Werbewoche: Verdienen die AZ Medien eigentlich Geld mit ihren TV-Sendern?
Robert Elsener: Wir sind zufrieden. Mit den regional konzessionierten Sendern Tele M1 und TeleBärn dürfen wir keine Gewinnausschüttung machen. Wir versuchen alles, was wir einnehmen, wieder ins Programm und in gute redaktionelle Arbeit zu investieren.
Bei TeleZüri, das keine Konzession hat und deshalb auch keine Konzessionsgelder erhält, dürften Sie Gewinn machen …
Wir versuchen hart im Wind profitabel zu arbeiten und unsere Einnahmen in ein gutes Programm und in Programminitiativen zu investieren.
Die Sender sind also publizistisch wichtiger für die Gruppe als finanziell?
Als AZ-Medien sind wir ein kommerzielles Unternehmen und keine Wohlfahrtsgesellschaft. Es ist wichtig, dass wir gute Kennzahlen abliefern. Wir haben aber einen journalistischen Auftrag, den wir gut erfüllen möchten.
Wie ist die Organisation der Senderfamilie der AZMedien?
Synergien zu schaffen, bietet sich an, wenn man mehrere Fernsehsender in einem Hause führt. Aber für uns ist die redaktionelle Unabhängigkeit der einzelnen Sender essenziell. Da gibt es wenige Überschneidungen, weil wir ja für die Regionen aus der Region heraus produzieren. Nationale Beiträge lassen sich gelegentlich gemeinsam produzieren. Wo wir Synergien hingegen schon realisieren konnten, ist im Bereiche der Produktionstechnik, der Infrastruktur und der IT. Dort steckt das grösste Synergiepotenzial.
Nehmen wir ein Beispiel. Gestern rief Bundespräsident Didier Burkhalter zu einer Medienkonferenz. Was passiert jetzt, geht da jeder Sender selbst hin oder produziert da einer für alle?
Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich und wird jeweils redaktionell zwischen den Sendern abgestimmt. Nehmen wir als Beispiel Sotschi. Wir haben ein Team nach Sotschi geschickt, was nicht ganz billig ist – die Flugpreise sind während der Spiele ungefähr um das Zehnfache angestiegen (lacht). Mit dem ganzen Bildmaterial erstellen wir regional ausgerichtete Beiträge. Wenn zum Beispiel ein Berner Sportler besonders heraussticht, bekommt der auf TeleBärn mehr Gewicht als auf TeleZüri.
Das Material wird aber zentral produziert?
In diesem Fall ja, aber beim Eidgenössischen Schwingfest hatten wir mehrere Teams vor Ort. Letztes Jahr war das Schwingfest sehr stark von Berner Schwingern dominiert. Da setzen wir dann bei TeleBärn natürlich eine andere Gewichtung auf den Event als bei Tele M1 oder TeleZüri.
Wo liegen die Gemeinsamkeiten und wo die Unterschiede zwischen TeleZüri, TeleBärn und Tele M1?
Die Gemeinsamkeiten sind offensichtlich: Alle Sender produzieren pro Tag rund eine Stunde Inhalte und wiederholen diese in einer Art Stundenschlaufe. Vom Konzept her ähneln sich die Sender, inhaltlich ist die Ausprägung regional.
Hat TeleBärn eine andere Stellung in Bern als TeleZüri in Zürich?
Das muss man differenziert betrachten. Das sind einmal die Zuschauerzahlen. Die Forschung hat uns aus den bekannten Gründen letztes Jahr nicht immer nur Freude gemacht (lacht). Wir haben uns marktanteilmässig jedoch sehr positiv entwickelt. Ein weiterer Aspekt ist das direkte Feedback der Kunden via Telefon, E-Mail oder über Social-MediaKanäle. Feedback gibt es oft, auch wenn man Teams vor Ort draussen hat. Hier spürt man schon den hohen Stellenwert unserer Sender in den Regionen. Insofern ist es schwierig, TeleZüri mit Tele M1 oder TeleBärn zu vergleichen. Gerade weil TeleZüri seit 2008 überregionaler positioniert ,und darauf achtet, dass es neben Zürich auch im Mittelland, in der Innerschweiz oder bis nach Schaffhausen und St. Gallen eine gute Berichterstattung bietet. Tele M1 oder TeleBärn sind stärker auf ihr Ausstrahlungsgebiet fokussiert. Tele M1 geht mit dem Ost- und Westkanal noch regionaler und hat unlängst ein Korrespondentenbüro in Solothurn eröffnet, um für die Region relevante Themen journalistisch noch besser abzudecken. Alle unsere Sender haben eine eigene Ausprägung und eine eigene Geschichte. TeleZüri wird dieses Jahr 20-jährig, die anderen haben dieses Jubiläum bald vor sich. Die Sender sind über all die Jahre zusammen mit den Zuschauern gewachsen.
Ist die Akzeptanz in den einzelnen Gebieten also vergleichbar?
Ja, die Ausprägung ist einfach eine andere. Die generelle Akzeptanz ist bei allen Sendern sehr hoch und auf sehr hohem Niveau vergleichbar. Wenn man das Gesamtpublikum betrachtet: In dieser einen Stunde, in der wir originären Content produzieren – zwischen 18 und 19 Uhr –, haben wir innerhalb der Regionen resp. Konzessionsgebiete hervorragende Marktanteile. In Zürich gibt es Tage, da beträgt der Marktanteil beim Gesamtpublikum in dieser Zeit 30 Prozent. Wir sind in den Regionen Zürich, Mittelland und Bern stark verankert.
