Eigentlich ist die Weltwoche überflüssig, es sei denn…
Eine Wochenzeitung ist nur dann noch lesenswert, wenn es ihr gelingt, sich durch überraschende Fragestellungen, Thesen und Autoren abzuheben. Gastkommentar von Karl Lüönd, freier Publizist und Buchautor.
Es war in den letzten zehn Tagen nicht nur unter Journalisten ein häufiges Gesprächsthema: Wieso hat ausgerechnet die Weltwoche die Geschichte mit Bruno Zuppigers «Erbsünde» gebracht? Ihre Nähe zur SVP ist doch bekannt. Was haben Köppel und Engeler (und vielleicht Blocher, einer der möglichen Regisseure im Hintergrund) mit dieser Kabale beabsichtigt? Cui bono (lat. «Wem nützt es?»)
Wer so fragt, liegt falsch, denn er unterstellt Journalisten zum vorneherein parteipolitische Festlegungen und entsprechende Strategien. Der gute Journalist aber steht immer dort, wo die gute Story ist. Den eigenen politischen Standpunkt braucht er dabei nicht auszublenden, aber er ist bei der Beurteilung von Sachverhalten und Geschichten sekundär. Die schlimmste aller journalistischen Todsünden wäre in einem solchen Fall die Feigheit vor dem Freunde.
Eine gute Story erfüllt idealerweise drei Bedingungen: Sie ist wahr, sie ist relevant und sie interessiert die Leute. Soweit man es von aussen beurteilen kann, treffen für den Zuppiger-Scoop der Weltwoche alle drei Bedingungen geradezu idealtypisch zu. Bis jetzt ist nicht eine Zeile des von Urs Paul Engeler verfassten Textes dementiert oder widerlegt worden.
Wer sich in den Selektionsprozess vor einer Bundesratswahl begibt, setzt sich und sein Vorleben vertieften journalistischen Recherchen aus. Der Tarif ist spätestens seit dem Fall Kopp bekannt. Im Fall von Bruno Zuppiger waren diese Recherchen aber zunächst nicht sehr intensiv. Nicht einmal der Tages- Anzeiger, der gegenüber anderen Mischlern aus der SVP nie Beisshemmungen gezeigt hat, befand es für nötig, Zuppigers geschäftlichen Fährten zu folgen. Dass es im kantonalen Gewerbeverband unter Mitverantwortung Zuppigers ein Debakel gegeben hatte, war in Zürichs politischen Kreisen seit vielen Jahren ein offenes Geheimnis. Erst die Recherche zu verschlafen und hinterher den Kollegen von der Weltwoche unlautere, d. h. unjournalistische Motive zu unterschieben, ist billig.
Urs Paul Engeler ist selbstkritisch und unabhängig genug, um auch mit viel versprechenden Quellen sorgfältig und skeptisch umzugehen. Wer immer ihm die Geschichte gesteckt hat – und es war ja mehr als ein Tipp, da waren Aktenstücke dabei –, wird seine eigene Agenda verfolgt haben. Es ist nicht die Aufgabe des Journalisten, die Motive seiner Informanten moralisch zu beurteilen; seine Aufgabe ist vielmehr, diese Motive zu durchschauen und in den Dossiers allfällige Lücken zu finden. Ich habe Urs Paul Engeler in anderen Fällen als unnachgiebig forschend, aber auch als äusserst sorgfältig und besonnen erlebt. Bis zum Beweis des Gegenteils gehe ich in Kenntnis seiner Integrität nicht davon aus, dass sich Engeler als Schachfigur in einer politischen Partie hat instrumentalisieren lassen.
Aber ausgerechnet die Weltwoche! Das passe doch gar nicht zu deren bisherigem Kurs, wandten meine Freunde ein. Doch, doch, das hat schon gepasst – nämlich zum Hauptproblem der Weltwoche. Dieses besteht darin, dass sie überflüssig ist. Kein Mensch braucht heute mehr den Typus der Wochenzeitung mit ihren Besinnungsaufsätzen, wie sie Karl von Schumacher und Manuel Gasser in den frühen dreissiger Jahren erfunden hat. Seit die elektronischen und die Online-Medien die Tageszeitungen aus dem Geschäft mit den «breaking news» verdrängt haben – und das hat schon begonnen, als die NZZ aufhörte, zweimal täglich zu erscheinen –, sind die grossen Tageszeitungen auf die frühere Kernkompetenz der Wochenblätter ausgewichen: Vertiefung, Hintergrund, Welterklärung, Originalbeiträge, Exklusivitäten. Eine Zeitung wie die Weltwoche ist nur noch in dem Masse lesenswert und wirtschaftlich haltbar, als es ihr gelingt, sich durch überraschende Fragestellungen, Thesen, Autoren abzuheben.
Jungverleger Köppel, der es liebt, sich selbst unter Druck zu setzen, hat das längst erkannt und konsequent umgesetzt. Sein Prinzip lautet: Leg dich quer, dann bist du wer. Wenn es ihm nicht gelingt, jede Woche zu überraschen, zu provozieren, zu verblüffen, dann ist es zu Ende mit seinem Projekt. Darum stellt er seit Jahr und Tag Peter Bodenmann neben Christoph Mörgeli. Da ist weniger Ideologie am Werk als hervorragendes Marketing.









