Digitalradio Das auf UKW aufsetzende HD-Radio könnte eine taugliche Alternative zum bekannten Digitalradio (DAB) sein.Markus Ruoss ist nicht nur Besitzer von
Radio Sunshine, sondern auch Fachmann für die Verbreitung von
Radiosignalen. Als solcher hält er die DAB-Technologie für Lokalradios
nicht geeignet. Deshalb hat Ruoss mit seinem Radio vor kurzem einen
Versuch mit HD-Radio gestartet. Ende Juni präsentierte er in Luzern
Experten und Medienleuten aus halb Europa erste Ergebnisse. Doch was ist HD-Radio? Es ist der Versuch, den Radioempfang
kostengünstig zu digitalisieren.
Im Gegensatz zu DAB basiert das in den
USA seit rund einem Jahr in Betrieb stehende HD-Radio nämlich völlig
auf der bereits vorhandenen UKW-Infrastruktur. Dabei werden den
UKW-Frequenzen «digitale Rucksäcke» mitgegeben, die bis zu fünf
digitale Programme transportieren können. Dieses Verfahren hat den
grossen Vorteil, dass die bestehende Infrastruktur im Sendebereich
weiter genutzt werden kann.
Die Technologie funktioniert jedoch nur mit
neuen HD-fähigen Empfangsgeräten. Die Investitionen für die
Radiostationen sind aber im Vergleich zu DAB eher bescheiden (bei Radio
Sunshine rund 200’000 Franken), weshalb ein paralleler Betrieb von UKW-
und Digitalradio auch über einen sehr langen Zeitraum problemlos ist.
Für ihn ist die Digitalisierung des Radios denn auch eine Evolution und
keine Revolution. DAB muss dagegen aus Kostengründen einen allzu langen
Parallelbetrieb vermeiden. Denn Kostenvorteile bietet DAB erst dann,
wenn die UKW-Sender abgeschaltet werden können.
Nutzen zu wenig ersichtlich
Das grosse Problem der Digitalisierung besteht letztlich darin, dass
der Nutzen für das Publikum viel zu wenig augenfällig ist. Nicht
zuletzt deshalb verlief auch die Entwicklung bei DAB bisher (mit
einigen Ausnahmen) sehr zurückhaltend. Auch wenn die Zahl der
angebotenen DAB-Empfänger und der Verkaufsstellen immer weiter zunimmt,
hält sich das Publikum stark zurück. Dies hängt unter anderem damit
zusammen, dass Radio in den letzten Jahren zu einer Art Zugabe
mutierte. In immer mehr Geräten ist zusätzlich noch ein
Radioempfangsmodul eingebaut. Der Konsument kauft also immer weniger
bewusst ein Radiogerät. Dies zeigen auch die Ergebnisse der soeben
publizierten Medienbudgetstudie des Verbandes Schweizer Presse. Die
Ausgaben für Radiogeräte haben sich seit 2003 von 52 auf 22 Millionen
Franken mehr als halbiert. Das sind noch ganze sieben Franken pro
Haushalt und Jahr.
Von Seiten der DAB-Verfechter (speziell der SRG) wird dazu ins Feld
geführt, dass die Attraktivität des Radios durch die vielen neuen
Radioprogramme stark steige und dass deshalb auch bald wieder mehr für
Radiogeräte ausgegeben würde. Dem hält Ruoss entgegen, dass jedes
zusätzliche Programm zuerst finanziert sein müsse. Eine Studie der
Goldmedia von 2004 hat gezeigt, dass das Potenzial für zusätzliche,
durch Werbung finanzierte Sender in der Schweiz eher beschränkt ist.
Für eine Angebotserweiterung stehen deshalb Programme im Vordergrund,
die bisher nur über Kabel oder Internet (wie zum Beispiel die Palette
von Radio 105) verbreitet wurden. HD-Radio ist für solche Programme
dagegen keine Alternative, weil sie ja keine UKW-Frequenz besitzen, auf
der sie huckepack mitreiten können.
Neue Perspektiven
Nachdem die HD-Radiotechnik auch in der Schweiz zu funktionieren
scheint, ergeben sich für die einheimische Radiolandschaft durchaus
erfreuliche Perspektiven: Die Lokalradios haben die Möglichkeit, mit
HD-Radio ins digitale Zeitalter einzusteigen, die SRG sowie die
sprachregionalen Spartenprogramme setzen dagegen auf Digitalradio. Zwei
wesentliche Fragen bleiben allerdings offen: Wird die Geräteindustrie
Empfangsmodule anbieten, die sowohl UKW als auch die beiden digitalen
Technologien DAB und HD-Radio anbieten? Und werden die Hersteller von
Handys, iPods, Autoradios, Stereoanlagen etc. diese Module in ihre
Geräte einbauen?
Wenn das der Fall ist, wird das Publikum sozusagen mitgenommen. Es muss
sich nicht bewusst für Geräte mit Digitalempfang entscheiden, es kauft
sie einfach mit, erfährt dabei die Vorteile von Digitalradio und wird
auch bei einem bewussten Kauf eines Radiogerätes auf diese Technologie
achten.
Ueli Custer