Bundesrat Leuenberger: Medienlandschaft soll von Fusion profitieren
Bundesrat Moritz Leuenberger appelliert an Tamedia, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Eine Übernahme in der Medienbranche beinhalte immer die Gefahr, dass die Vielfalt verloren gehe. Das Zürcher Verlagshaus stehe darum in der Verantwortung. Leuenberger forderte Tamedia am Dienstag in einer schriftlichen Stellungnahme auf, keine Abstriche bei der journalistische Qualität zu machen.
Der Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) verlangt von Tamedia weiter, dass die unterschiedliche Medienkultur der Deutsch- und Westschweiz beibehalten werde. Der Zusammenschluss eröffne zudem auch Möglichkeiten: Die Tamedia erhalte durch ihre Grösse die Mittel, die Weiterbildung der Journalisten zu verbessern und eigene Korrespondenten ins Ausland zu schicken. Nur wenn dieses Potential genutzt werde, könne die Schweizer Medienlandschaft von der Fusion profitieren.
Tages-Anzeiger-Redaktion: Völlig überrascht
Die Redaktion des Tages-Anzeiger (TA) traf die Übernahme von Edipresse durch Tamedia völlig überraschend. Selbst gerüchteweise sei ein solcher Schritt nie ein Thema gewesen, sagte Ignaz Staub, Vertreter der TA-Personalkommission, auf Anfrage. Die Personalkommission des TA habe deshalb auch noch gar keine Zeit gehabt, um über die Übernahme zu diskutieren. Vor dem (heutigen) Dienstag seien eine solche Fusion nie aufs Tapet gebracht worden.
Es stelle sich nun die Frage, was dieser Schritt für den TA bedeute, sagte Staub weiter. In einem negativen Szenario könne das einstige Tamedia- Flaggschiff nur noch eine von vielen Zeitungen sein. Umgekehrt sei es aber auch denkbar, dass Tamedia sich nach der Fusion mit je einem Flaggschiff in der Romandie und der Deutschschweiz etablieren wolle. Dies wäre dann der TA und Le Temps in der Westschweiz.
Ringier: De facto ändert sich nichts
Die Tamedia-Konkurrentin Ringier wollte die Übernahme von Edipresse am Dienstag nicht näher kommentieren. De facto ändere sich für Ringier vorläufig nichts, begründete dies Konzernsprecher Marco Castellaneta. Es seien fast dieselben Titel und dieselben übrigen Medien auf dem Markt wie bisher, sagte Castellaneta. Ringier nehme die Fusion deshalb zur Kenntnis, verzichte aber auf einen Kommentar.
NZZ: «Paukenschlag», bereitet aber keine Sorgen
Keine Sorgen wegen der Übernahme von Edipresse macht sich Albert P. Stäheli, der Geschäftsführer der AG für die Neue Zürcher Zeitung. Die NZZ-Gruppe werde dadurch zum noch wichtigeren Kooperationspartner für Deutschschweizer Zeitungsverlage, sagte er auf Anfrage. Gleichwohl spricht Stäheli von einem «Paukenschlag» in der Medienlandschaft. Insbesondere könne er sich vorstellen, dass die Übernahme von Edipresse durch Tamedia in der Romandie Befindlichkeiten auslöse.Darüber hinaus sei es das erste Mal, dass im Bereich der Tagespresse ein gesamtschweizerisches Zeitungshaus entstehe. Dies sei publizistisch ein wichtiger Schritt.
FDP: Unabhängigkeit der Schweizer Presse zunehmend bedroht
Die Parteien reagieren skeptisch auf die Übernahme von Edipresse durch Tamedia.
Sie beklagen einen zunehmenden Verlust der Medienvielfalt der Schweiz. FDP, CVP und SP erwarten von der Wettbewerbskommission zudem eine genaue Prüfung der Übernahme. «Mit der Fusion entsteht ein sehr grosser Konzern», sagte FDP-Präsident Fulvio Pelli am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.
Er könne zwar den Entscheid der Wettbewerbskommission (WEKO) nicht vorwegnehmen, doch sei für ihn dadurch die Unabhängigkeit der Schweizer Presse zunehmend bedroht. Kartelle und Monopole seien schlecht für die Schweiz. Er erwarte darum eine «gründliche Untersuchung» des Zusammenschlusses.
SP: Appell an Tamedia, keine Redaktionen zusammenzufassen
Für SP-Präsident Christian Levrat ist die Übernahme «ein grosser Schritt in der Konzentration der Schweizer Medien». Die WEKO müsse darum das Geschäft überprüfen. Die Zustimmung sei alles andere als sicher. «Die Tamedia dominiert langsam den Zeitungsmarkt der Schweiz», sagte Levrat gegenüber der Nachrichtenagentur SDA.
