Auch in diesem Herbst hat die Werbewoche Exponenten der Onlinewerbebranche über die wichtigsten Trends befragt. Von allen Umfrageteilnehmern wird Mobile als einer der bedeutenden Trends im digitalen Werbemarkt identifiziert. (Auf den gleichermassen wichtig eingestuften Online-Video- Trend wird hier nicht weiter eingegangen, weil die Werbewoche dieses Thema in der derzeit laufenden Videomarketingserie vertieft). Dabei wird anerkannt, dass der Teilmarkt Mobile in der Schweiz noch klein und kaum entwickelt ist. Für Publisher bleibt denn vorderhand der Befund, dass heute ein Mobile-User nicht gleich gut monetarisiert werden kann wie ein stationärer User. Dafür werden verschiedene Gründe genannt:
– Werbung auf mobilen Geräten wird von den Benutzern als störend empfunden und abgelehnt.
– Es fehlen standardisierte Werbeformate und die eingesetzten Werbemittelformate sind wenig aufmerksamkeitsstark.
– Die Targeting-Möglichkeiten sind beschränkt, selbst klassisches Targeting wie auch die Begrenzung der Auslieferungen pro User (Capping) ist bei manchen grossen Publishern technisch nicht möglich.
– Es gibt nur wenige Kennzahlen, mit denen längst nicht alle Kampagnenziele erfasst werden können. Vorhandene Kennzahlen sind nur schwer vergleichbar und ein Conversion- Tracking ist so nur schwer möglich.
So gilt denn heute, was Andreas Jorgella, Partner bei The House Agency, so beschreibt: «Die aktuellen Angebote für Mobile-Werbung wurden von Webseitenvermarktern nach dem klassischen Denkmuster entwickelt und beschränken sich in der Masse auf kleinste Display-Formate.» Und er fügt an: «Ob damit die Botschaft und Marken-Attribute der Werbetreibenden Device-gerecht transportiert werden, hinterfragen wir sehr kritisch.» Trotz rasantem Wachstum der Nutzer fehlt heute das Vertrauen, um in Mobile-Kampagnen zu investieren. So ist man sich denn allgemein darin einig, dass die Medienbranche hier gefordert ist, um allgemein anerkannte Lösungen zu finden. Und dass es noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, bis das Thema Mobile bei Auftraggebern und Agenturen breit verankert ist. Auch Lösungsansätze werden vorgebracht. Etwa von Alexander Horrolt, Managing Director Goldbach Audience, der den «Audience First»-Ansatz hervorhebt, mit dem die Ansprache der gewünschten Zielgruppe, und weniger die Frage des Kanals, in den Vordergrund gestellt wird. Wie die Stellungnahme von Stephan Obwegeser, bei Tamedia für Digital Advertising and Services zuständig, zeigt, scheinen solche Strategien in den Verlagsetagen langsam Form anzunehmen: «Denn die Herausforderung besteht nicht primär in den reduzierten Bildschirmflächen, sondern vielmehr im intelligenten ‹Mecano›, wie die Werbung Mehrwert bringend in den Inhalt verpackt wird. Hierzu müssen Auftraggeber, Kreative und Publisher und User noch näher zusammenrücken. » (vgl. «Mobile: Von Google dominiert»)
Erste Tests im Jahr 2014?
Wie schon vor einem Jahr sind die Einschätzungen zur Automatisierung der Handelsabläufe weiterhin gegensätzlich. Werden heute im Handel um Onlinewerbeplätze viele Abläufe noch manuell abgewickelt, sind dafür Lösungen entwickelt worden, mit denen der entsprechende Informationsaustausch unter den beteiligten Systemen automatisiert ablaufen kann. Geht es lediglich um die Buchungsprozesse, wird von Programmatic Buying gesprochen, sind auch noch die Preisfindungsabläufe mit eingeschlossen, so heisst das Stichwort Real- Time-Bidding, RTB. Vorab Publisher befürchten, die Auktionsverfahren bei RTB führten zwangsläufig zu einem Preiszerfall, weshalb die drei Buchstaben RTB im Zusammenhang mit Premium-Inventar mehr als Schreckgespenst denn als Zukunftschance wahrgenommen worden sind. Und auch Mediaagenturen und Vermarkter lässt das Thema nicht kalt, denn wenn sich Käufer und Verkäufer direkt finden, könnten ihre Dienste überflüssig werden.
