Bankenmarketing Die Raiffeisenbank zielt mit einer neuen Kampagne auf die Bedürfnisse urbaner Kunden. Dazu setzt sie von Pucci Sulzer realisierte TV- und Kinospots ein.Schweizer verhalten sich polygam – wenn es um ihre Banken geht. Im Schnitt unterhält jeder Schweizer 1,7 Bankenbeziehungen. In den vergangenen Jahren sind immer mehr Schweizer eine Partnerschaft mit der Raiffeisenbank eingegangen. «Zum grossen Teil dank unserer Leistungen und unserer Glaubwürdigkeit», sagt Thomas Gmünder, Werbeleiter beim Schweizer Verband der Raiffeisenbanken (SVRB). Zum anderen hätten die Mitbewerber diesen Trend «sicher nicht verhindert», ergänzt Gmünder verschmitzt. Um satte 35 Prozent ist der Kundenstamm der Raiffeisenbanken zwischen 1998 und 2002 gewachsen. Noch imposanter ist der Anstieg der Mitgliederzahl in den vergangenen vier Jahren: plus 44 Prozent. Rund 1,1 Millionen Schweizer sind nun auch Miteigentümer eines der rund 480 selbstständig und genossenschaftlich organisierten Geldinstitute. Als Folge davon vergrösserte sich die Bilanzsumme des Bankenverbands um knapp 40 Prozent (siehe Kasten).
Hohe Sympathiewerte
Ein positives Bild der Raiffeisenbanken zeichnen auch Imagestudien. So erkor Reader’s Digests Verbraucherstudie «European Trusted Brands» unter den einheimischen Marken Raiffeisen zum vertrauenswürdigsten Geldinstitut – weit vor den Kantonalbanken und den Finanzkonzernen UBS und CS Group.
Ebenso wenig erstaunt es, dass die Kleinbanken in der Branche die höchste Weiterempfehlungsrate aufweisen. Vom Vertrauens- und Kundenverlust bei den Grossbanken, sprich vom Gegentrend zur Globalisierung profitierte keine andere Bank so stark wie die Raiffeisengruppe. Gmünder führt diesen Effekt auf den starken und guten Brand des Instituts zurück, der im Unterschied zu den heterogen auftretenden Lokal- und Kantonalbanken ein einheitliches, wiedererkennbares Profil hat und dies seit Jahren. «Natürlich werden Bilder und Aussagen dem Zeitgeist angepasst und modernisiert», räumt der Werbeleiter ein. «Der Grundgedanke, wofür die Marke steht, aber bleibt.»
Historie als Markenbonus
Raiffeisens USP, die Kundennähe, wird nicht nur durch das flächendeckende Bankstellennetz gewährleistet. Sie gewinnt ihre Glaubwürdigkeit durch die traditionsbedingte, bodenständige soziale Stellung, die das Finanzhaus vorab in ländlichen Gebieten seit jeher innehat. Der grosse Markenbonus der solid-konservativen Bank geht vor allem auf die Historie des Instituts und die hohen moralischen Massstäbe ihres Gründers Friedrich Wilhelm Raiffeisen zurück. Dass sich das rurale Bild bis heute hält, hängt mitunter damit zusammen, dass die Raiffeisengruppe erst Anfang der Neunzigerjahre einen schweizweit einheitlichen Werbeauftritt entwickeln liess. Und es sollte nochmals einige Jahre dauern, bis man mit dem Start der Kampagne «Wir machen den Weg frei» 1998 den Schritt ins Medium TV wagte.
Mit der erfolgreichen Expansion in urbane Gebiete hat sich aber das Bedürfnisspektrum der Raiffeisenkunden erweitert. Zur bisherigen Kernkompetenz im Spar- und Hypothekarbereich, die auch in der Kommunikation im Vordergrund stand, sind die beratungsintensiveren Anlage- und Vorsorgebereiche hinzugekommen. Und genau in diesen Feldern haben die Kommunikationsverantwortlichen ein Manko festgestellt. Dieses Imageproblem galt es nun vor allem bei potenziellen Neukunden und -mitgliedern abzubauen.
Verlässlicher Partner
In Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen für Kommunikation beim SVRB entwickelte die Zürcher Agentur Pucci Sulzer Strategie und Konzept zur Weiterentwicklung des seit 1998 erfolgreichen Markenversprechens, um Raiffeisen als beratungsstarkes Finanzunternehmen für Retailkunden bei der Zielgruppe zu verankern. «Wir zeigen nicht nur wie bisher, dass die Raiffeisenbank den Weg frei macht, sondern auf eine emotionale Art und Weise auch, wie sie das macht», sagt CD Däni Sulzer. «Nämlich als verlässlicher Partner, der einem in allen Lebensabschnitten beisteht und weiterhilft, wenn es um Geldangelegenheiten geht», ergänzt Gmünder.
Aus diesem Konzept entstanden im Kreativteam ein Kino- und drei TV-Spots, in denen kurze Lebensepisoden der dicken Freunde Tim und Marc das persönliche Verhältnis symbolisieren, das Raiffeisenbanken analog zu ihren Kunden pflegen. «Mit den Spots des isländischen Regisseurs Agust Baldursson und den flankierenden Anzeigen und Plakaten wollen wir die Kundennähe in den Mittelpunkt rü- cken und Raiffeisen als Partner für komplexe Finanzangelegenheiten wie die Eigenheim-Finanzierung, die Geldanlage und die Vorsorge positionieren», erklärt Berater Frank Mitteldorf. Der neue Auftritt lässt auch den bevorstehenden Weg erahnen, den die Regionalbankengruppe nehmen wird: vom nahezu ungebremsten Höhenflug zur Konsolidierung.
Raiffeisen ist die drittgrösste Schweizer BankMit 1300 Bankstellen sind die Raiffeisenbanken im ganzen Land vertreten. Nicht allein die räumliche Nähe, sondern «ausgeprägte Kundennähe» führt nach Darstellung des Instituts dazu, dass rund zwei Millionen Einwohner der Schweiz bei einer Raiffeisenbank Kunde sind. Über 1,1 Millionen Personen dürfen sich als Genossenschafter auch als Mitbesitzer einer der 480 Raiffeisenbanken wähnen. Der Verband aller dieser Institute wies am 30. Juni eine Bilanzsumme von 93,3 Milliarden Franken auf, er verwaltet 72,4 Milliarden Franken Kundenvermögen und steht damit an dritter Stelle im Schweizer Bankenmarkt. Im klassischen Kundengelderbereich (Spareinlagen, Kassenobligationen) halten die Bank-Genossen einen Marktanteil von 17 Prozent. Nahezu jeder vierte Hypothekarkredit in der Schweiz stammt von einer Raiffeisenbank, das ergibt eine Hypothekensumme von 71,2 Milliarden Franken und entspricht einem Anteil von 13 Prozent des schweizweiten Hypothekarmarktvolumens. (la)
Raiffeisenbanken und ihre Kunden sind wie gute Freunde und halten ein Leben lang zusammen.
Luca Aloisi