der Printmedien am Kiosk

Der Anteil der Zeitungen am Kioskumsatz bleibt mit 32,7 Prozent der höchste, ist aber im letzten Jahr um 3,96 Prozent gesunken. Positiv entwickelten sich die Umsatzanteile der Roman- und Rätselhefte, die um 3,78 Prozent wuchsen. Die Titelvielfalt bei den Presseerzeugnissen macht die Kioske attraktiv, doch nur ein kleiner Teil der Titel generiert den Grossteil des Umsatzes. Rund 49 Titel machen 50 Prozent des Presseumsatzes aus, während die restlichen 3512 Titel nur 20 Prozent beitragen.

SWA senkt Mitgliederbeiträge

Der SWA konnte im letzten Jahr 26 Neumitglieder gewinnen, darunter Roche und Ford Motor Company. Aufgrund der wachsenden Mitgliederzahl können die Mitgliederbeiträge ab 2004 um fünf Prozent gesenkt werden. Die Teilnehmerzahl am Jahresmeeting stieg ebenfalls auf 187 Personen.

«In der Uhrenwerbung liegt viel Potenzial brach»

Uhrenmarketing III Ruedi Külling war einer der erfolgreichsten Werber, bis er 1989 den Bettel hinschmiss, die Uhrenmarke Xemex erfand – und sie vor wenigen Tagen wieder verkaufte.

