Regionalpresse Der Landbote steht vor der Kooperation mit der Thurgauer Zeitung. Warum?Der Zürcher Landbote soll mit der Thurgauer Zeitung auf redaktioneller Ebene kooperieren. Entsprechende Gespräche zwischen den Chefredaktionen sind abgeschlossen und ein Grobkonzept liegt vor. «Jetzt warten wir nur noch auf den Entscheid des Verwaltungsrates», erklärt Landbote-Chefredaktorin Colette Gradwohl. Der genaue Inhalt des Konzeptes ist nicht bekannt, die Verantwortlichen wollen dazu nichts sagen. Geht es um die Nutzung von Synergien zwischen Regionalzeitungen – womit in erster Linie Einsparungen gemeint sind –, dann ist ein Mantelteil mit gemeinsamen überregionalen Ressorts die Regel. «Ich kann mir vorstellen, dass wir noch in diesem Jahr Klarheit darüber bekommen, wie es weitergeht», sagt Andreas Netzle, Chefredaktor der Thurgauer Zeitung.
Landbote baute Position ausDoch warum soll der Landbote kooperieren? «Der Landbote steht nicht schlecht da», sagt Gradwohl. Ein gutes Jahr nach dem Totalumbau des Blattes von der angestaubten Stadtzeitung zum modernen Forumsblatt konnte der Landbote seine Position halten und leicht ausbauen. Stellenabbau ist daher offenbar kein Thema. «Im Moment besteht kein Handlungsbedarf», sagt Gradwohl. «Das kann sich aber ändern.» Die Chefredaktorin ist jedoch überzeugt, dass eine Kooperation mit der Thurgauer Zeitung Sinn mache.
Warum sich eine Winterthurer Regionalzeitung stärker in Richtung Ostschweiz orientieren soll, statt gegen die Kantonshauptstadt Zürich, wohin die Pendlerströme fliessen, will jedoch nicht so recht einleuchten. Man könnte vielmehr den Eindruck bekommen, der Landbote gerate im Kreuzfeuer der Interessen zunehmend ins Abseits.
Klar ist, dass die Tages-Anzeiger-Herausgeberin Tamedia mit ihrer 20-Prozent-Beteiligung in Winterthur und den 100 Prozent an der Thurgauer Zeitung nach Synergien sucht, um den hohen Kaufpreis der TZ von offiziell 56 Millionen Franken zu refinanzieren und deshalb mit so diplomatischen Mitteln wie nur möglich die Kooperation voranzutreiben sucht. Denn es gibt Hindernisse.
Tamedia druckt den Landboten und die Landbote-Herausgeberin Ziegler Druck AG ihrerseits das Magazin und weitere Akzidenzien. Durch diese Verträge entfällt für Tamedia ein wichtiges Druckmittel, denn eine entsprechende Vertragsklausel untersagt ihr, eine Regionalausgabe des Tages-Anzeigers in Winterthur zu lancieren, ein Schönheitsfehler in Tamedias Regionalisierungsstrategie für den Tagi. Dennoch müssen die Äusserungen des umtriebigen Tagi-Verlagsleiters und Ex-Mister-20-Minuten Rolf Bollmann in Winterthur wie Drohgebärden erscheinen: Als verantwortlicher Regionalstratege betont Bollmann bei jeder Gelegenheit, es gebe im Grossraum Zürich zu viele Zeitungen.
Das bekommt besonders dann einen skurrilen Doppelsinn, wenn Bollmann für den Tagi und die Regionalausgaben eine Grossauflage zu drucken beabsichtigt, die Druckaufträge für Tages-Anzeiger, 20 Minuten und weitere Regionalzeitungen, darunter der Landbote, jedoch die Tamedia-Rotation an den Rand der Kapazität bringen.
Schliesslich fliessen auch die Millionen nicht so ungebremst im gemeinsamen Inseratekombi Tagi Plus zwischen Tages-Anzeiger und Landbote, wovon zum Beispiel Gradwohl-Vorgänger und Ex-Chefredaktor Rudolf Gerber so geschwärmt hatte. Tagi Plus ist dem Metropool nicht angegliedert, die nationale Anbindung im Mediendreieck Basel, Bern, Zürich entfällt damit. Das mag erklären, warum die anfängliche Euphorie über Tagi Plus breiter Enttäuschung gewichen ist. Im Inseratekombi 1, dem Restprodukt des einstigen Nordostkombis mit vormals sechs Regionalzeitungen, ist der Landbote im Verbund mit der Thurgauer Zeitung und den Schaffhauser Nachrichten der auflagenstärkste Partner und unterdessen einziger Regietitel der Publicitas.
Die Thurgauer Zeitung hat sich erst kürzlich vom Inserateriesen gelöst und vermarktet sich analog dem Mutterhaus Tamedia selbst. Auswirkungen auf das Kombi 1, über das der Landbote auch ins nationale Anzeigengeschäft kommt, sollte das indessen nicht haben. Die starke Position im Kombi 1 könnte wenigstens ein kleines Argument in den Verhandlungen mit Tamedia sein.
Gelöste VerknüpfungenAuf der anderen Seite haben sich die ehemaligen Verbündeten, die drei Zürcher Landzeitungen Zürichsee-Zeitung, Unterländer und Oberländer, zur Zürcher Landzeitung mit gemeinsamem Mantel zusammengetan und kooperieren seit Anfang Oktober noch enger. Damit lösten sich auch die letzten Verknüpfungen der drei Blätter mit dem Landboten, der bis Ende September noch denselben Bundeshauskorrespondenten beanspruchte.
Früher, das heisst bis zur Übernahme des erwähnten Aktienpaketes von Tamedia in Winterthur und der damit verbundenen Anlehnung des Landboten an den Zürcher Konzern, tauschten sich die Landzeitungen auf redaktioneller Ebene regelmässig aus. Die Winterthurer galten einst als sicherer Wert im Verbund, der sich mit der Gründung des gemeinsamen Druckzentrums in Oetwil auch physisch manifestierte und dessen Ausscheiden ein empfindlicher Schlag für die Regionalverleger bedeutete.
Eine Kooperation würde aus publizistischer Sicht auch heute noch mehr Sinn machen als Verbindungen in den Thurgau. Selbst die eingeflogenen Hamburger Medienexperten mussten feststellen, dass Winterthur und Frauenfeld keine Nachbargemeinden sind und das Sparpotenzial einer Kooperation zwischen Landbote und der Thurgauer Zeitung wohl etwas überschätzt wurde.
Gegenwärtig schweigt man in Winterthur. «Wir überlegen uns eine Kooperation mit der TZ sehr ernsthaft, doch die Angelegenheit ist noch zu unreif für einen Kommentar» sagt Lothar Dostal, Geschäftsführer der Ziegler Druck.
René Worni