Offensichtlich braucht es eine gewisse Zeit, bis diese technischen Konzepte nicht nur von Avantgardisten, sondern von einem breiten Branchenpublikum verstanden und eingeschätzt werden können. Doch gibt es nun erste Anzeichen, die auf eine konkrete Aufbruchstimmung für eine branchenweite Umsetzung hindeuten. Die Expertenstatements in der Werbewoche-Umfrage lassen summarisch gesehen erkennen, dass eine effizientere Abwicklung der Buchungsabläufe im kommenden Jahr wohl ernsthaft diskutiert werden wird. So berichtet Alexander Horrolt von Goldbach Audience: «Wir sehen bei vielen Publishern eine deutlich intensivere Auseinandersetzung mit der Materie und ernsthafte Bestrebungen, automatisierten Handel 2014 zu testen oder einzuführen.» Und auch Viktor Zawadzki, CEO der zur Publigroupe gehörenden Handelsplattform Spree7, belegt diese Entwicklung: «Wir sehen immer mehr Schweizer Webseiten, die ihr Inventar programmatisch handeln. Die TKPs sind zwischen Juli und September um 21 Prozent gestiegen.» Diese Anzeichen deuten auf eine Lösung hin, wie sie Medienhäuser in ausländischen Märkten wie Frankreich, Dänemark oder Tschechien und allemal in den USA bereits etabliert haben. Sie haben eigene Handelsplattformen, sog. Private Exchanges, gegründet, wo sie die Bedingungen selber festlegen und kontrollieren können. So können Mediaagenturen weiterhin Preise bilateral mit Publishern aushandeln, allerdings wird der Buchungs- und Auslieferungsprozess automatisiert ablaufen, auch können verschiedenste Buchungskriterien vorgegeben werden und einzelne Agenturen oder Kunden zugelassen oder blockiert werden. (Siehe auch den Artikel auf Seite 26.)
So kommentiert Remo Baumeler, Head of Digital Advertising bei der Neue Zürcher Zeitung AG: «Ich sehe durchaus auch Positives an dieser Entwicklung. Für Premium-Anbieter ist der offene Bidding-Markt aber nicht die beste Option, ein Fokus auf Private Marketplaces ist hier der bessere Ansatz.» Und auch bei Tamedia lässt Stephan Obwegeser Ähnliches vernehmen: «Aus unserer Sicht haben Modelle eine Chance, die eine effizientere Abwicklung und intelligentere Platzierungsmöglichkeiten ins Zentrum stellen und nicht primär einen Preisvorteil erreichen wollen.» Auf dem Weg zu einer möglichen Schweizer Lösung für ein Programmatic Buying wird wohl eine grosse Hürde darin bestehen, welche Lösungsanbieter dabei zum Zuge kommen sollen und vor allem welche Handelskommissionen ihnen zugestanden werden sollen. Dabei steht der Handel mit Premium-Inventar im Vordergrund. Wer Restinventar möglichst gewinnbringend losschlagen will, kann dafür zusätzlich bestehende RTB-Handelsplätze einsetzen, wie dies bisher mit Google-Adsense praktiziert wird.
Skeptische Stimmen befürchten, mit automatisierten Buchungen werde das direkte Beratungsgespräch verloren gehen, mit dem Kunden oft kreativere und lukrativere Varianten angeboten werden können. Stephan Suter, CEO und Partner bei ADKEY GmbH, formuliert es so: «Schön ist doch, dass wir in unserem kleinen Land oft noch direkt mit den Anbieter in Kontakt stehen können und gemeinsam so für den Kunden das Beste entsteht. Je mehr dies durch Technologie abgedeckt wird, desto mehr geht dies verloren.» Zudem wird mehrfach die Befürchtung geäussert, was dank automatisierten Abläufen an Ablaufeffizienz gewonnen werde, gehe gleichzeitig durch die höhere Komplexität wieder verloren. Denn um solche neuen Systeme wirkungsvoll einsetzen zu können, brauche es nicht nur Investitionen, sondern auch besser geschultes und somit teureres Personal. Indes liegt genau darin die Chance für Agenturen, Vermittler und Vermarkter: Wer die automatisierten Abläufe beherrscht, kann bei den Kunden punkten, indem diese vom Umgang mit neuen und komplexeren Systemen entlastet werden können.
Keine Entspannung an der Talentfront
Mit dem Stichwort Fachpersonal ist ein Problem angesprochen, das die Online-Branche seit Jahren beschäftigt und das weiterhin Bauchweh bereiten wird. Auf den Punkt bringt es Arend Hendriks, Country Manager Advertising & Online bei Microsoft Schweiz GmbH: «Der Nachwuchsmangel mit Blick auf Fachkräfte im digitalen Bereich könnte schon mittelfristig unser kontinuierliches Wachstum ausbremsen.» Und Catrin Rubenson, CEO bei Admazing, beziffert die Dimension des Problems: «Es fehlen rund 2000 Fachleute in der Branche.» Allgemein anerkannt und begrüsst werden die vom IAB Schweiz angebotenen Kurse für Quereinsteiger. IAB-Schweiz Geschäftsführer Roger Baur berichtet: «Die Kurse laufen sehr gut, wir haben in diesem Jahr wieder über hundert Personen ausgebildet und zwei Kurse mit dem Agenturverband BSW durchgeführt.» Im kommenden Jahr soll das Angebot um einen Kurs für Fortgeschrittene erweitert werden.