Uhrenmarketing III Ruedi Külling war einer der erfolgreichsten Werber, bis er 1989 den Bettel hinschmiss, die Uhrenmarke Xemex erfand – und sie vor wenigen Tagen wieder verkaufte. WW Ruedi Külling, haben Sie es schon mal bereut, Ihre Werbekarriere für den Traum einer eigenen Uhrenmarke beendet zu haben?Ruedi Külling Nein. Im Gegenteil: Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Es erfüllt mich immer noch mit sehr viel Freude, den ganzen Prozess der Uhrenentwicklung von der ersten Skizze bis zu ihrer Lancierung durchleben zu können, auch wenn sich seit dem 11. September einiges verändert hat und nebst den vielen schönen Erfahrungen in den vergangenen eineinhalb Jahren auch einige schlechte hinzugekommen sind.
Die da wären…
…dass Geschäftspartner, mit denen ich jahrelang sehr gut zusammengearbeitet habe, plötzlich eine sehr schlechte Zahlungsmoral haben und monatelang Rechnungen nicht bezahlen.
Die Zeiten sind derzeit weder für die Werbung noch für die Uhrenindustrie fruchtbar. Weshalb glauben Sie trotzdem an den Erfolg Ihrer Uhrenmarke Xemex?
Erstens, weil die Marke Xemex vor wenigen Tagen von einer Tochterfirma der deutschen Traditionsfirma Osco übernommen worden ist und mit Osco nun eine Firma an der Spitze steht, die viel Power und einen finanziell grossen Background hat. Und zweitens, weil Xemex eine glaubwürdige Marke mit einem einmaligen Erscheinungsbild und einer perfekten Verarbeitung ist.
Sie haben Xemex als Marke verkauft. Wird sie in Zukunft ohne Sie auskommen müssen?
Nein. Ich werde weiterhin für Xemex Uhren designen und die Marke im Ausland repräsentieren. Der tägliche Geschäftskram wird aber ohne mich auskommen müssen (schmunzelt). Dafür werde ich – sofern mir Zeit bleibt – neue Designobjekte entwerfen. Ideen habe ich viele.
Der Verkauf erstaunt ein wenig. Erstens, weil Sie mit der Marke und die Marke mit Ihnen eng verbunden sind. Zweitens, weil es schien, dass es Xemex in Ihren Händen ganz gut gehe.
Es ist nicht so, dass ich Xemex verkaufe, weil ich keinen Erfolg gehabt hätte. Im Gegenteil: Alles, was ich in Xemex hineingesteckt habe, kam zurück: Wir gewannen zahlreiche Preise und eroberten die Zürcher Bahnhofstrasse. Doch um Xemex langfristig eine Zukunft zu sichern, bestand die Notwendigkeit, die Marke in
ein grösseres Unternehmen einzubringen.
Sie mussten jahrelang ohne grosse Werbeauftritte auskommen. Als erfolgreicher Werbeprofi dürfte Ihnen das sehr weh getan haben…
Tat es. Vor allem wenn ich sehe, wie viel Potenzial in der Uhrenbranche brachliegt…
…weil die Werbung im Uhrensegment so schlecht ist?
Ja. Wenn man an gute Uhrenwerbung denkt, kommt einem nur die IWC-Werbung in den Sinn und vielleicht noch Rolex.
Rolex?
Ja, Rolex hat zwar keinen so aussergewöhnlichen Werbeauftritt wie IWC, doch Rolex macht genau das, was zu ihrer Marke passt: Der Werbeauftritt ist stilvoll und besticht durch Kontinuität.
Apropos Werbung: Welche Werbemittel machen Ihrer Meinung nach bei einer Uhrenmarke Sinn?
Wenn ich genug Geld gehabt hätte, hätte ich für Xemex mit Inseraten und PR-Beiträgen in Fachjournalen und mit Plakaten und Touchscreens unter anderem am Zürcher Flughafen geworben.
Und wie sieht die Xemex-Werbung tatsächlich aus?
Ich habe Anzeigenvorlagen, Layouts, Displays, Plakate und PR-Material entworfen, das wir unseren Distributoren in einem Manual zur Verfügung stellen. Wir selber haben nur wenig Werbung geschaltet, vor allem in Fachzeitungen. Unsere Konzessionäre hingegen warben jährlich für zwei Millionen Franken. Weil uns das Geld fehlte, suchten wir auch andere Kanäle: so zum Beispiel die Grammy-Verleihung. An diesem Anlass liessen wir jeweils ein Dutzend Xemex-Uhren versteigern, deren Erlös zur Förderung junger Musiker eingesetzt wurde.
Werden Sie auch in Zukunft – unter der neuen Firmenleitung – einen Blick auf die Xemex-Werbung werfen, bevor sie realisiert wird?
Ja. Osco hat zwar eine eigene Werbe- und Marketingabteilung, doch ich werde weiterhin meine Hände bei der Xemex-Werbung drinhaben.
Stichwort Uhren- und Schmuckmesse Basel: Wie wichtig schätzen Sie die Messe werbetechnisch ein?
Als sehr wichtig. Für dieses Jahr sehe ich aber auch ein wenig schwarz: Es heisst, einige wichtige Grosskunden würden der Messe dieses Jahr fernbleiben, weil sie sich auf Grund der derzeit kritischen Weltlage und der damit verbundenen Terrorängste nicht ins Flugzeug setzen wollten. Trifft dies zu, wäre das für einige Uhrenhersteller fatal.
Auch für Xemex?
Auch Xemex würde darunter leiden, ja.
Grafiker, Werber, Designer – UhrmacherRuedi Külling hat eine erfolgreiche Werbekarriere hinter sich: Der gelernte Grafiker stieg mit 21 bei der Agentur Victor N. Cohen ein, arbeitete sich vom Grafiker über den AD (1963) zum Mitglied der Geschäftsleitung (1966) hoch und übernahm – nach dem Tod des Agenturgründers Victor Cohen – 1976 zusammen mit Bruno Widmer und Jean Girard die Agentur Advico. 1989, ein Jahr nach der Fusion mit Young & Rubicam, verkaufte er seine Anteile an Young & Rubicam und gründete die Firma Külling+Partner Design und spezialisierte sich auf CD und CI.
1994, mit 60 Jahren, erfüllte er sich einen lang ersehnten Wunsch: Zusammen mit Hanspeter Hanschick gründete er die Firma Xemex Swiss Watch, entwarf Logo, skizzierte Gehäuseformen, fertigte Prototypen an und brachte eine Uhrenserie heraus. Heute verfügt Xemex über drei Kollektionen und verkauft jährlich in über 20 Ländern rund 10000 Uhren.
Xemex wurde vielfach ausgezeichnet: 1996 erkor das Fachmagazin Uhren Welt eine von Küllings Uhren zu den besten acht Uhren der Welt. 1997 wurde die Xemex in den Katalog des MoMA New York aufgenommen, 1998 erhielt sie den Roten Punkt des Design-Museums Nordrhein-Westfalen, 2000 wurde das Modell «Avenue Chrono» vom Uhrenmagazin Chronos, 2001 das Modell «Offroad GMT» vom US-Magazin Watchtime zur Uhr des Jahres erkoren – und 2002 bekam Külling bei der ADC-Jurierung in der Sparte Product und Package Design Silber. Seit 2002 verkauft Beyer an der Bahnhofstrasse die Uhren von Xemex.
Külling und Hanschick haben dieser Tage ihre Uhrenmarke an Osco verkauft. Beide arbeiten aber weiterhin für Xemex. (af)
Interview: Annelies Friedli

