Werbewirkungsforschung Formale Faktoren wie Grösse, Farben oder Länge üben einen starken Einfluss auf die Wirkung von Anzeigen und Spots aus – die Kenntnis dieser Einflüsse und deren orchestriertes Zusammenspiel optimieren Werbebotschaften.Will man ein wenig Ordnung in die Vielzahl von Faktoren bringen, die Einfluss nehmen auf die Wirkung von Werbung, empfiehlt es sich, zunächst einmal zwischen inhaltlichen und formalen Faktoren der Werbewirkung zu unterscheiden.Zu den inhaltlichen Faktoren zählen der Bezug der Werbung zum Produkt, die qualitative Gestaltung eines Werbespots sowie die Kreativität der Aufmachung – das sind Einflüsse, die sich nur schwer in eine Reihe bringen lassen. Für die Forschung stellen inhaltlich-qualitative Faktoren Knacknüsse dar. Sie sind schwer oder gar nicht zu quantifizieren und oft auch nicht zu identifizieren.
Leichter tut sich die Forschung mit formalen Faktoren wie Anzeigengrösse, Spotlänge, Schaltfrequenz, Einsatz von Farbe in Anzeigen, Heftgrösse oder Platzierung im Heft. Sie bieten den Vorteil, dass man sie selbst ebenso wie ihre Wirkung ziemlich einfach messen kann.
Was ist das Ergebnis all dieser Messungen? Die meisten formalen Faktoren der Werbewirkung wurden jahrzehntelang grenzenlos überschätzt. Zudem galten sie als Steckenpferde der Forscher und als Lieblingskinder der Werber, die ihnen teils immense Wichtigkeit zuschrieben. Tatsächlich aber spielen viele formale Einflussfaktoren eine eher untergeordnete Rolle. Aber nicht alle. Es gilt, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Wichtig ist zum Beispiel die Grösse des Werbemittels. Hier sind die Befunde eindeutig. Das sagt schon der gesunde Menschenverstand. Grosse Anzeigen wirken stärker als kleine Anzeigen. Grosse Plakate erwecken höhere Aufmerksamkeit als kleine Plakate. Aber über diese Binsenwahrheiten hinaus ist die entscheidende Frage natürlich: Wirkt eine doppelt so grosse Anzeige auch doppelt oder gar mehr als doppelt? Oder in Franken ausgedrückt: Wirkt eine grosse und entsprechend teurere Anzeige auch umso stärker, wenn sie mehr kostet? Anders gefragt: Ist sie ihr Geld wert?
Mit Antworten auf diese Frage beschäftigt sich die Werbeforschung seit gut hundert Jahren. So fand der amerikanische Psychologe William D. Scott 1908 heraus, dass grosse Anzeigen überproportional häufiger als kleine beachtet werden. Eine halbseitige Anzeige ziehe rund dreimal so viele Blicke auf sich wie eine viertelseitige. Auf Grund ähnlicher Untersuchungen kam der deutsche Werbeforscher Theodor König 1926 zum Schluss: «Wer für eine achtel Seite bezahlt, erhält somit bei weitem nicht den achten Teil, sondern kaum den zwanzigsten Teil des psychischen Einflusses, den eine ganze Seite hervorbringt.»
Insgesamt sind die Forschungsergebnisse zum Einflussfaktor Anzeigengrösse ziemlich widersprüchlich. Über den genauen Zusammenhang zwischen der wachsenden Grösse von Anzeigen und der dadurch erzielten Steigerung von Aufmerksamkeits-, Erinnerungs-, Wiedererkennungs- oder Werbewirkungswerten liegen recht unterschiedliche Befunde vor:
• Zahlreiche Untersuchungen kamen zum Ergebnis, es bestehe ein stetiger Zusammenhang zwischen Anzeigengrösse und Anzeigenbeachtung. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass dies nicht ganz richtig ist.
• Andere Studien wiederum ergaben, dass die Steigerung der Beachtung unterproportional zur Formatvergrösserung verläuft. Danach gilt also generell für die Werbewirksamkeit unterschiedlicher Anzeigengrössen das Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs.
• Ebenso ist der Wirkungszuwachs bei steigender Anzeigengrösse nicht proportional, sondern unterproportional. Allerdings verläuft die konkrete Wirkungskurve je nach werblicher Problemstellung mal steiler und mal flacher. Während der Wirkungszuwachs bei den kleineren Formatgrössen relativ gross ist, wird der zusätzliche Gewinn bei grossen Formaten immer kleiner.
