Am Wochenende machte die Zeitung Sonntag bekannt, dass der Blick ein Inserat des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) zur Unternehmenssteuerreform abgelehnt hatte. Nun doppelt die Gewerkschaft Comedia nach und schreibt in einem Communiqué, dass es bei Blick und Sonntagsblick zu «Zensur» gekommen sei. Die Redaktion des Blick, die in den vergangenen Wochen ausgewogen und objektiv über die Unternehmenssteuerreform berichtet habe, sei «Zielscheibe offener Repressionsversuche mächtiger Steuergeschenk-Befürworter» gewesen, schreibt die Gewerkschaft. Neben dem abgelehnten SGB-Inserat sei beim Sonntagsblick kurzfristig ein Artikel gekippt worden. Dieser hätte eine Reihe Unternehmen mit Milliardenumsätzen zum Thema gehabt, deren Grossaktionäre bei einem Ja zur Unternehmenssteuerreform massiv weniger Steuern zahlen müssten. Das erschienene Interview mit Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta bezeichnet Comedia als «Gefälligkeits-Interview». Des weiteren schreibt die Gewerkschaft, dass Autoimporteur Walter Frey, Besitzer der Emil-Frey-Gruppe und künftiger SVP-Vizepräsident, dem Ringier-Verlag mit einem Inserateboykott gedroht hätte, nachdem er im Blick als grosser Profiteur der Steuerreform erschienen sei. Walter Frey sei erst wenige Tage zuvor «an einem Versöhnungsgipfel mit Verleger Michael Ringier» die Beilegung der bisherigen Differenzen zugesichert worden, so Comedia weiter.
Die Gewerkschaft wertet die angeblichen Vorfälle als Zensur und einen Verstoss gegen die Erklärung des Presserates zu den Pflichten und Rechten der Journalistinnen und Journalisten. Die Nichtveröffentlichung von Inseraten aus rein politischen Gründen sieht sie als «unhaltbaren Versuch», relevante Fakten und die freie Meinungsbildung zu unterdrücken. Comedia ersucht den Presserat, die Vorgänge zu untersuchen.
Ringier nimmt zu den Vorwürfen gemäss Konzernsprecher Marco Castellaneta folgendermassen Stellung: «Der Blick berichtet seinen publizistischen Grundsätzen entsprechend frei von wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen oder persönlichen Interessenbindungen. Dies zeigt auch die Berichterstattung des Blick, bei der alle Seiten ausführlich zu Wort kommen. Die von der Comedia beschriebenen Vorgänge bezüglich Repressionsversuchen können wir daher nicht bestätigen.» Auf die Frage, ob sich Walter Frey und Michael Ringier tatsächlich getroffen hätten, antwortete Castellaneta: «Fragen, welche die Privatsphäre der Ringier-Mitarbeiter (und auch der Eigentümer) betreffen, kommentieren wir nicht.»
Bestätigt wurde von Ringier aber, dass der Blick das Inserat des SGB abgelehnt habe. Die Anzeigenabteilung lege Anzeigen mit Inhalten zu politischen Themen, persönlichkeitsverletzendem Inhalt oder anderen heiklen Themen der Rechtsabteilung zur Prüfung vor. Dies sei auch mit der erwähnten Anzeige geschehen. Der Rechtsberater habe nach Prüfung von einer Veröffentlichung der Anzeige abgeraten, da sie persönlichkeitsverletzend sein könnte.