Du sollst nicht langweilen

Werbekritik Aus seinen inzwischen über tausend «Ad Reviews» hat der legendäre amerikanische Kolumnist Bob Garfield ein göttliches Branchengesetzbuch destilliert.

Werbekritik Aus seinen inzwischen über tausend «Ad Reviews» hat der legendäre amerikanische Kolumnist Bob Garfield ein göttliches Branchengesetzbuch destilliert.And now a few words from our sponsors»: Dass und wie Bob Garfield – der für die kommerzielle Kommunikation in den USA etwa dasselbe ist wie Marcel Reich-Ranicki hier zu Lande für die literarische – die Standardankündigung für Werbeunterbrechungen im Titel seines neuen Buchs verfremdet, belegt gleich drei seiner unbestrittenen Qualitäten: Selbstironie, Scharfzüngigkeit und ein geschäftsfördernder Schuss Grössenwahn. Mit Letzerem kokettiert er als augenzwinkernder Stellvertreter Gottes in der Marketingwelt diesmal besonders effektvoll.Die Idee zu seinen ganz persönlichen, dennoch natürlich universal gültigen zehn Geboten gebar der «Weise aus dem Werbeland» (Eigendeklaration) standesgemäss zwischen Himmel und Erde, genauer: auf einem Rückflug vom Cannes-Festival. Denn die alljährliche Löwenjagd unter Palmen ist für Garfield nicht Teil der Lösung, sondern Teil des (Image-)Problems, das Werber dies- wie jenseits des Atlantiks haben. «In Sachen Integrität und Reputation rangieren Sie, meine lieben Leserinnen und Leser, noch hinter der vergleichsweise respektablen Gilde der Versicherungsvertreter», lautet eine der mit dem Florett geführten Seitenhiebe des «Pope of advertising» (USA Today), der selbst notabene über keinerlei Branchenerfahrung verfügt.
«Advertrocities» à discretion
Das hält Garfield jedoch schon seit über 20 Jahren nicht davon ab, im Zentralorgan Advertising Age wöchentlich seinen goldenen Daumen über aktuelle Kampagnen zu heben oder zu senken. Sein «weder altes noch neues, sondern absolut zeitloses Testament zu Lebzeiten» kann folglich als eine Art nachgereichter Kriterienkatalog für seine cäsarischen Urteile gelesen werden. Dessen erstes und wichtigstes Kapitel heisst «Rules are made to be observed» und beginnt mit zwei Shakespeare-Sonetten, die formal so identisch wie inhaltlich verschieden sind. Illustrieren soll dieser bei weitem nicht einzige Ausflug in die Literatur, dass grosse Kunst häufig nicht trotz, sondern gerade wegen äusserlicher Zwänge und Restriktionen gelingt. Das gilt laut Garfield auch für «grosse Kommunikation» wie etwa seinen erklärten Lieblingsspot «1984» von Apple.
Die übrigen Kapitel widmen sich dann – wenig überraschend, aber wie es sich für einen Kritiker letztlich ziemt – mehr oder minder offensichtlichen und abscheulichen Regelverstössen, so genannten «Advertrocities» (von «atrocity» = Gräueltat). Wer indes hofft oder gar erwartet, aus dieser irrwitzigen Sammlung einschlägiger bis exotischer Fallbeispiele würden die weiteren neun Gebote abgeleitet, klappt die amüsante Anklageschrift am Schluss enttäuscht zu. Denn auch in Buchform ist Garfield Gott sei Dank mehr Entertainer als Erzieher, mehr Possenreisser als Priester. Dass er dabei gelegentlich den gleichen Fehler begeht, den er seinen Lesern auszutreiben versucht – nämlich das eigene Gebrauchsprodukt als Literatur respektive Kunst zu betrachten und zu betreiben –, verzeiht man dem charmanten Causeur gerne.
Vorsicht, Falle!?
Nervig hingegen sind die zuweilen penetranten Hinweise auf seine «gottgleiche Überparteilichkeit». Ob Saatchi & Saatchi, Leo Burnett, Publicis oder Cordiant: Keines der globalen Agenturnetzwerke soll
sich mehr oder tiefer durch den Kakao gezogen fühlen als die lauernde Konkurrenz. Zur Begründung dieser fragwürdigen Vorsichtsmassnahme heisst es einmal mit ironischem Unterton: «Sorry, aber mein Einfluss auf die Agenturwahl der Big Spender ist unterdessen einfach zu gross.» Als ob neuerdings auch Bücher unter die absurde amerikanische Gesetzgebung für Produktehaftung fallen würden…
In Hermann Vaskes «Die zehn Gebote der Kreativität» übergibt Peter Ustinov (Gott) Laptops statt Steintafeln an Dennis Hopper (Moses).
«Selbst geniale Werbung kann nicht verkaufen, was die Leute nicht wirklich wollen.»
> And Now a Few Words from Me. Advertising’s Leading Critic Lays Down the Law, Once and for All von Bob Garfield. McGraw-Hill Publishers, New York 2003. 204 Seiten, Fr. 54.50.
Oliver Classen

