Uhrenmarketing III Ruedi Külling war einer der erfolgreichsten Werber, bis er 1989 den Bettel hinschmiss, die Uhrenmarke Xemex erfand – und sie vor wenigen Tagen wieder verkaufte. WW Ruedi Külling, haben Sie es schon mal bereut, Ihre Werbekarriere für den Traum einer eigenen Uhrenmarke beendet zu haben?Ruedi Külling Nein. Im Gegenteil: Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Schritt gewagt habe. Es erfüllt mich immer noch mit sehr viel Freude, den ganzen Prozess der Uhrenentwicklung von der ersten Skizze bis zu ihrer Lancierung durchleben zu können, auch wenn sich seit dem 11. September einiges verändert hat und nebst den vielen schönen Erfahrungen in den vergangenen eineinhalb Jahren auch einige schlechte hinzugekommen sind.
Die da wären…
…dass Geschäftspartner, mit denen ich jahrelang sehr gut zusammengearbeitet habe, plötzlich eine sehr schlechte Zahlungsmoral haben und monatelang Rechnungen nicht bezahlen.
Die Zeiten sind derzeit weder für die Werbung noch für die Uhrenindustrie fruchtbar. Weshalb glauben Sie trotzdem an den Erfolg Ihrer Uhrenmarke Xemex?
Erstens, weil die Marke Xemex vor wenigen Tagen von einer Tochterfirma der deutschen Traditionsfirma Osco übernommen worden ist und mit Osco nun eine Firma an der Spitze steht, die viel Power und einen finanziell grossen Background hat. Und zweitens, weil Xemex eine glaubwürdige Marke mit einem einmaligen Erscheinungsbild und einer perfekten Verarbeitung ist.
Sie haben Xemex als Marke verkauft. Wird sie in Zukunft ohne Sie auskommen müssen?
Nein. Ich werde weiterhin für Xemex Uhren designen und die Marke im Ausland repräsentieren. Der tägliche Geschäftskram wird aber ohne mich auskommen müssen (schmunzelt). Dafür werde ich – sofern mir Zeit bleibt – neue Designobjekte entwerfen. Ideen habe ich viele.
Der Verkauf erstaunt ein wenig. Erstens, weil Sie mit der Marke und die Marke mit Ihnen eng verbunden sind. Zweitens, weil es schien, dass es Xemex in Ihren Händen ganz gut gehe.
Es ist nicht so, dass ich Xemex verkaufe, weil ich keinen Erfolg gehabt hätte. Im Gegenteil: Alles, was ich in Xemex hineingesteckt habe, kam zurück: Wir gewannen zahlreiche Preise und eroberten die Zürcher Bahnhofstrasse. Doch um Xemex langfristig eine Zukunft zu sichern, bestand die Notwendigkeit, die Marke in
ein grösseres Unternehmen einzubringen.
Sie mussten jahrelang ohne grosse Werbeauftritte auskommen. Als erfolgreicher Werbeprofi dürfte Ihnen das sehr weh getan haben…
Tat es. Vor allem wenn ich sehe, wie viel Potenzial in der Uhrenbranche brachliegt…
…weil die Werbung im Uhrensegment so schlecht ist?
Ja. Wenn man an gute Uhrenwerbung denkt, kommt einem nur die IWC-Werbung in den Sinn und vielleicht noch Rolex.
Rolex?
Ja, Rolex hat zwar keinen so aussergewöhnlichen Werbeauftritt wie IWC, doch Rolex macht genau das, was zu ihrer Marke passt: Der Werbeauftritt ist stilvoll und besticht durch Kontinuität.
Apropos Werbung: Welche Werbemittel machen Ihrer Meinung nach bei einer Uhrenmarke Sinn?
Wenn ich genug Geld gehabt hätte, hätte ich für Xemex mit Inseraten und PR-Beiträgen in Fachjournalen und mit Plakaten und Touchscreens unter anderem am Zürcher Flughafen geworben.
Und wie sieht die Xemex-Werbung tatsächlich aus?
Ich habe Anzeigenvorlagen, Layouts, Displays, Plakate und PR-Material entworfen, das wir unseren Distributoren in einem Manual zur Verfügung stellen. Wir selber haben nur wenig Werbung geschaltet, vor allem in Fachzeitungen. Unsere Konzessionäre hingegen warben jährlich für zwei Millionen Franken. Weil uns das Geld fehlte, suchten wir auch andere Kanäle: so zum Beispiel die Grammy-Verleihung. An diesem Anlass liessen wir jeweils ein Dutzend Xemex-Uhren versteigern, deren Erlös zur Förderung junger Musiker eingesetzt wurde.
Werden Sie auch in Zukunft – unter der neuen Firmenleitung – einen Blick auf die Xemex-Werbung werfen, bevor sie realisiert wird?
Ja. Osco hat zwar eine eigene Werbe- und Marketingabteilung, doch ich werde weiterhin meine Hände bei der Xemex-Werbung drinhaben.
Stichwort Uhren- und Schmuckmesse Basel: Wie wichtig schätzen Sie die Messe werbetechnisch ein?
Als sehr wichtig. Für dieses Jahr sehe ich aber auch ein wenig schwarz: Es heisst, einige wichtige Grosskunden würden der Messe dieses Jahr fernbleiben, weil sie sich auf Grund der derzeit kritischen Weltlage und der damit verbundenen Terrorängste nicht ins Flugzeug setzen wollten. Trifft dies zu, wäre das für einige Uhrenhersteller fatal.
Auch für Xemex?
Auch Xemex würde darunter leiden, ja.
Grafiker, Werber, Designer – UhrmacherRuedi Külling hat eine erfolgreiche Werbekarriere hinter sich: Der gelernte Grafiker stieg mit 21 bei der Agentur Victor N. Cohen ein, arbeitete sich vom Grafiker über den AD (1963) zum Mitglied der Geschäftsleitung (1966) hoch und übernahm – nach dem Tod des Agenturgründers Victor Cohen – 1976 zusammen mit Bruno Widmer und Jean Girard die Agentur Advico. 1989, ein Jahr nach der Fusion mit Young & Rubicam, verkaufte er seine Anteile an Young & Rubicam und gründete die Firma Külling+Partner Design und spezialisierte sich auf CD und CI.
1994, mit 60 Jahren, erfüllte er sich einen lang ersehnten Wunsch: Zusammen mit Hanspeter Hanschick gründete er die Firma Xemex Swiss Watch, entwarf Logo, skizzierte Gehäuseformen, fertigte Prototypen an und brachte eine Uhrenserie heraus. Heute verfügt Xemex über drei Kollektionen und verkauft jährlich in über 20 Ländern rund 10000 Uhren.
Xemex wurde vielfach ausgezeichnet: 1996 erkor das Fachmagazin Uhren Welt eine von Küllings Uhren zu den besten acht Uhren der Welt. 1997 wurde die Xemex in den Katalog des MoMA New York aufgenommen, 1998 erhielt sie den Roten Punkt des Design-Museums Nordrhein-Westfalen, 2000 wurde das Modell «Avenue Chrono» vom Uhrenmagazin Chronos, 2001 das Modell «Offroad GMT» vom US-Magazin Watchtime zur Uhr des Jahres erkoren – und 2002 bekam Külling bei der ADC-Jurierung in der Sparte Product und Package Design Silber. Seit 2002 verkauft Beyer an der Bahnhofstrasse die Uhren von Xemex.
Külling und Hanschick haben dieser Tage ihre Uhrenmarke an Osco verkauft. Beide arbeiten aber weiterhin für Xemex. (af)
Interview: Annelies Friedli