Komplizenhafte Journaille
Aufgefallen Auf Terror reagieren Medienmacher häufig mit Panikmache statt Aufklärung, speziell in Italien. Urlaubsimpressionen von der sommerlichen Nachrichtenfront.
Alltagsgespräche mit italienischen Freunden und Bekannten aber zeigten: Die Angst vor weiteren Terroranschlägen, welche die italienischen Medien geradezu sadistisch schüren, sitzt allen tief in den Gliedern. Was die italienischen Medien dagegen kaum kommunizieren: Wie einerseits die Bevölkerung noch immer, zumal im Süden, tagtäglich von Mafia, Camorra und N’Drangheta terrorisiert wird; und wie gering andererseits das Risiko ist, persönlich zum Opfer eines islamis-tischen Selbstmordattentäters zu werden. Zugespitzt formuliert begibt sich ja auch nicht in Lebensgefahr, wer ein Flugzeug besteigt, sondern wer in Italien einen Zebrastreifen überquert.
Welcher Schaden ist mit der Al-Quaida-Hysterie beispielsweise dem italienischen Tourismus zugefügt worden? Das mag ermessen, wer um die südlich der Alpen noch weit verbreitete Flugangst weiss und einmal erlebt hat, wie viele Menschen nach einer Routinelandung ihrem Alitalia-Piloten euphorisch Beifall spenden.
Aber die italienischen Medienmacher – -macherinnen gibt es immer noch wenige – haben nicht nur unverantwortlich, sondern einfallslos, ja einfältig agiert. Einfallslos, weil gerade im Sommerloch, wenn die PR-Maschinerie nicht ganz so zuverlässig wie sonst die Medien füttert, tausend andere Themen darauf gewartet hätten, journalistisch «entdeckt» zu werden. Und einfältig, weil sie in mangelnder Bereitschaft zur Selbstreflexion offenbar nicht darüber nachdenken, wem sie da in die Hände arbeiten. Im Konkurrenzkampf um Quoten und Auflagen werden Journalisten schneller zu Terror-Komplizen, als sie sich vorstellen können. Dabei werden sie doch eigentlich für schnelles Denken und nicht für Gedankenlosigkeit bezahlt.
Obigen Antrag auf Strafmilderung stelle ich im Übrigen für den Fall, dass Werbewoche-Leser, die in den letzten vier Wochen eifriger als ich italienische Medien konsumiert haben, zu einem gänzlich anderen Eindruck gekommen sein sollten. Wie gesagt, es handelt sich dieses Mal urlaubshalber eher um Impressionen als um eine empirisch erhärtete Inhaltsanalyse.
> Stephan Russ-Mohl ist Publizistikprofessor an der Universität Lugano.
