Online-Portale und Gratisblätter zerstören die Qualität der Schweizer Medien, heisst es im Befund der Studie von Wissenschaftern um den Zürcher Soziologen Kurt Imhof. Darunter leide die Demokratie. Während Polanski und Hirschmann die Spalten füllten, gerieten internationale Probleme aus dem Blickfeld.Die publizistische Tradition in der Schweiz stecke in einer tiefen Krise, sagte Co-Autor Kurt Imhof am Freitag vor den Medien in Bern.
An der Medienkrise seien vor allem die Gratiskultur im Internet und bei Pendlerzeitungen schuld sowie der Spardruck auf den Redaktionen, schreiben die Wissenschaftler der Universität Zürich in der am Freitag in Bern veröffentlichten Studie, die als Jahrbuch mit dem Titel «Qualität der Medien» erstmals erschien. Die wachsende Gratiskultur mit Onlineportalen und Gratiszeitungen führe zusammen mit dem Spardruck zu einer Erosion der Qualität. Da diese auch kostenpflichtige Titel und Sender betreffe, leide die Demokratie, folgern die Wissenschafter.
Anstatt ausgewogen über politische Debatten zu berichten, beherrschten Formfragen die Mediendiskurse. Die Informationsmedien würden ihre Funktion vernachlässigen, die Bürgerinnen und Bürger über das politische Geschehen aufzuklären. Die Minarett-Initiative vom vergangenen Herbst sei ein gutes Beispiel. Die Befürworter hätten die mediale Debatte beherrscht, obwohl die Mehrheit der Schweizer Parteien gegen das Minarett-Verbot waren, heisst es in der Studie weiter.
Die Kritik richtet sich auch an die Wirtschaftsjournalisten. Den Autoren zufolge haben sie die Finanzmarktkrise viel zu spät erkannt. Zudem sei die globale Wirtschaftskrise auf eine UBS-Krise reduziert worden, was einen grossen Teil des Themas ausblende. Relativ gut schneiden in der Studie die öffentlichen Radiosender ab: Sie seien deutlich besser als die private Konkurrenz und auch besser als das öffentliche Fernsehen.
Die Wissenschafter haben von 137 Medientiteln deren 46 untersucht – Presse, Radio, Fernsehen und Onlineportale in allen drei Sprachregionen. Qualität definieren sie als Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität. Das über 370 Seiten starke soll künftig jährlich erscheinen. Damit wollen die Soziologen und Medienwissenschafter das Qualitätsbewusstsein für die Medien stärken, wie es Kurt Imhof ausdrückte.
Mögliche Wege aus der Kriese haben die Autoren bewusst nicht aufgezeichnet. Die negative Entwicklung nähere sich gemäss den Forschern des Bereichs Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich keinem Ende. Die publizistische Versorgung durch qualitätsschwache Medien im Internet und der gedruckten Presse werde weiter zunehmen. Denn vor allem jüngere Mediennutzer zwischen 15 und 34 Jahren seien mit der Gratiskultur gross geworden.
Das Jahrbuch «Qualität der Medien» wird durch die gemeinnützige Stiftung «Öffentlichkeit und Gesellschaft» finaziert und gefördert. Zum Stiftungsrat gehören unter anderem der Soziologe Kurt Imhof, die Aargauer Ständerätin Christine Egerszegi oder der ehemalige Bundesratsspecher Oswald Sigg.
Presse sieht keine Erosion der journalistischen QualitätDie Befunde der neuen Studie stossen in der Medienbranche auf Ablehnung. Die Qualität der Schweizer Medien sinke nicht, und Gratiszeitungen seien gut gemacht, sagen Verleger und Chefredaktoren. Zudem sei der Qualitätsbegriff der Autoren elitär.
Die Medienvertreter lehnen die These ab, dass die Gratiskultur mit Onlineportalen und Gratiszeitungen die Qualität der Medien zerstöre. Laut Hanspeter Lebrument, Präsident des Verbands Schweizer Presse, sind die Gratiszeitungen nicht schlecht gemacht. Sie hätten es vielen Menschen ermöglicht, wieder mit der geschriebenen Sprache in Kontakt zu kommen. Zudem seien Leserinnen und Leser heute genug gebildet, um die Blätter mit einer gewissen inneren Distanz zu lesen. Eine Zeitlang hätte es tatsächlich zu viele Gratiszeitungen gegeben, so Lebrument weiter. Aber heute habe sich das eingependelt. Was den Einfluss der Medien auf die Demokratie betrifft, widerspricht Lebrument den Autoren. Die Medienvielfalt sei heute so gut, dass alle ihre Meinung kundtun könnten.
Marco Boselli, Chefredaktor der Gratiszeitung 20 Minuten, teilt die Einschätzung der Zürcher Forscher ebenfalls nicht. Den Vorwurf, 20 Minuten sei schuld am Qualitätsabbau, müsse er zurückweisen, sagte er zur SDA. Wenn
die Autoren glaubten, seine Zeitung drucke vor allem Agenturmeldungen, dann hätten sie keine Ahnung davon, was 20 Minuten sei. Sein Blatt setze stark auf Eigenleistungen, und die 20 Minuten AG beschäftige insgesamt 150 Angestellte im redaktionellen Bereich, betont Boselli. Die Pendlerzeitung ist die auflagenstärkste Zeitung. Damit übe sie natürlich auch Druck aus auf andere Produkte, die sich der ökonomischen Realität stellen müssen.
Jürg Bachmann, Präsident des Verbandes Schweizer Privatradios, stellt fest, dass die Studienautoren mit einem Begriff operieren, bei dem die Publikumsresonanz keine Rolle spiele. Die Leser- und Hörerzahlen dürfe man aber nicht vernachlässigen, wenn man von Qualität spreche, sonst werde der Begriff schnell elitär.
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