Essay Menschen fusionieren anders als Unternehmen: emotionaler, medienwirksamer und deshalb – bei entsprechender Prominenz – mitunter einiges profitabler. Was Welt-AG wie DaimlerChrysler von Ich-AG wie den Beckhams lernen können und sollten.Die Mediengesellschaft definiert Werte neu. Das weiss auch Jürgen Schrempp. Dennoch muss der – von der Wirtschaftswoche kürzlich zum zweitschönsten Manager gekürte – Chairman und CEO von DaimlerChrysler einige der neuen Spielregeln erst noch lernen.Der Wert seines Unternehmens ist heute, nach der Fusion von Daimler Benz und Chrysler Corporation, geringer als vor der gross annoncierten «Partnerschaft unter Gleichen» 1998. Seine Theorie, dass die Industriekultur der Autoproduktion mit grösseren Mengengerüsten in die Zukunft gerettet werden kann, ist von der Praxis noch nicht bestätigt worden. Werkschliessungen in den USA und der tiefere Börsenkurs unterstützen vielmehr Vermutungen, dass Grösse allein heute kein taugliches Erfolgsrezept mehr ist.
Glaubt man dem Wirtschaftswissenschaftler Georg Franck, so wird die Ökonomie der Aufmerksamkeit in Zukunft die Wertschöpfung bestimmen. Überprüfen Sie diese These selbst und stellen Sie sich bloss einen Moment lang vor, Schrempp würde morgen einen neckischen Pferdeschwanz tragen. Halten Sie es für das Hairstyling-Unternehmen Brylcreem lohnend, den Schwaben als Testimonial zu sponsern? Kann er zusammen mit seinem Partner von Chrysler, Dieter Zetsche, mit einer einzigen Promotiontour durch Asien die Marke DaimlerChrysler vom Karossenimage befreien und auf die Popularitätsstufe eines Lifestyle Brands heben? Hat er die Gabe (sprich: die Ausstrahlung), innerhalb von vierundzwanzig Stunden Vorbild für eine ganze Generation japanischer Konsumenten zu werden? Sie dafür zu begeistern, seine Haartracht zu übernehmen? Sie vor Entzücken in Kaufräusche zu versetzen, die der Welt-AG DaimlerChrysler zugute kommen?
Die Hochzeit als Promoevent
Es gibt ein Unternehmen, für das man diese Fragen bejahen kann, ja muss: «Beckham». Im Juni dieses Jahres haben sie vorgemacht, wie es geht: Nach ihrer Asientournee wurde die Marke «Beckham» vom Londoner Observer auf einen neuen Höchststand von 200 Millionen Pfund geschätzt. Zur Erinnerung: 1999 fusionierten die beiden Ich-AG Victoria Caroline Adams und David Beckham zum Human-Power-Brand «Beckham». Der Kommunikationschef von Vodafone, Mike Caldwell, brachte es auf den Punkt: «Der Mittelstürmer David Beckham wird kultur- und generationsübergreifend bewundert. Er ist bei Grossmüttern genauso beliebt wie bei deren Enkeln. Und bei Fussballfans wie bei Sportmuffeln gleichermassen ein Lifestyle-Hero.»
David Beckham verkörpert ein neues Geschlechterbild, jenes des Metrosexuellen; eine neue Spezies von Mann, ein selbstverliebter, femininer Macho, der sich in den Weltmetropolen gedeihlich vermehrt. So avancierte er 2002 zum ersten männlichen Coverstar des internationalen Modemagazins Marie Claire. In diesem Jahr promotete er Frisuren, schwarz lackierte Fingernägel und seinen nackten, in Babyöl getauchten Oberkörper in einer Special Edition des Lifestyle-Titels GQ. Seine drei bisher erschienenen Autobiografien rangieren auf der britischen Bestsellerliste direkt hinter Harry Potter. Seine Frau Victoria wiederum ist, so der Verlagssprecher von Penguin Books, die «Queen of Pop Culture». Er muss es wissen: Sein Verlag bot die bisherige Rekordsumme von
1,5 Millionen Dollar für die Rechte an der Autobiografie des ehemaligen Mitglieds der erfolgreichsten weiblichen Popband Englands, der Spice Girls.
Während üblicherweise Werbe- und PR-Budgets investiert werden müssen, um die Öffentlichkeit über eine Fusion zu informieren, gelang es «Englands neuer Prinzessin Diana» (The Times) und ihrem David, selbst aus dem Vollzug ihrer zivilrechtlichen Zweckgemeinschaft Kapital zu schlagen. Immerhin eine Million Pfund blätterte die People-Postille OK hin, um exklusiv über diese Mutter aller Hochzeiten berichten zu dürfen.
