Was können Medienmarken?
Mit neuen Ideen möchten Medienhäuser neue Geschäftsfelder erschliessen. Die Marken der vorhandenen Produkte bieten dabei eine vermeintlich gute Basis für die Expansion in neue Märkte. Aber ist dem so? Die Chancen sind durchaus vorhanden, Fallstricke gibt es aber mehr als in anderen Branchen.
Nachfolgend werden die Möglichkeiten von Medienmarken für die Expansion in neue Geschäftsfelder ausgeleuchtet. Wo liegen die Klippen, die umschifft werden müssen, was für Abhängigkeiten gibt es und was ist zu beachten, damit die Ursprungsmarke keinen Schaden nimmt und das Stammgeschäft nicht gefährdet wird?
Grössere Gesamtreichweite als je zuvor
Die Leserbasis der klassischen Printprodukte bröckelt und die Einnahmen im Werbemarkt sind rückläufig. Das ist nicht neu. Das böse Internet? Nein. Was oft vergessen wird: Die Gesamtreichweite liegt bei sehr vielen Medienprodukten auf einem Höchststand. Durch das Internet sind die Medienmarken für jeden, der sie sucht, permanent, Tag und Nacht, zugänglich. Nicht wie früher nur am Kiosk oder über den eigenen Briefkasten nach dem Abschluss eines Abonnements. Dieses Potenzial kann über den fast endlos zur Verfügung stehenden Werberaum auf Papier und im Internet erschlossen werden. Das ist eine hervorragende Voraussetzung. Schwieriger wird es, wenn es in Medienhäusern ums Thema Markenführung geht.
Bewusstsein für Markenführung
Eine bewusste Markenführung ist eine Grundvoraussetzung für eine Expansion. Ein starker Brand ist kein Zufallsprodukt. Idealerweise ist das Brandmanagement im Unternehmen auf oberster Ebene angesiedelt. Nur so kann ein kompaktes Markenbild gewährleistet werden. Die Markenstärke muss zudem in der relevanten Zielgruppe in regelmässigen Abständen gemessen und bei Bedarf mit Massnahmen beeinflusst werden. Ein solches Set-up ist in Schweizer Medienunternehmen kaum etabliert. Oft werden die Qualität und die Unabhängigkeit als Markenwerte genannt. Das sind generische Schlagwörter ohne Differenzierungscharakter. Das Wissen um die eigene Marktstellung basiert zu oft auf Bauchgefühl und punktuellen Befragungen der Leser und Werber. Hier besteht grosser Nachholbedarf. Dazu kommt, dass Medienmarken eine spezielle Ausgangslage haben. Der Erfolg von Medienprodukten basiert noch mehr auf Vertrauen als bei anderen Gütern. Dies hat mit der Beurteilungsmöglichkeit des Medienangebots hinsichtlich der Qualität zu tun. Die Wahrnehmung der Produkte kann in drei Kategorien klassifiziert werden: Such-, Erfahrungsund Vertrauensgüter. Bei Suchgütern ist der Interessent im Voraus in der Lage, die Leistungsqualität mit messbaren Kriterien abzuschätzen. Bei Erfahrungsgütern ist dies nicht möglich. Hier kann die Qualität erst mit dem Gebrauch beurteilt werden. Und bei Vertrauensgütern kann der Nutzer die Qualität selbst nach dem Gebrauch nicht abschliessend beurteilen. Wie beispielsweise bei einem Arztbesuch. Medienprodukte zählen zu den Erfahrungs- und Vertrauensgütern. Deren Marken spielen in diesen beiden Kategorien eine vertrauensstiftende Rolle. Wird dieses Vertrauen mit unbedarften Aktivitäten geritzt, entsteht Kollateralschaden, der nur schwer auszumerzen ist.
Welche Voraussetzung muss die Marke erfüllen?
