Thomas Biedermann hat zusammen mit Remo Garbini eine Agentur «genau nach Wunsch» gegründet.Im Treppenhaus stolpert man zunächst über Malerinnen und wird beim Interview von der Bohrmaschine des Elektrikers begleitet. Thomas Biedermann und Remo Garbini lassen an der Falkenstrasse im Zürcher Seefeld ein ehemaliges Hotel zu einer Werbeagentur umbauen. «Das war 1866 bei der Eröffnung ein Frühstücksraum», weiss Biedermann. Kaffee wird zwar immer noch serviert, doch aus der lichten Halle ist ein Sitzungszimmer geworden. «Ein geschichtsträchtiger Raum», den die beiden Werber jetzt wieder in den Urzustand zurückversetzt haben. Mit vielen modernen Details allerdings. «Wir haben uns gefragt: Wie muss die Ambiance sein, damit es uns wohl ist beim Arbeiten? Und genau so nach unseren Vorstellungen haben wir es gemacht, von den Böden bis zur IT-Infrastruktur», erklärt Biedermann.«Wenn wir anfangen, dann machen wir es richtig. Wir stellen zuerst physisch eine Agentur hin, und dann beginnen wir zu arbeiten», umschreibt er auch das inhaltliche Konzept. Eine «ganz klassische Werbeagentur» mit Fokus auf Markenführung wolle man sein. So wie sie sich damals eben eine Werbeagentur vorgestellt hätten, als Garbini und Biedermann bereits einmal sechs Jahre lang in Küsnacht bei DDB als Kreative und Berater im gleichen Team gearbeitet haben. Garbini zog es später nach Rüschlikon, Biedermann in das Zürcher Industriegebiet.
Dort wollte er eigentlich Karriere machen. Managing Director Biedermann war bei Wunderman als CEO vorgesehen. Vorher gönnte er sich zusammen mit Frau und Kind aber noch eine Auszeit in Australien. Unter der südlichen Sonne reifte eine neue Erkenntnis: «Ich habe die Nase voll vom grossen Management. Ich will wieder selber Kunden betreuen.» Markenführung, so wie er es früher bei DDB und bei Bosch & Butz gemacht habe.
Garbini und Biedermann kennen die klassische Werbung und die integrierte Kommunikation «aus dem Effeff». Aber in 80 Prozent der Fälle «steuert die klassische Werbeidee die anderen Massnahmen», sind sie überzeugt.
Fünf Leute haben sie zum Start ihres neuen Unternehmens angestellt. Raum gibt es auf dem ganzen Stockwerk für zehn, und eine zweite Etage könnte dazugemietet werden. Von Wachstum zu reden, sei
im Moment allerdings vermessen. «Aber wenn nicht jetzt – wann denn sonst? Wir waren persönlich in dem Stadium, in dem wir den Schritt einfach tun mussten», meinen sie zum Zeitpunkt ihrer Agenturgründung.
Bei Garbini, Biedermann zieht sich eine Fifty-Fifty-Situation durch – von der Beteiligung bis zur Organisation der Arbeit. Damit es keine Pattsituationen gibt, haben sie als Verwaltungsratspräsidenten Jörg Steiner, Vice Chairman von Interbrand Zintzmeyer & Lux, «der wichtigsten BrandingAgentur Europas», gewonnen. Das habe aber nichts mit einem beabsichtigten Netzwerk zu tun. «Wir haben mit unserer Gründung relativ viel Geld in die Hand genommen, da schien es uns sinnvoll, dass eine Art Coach uns berät.» Ein sympathisches Detail: Steiner war damals bei DDB ihr CEO. Als erstes Budget hat Garbini, Biedermann bereits Sony gewonnen. Weiter auf der Liste sind Gate Gourmet und das Zürifäscht. Das sei besser als erwartet, denn man wollte keine Kunden von früheren Freunden mitnehmen.
Diese Haltung hat vielleicht damit zu tun, dass Biedermann einmal als Gestalter für Kirchenfenster angefangen hat. Der altruistisch klingende Job sei aber nicht viel anders als Werbung gewesen. «Man muss mit Künstlern zusammenarbeiten, die ebenso zickig sind wie Leute in der Werbung. Dazu ist eine Kirchgemeinde als Kunde auch nicht einfacher als ein Produzent von Konsumprodukten.» Für Biedermann wäre Musiker ein anderer möglicher Beruf gewesen. Er spielte zuerst Punk und später mit vielen Berner Rockmusikern. Er hatte auch seine eigene Rocksendung in den Gründerzeiten von Radio Förderband. Heute ist die Musik aber fast verstummt – denn semiprofessionell wollte er nicht sein. «Musik mache ich nur schlechter, und im Job bringe ich es auch nicht» – da zog er es vor, in der Werbung alles richtig zu machen.
Noch hängen keine Bilder an den Wänden seiner neuen Agentur: Thomas Biedermann.
Andreas Panzeri