Starke Starch-Formel Der amerikanische Media- und Werbeforscher Daniel Starch hat den Zusammenhang zwischen Anzeigengrösse und Erinnerung untersucht und kam zum Schluss, dass der Anteil der Personen, die sich an
eine ganzseitige Anzeige erinnern können, aus dem Anteil der Personen, die sich an eine halbseitige Anzeige erinnern können, nach einer einfachen Formel (der Starch-Formel) prognostizierbar ist: Wenn 10 Prozent der Leserschaft eine halbseitige Anzeige sehen, generiert eine ganze Seite zusätzlich 10 Prozent des Rests der Leser – erinnert wird sie also von insgesamt 19 Prozent der Leser. Der Anstieg bei grösserem Format erfolgt also unterproportional.
Versucht man die teils widersprüchlichen Befunde auf einen Nenner zu bringen, lässt sich sicher feststellen: Grosse Werbemittel wirken in der Regel besser als kleinere. Von der Regel gibt es allerdings in der Realität viele Ausnahmen. Meistens ist die Wirkungssteigerung mit zunehmender Grösse unterproportional, das heisst, die Wirkungssteigerung ist oft teuer erkauft.
In Analogie zur Anzeigengrösse gelten dieselben Gesetzmässigkeiten auch für die Spotlänge. Lange Werbespots wirken grundsätzlich stärker als kurze Werbespots, aber nicht in jedem Fall. Zwei kurze Werbespots können beim Fernsehpublikum mitunter besser ankommen als ein langer. Auch hier gilt das Gesetz der
formalen Werbewirkungsfaktoren: Durch Verlängerung oder Verdoppelung erreicht man im günstigsten Fall eine unterproportionale Wirkungssteigerung, selten mehr (siehe Kasten S. 9).
Gesicherte Erkenntnisse gibt es auch zum Thema «Heftstärke». So hat ein 1991 unter dem Titel «Qualitative Resonanzanalyse» veröffentlichter Langzeitvergleich von Copytest-Ergebnissen der Zeitschrift Hörzu unter anderem den Einfluss des Heftumfangs untersucht. Die Studie kam zu folgendem Schluss: In dünnen Heften mit weniger Anzeigen ist der Konkurrenzdruck für das beworbene Produkt geringer. Dicke Hefte nimmt man indes öfter zur Hand, da sie mehr Lesestoff enthalten. Das erste Argument spricht für höhere Erinnerungswerte in dünnen Heften, das zweite für höhere Erinnerungswerte in dicken Heften.
Die Zahlen aus den Hörzu-Copytests liessen keine wesentlichen Unterschiede erkennen. Möglich ist, dass die beiden gegenläufigen Einflüsse – Konkurrenzdruck gegen wiederholtes Lesen – sich gegenseitig in ihrer Wirkung aufheben.
Einen guten Teil der empirischen Forschungsergebnisse zu den Einflussfaktoren der Werbung kann man sich sparen – sie bringen höchstens widersprüchliche Befunde hervor. Der Schlüssel zur Erklärung der Bedeutung von formalen Faktoren liegt im so genannten Orientierungsreflex.
Hauptsache reizvollDie Wahrnehmungspsychologie bezeichnet eine reflexartige, umwillkürliche Reaktion auf aktivierende Reize als Orientierungsreflex. Er stellt den Organismus auf den Reiz ein, sensibilisiert das Informationssystem und vermehrt die Informationszufuhr aus der gesamten Umwelt. Je intensiver ein Reiz ist, desto wahrscheinlicher und desto stärker wird der Orientierungsreflex. Die Reaktion hängt überhaupt nicht vom Menschen selbst ab, sondern einzig und allein vom Reiz.
Die Orientierungsreaktion erfolgt weit gehend automatisch. Sie wird insbesondere von folgenden Aspekten eines Reizes bestimmt:
Intensität, Farbe, Grösse, Neuartigkeit, Ungewissheit. Vor allem Farbe löst starke Orientierungsreaktionen aus und zieht automatisch den Blick des Betrachters auf sich.
Gleichartige Reaktionen kann man von allen Reizen mit starkem Aktivierungspotenzial erwarten. In Anzeigen werden so die stark aktivierenden Elemente im Durchschnitt um rund 40 Prozent häufiger fixiert als die schwach aktivierenden Elemente.
Es gibt im Wesentlichen drei
Eigenschaften von Reizen, die den Orientierungsreflex auslösen:
• Alles, was neu, auffällig, ungewohnt und überraschend ist, führt zur Orientierungsreaktion.
• Alles, was für einen Menschen wichtig ist und ihm sehr angenehme oder sehr unangenehme Erlebnisse verheisst.
• Und vor allem: Alles, was laut, schrill, grell, gross oder farbig ist. Das gilt vor allem für die Farben Gelb, Orange und Rot.