Eine starke Marke muss eine hohe Bekanntheit aufweisen und für die Expansion ein geeignetes Image aufweisen. Die zu etablierenden Werte müssen eine grösstmögliche Unabhängigkeit vom Ursprungsprodukt aufweisen. Steht eine Medienmarke nur für ein Printprodukt, welches jeden Tag zuverlässig in den Briefkasten geliefert wird, reicht dies nicht aus für eine weitere Entwicklung. Gefragt sind übergeordnete Werte, die nicht direkt mit dem Stammprodukt in Verbindung stehen. Qualität ist dabei keine Option. Sie ist eine produktspezifische Voraussetzung. Ein viel genanntes und gutes Beispiel aus einer ganz anderen Branche ist Nivea. Beiersdorf hat es geschafft, mit übergeordneten Markenwerten wie Natürlichkeit oder auch Harmonie aus einer weissen Creme in einer blauen Büchse ein umfassendes Sortiment an Pflegeprodukten aufzubauen.
Markenführung zahlt sich aus
Markenführung ist nicht in erster Linie eine Disziplin der Betriebswirtschaft. Aber sie zahlt sich aus. «Das Ziel der Markentechnik ist die Sicherung einer Monopolstellung in der Psyche der Verbraucher», hat Hans Domizlaff vor bald 75 Jahren geschrieben und damit einen wichtigen psychologischen Aspekt der Markenführung eingebracht. Mit Wirkung: Stark verankerte Marken mit einer hohen emotionalen Bindung erzielen über das vorhandene Vertrauen ein Preispremium, eine höhere Marge. Das Medienunternehmen Apple verdient nicht Traummargen, weil es die besten Produkte anbietet, sondern weil Apple eine Markenidentität etabliert hat, mit der sich die Käufer identifizieren können. Und damit wären wir doch wieder bei der Betriebswirtschaft.
Ziele setzen
Reduziert sich das Stammgeschäft Jahr für Jahr, ist es naheliegend, mit den neuen Aktivitäten in erster Linie eine Kompensation der Ertragsausfälle zu erreichen. Aber nicht immer muss direkter Umsatz im Mittelpunkt stehen. Denkbar ist auch eine monetär bescheidene Zielsetzung des neuen Engagements. In diesem Fall soll die neue Marke in ihrer Ausstrahlung vor allem positiv auf die Stammmarke einzahlen und so zu deren Vitalisierung beitragen, was in der Konsequenz auch wieder zum geldmässigen Erfolg beiträgt. Diese Wechselwirkung zwischen Stamm- und Neugeschäft entsteht immer und muss auch entsprechend im Auge behalten werden.
Kompetenzen richtig einschätzen
Nachdem die Marke richtig positioniert ist und die Ziele gesetzt sind, geht’s an die Umsetzung. Hier gilt es, die vorhandenen Kompetenzen im Hause auszuloten. Aber Achtung: Auch wenn in der Redaktion eine hohe Dossierkompetenz vorhanden ist, soll dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass vom Beobachter zum Marktakteur ein grosser Schritt gemacht werden muss. Einfache Märkte gibt es keine. Wo es Geld zu verdienen gibt, tummeln sich schon andere Anbieter, die nicht auf einen weiteren Konkurrenten gewartet haben.
Gegebenenfalls bietet sich ein Kauf eines erfahrenen Marktteilnehmers eher an als ein kompletter Neuaufbau. Dies ist natürlich eine Frage der Risikobereitschaft, des Investitionswillens, des gesetzten Zeithorizonts und der Marktkenntnis. Eine dritte Möglichkeit ist eine Lizenzvergabe an einen Partner, der im Markt etabliert ist. Damit kann das Risiko minimiert werden. Die Marge ist dann aber auch entsprechend tiefer, als wenn die volle Verantwortung selber übernommen wird.
Nähe zum Stammgeschäft
Bei der Wahl des neuen Tätigkeitsfeldes steht neben dem vorhandenen Know-how auch wieder die Marke im Vordergrund. Auch wenn die Werte eine hohe Unabhängigkeit von einer bestimmten Produktkategorie haben, ist die von den Kunden wahrgenommene Übereinstimmung zwischen der Ursprungsmarke und dem Transferprodukt auf Kundenseite von besonderer Relevanz. Passt das, ist ein so genannter Fit vorhanden?