Keinen Schritt weiter

Frauenbilder Die Absicht ist ehrenwert, die Ausführung aber zu akademisch: Eine Germanistin dechiffriert und interpretiert weibliche «Körpercodes» in der Werbung.

Frauenbilder Die Absicht ist ehrenwert, die Ausführung aber zu akademisch: Eine Germanistin dechiffriert und interpretiert weibliche «Körpercodes» in der Werbung.Glaubt man Nicole Wilk, ist die Emanzipationsbewegung an den Art Directors spurlos vorbeigegangen. Ihre Diagnose: Zwar seien klar sexistische Anzeigen weit gehend verschwunden, doch habe sich dafür der weibliche Körper als zeichenhafte Hohlform derart verselbstständigt, dass ihm nunmehr jede beliebige Bedeutung eingepflanzt werden könne. Diese Subtilisierung hält Wilk für gefährlicher als verletzende, dafür aber wenigstens angreifbare Diskriminierungen.In ihrer Untersuchung von 100 einschlägigen Anzeigensujets aus dem deutschsprachigen Raum, die 2000 publiziert worden sind, hat sie ein eigentliches System von Paradoxien entdeckt. Da tritt die Familienfrau gegen das Karriereweib oder das magere Mädchen gegen die Leistungsemanze an. Wobei bereits wenige Identifikationsmerkmale genügen: Deuxpièces und Handy sind gleichbedeutend mit «business woman», egal, ob das Setting eine venezianische Gondel oder ein Sitzungszimmer ist. Und bei Kindfrauen genügt deutlich sichtbares Untergewicht für die Botschaft, dass schön ist, wer dünn ist. Dass auch kraft- und willenlos ist, wer spindeldürr ist, bildet laut «Körpercodes» das Rückgrat eines als Schönheitsideal kaschierten «Schwachheitsideals».
Wilk will das Bewusstsein für die Kraft der (weiblichen) Körperzeichen schärfen. Und bietet schweres Begriffsgeschütz auf, das mit Erkenntnissen von Ferdinand de Saussure, dem Übervater der Zeichensysteme, über Roland Barthes bis hin zum Psychoanalytiker Jacques Lacan gefüttert wird. Hauptgewährsmann der Germanistin und Sozialpsychologin ist jedoch der US-Philosoph Charles Sanders Peirce (1839 – 1914). Peirce entwickelte – im Gegensatz zu de Saussures dualistischer Zeichenlehre – nämlich ein triadisches Modell, das zum Zeichen und seiner Bedeutung noch ein reales, von Erfahrungen geprägtes Objekt einschliesst. Mit dem semiotischen Dreieck des Philosophen versucht Wilk zu zeigen, dass und wie Werber den weiblichen Körper inszenieren: Eine Frauenhand, die sanft über ein Auto gleitet, unterstreicht dessen begehrenswerte Form; ein Laptop, der auf eine weibliche Fessel tätowiert ist, verleiht technischem Gerät einen sexy Fetischcharakter.
So weit, so einleuchtend. Schade nur, dass der akademische Jargon das Buch ziemlich unleserlich macht. Zudem finden sich auf den über 300 Seiten nur gerade sechs Abbildungen analysierter Werbesujets. So muss man sich bei den restlichen 96 Motiven auf deren Beschreibung verlassen und das Bild mental (re-)konstruieren.
Das ist doppelt ärgerlich, denn der bewusste Verzicht auf die Reproduktion der analysierten Motive wird durchs aufreizende Buchcover völlig desavouiert. Unverzeihlich aber ist, dass positive Beispiele oder wenigstens Alternativvorschläge gänzlich fehlen. Daher profitiert allenfalls die feministische Werbeforschung von dieser Abhandlung; die kommunikative Emanzipation ist damit jedoch keinen Schritt weitergekommen.
> Körpercodes. Die vielen Gesichter der Weiblichkeit in der Werbung von Nicole M. Wilk. Campus Verlag, Frankfurt/Main. 2002.
324 Seiten, Fr. 50.50.
Mari Serrano