Doch das genügt nicht, findet Hendrik van Dyck, Geschäftsführer bei Adisfaction, und denkt eine Runde weiter: «Das Problem sind aus unserer Sicht nicht die fehlenden Talente. Es mangelt an der Zeit und der Fähigkeit der Experten, ihr Wissen auf breiter Basis weiterzugeben. Diese schnelllebige Branche braucht praxisorientierten Unterricht von Branchenexperten, die Ihr Wissen weitergeben, um den Nachwuchs zu fördern.» Allenthalben ist klar, dass nun nicht in wenigen Jahren aufgeholt werden kann, was zuvor lange vernachlässigt wurde, und so wird es noch etliche Jahre dauern, bis solche Massnahmen breit auf den Arbeitsmarkt durchschlagen werden. Doch gibt es bereits mehrere Stimmen, die von einem Silberstreifen am Horizont berichten. So Roger Wassmer, CEO bei Zanox Schweiz: «Es gibt eine leichte Entspannung im Schweizer Markt, obwohl gute Leute nach wie vor schwierig zu finden sind.»
Billboard-Boom
Beim herkömmlichen Display-Geschäft wird von einem Boom bei grossflächigen Display-Formaten berichtet. So etwa Michael Baum, Managing Director der Stailamedia AG: «Unser Billboard Netzwerk zum Beispiel ist bis Ende Jahr komplett ausgebucht. » Und von der Tamedia-Tochter search.ch meldet Matthias Kern, Leiter Verkauf Display Advertising, der Anteil grossflächiger Kampagnen habe sich innert Jahresfrist mehr als verdoppelt. Entsprechend gibt es einen massiven Rückgang bei den Standardwerbemitteln, worauf Vertreter der Medienhäuser nicht eingehen, doch Michael Baum weiss dazu: «Grosse Verlagshäuser sprechen von nur noch drei Prozent Anteil am gesamten Online- Umsatz.»
Weitere wichtige Trends werden in den Bereichen Search, Social und Content resp. bei deren Verknüpfung gesehen. Suchmaschinenwerbung ist weiterhin ein wichtiger Treiber und der Dominator Google setzt bei Mobile- und Video-Advertising wichtige Akzente. Gleichermassen wird Social Media von Facebook beherrscht, das im Marketing- Mix immer wichtiger wird. Sowohl als direkter Kommunikationskanal von Marken zu ihren Kunden wie auch als effektiver Abverkaufskanal. Mit dem Launch der Facebook-Exchange öffnete sich Facebook vor allem für Retargeting. Um in Social Media punkten zu können, braucht es gute Inhalte, weshalb Content-Marketing und damit auch Native Advertising immer stärker mit Social Media verwachsen.
Crossborder: Segen oder Fluch?
Geht es um die Entwicklung der Preise, sind diese zwar unter Druck, doch die Entwicklung ist sehr unterschiedlich. Denn Online-Inventar ist heute für 50 Rappen, für 5 Franken oder für 50 Franken TKP erhältlich. Das ist Kunden nicht immer leicht zu vermitteln, wenn die damit verbundenen Qualitätsunterschiede und damit das Preis-Leistungs- Verhältnis nicht unmittelbar offensichtlich sind. Die Trennung zwischen Performance- und klassischen Werbeaktivitäten hat sich weiter verstärkt. Display-Inventar gibt es mehr als genug und es spielt keine Rolle, woher der Traffic kommt. So geraten die Preise weiterhin unter Druck, auch wegen der Konkurrenz durch internationales Inventar, etwa auch aus den hauseigenen Netzwerken der internationalen Agenturen. Dabei wird sog. Crossborder- Traffic, auch in dieser Umfrage, gerne etwas verteufelt. Doch Stephan Suter von Adkey sieht es anders: «Es muss einfach auch einmal eingesehen werden, dass man dadurch an hohe Reichweiten und teilweise qualitativ hochstehende Affinitäten zu günstigeren Preisen gelangt.»
