Präsident wird in den USA, wer die Medien am besten für sich ausnutzen kann. Und die Kampagne von Barack Obama, dem Kandidaten der demokratischen Partei, wurde schon früh für ihre Gewieftheit in dieser Hinsicht gelobt. «Obama hat sich besonders das Internet von vornherein zu eigen gemacht», sagt Sally Howald, Kommunikationsprofessorin an der Webster University in St. Louis und weist darauf hin, dass er schon im letzten Jahr die Webseite Fightthesmears.com gelauncht hat, um den zu erwartenden Rufmordkampagnen entgegenzutreten. «Auf diese Weise brachte er die Gerüchteküche umgehend unter Kontrolle.»
Durch den frühen und gezielten Einsatz der Onlinemedien konnte Obama schon im Wettkampf gegen Hillary Clinton einen Vorteil für sich gewinnen. Eine prominente Position nimmt darin neben Facebook.com die Social-Networking-Seite MyBarackObama.com ein, wo einzelne Gruppen von Obama-Unterstützern wie Umweltschützer, Latinos oder Studenten sich gegenseitig austauschen können. Am wichtigsten ist jedoch die Fundraising-Funktion dieser und anderer Obama-Webseiten, mit denen die Wähler schon zu Beginn seiner Kandidatur auf der Grassroots-Ebene aufgefordert wurden, nicht nur grosse Summen, sondern auch Kleinbeträge von etwa 50 Dollar zu spenden.
Beinahe legendär ist ein Spendenaufruf vom vergangenen Frühjahr, als die damalige Opponentin Hillary Clinton ihrer Kampagne fünf Millionen Dollar aus ihrem Privatvermögen lieh. Obama wandte sich umgehend an seine Unterstützer um Hilfe und konnte innerhalb von 24 Stunden acht Millionen Dollar einholen. Ein anderes wichtiges Medium, das vor allem bei den jugendlichen Wählern beliebt ist, bleibt YouTube, wo schon früh User-generated Content wie etwa das Video «I got a Crush on Obama» auftauchte.
Besonders effektiv ist nach Ansicht von Marktbeobachtern der Einsatz von Text Messaging. So wird derzeit etwa eine Datenbank von Interessenten erstellt, die umgehend angetextet werden, wenn die Wahl des Vizepräsidentschaftskandidaten fest steht. «Text Messaging ist besonders wirksam beim Organisieren von Aktionen und Events», sagt George Haley, Marketingprofessor an der New Haven Universität. «Oft melden sich die Leute freiwillig für solche Aktionen und machen dann aber doch nichts, und mit Hilfe des Text Messaging stellt man sicher, dass der Freiwillige auch tatsächlich auftaucht.» Auch Blogs greifen Obama als beliebtes Thema auf, was dazu führt, dass Internetnutzer online sich gern über ihn austauschen. Laut dem Medienforschungsunternehmen Nielsen wurde über Obama in 0,75 Prozent aller Onlineforen diskutiert, bei McCain waren es 0,39 Prozent.
Doch das gesteigerte Medieninteresse könnte für den Politikstar möglicherweise nach hinten losgehen. Laut einer neuen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew Research Center in Washington brachten 48 Prozent der Befragten eine gewisse Obama-Müdigkeit zum Ausdruck. Dazu kommt, dass viele Amerikaner das Gefühl haben, dass sie nicht sehr viel über seine Strategie wissen. «Die Marke Obama, von der so viele in den Medien reden, gibt es eigentlich nicht», glaubt Rob Frankel, Branding-Experte und Autor des Marekting-Buches «The Revenge of Brand X». «Er hat zwar ein Image, aber keine wirkliche Substanz. Die Leute wissen nicht, wofür er steht.» Gepaart mit dem Vorwurf der sogenannten Overexposure, also dass so viel über ihn geredet wird, dass sich ein gewisser Überdruss einstellt, stellt dies eine knifflige Herausforderung für den Newcomer dar. «Das ist eine schwierige Kombination» glaubt Haley. «Einerseits muss die Kampagne klar machen, was seine Werte sind und wie seine Strategie aussieht, aber andererseits muss man unter allen Umständen vemeiden, dass eine noch grössere Unlust an Obama aufkommt.»
Egal wer am Ende Präsident wird, ein anderer Gewinner steht schon jetzt fest: Die Medien. Im bisher längsten Wahlkampf der Geschichte, bei dem die ersten Werbespots bereits im Dezember 2006 geschaltet wurden, wurden bislang 800 Millionen Dollar für politische Werbung ausgegeben. Pro Woche liegen die Ausgaben bei 23 Millionen Dollar, das sind im Durchschnitt zehn Millionen mehr als vor vier Jahren. Der Grund dafür ist, dass die Kandidaten im Fernsehland USA noch immer am meisten Geld für TV-Spots ausgeben, während das Internet für digitale Anzeigen nur geringfügig genutzt wird. Allein fünf Millionen gibt Obama im Rahmen der Olympischen Spiele aus, McCain zog mit sogar sechs Millionen nach. Darüber hinaus gibt die Obama-Kampagne weitaus mehr Geld in jenen Staaten aus, die traditionell den Republikanern zugestanden werden.
Gerti Schön, New York