LGK lutscht Rachenputzer

Lang Gysi Knoll (LGK) hat das Schweizer Budget von Fisherman’s Friend im Pitch gewonnen. Als Erstes wird LGK im Juni eine neue Geschmacksrichtung des britischen Rachenputzers lancieren.

Lang Gysi Knoll (LGK) hat das Schweizer Budget von Fisherman’s Friend im Pitch gewonnen. Als Erstes wird LGK im Juni eine neue Geschmacksrichtung des britischen Rachenputzers lancieren.Während Fisherman’s Friend bisher eher im Winter konsumiert werde und ein Machoimage besitze, so LGK-Mitinhaber Silvano Spezia, solle die neue Linie erfrischend sommerlich werden und auch Frauen ansprechen.

Jean Frey schreibt wieder schwarze Zahlen

Verlage Das Verlagshaus Jean Frey AG (JF) weist laut Cash per Ende 2002 einen Halbjahresgewinn von 1,4 Millionen Franken aus.

Verlage Das Verlagshaus Jean Frey AG (JF) weist laut Cash per Ende 2002 einen Halbjahresgewinn von 1,4 Millionen Franken aus.Verlage Das Verlagshaus Jean Frey AG (JF) weist laut Cash per Ende 2002 einen Halbjahresgewinn von 1,4 Millionen Franken aus. Budgetiert war demnach ein Verlust von 600000 Franken. Den Turnaround habe man dank Einsparungen von 12 Millionen Franken erzielt, sagte JF-VR-Präsident Adriano Agosti dem Wirtschaftsblatt. Vier Millionen wurden durch neu ausgehandelte Druckverträge gespart, drei Millionen im
Onlinebereich und der Rest durch Outsourcing und Reduktion der Verwaltungskosten.

PR-KFS und Publiartis lancieren neues Gelato

Die PR-Agentur Karl F. Schneider (PR-KFS) wurde von Divina Food AG mit der Einführung der italienischen Glacemarke Sanson in der Schweiz betraut.

Die PR-Agentur Karl F. Schneider (PR-KFS) wurde von Divina Food AG mit der Einführung der italienischen Glacemarke Sanson in der Schweiz betraut.PR-KFS arbeitet mit der Werbeagentur Publiartis zusammen, mit der sie in der Factory-Gruppe verbunden ist.

Der Sonntag ist voller Rätsel

Sonntagszeitungen FCB Leutenegger Krüll gestaltet die neue Werbekampagne für den SonntagsBlick als Persiflage der Quizshowinflation.

