Redaktionelle Liebesdienste
Aufgefallen Die dritte Etappe unserer Reise in die letzten Journalismus-Reservate führt in Rotlichtbezirke. Gefragt ist dort nicht Expertentum, sondern kompromissloser Idealismus.
Kolumne Die dritte Etappe unserer Reise in die letzten Journalismus-Reservate führt in Rotlichtbezirke. Gefragt ist dort nicht Expertentum, sondern kompromissloser Idealismus.Ach Mbwana, das Problem der meisten Journalisten ist, dass sie das Bordellsystem der Medien nicht richtig verstanden haben. Denn letztlich sind wir Medien(an)schaffende alle Prostituierte: Abhängig vom nächsten Kick wie vom nächsten Kunden. Kein schönes Gewerbe also, aber auch kein Grund, den Verstand zu verlieren. Auch wenn sich im Bordell weder Tempo noch Abgebrühtheit, sondern ausgerechnet Unschuld besonders gut und nachhaltig verkauft.Unschuld aber ist eine heikle Ressource – besonders wenn man damit ein Berufsleben lang Geld verdienen muss. Ihre Absenz wirkt dennoch fatal. Ob routinierte Kommentare, Thesenartikel mit einer Halbwertszeit von 24 Stunden oder die gefakten Orgasmen des Hypens und Anti-Hypens – all das langweilt unsere Kundschaft. Kein Wunder, sind die Medien in der Krise.
Immerhin: Die Zeit für Veränderungen scheint günstiger denn je. Es gibt massenweise offene Fragen. Niemand hat die geringste Ahnung, wie es nach Börsencrash und Wirtschaftsskandalen, nach dem Angriff der USA oder in der eigenen Branche weitergehen wird. Überall Chaos, Nebel, Prophezeiungen. Also beste Zeiten für unsereins – smart, halb gebildet und hemmungslos wie wir sind.
Die Voraussetzung ist allerdings, auf Routine-Antworten zu verzichten. Wo selbst Experten uneinig und verwirrt sind, bleiben nichts als Ausflüge ins Unbekannte. Attraktiv wird somit wieder die simpelste Form von Orientierung: der Expeditionsbericht. Ein klassischer Fall für Dilettanten, ergo Journalisten. Und ein durchaus lösbarer, solange man ein paar einfache Regeln beherzigt:
1. Zur Hölle mit den Klarheiten und Klugscheissereien. Glaubwürdig werden Erfahrungsberichte aus der Wüste «Ungewissheit» erst durch Berichterstatter, die nach gewissenhafter Recherche zugeben, trotzdem keine Ahnung zu haben. (Gegenbeispiel: Die Heerschar von Swiss-Kennern.)
2. Kein eigenes Expertentum! Schreiben Sie nie mehr über ein Gebiet, auf dem Sie kompetent, kundig und im Klaren sind. Die eigenen (Vor)Urteile wiederzukäuen, macht uns zu unbeweglichen Ochsen. Wechseln Sie die Gegend und geniessen Sie Risiko und
Panik. (Die WoZ hat ihr Inland-Ressort vorletztes Jahr mit einer Musikjournalistin, einem Layouter und einem Ex-Kampfpiloten ergänzt: erfolgreich!).
3. Berichten Sie schmutzig. 90 Prozent aller Nachrichten sind plastifizierter Unfug. Der kann zwar nicht vermieden (sonst wären die Zeitungen leer), wohl aber gekontert werden. Oder warum werden Bundeshaus-Pressekonferenzen von Jean-Martin Büttner um Klassen besser beschrieben als jene der Konkurrenz? Weil er nicht nur den Statements, sondern auch den Gesten und Versprechern Bedeutung beimisst.
4. Nur keine Angst vor öden Themen. Mit Leidenschaft serviert, werden selbst die langweiligsten Dinge zum Knaller. Beispiel: die NZZ-Philatelieseite von Max Frenkel. «Menschen lesen, was sie interessiert – manchmal ist es eine Anzeige», schrieb dazu der Werber Howard Gossage.
