Die neue Weihnachts-Beleuchtung der
Zürcher Bahnhofstrasse weckt Emotionen. Gute und schlechte. Die
Bevölkerung lehnt das Werk vorderhand mehrheitlich noch ab. Wie aber
urteilen die Profis? Die Raymond Loewy Foundation lädt alle Jahre 30
der Top-Designer aus aller Welt zum traditionellen Design Summit in
St.Moritz. Bei einem Zwischenhalt in Zürich haben die internationalen
Stars des Design auch einen Augenschein an der Bahnhofstrasse genommen.
Die Werbewoche war dabei und hat fachmännische Stimmen zum neuen
Zürcher Wahrzeichen eingefangen.
bekloppt
Michael Erlhoff, Professor für Design Geschichte und Theorie an der International School of Design in Köln:
«Ich finde die neue Dekoration für Weihnachten völlig bekloppt, denn
Weihnachten ist auch kitschig. Das muss so sein und Zürich hatte eine
hinreissende, die schönste Weihnachtsbeleuchtung der Welt. Ab Januar
finde ich die neue Dekoration hervorragend als eine allgemeine
Strassenbeleuchtung. Wunderbare Idee, das könnte ein Markenzeichen für
Zürich sein. Aber wirklich nicht für Weihnachten.»
schön
Lisa Strausfeld, Agentur Pentagram, New York:
«I love it. Es zeigt mir wieder einmal, dass europäisches Design viel
besser ist als amerikanisches. Streng, elegant, schön ausgeführt.»
fantastisch
Ruedi Baur, Atelier Intégral, Leiter Institut für Design an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich:
«Ich finde es absolut fantastisch, dass die Stadt Zürich so etwas
gewagt hat und dass das Gewerbe selber so etwas finanzieren wollte. Die
Beleuchtung zeigt eine neue Dimension, was Weihnachtsbeleuchtungen sein
könnten. Ich verstehe, dass das Diskussionen auslöst. Das ist aber mit
allen Dingen so, die neu sind. Neuigkeiten können nie allen sofort
gefallen. Ich bin sicher: In zwei Jahren wird die neue Beleuchtung
akzeptiert sein und Zürich repräsentieren. Man wird im Ausland darüber
reden und plötzlich wird Zürich sogar stolz darüber sein. Auf jeden
Fall ist das neue Licht tausendmal besser als die Bären vom letzten
Sommer.»
technologisch
Cheng-Neng Kuan, Gründer Department of Industrial Design Shih-Chien University in Taiwan:
«Es ist technologisch interessant als Installation – aber es verfehlt
seinen Zweck, an Weihnachten ein bisschen Gefühle zu wecken. Zu kalt.»
kühl
Jörg Zintzmeyer, Zintzmeyer & Lux, Zürich, Gestalter der aktuellen Schweizer Banknoten:
«Ich finde es ein schönes Kunstwerk. Es ist auch genial, dass so etwas
überhaupt finanziert werden kann. Das finde ich toll. Aber ich finde
auch, dass Weihnachten Kitsch ist. Und da darf es auch ein bisschen
Lämpchen haben und wunderschön sein. Aber man kann nicht alles
gleichzeitig haben. Für mich ist es zu kühl geworden, aber geben wir
dem Objekt mal seine Chance.»
steril
Pia Bech Mathiesen, Director of Design Danish State Railwys:
«Als ich in Dänemark zum erstenmal Bilder vom Entwurf gesehen habe,
dachte ich: Wow, das wirkt interessant. Als ich die Dekoration dann in
Realität sah, empfand ich: Was für eine Schande, dass Zürich so etwas
für Weihnachten macht. Ich finde es zu steril. Weihnachten ist
eine Angelegenheit für die Herzen und löst bei den meisten Menschen
romantische Sehnsüchte aus. Das kann das neue Licht nicht. Es ist eine
grossartige Installation. Diese dürfte aber nicht in Konkurrenz zu
allen anderen altmodischen Lichtern an der Bahnhofstrasse stehen.
Zuviel blaues Licht, das nicht zum warmen Licht der anderen
Dekorationen an den Fassaden der Geschäftshäuser passt. Ich würde gerne
die Absicht des Gestalters kennen lernen. Aber wenn die Absicht eine
grosse Kontroverse war, dann ist das Experiment gelungen.»
gewöhnungsbedürftig
Paolo Tumminelli, Mailand, Designer für Alfa Romeo, Rosenthal, Ferrari, Versace.
«Als Weihnachtsbeleuchtung hat es mir nicht gefallen. Die
weihnächtliche Stimmung kommt nicht rüber. Als Beleuchtungskonzept
hingegen gefällt es mir sehr. Im öffentlichen Bereich ist jede Neuheit
allerdings ein Grund zur Enttäuschung. Das war auch in Mailand mit
einem wunderbaren Denkmal von Aldo Rossi so, das heute heiss geliebt
wird. Alles braucht seine Zeit.»
mutig
Hanspeter Danuser, Verkehrsdirektor St. Moritz:
«Ich finde die Beleuchtung grossartig. Elegant und vor allem auch: «it
makes the difference». Anders als alle anderen, genau wie vor mehr als
zwanzig Jahren, als man die alte Dekoration eingeführt hat. Es spricht
für Zürich, dass man einmal mehr etwas Innovatives gewagt hat. Das alte
Zürcher Muster haben wir auch in St.Moritz übernommen und auch wir
haben hier vor dem Hotel Palace jetzt etwas Neues. Mir imponiert, dass
Zürich immer wieder neue Trends setzen will. Coole Stadt.»
aufregend
Garth Walker, Orange Juice Design, Ogilvy Südafrika:
«Ich finde es fantastisch. Ich kann nicht verstehen, wieso sich die Leute darüber aufregen.»
Lars Müller, Publizist für Design Literatur in Baden:
«Die Beleuchtung würde besser wirken, wenn all die anderen Lichter an der Bahnhofstrasse ausgeschaltet werden.»
avantgardistisch
Johann Tomforde, Managing Director hymer/idc Innovation- and Design Center, Professor in Pforzheim:
«Zürich ist ein bisschen auf der Suche nach Weltstadt-Niveau. Einige
Sachen hier sind hervorragend, viel Subkultur. Aber man muss jetzt
nicht um jeden Preis mit einem avantgardistischen Design-Element
versuchen, eine vorweihnächtliche Atmosphäre anders zu evozieren.»
Umfrage: Andreas Panzeri