Eine Erweiterung kann nur dann gelingen, wenn zwischen der Ausgangsmarke und dem Erweiterungsprodukt ein glaubwürdiger Zusammenhang besteht. Die Marke bildet mit ihren Assoziationen die Klammer. Sind diese nicht vorhanden, entstehen auf Kundenseite Dissonanzen. Zu grosse Schritte sollen daher nicht unternommen werden. Ein nachhaltiger Aufbau eines neuen Produkt-Portefeuilles braucht Zeit und gelingt in einem ersten Schritt am einfachsten über arrondierende Angebote zum Stammgeschäft.
Distanz zu den Werbekunden
Besonders ernst zu nehmen ist das Konfliktpotenzial mit den Werbekunden. Wenn das neue Geschäftsfeld in direkter Konkurrenz zum Angebot wichtiger Werbetreibender steht, muss die Expansion in Frage gestellt werden. Eine negative Rückkoppelung auf das Stammgeschäft soll unter allen Umständen vermieden werden. Auch nicht viel einfacher ist es, eine Kooperation mit einem Werbekunden zu etablieren. Die Mitbewerber des einbezogenen Partners dürften dies als Übervorteilung sehen und das Stammprodukt zukünftig meiden.
Vorsicht bei der Wahl der Kommunikation
Ein ganz grosser Vorteil von Medienhäusern ist der üppige Werberaum, der im Netz permanent und gedruckt oft im Tagesrhythmus zur Verfügung steht. Auch kennt das Unternehmen meist Name und Adresse der Kunden und kann darum auch die direkten Kanäle on- wie offline nutzen. Auf Native Advertising im Netz und Adverortials in den Printtiteln muss nicht verzichtet werden. Es ist aber genau darauf zu schauen, dass die Massnahmen klar als Werbung erkennbar sind. PR? Auf die Konkurrenz darf als Multiplikator in den seltensten Fällen gehofft werden. Eine andere Redaktion dürfte den neuen Aktivitäten, die sich zudem noch in einem frühen Stadium bewegen, skeptisch gegenüberstehen. Das ist auch richtig so im Journalismus.
Muss also die eigene Redaktion ran? Hier wird es sehr heikel. Keine Redaktion der Welt sollte sich einspannen lassen für eine plumpe Promotion. Damit wäre der früher erwähnte Kollateralschaden angerichtet, die Markenreputation beschädigt und das Leservertrauen gestört. Aber was ist einzuwenden gegen einen interessanten Artikel zu einem feurigen Referat aus einem veranstalteten Kongress mit Hinweis auf den nächsten Event? Auch die Kommunikation gegen innen ist nicht zu vernachlässigen. Wird die Idee in der Organisation getragen, geben die Mitarbeitenden konstruktives Feedback und engagieren sich als Botschafter in ihrem Umfeld.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Auch das Timing spielt natürlich eine Rolle. Nicht zu vernachlässigen sind die Konjunkturzyklen. Sie können im neuen Geschäftsfeld ganz anders aussehen als beim Stammprodukt. Zu empfehlen sind denn auch eher Betätigungsfelder, die sich an mittelund langfristigen Bedürfnissen in der Gesellschaft wie Sicherheit, Gesundheit und Bildung orientieren und nicht an trendigen Strömungen oder gar Hypes. Zu guter Letzt und vor dem definitiven Entscheid für oder gegen ein Engagement darf auch das Bauchgefühl hinzugezogen werden. Stimmt es, ist das Angebot stimmig und die Marktvoraussetzung ideal, soll es los gehen. Das Window of Opportunity steht nicht für immer offen. Und dann gilt: Dran bleiben, wie an einer entwicklungsfähigen Geschichte. Geduld haben und hartnäckig bleiben. Nachjustieren und ein gesundes Mass an Risiko in Kauf nehmen. So stehen die Chancen gut, dass die Story zu einem guten Ende kommt.
Andreas Häuptli

Der Artikel basiert auf der Master-Arbeit zum Thema « Markengesteuerte Erschliessung neuer Geschäftsfelder für Medienunternehmen» aus dem MAS-Lehrgang «Brand and Marketing Management» an der Hochschule Luzern.










