Internet-TV Das globale Publikum von Internet-TV bekommt einen weiteren ernst zu nehmenden Anbieter: Das interaktive Fernsehen von Joost. Joost spricht sich genauso aus wie «jouced», zu Deutsch «betrunken». Tatsächlich kann man sich auf Joost theoretisch an der bisher in 150 Kanälen angebotenen, hauptsächlich englischsprachigen TV-Ware dusselig gucken – vorausgesetzt, man verfügt über die nötige Breitbandverbindung. Joost ist das neue Projekt der beiden Internet-Pioniere Janus Friis und Niklas Zennstrom, die zuvor schon den Telefondienst Skype und den Peer-to-Peer (P2P) Musik-Sharing-Service Kazaa aufgebaut hatten. Auch für Joost wird diese P2P-Technologie eingesetzt, allerdings können neue Nutzer derzeit nur auf Einladung eines bereits akzeptierten Users Zugang erhalten, diesen jedoch kostenlos. Der Service soll im Laufe des Monats auch der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden.
Das Content-Angebot auf Joost geht auf Vereinbarungen mit Medienproduzenten wie Time Warner, Turner Broadcasting, Sony, Hasbro, National Geographic, der National Hockey League, Endemol, CBS und Viacom zurück, die Serien wie «CSI», «Survivor», «Charlie´s Angels», «Starsky & Hutch» oder auch die «Larry King Show» liefern. Die Medienkonzerne mussten nicht lange zum Mitmachen überredet werden. «Ich glaube, wir sind in einer Übergangsphase, in der die Networks das Internet nicht mehr nur als Experimentierfläche sehen, sondern es bewusst als eine ihrer Profitquellen einplanen», sagt Joe Laszlo, Technologieanalyst beim Marktforschungsunternehmen Jupiter Research.
Vor allem das begehrte jugendliche Publikum soll sich dem Kalkül der Macher nach von den Multimedia-Möglichkeiten von Joost begeistern lassen. Durch die Kanäle surft man mit Hilfe einer personalisierten Navigationsleiste auf dem Bildschirm, und weil man ja online ist, kann man beim Fernsehen auch zugleich Text Messages abschicken, Games herunterladen, in Chatrooms abhängen oder seine Musik-Playliste pflegen. Auch e-commerce soll möglich gemacht werden.
Drei Minuten Werbung je StundeJoost ist vor allem für die werbetreibende Industrie interessant: weil das Unternehmen von vornherein Kooperationspartnerschaften in Europa und der ganzen Welt abschloss, kann es sich nun «die erste globale TV-Distributionsplattform online» nennen. Aus diesem Grund beteiligten sich schon vor seinem Start Anfang Mai 32 grosse Marketingunternehmen, darunter Coca Cola, Nike, HP, Visa, Microsoft, T-Mobile und Nokia.
Genau wie beim werbefinanzierten Fernsehen werden auch bei Joost Werbeclips in die einzelnen Sendungen integriert, diese sollen aber auf drei Minuten pro Stunde beschränkt werden. In den USA, dem bisherigen Schwerpunktmarkt des Projekts, sollen die Marketingfirmen für die erste, drei Monate lang dauernde Testphase zwischen 50 000 und 100 000 Dollar für Werbung auf Joost bezahlen. Der Clou für die Marketer ist dabei die Möglichkeit, Werbung zu personalisieren. Wer als Nutzer daran interessiert ist, direkt auf ihn zugeschnittene Werbeclips zu sehen, wird ermutigt, Informationen wie Postleitzahl, Geschlecht, Einkommen und persönliche Interessen anzugeben.