5. Zur Hölle mit den Kompromissen. Hat Gossage Recht – und er hat Recht –, gibt es auf der freien Wildbahn nur eine Strategie der Leserbindung: Faszination. Und
es gibt nur einen Schlüssel, faszinierend zu wirken: Man muss selbst fasziniert sein. Betrügen Sie sich nicht: Journalismus ist Existenzialismus. Niemand wirkt glaubwürdiger, niemand anziehender als derjenige, den seine Sache fasziniert.
Also, Mbwana, falls Sie Erfolg im medialen Rotlichtbezirk haben wollen, befolgen Sie einfach folgende Regeln: 1. Tun Sie nur, was Sie wirklich interessiert. 2. Machen Sie nichts anderes. Und bleiben Sie dabei reinen Herzens.
Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der WochenZeitung (WoZ).
Immerhin: Die Zeit für Veränderungen scheint günstiger denn je. Es gibt massenweise offene Fragen. Niemand hat die geringste Ahnung, wie es nach Börsencrash und Wirtschaftsskandalen, nach dem Angriff der USA oder in der eigenen Branche weitergehen wird. Überall Chaos, Nebel, Prophezeiungen. Also beste Zeiten für unsereins – smart, halb gebildet und hemmungslos wie wir sind.
Die Voraussetzung ist allerdings, auf Routine-Antworten zu verzichten. Wo selbst Experten uneinig und verwirrt sind, bleiben nichts als Ausflüge ins Unbekannte. Attraktiv wird somit wieder die simpelste Form von Orientierung: der Expeditionsbericht. Ein klassischer Fall für Dilettanten, ergo Journalisten. Und ein durchaus lösbarer, solange man ein paar einfache Regeln beherzigt:
1. Zur Hölle mit den Klarheiten und Klugscheissereien. Glaubwürdig werden Erfahrungsberichte aus der Wüste «Ungewissheit» erst durch Berichterstatter, die nach gewissenhafter Recherche zugeben, trotzdem keine Ahnung zu haben. (Gegenbeispiel: Die Heerschar von Swiss-Kennern.)
2. Kein eigenes Expertentum! Schreiben Sie nie mehr über ein Gebiet, auf dem Sie kompetent, kundig und im Klaren sind. Die eigenen (Vor)Urteile wiederzukäuen, macht uns zu unbeweglichen Ochsen. Wechseln Sie die Gegend und geniessen Sie Risiko und
Panik. (Die WoZ hat ihr Inland-Ressort vorletztes Jahr mit einer Musikjournalistin, einem Layouter und einem Ex-Kampfpiloten ergänzt: erfolgreich!).
3. Berichten Sie schmutzig. 90 Prozent aller Nachrichten sind plastifizierter Unfug. Der kann zwar nicht vermieden (sonst wären die Zeitungen leer), wohl aber gekontert werden. Oder warum werden Bundeshaus-Pressekonferenzen von Jean-Martin Büttner um Klassen besser beschrieben als jene der Konkurrenz? Weil er nicht nur den Statements, sondern auch den Gesten und Versprechern Bedeutung beimisst.
4. Nur keine Angst vor öden Themen. Mit Leidenschaft serviert, werden selbst die langweiligsten Dinge zum Knaller. Beispiel: die NZZ-Philatelieseite von Max Frenkel. «Menschen lesen, was sie interessiert – manchmal ist es eine Anzeige», schrieb dazu der Werber Howard Gossage.
5. Zur Hölle mit den Kompromissen. Hat Gossage Recht – und er hat Recht –, gibt es auf der freien Wildbahn nur eine Strategie der Leserbindung: Faszination. Und
es gibt nur einen Schlüssel, faszinierend zu wirken: Man muss selbst fasziniert sein. Betrügen Sie sich nicht: Journalismus ist Existenzialismus. Niemand wirkt glaubwürdiger, niemand anziehender als derjenige, den seine Sache fasziniert.
Also, Mbwana, falls Sie Erfolg im medialen Rotlichtbezirk haben wollen, befolgen Sie einfach folgende Regeln: 1. Tun Sie nur, was Sie wirklich interessiert. 2. Machen Sie nichts anderes. Und bleiben Sie dabei reinen Herzens.
Constantin Seibt ist Redaktor für Politik und Wirtschaft bei der WochenZeitung (WoZ).