Sonntagszeitungen FCB Leutenegger Krüll gestaltet die neue Werbekampagne für den SonntagsBlick als Persiflage der Quizshowinflation.Die neue Kampagne für die grösste Sonntagszeitung der Schweiz will gleichzeitig deren Fachkompetenz und Unterhaltungswert beweisen, indem sie ernste Newsthemen sowie die Themen des Sportteils und des Magazins in intelligenter Umsetzung spielerisch verknüpft. Böse Zungen könnten prima vista behaupten, das sei dieselbe Bilderrätselkampagne wie für die NZZ am Sonntag. «Eine gewisse Verwandtschaft» stellte auch der Kunde fest, als die Werber von FCB Leutenegger Krüll (FCBLK) ihre Entwürfe fast zeitgleich mit dem Auftauchen der NZZ-am-Sonntag-Plakate präsentierten. Trotzdem hat sich die Agentur durchgesetzt, weil ausser der Basisidee bei der neuen Kampagne für den SonntagsBlick die weitere Ausgestaltung der Bilderrätsel in eine andere Richtung zeigt.
«Wir bebildern Worte mit verrückten Interpretationen», erklärt CD Mike Krüll das Konzept. «Da der SonntagsBlick rätselhafte Vorgänge verständlich aufdeckt, wird dem Betrachter des Rätsels die Lösung gleich mitgeliefert», meint Krüll zur Interpretation der neuen Idee. Da gibt es kein langes Suchen nach versteckten Inhalten. Klar und deutlich wird ein relevantes Zeitungsthema in drei weitere Themen gesplittet – so wie sie auch in den drei Bünden des SoBli vorkommen können. Der sich daraus ergebende vierte Begriff ergibt zusätzlich eine aktuelle Schlagzeile. «So schlagen wir vier Fliegen mit einer Klappe», glaubt Krüll.
Rätselhafte TV- und Kinospots
Etwas mehr Rätselcharakter haben die TV- und Kinospots. Hier soll von den Kandidaten ein für eine Sonntagszeitung relevantes Thema erraten werden, indem sie drei Worte zu einem Begriff zusammensetzen müssen. Die drei Worte müssen anhand von drei Bildern herausgefunden werden, die auf den Walzen eines Spielautomaten nacheinander erscheinen. Dazu spielt sich das ganze Quiz nur akustisch im Hintergrund ab. Allerdings ist der Link zwischen Bild und Begriff so abstrus, dass die Kandidaten keine Chance haben, den richtigen Begriff zu erraten. Der Showmaster liefert schliesslich die richtige Lösung.
Zu diesen Image- kommen Themenspots, die jeweils am Samstag die Schlagzeilen vom Sonntag bekannt machen, ebenfalls auf den drei Walzen eines Spielautomaten. Mit dieser neuen Kampagne soll das Image des SonntagsBlicks korrigiert werden. «Aber nicht zu weit nach oben. Denn der SoBli ist und bleibt Boulevard, wenn auch auf hohem Niveau», präzisiert Krüll.
Die neue Kampagne grenzt sich stark von jener ab, mit der der SonntagsBlick vor Jahresfrist als seriöse, lustvolle Sonntagszeitung mit hoher Fachkompetenz positioniert worden ist. «Heute ist es nicht mehr nötig, so stark auf die Textkompetenz hinzuweisen, denn die einzelnen Sonntagsblätter haben ihre Zielgruppen gefunden», ist Krüll überzeugt.
Sonntagszeitungen Ohne Rätsel ist der Sonntag halb so schön. Das scheint die Kampagnen-Lösung für Sonntagsblätter zu werden, auch bei FCB Leutenegger Krüll für den SoBli. >> S. 7
Andreas Panzeri

Station renoviert ADC-Website

Die Crossmediaagentur Station wurde vom Art Directors Club Schweiz (ADC) beauftragt, den Internetauftritt komplett zu überarbeiten.

Die Crossmediaagentur Station wurde vom Art Directors Club Schweiz (ADC) beauftragt, den Internetauftritt komplett zu überarbeiten.Das Designkonzept wird von Simone Fennel, freie AD und Mitglied des ADC, entwickelt. Die Umsetzung erfolgt bei Station, dessen Mitgründer Patrick Spahr alias Patman ebenfalls ADC-Mitglied ist.

L+F für Chloronag

Die Freiburger Firma Chloronag hat Lesch+Frei in Zürich mit einem Werbeetat beauftragt.

Die Freiburger Firma Chloronag hat Lesch+Frei in Zürich mit einem Werbeetat beauftragt.Bisher realisierte das Unternehmen für Bodentechnik seine Werbemassnahmen selber. Lesch + Frei überarbeitet als Erstes CI und CD.
get_footer();