Wa(h)re Aufmerksamkeit
Was aber verkauft der Human Brand «Beckham» eigentlich? Ganz einfach: Talking Value, soll heissen: Gesprächsstoff für Menschen und Märkte, und das weltweit. Die Ehe von Victoria und David zeigt den tieferen Sinn von Fusionen unter neuen Bedingungen der Mediengesellschaft: Es geht längst nicht mehr darum, mehr vom Gleichen zu organisieren (wie etwa grösse-
re Stückzahlen in der Autoproduktion). Das Mehr muss heute anders sein. Erregung, Fokussierung und Lenkung von Aufmerksamkeit heisst das Ziel – das zugleich ein Spiel ist. Es geht um neue Formen für die ewig gleichen Inhalte, um den zeitgemässen Abbau von Komplexitäten.
Im Fall «Beckham» wird aus den zwei Geschichten einer Frau und eines Mannes das eine Thema Liebe. Der Mythos ewiger, romantischer Liebe lässt sich unter Medienbedingungen in die Ressource einer hoch profitablen «Attention Firm» verwandeln. Diese bietet emotionale Dienstleistungen, die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit gewährleisten. Das Gespräch von Menschen über Menschen reduziert die Alltagskomplexität und schafft zudem sozialen Mehrwert. Das weiss nicht
nur Dieter Bohlen. Mediales Halbwissen um intime Details von Stars schweisst ganze Nationen zusammen. Es schafft gemeinsame Identifikationsfiguren und erst noch menschliche Nähe.
Man kann das britische Dream- team verachten oder vergöttern, ein gemeinsames Thema hat man auf jeden Fall. «Beckham» fungiert also nicht bloss als Projektionsfläche für individuelle Träume und Sehnsüchte, der «Brand» schafft auch einen Marktplatz kollektiver Interessen. «Linking Values», Bindungsangebote entstehen – und werden aggressiv vermarktet. Von der so erreichten Wertschöpfung können andere Dienstleister nur träumen. Dass Persönlichkeiten selbst deutlich
medienwirksamer (und damit mehrheitsfähiger) sind als werbeintensive Parteien und deren Programme, haben zuletzt die Arnie-Wahlen in Kalifornien eindrucksvoll bestätigt.
Die Manager müssen ran
Mit der Fussball-Weltmeisterschaft 2002 hat David Beckham das Tennis-Starlet Anna Kurnikowa auf den zweiten Platz der Sport-Top- 10 bei Google verdrängt. Gibt es einen besseren Beleg für die Kraft dieses globalen Human Power Brand? In der Wirtschaft von morgen wird mit Aufmerksamkeit gehandelt; Sportler und andere Medienstars haben dabei die besten Startchancen.
Industriekapitäne hingegen sind weder Athleten noch Pop-Promis. Sie lassen Waren herstellen und organisieren deren Vermarktung. Ihr Geschäft ist die Nutzwertproduktion. Symbolproduzenten kreieren zwar nach ihren Massgaben die jeweilige Marketingstrategie, ansonsten aber können Manager für die Wertsteigerung ihres Unternehmens wenig tun. Falsch! Und verhängnisvoll! Denn was nicht in den Medien verhandelt wird, existiert auch nicht. Diese absolutistische Formel bestimmt die Wertschöpfung in der Mediengesellschaft schon heute. Wer sich Aufmerksamkeit beschafft und sichert, bekommt auch das Geld. Genau das könnte und sollte Jürgen Schrempp von den Beckhams lernen.
Die Mediengesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Erfolge werden über Castings und Rankings entschieden. Gewinnen, und zwar um jeden Preis, that’s the name of the game. Ob im Sport oder in der Wirtschaft: Zweitplatzierte werden immer schneller zu Verlierern. Unter dieser Prämisse muss man die Ehe von Victoria und David und die Fusion unter Gleichen von Daimler und Chrysler sehen – und vergleichen. Nicht zuletzt unter der Fragestellung, wer macht mehr Profit und warum? Das heisst: Wer hat die Spielregeln der Mediengesellschaft verstanden, und wer versucht die Erfolgsstrategien der Industriekultur in die Zukunft hinüberzuretten? Kurzum: Wer macht den besseren Job? Die Fusionen zur Ich-AG «Beckham» haben weniger Investitionen gekostet und mehr Profit gebracht als die Verschmelzung der Autoproduktion einer Welt-AG von DaimlerChrysler, lautet die Zwischenbilanz. Because there’s no business without showbusiness…
> Peter Wippermann ist Buchautor, Gründer des Hamburger Trendbüros
und Professor für Kommunikationsdesign an der Universität Essen.