Joost arbeitet schon jetzt mit mehr als zwanzig Agenturen zusammen, die innovative Konzepte für ihre Kundschaft mitbringen. Arc Worldwide etwa, das zu Leo Burnett gehört, entwarf unter der Ägide von Senior Vice President Mark Renshaw so genannte Kontext-Werbung für Nestlé-Purina und United Airlines. Statt die laufenden Sendungen mit Werbung zu unterbrechen, wird hier ein «Hand-Raiser», also ein Logo in einer Ecke des Bildschirms, eingeblendet, auf das der Zuschauer bei Interesse klicken und weitere Infos zu dem Produkt sehen kann. Mit Hilfe dieser Technologie kann der Nutzer auch zu einer Unterhaltungsshow weitergeleitet werden, die spielerisch über die Marke Purina informiert. «Joost kombiniert die verschiedenen Marketingmöglichkeiten digitaler Plattformen: dynamischer Content, Direktmarketing, Kreativität und Unterhaltung», sagt Renshaw.
Obwohl Joost von Branchenbeobachtern für sein gutes Timing und seine professionelle Herangehensweise gelobt wird, könnte das Projekt nach Ansicht von James McQuivey, Analyst für digitale Medien beim Forschungsunternehmen Forrester Reseach, schon bald mit den Marktrealitäten konfrontiert werden. «Die Content-Firmen zeigen ihre Sendungen nicht nur auf Joost, sondern auch bei anderen Internet-TV-Services wie AOL oder YouTube und auch ihren hauseigenen Webseiten», sagt er. Grosse Konzerne wie Toyota oder P&G würden den Grossteil ihrer Werbedeals daher vor allem direkt mit Konzernen wie Viacom oder Sony statt mit Joost machen. Bessere Geschäftschancen sieht er für Joost in weniger saturierten Weltregionen als den USA, wo Content Provider ihre Inhalte liebend gern über Joost verbreiten. «Ich glaube nicht, dass Joost die TV-Plattform des Internets schlechthin werden wird.»
Gerti Schön
«Das einzige Limit ist die Kreativität»Eric Clemenceau
, Vize-Präsident für Werbung in Europa und Asien bei Joost, über Werbung auf der neuen Plattform. WW: Die Verträge, die Joost mit den Marketern derzeit abgeschlossen hat, sehen eine Testperiode von drei Monaten vor. Welche Werbeformen werden schwerpunktmässig getestet?Eric Clemenceau: Wir wollen den werbetreibenden Unternehmen und den Agenturen in der Testphase die Möglichkeit geben, eine Reihe von unterschiedlichen Formaten zu testen, in denen die besten Elemente eines herkömmlichen TV-Spots hinsichtlich Ton, Bild und Bewegung mit der Interaktivität, Zielgerichtetheit und Messbarkeit der Internetwerbung kombiniert werden sollen. Wir testen Spots in der Länge von 10, 15 und 30 Sekunden und eine Reihe von interaktiven Features. Auch das so genannte «introstitial» haben wir eingeführt, also eine kurze Message zu Beginn einer Sendung, die mit den Worten «brought to you by» eingeführt wird. WW: An welchen Werbeformen sind die Vertragspartner am meisten interessiert?Eric Clemenceau: Sie nutzen innovative Formate wie etwa Links zu Langform-Werbung oder ganzen Sendungen, die eigens einem Produkt gewidmet sind. In der Testphase versuchen wir herauszufinden, was für unsere Kunden und ihre Agenturen am besten funktioniert, dabei gibt es keine Beschränkungen. Das einzige Limit ist die Kreativität.WW: Gibt es unterschiedliche Werbestrategien zwischen den USA und Europa beziehungsweise global?Eric Clemenceau: Nein, wir haben festgestellt, dass unsere Zuschauer auf der ganzen Welt unsere Werbefeatures zu schätzen wissen. Wir vereinen das Beste, was Fernsehen und Internet zu bieten haben.WW: Wird es auch ganze Kanäle geben, die von Unternehmen gesponsert werden?Eric Clemenceau: Wir erforschen eine Reihe von verschiedenen Werbeplattformen, darunter auch das Sponsoring ganzer Kanäle.
Interview: Gerti Schön