Während die Preise für Standardformate sinken, sind die meisten Kunden immer noch bereit, für gute, effektive und einfache Produkte mit Premium- Inventar einen mittleren zweistelligen TKP zu zahlen. Darin liegen die Zukunftschancen für Publisher, wie es etwa NZZ-Baumeler bestätigt: «Ich bin überzeugt, dass im Onlinewerbemarkt für qualitativ hochwertige Umfelder auch in Zukunft höhere Preise bezahlt werden.» In diesem Bereich ist eine Angleichung an tiefere ausländische Tarife momentan nicht absehbar. Die Top-Platzierungen sind aufgrund des limitierten Inlandangebots sehr stabil. Der grösste Teil des verfügbaren, originären Premium- Traffics wird von relativ wenigen grossen Publishern kontrolliert, die auf Sonderangebote mit starken Preisabschlägen oder Liquidationen via Realtime-Advertising verzichten. Catrin Rubenson von Admazing kommentiert diese Ausgangslage so: «Es besteht hier ein gemeinsamer Wille, das Preisniveau nicht zu sehr unter Druck zu bringen. Aufgrund der Kostenstrukturen in Relation zum verfügbaren Traffic in einem kleinen mehrsprachigen Land ist dies auch verständlich.»
Christoph J. Walther
Mobile: Von Google dominiert
Derweil in der schweizerischen Werbebranche noch über Rezepte im Umgang mit Werbung auf Mobilgeräten gerätselt wird, hat sich in den USA der Erzfeind der Verlage hier längst dominant etabliert: Gemäss Schätzungen des Marktforschers eMarketer vom August entfallen fast die Hälfte aller Umsätze in diesem Bereich auf Google, während Facebook nur ein Jahr nach dem Markteintritt fast zehn Prozent Marktanteil erobert hat. Beide Unternehmen haben entscheidende Vorteile: Sie kennen die Vorlieben ihrer Benutzer genau und können deshalb Werbebotschaften gezielt so ausspielen, dass sie vom Publikum angenommen werden, da sie den Interessen und Bedürfnissen entsprechen. Zudem können solche Werbebotschaften gut in die jeweiligen Produkte (beispielsweise entsprechend dem jeweiligen Standort auf Google Maps) auf den Kleinbildschirmen eingebunden werden. Es spricht nichts gegen die Annahme, dass diese Vorteile auch hierzulande in gleich dominantem Stil ausgespielt werden. Wer mit Werbung auf Mobilgeräten Geld verdienen will, muss zudem akzeptieren, dass viele Werbetreibende oft längst einen eigenen Draht auf die Smartphones und Tablets ihrer Kunden gefunden haben: Mit Apps kann der Dialog mit Kunden sehr reichhaltig gestaltet werden, die Kundenbindung erhöht und Geschäfte gleich direkt abgewickelt werden.
Und auch hier hat Google seine Nase vorn: Ende Oktober lancierte der Suchmaschinengigant «Google App Indexing». Damit können App-Entwickler die Daten ihrer Apps für Google zum Indexieren öffnen. Bei entsprechenden Suchtreffern erscheint dann ein Link, mit dem gleich die entsprechende App an der passenden Stelle geöffnet werden kann. Wollen heimische Publisher, traditionelle allemal, hier nicht den Anschluss verlieren, werden sie nicht darum herumkommen, journalistische Gralshüter in den eigenen Reihen entweder zu überzeugen oder zu überhören und über ihren Schatten zu springen. Denn damit Werbeinhalte auf den Klein- Displays nicht störend empfunden werden, müssen sie multimedial daherkommen und intelligent mit redaktionellen Inhalten verknüpft werden und weitgehend gleichwertig präsentiert werden. Die Trend- Stichworte dazu heissen etwa: Native Advertising und Content-Marketing, womit im Grundsatz Publireportagen gemeint sind. (cjw)
Teilnehmer
Die Digital-Werbung-Trendumfrage der Werbewoche basiert auf den Einschätzungen dieser Branchenexponenten (in alphabetischer Reihenfolge):
Michael Baum, Managing Director Stailamedia AG
Remo Baumeler, Head of Digital Advertising Neue Zürcher Zeitung AG
Roger Baur, Netprofit & IAB Schweiz
Hendrik van Dyck, Geschäftsführer Adisfaction GmbH
Alexander Horrolt, Managing Director Goldbach Audience (Switzerland) AG
Andreas Jorgella, Partner The House Agency AG
Matthias Kern, Leiter Verkauf Display Advertising search.ch
Michel Lazecki, CEO adwebster AG
Stephan Obwegeser, Leiter Digital Advertising & Services Tamedia
Remo Prinz, Partner Serranetga AG
Catrin Rubenson, CEO Admazing
Stephan Suter, CEO/Partner ADKEY GmbH
Pascal Urscheler, Head of Media & Product Management Publicitas
Roger Wassmer, CEO Zanox Schweiz
Mike Weber, Head of Strategic Projects PubliGroupe
Stefan Wirth, CEO Instanz Tbd Spree7 & Improve Digital