Bunte Anzeigen mit kräftigen Farben wirken daher prinzipiell stärker als Anzeigen, die grau in grau
daherkommen. Aber ihre Wirkung verpufft natürlich wieder in einer Printwelt, in der alles bunt ist. Da wirkt Schwarzweiss auffälliger.
Unerhebliche PlatzierungswahlDiese Orientierungsreaktion erklärt auch, weshalb einige andere formale Faktoren der Werbewirkung ziemlich nebensächlich sind. So zum Beispiel die Platzierung. Ob eine Anzeige rechts oben oder links unten auf einer Seite steht, ob sie sich vorne oder hinten im Heft befindet, ist relativ unbedeutend für ihre Wirkung. Auf jeden Fall gibt es wesentlich wichtigere Aspekte der Werbewirkung als ausgerechnet die Platzierung.
Beim Thema Platzierung zerbrechen sich die Forscher seit langem über ein ganz und gar merkwürdiges Phänomen die Köpfe. In Hunderten von weltweit durchgeführten Untersuchungen bestätigte sich immer wieder die Tatsache, dass die Werbewirkung von Anzeigen in Printmedien von ihrer Platzierung im redaktionellen Umfeld so gut wie überhaupt nicht abhängt. Es gibt jedenfalls stärkere Einflussfaktoren der Anzeigenwirkung als das redaktionelle Umfeld. Es ist also relativ gleichgültig, ob eine Anzeige, die für Schnaps wirbt, neben einem Artikel über die Funktionsweise einer Kreissäge steht.
Ganz anders hingegen wirkt das Programmumfeld in Fernsehen und Radio. Das programmatische Umfeld ist entscheidend für die Wirksamkeit eines TV- oder Radiospots. Darin sind sich praktisch alle Untersuchungen einig, die sich mit diesem Thema beschäftigt haben. Stehen Spots in einem ungünstigen Umfeld, verpufft ihre Wirkung weit gehend.
Den Schlüssel zur Erklärung liefert das Konstrukt der «psychisch-emotionalen Nähe»: Wer einen romantischen Liebesfilm anschaut, ist für einen Werbespot, der den Gebrauch eines Staubsaugers anpreist, nicht «auf Empfang». Wer gebannt der Handlung eines Actionfilms folgt, hat kein Interesse an Haferflocken.
Was sehr angenehme Erlebnisse verheisst, löst beim Menschen einen Orientierungsreflex aus: Hingucker-Anzeige von Diesel.
30 Sekunden wirken wie 75 Prozent von 60 Sekunden
Vergleichende Untersuchungen über die unterschiedliche Wirksamkeit von 30-Sekunden- und 60-Sekunden-Fernsehspots in den USA haben folgende Befunde ergeben:
• 30-Sekunden-Spots erzielen im Durchschnitt eine um etwa 15 Prozent niedrigere Spot-Kenntnis als 60-Sekunden-Spots.
• 30-Sekunden-Spots erzielen die gleiche Motivationswirkung wie 60-Sekunden-Spots.
• 30-Sekunden-Spots sind bei jüngeren Zuschauern wirksamer als bei älteren.
• Zwei 30-Sekunden-Spots erzielen beachtlich höhere Wirkungen im Bereich der Spot-Kenntnis und Kenntnis der Werbeinhalte als ein 60-Sekunden-Spot, der nur einmal eingesetzt wird.
• 60-Sekunden-Spots werden häufig stärker «abgelehnt» als 30-Sekunden-Spots – und zwar immer dann, wenn im 60-Sekunden-Spot die Werbeinhalte zu häufig wiederholt werden.
• 60-Sekunden-Spots sind häufig wirkungsvoller als
30-Sekunden-Spots bei der Einführung neuer Marken,
oder wenn thematisch neue und relativ komplizierte
Werbebotschaften die Werbung einer Marke aktivieren sollen.
• Die Verständlichkeit der Werbetexte leidet nicht, wenn die Zeit von 30 Sekunden auf 24 Sekunden reduziert wird.
• Die Wirkung eines 10-Sekunden-Spots beträgt 78 Prozent derjenigen eines 30-Sekunden-Spots hinsichtlich der Änderung der Markenpräferenz und 60 Prozent hinsichtlich des Recalls (Erinnerung).
• Alles in allem entspricht die Gesamtwirkung von 30-
Sekunden-Spots etwa 75 Prozent der Wirkung von 60-
Sekunden-Spots. (wjk)
Weniger Spotzeit bringt oft gleich viel Aufmerksamkeit.
Wolfgang J. Koschnick