Kommt der Deal zustande, hofft Levrat darauf, dass auf Entlassungen verzichtet wird. Auch appelliert er an Tamedia, keine Redaktionen zusammenzufassen. Der Medienmarkt der Westschweiz funktioniere anders als derjenige in der Deutschschweiz. Eine Zusammenlegung würde darum einem Eigentor gleichkommen, sagte Levrat.
CVP: Konzentration auf den Platz Zürich
CVP-Präsident Christophe Darbellay wartet ebenfalls gespannt auf den Entscheid der Wettbewerbsbehörde. Auch er fürchtet um die Medienvielfalt. Neu stammten die drei grossen Verlagshäuser alle aus Zürich. Gerade für die Westschweiz sei dies bedauerlich, sagte er. Der Walliser lehnt ein verstärktes staatliches Engagement für die Schweizer Presse ab. «Der Staat muss subsidiär bleiben», sagte er. Der Staat müsse vor allem bemüht sein, die Konkurrenz zu garantieren.
SVP: Kritischer Journalismus leidet
Auch SVP-Präsident Toni Brunner sieht den Staat nicht in der Pflicht. Die Politik, könne die Entwicklungen auf dem Markt nicht aufhalten. Trotzdem bedauere er die Konzentration in der Medienbranche. «Der kritische Journalismus leidet in diesem Einheitsbrei», sagte Brunner. «Der wohlgesinnte bundesrats- und mehrheitstreue Journalismus wird weiter zunehmen», äusserte sich Brunner überzeugt.
Impressum: Medienvielfalt auf dem Prüfstand
Die Mediengewerkschaften zeigen sich besorgt über die angekündigte Übernahme der Westschweizer Edipresse durch die Zürcher Tamedia. Sie fordern, den in der Westschweiz geltenden Gesamtarbeitsvertrag (GAV) zu respektieren. Im Auge hat die Gewerkschaft Impressum dabei insbesondere die angekündigte Fusion der beiden welschen Pendlerzeitungen Le Matin bleu und 20 Minutes. Bevor hier Arbeitsplätze abgebaut würden, hätten die Mitarbeitenden laut GAV das Recht auf eine Mitwirkung, sagte Impressum-Geschäftsführer Urs Thalmann auf Anfrage.
Mögliche Arbeitsplatzverluste sind aber nur eine Sorge Thalmanns. Einmal mehr werde auch die Medienvielfalt – und zwar in einem nie dagewesenen Mass – auf den Prüfstand gestellt. Vom Tamedia-Konzern erwartet Thalmann, dass er der Sozialpartnerschaft Genüge tut. Im Gegensatz zu Edipresse habe der Zürcher Verlag sich zuletzt nämlich weder auf Verbands- noch auf Unternehmensebene darum bemüht.
Comedia: Ungesundes Monopol
Die Mediengewerkschaft Comedia lehnt die Übernahme rundweg ab. Das entstehende
Medien- und Druckmonopol sei ungesund, sagte Co-Präsident Roland Kreuzer auf Anfrage. Comedia werde das Gespräch mit Tamedia und Edipresse suchen. Der Wettbewerbskommission und dem Bundesrat werde man empfehlen, die Fusion abzulehnen. Es gehe auch nicht an, dass ein derart monopolistischer Konzern noch über die Gebühren für Radio und TV subventioniert werde. Aus regionalpolitischer Sicht bereitet Kreuzer die Übernahme ebenfalls Bauchschmerzen: Es entstehe ein Konzern, der von Zürich aus bis in die Romandie hinein Einfluss ausüben werde.
Westschweizer Politiker: Bedrohte Eigenständigkeit der welschen Presse
Den Westschweizer Politikern bereitet die Übernahme von Edipresse durch Tamedia Sorgen. Sie sehen die Eigenständigkeit der welschen Presse bedroht. Die Übernahme stelle unzweifelhaft ein potenzielles Risiko für eine eigenständige Westschweizer Presse dar, sagte der Lausanner Stadtpräsident Daniel Brélaz auf Anfrage. Zürich könne bald einmal zum Schluss kommen, dass es auf dem kleinen Westschweizer Markt zuviel Zeitungen gebe.
Wenn der neue Medienkonzern dann noch Abmachungen mit dem französischen Herausgeber Hersant treffe, werde der Platz für andere Medien noch kleiner. Es bestehe deshalb die Gefahr eines kulturellen Verlusts. Auch der Waadtländer Finanzdirektor Pascal Broulis sprach am Dienstag im Grossen Rat von einer schlechten Neuigkeit. Die Presselandschaft verliere erneut an Vielfalt. Besorgt ist Broulis jedoch auch, weil die Medien ein guter Indikator für den Gang der Wirtschaft seien. Die Übernahme zeige, dass die Wirtschaftskrise dauerhaft sei.