TeleZüri hat keine Konzession, TeleBärn und Tele M1 haben eine solche und erhalten auch Konzessionsgelder. Gibt es Überlegungen, auf die Konzessionen zu verzichten, um mehr Freiheiten bei der Werbung zu haben?
Das kann ich mit einem klaren Nein beantworten. Es ist nicht so, dass wir uns im Konzessionsauftrag in einem Korsett wiederfinden würden. Die inhaltliche Ausrichtung des Konzessionsauftrages passt und deckt sich mit unseren journalistischen Qualitätsansprüchen. In der Werbung hätten wir, wie Sie richtig sagen, etwas mehr Flexibilität. Aber mir sind keine Fälle bekannt, wo wir aus konzessionsrechtlichen Gründen auf Werbegelder verzichten mussten. Im Gespräch mit dem Werbekunden findet man in der Regel immer gute Möglichkeiten für flexible Lösungen.
Wie ist die aktuelle Verbreitung?
Wir müssen unterscheiden zwischen analoger und digitaler Verbreitung. Ein signifikanter Teil unserer Zuschauer empfängt uns heute noch analog. Vielleicht ist es nicht mehr das Erstfernsehgerät, sondern das Zweit- oder Drittgerät. Innerhalb der Konzessionsgebiete für Tele M1 und TeleBärn haben wir, konzessionsrechtlich gewährleistet, eine Vollverbreitung der für uns relevanten analogen und digitalen Verbreitungswege. Bei TeleZüri verfügen wir im Kerngebiet sowohl analog wie auch digital ebenfalls über eine Vollverbreitung. Digital können unsere Sender auch ausserhalb ihrer Konzessionsresp. Kerngebiete sprachregional empfangen werden. Wir bekommen aus verschieden Regionen Anfragen von Kabelnetzbetreibern, die unsere Sender neu aufschalten möchten. Ein konkretes Beispiel ist Laax/Falera. Der lokale Kabelnetzbetreiber wünscht sich, dass für die Berner Feriengäste TeleBärn im Kabelnetz empfangbar ist. Es ist aber sicher nicht so, dass wir damit unsere Marktanteile verfünffachen könnten (lacht). Für einen Zuschauer ausserhalb des jeweiligen Konzessionsgebietes haben wir nicht die gleiche Relevanz wie im Hauptverbreitungsgebiet.
Ein anderes Thema: Wie wichtig ist der StreamingBereich auf ihren Websites?
Irgendwann wird man nicht mehr von Streaming reden, sondern von Bewegtbildkonsum über alle Endgeräte hinweg. Ob analog, digital oder online spielt für den Zuschauer keine Rolle. Für uns ist zentral, dass wir auf allen heute relevanten Endgeräten – vom iPhone bis zum grossen TV-Screen – präsent sind. Auch die Unterscheidung, ob der Konsum jetzt linear oder non-linear erfolgt, spielt keine so grosse Rolle. Relevant sind die « Eyeballs » , sprich die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Bewegtbildwerbung hat den Vorteil, dass die Tausendkontaktpreise auch in der Onlinewelt, verglichen mit der Displaywerbung, auf einem sehr vernünftigen Niveau sind.
Die Problematik ist nur, dass die aktuelle Forschung halt nicht alles abbilden kann …
Die Forschung kann die Onlinenutzung und die Fernsehnutzung relativ gut abbilden. Aber Sie haben recht, heute gibt es einen Bruch zwischen der Erhebung der Online-und der TV-Nutzung. Uns ist wichtig, dass man überall dort, wo man uns konsumiert, eine Messmethodik im Hintergrund steht, die es erlaubt die Nutzung der Inhalte zu monetarisieren. « Verlorene » , also nicht gemessene Nutzung ist das, was uns wehtut.
Die Werbewirtschaft hätte natürlich am liebsten einen Wert …
Wenn es eine «Währung» gibt, welche die Leistung adäquat abbildet, einfach in der Handhabung ist und uns auch noch die nötigen Rückschlüsse für die Programmoptimierung liefert, dann sagen wir dazu selbstverständlich nicht nein.
Wie haben sich die einzelnen Sender letztes Jahr entwickelt?
TeleZüri hat Marktanteile gewonnen, Tele M1 hat ein wenig verloren und TeleBärn ein bisschen gewonnen, aber ein direkter Vergleich mit dem Vorjahr ist ja aus methodischen Gründen nicht statthaft. Wir haben ein stabiles Jahr hinter uns und bieten über das ganze Jahr gesehen ein qualitativ gleichbleibend gutes Programm. Dieses Jahr haben wir seitens der Konkurrenz zwei Herausforderungen: jetzt gerade Sotschi, dann die Fussball-WM mit Anspielzeiten um 18 Uhr. Mit Specials versuchen wir Gegensteuer zu geben.
Wie hoch ist der Anteil an nationaler Werbung bei den drei Sendern?
Der Anteil ist signifikant, der grösste Anteil ist aber regionale und lokale Werbung.
Sie wechseln dieses Jahr mit allen Sendern auf HD. Wann wird das sein und wie hoch sind die entsprechenden Investitionen?
Die einzelnen Umschaltzeitpunkte haben wir noch nicht bestimmt. Es ist ein hohes Investment.
Was heisst das?
HD kann man auf verschiedene Arten machen. Einfach das SD-Signal hochkonvertieren und es dann HD nennen ist nicht unser Ziel. Wir wollen möglichst viele native HD-Inhalte bieten. Dieser Qualitätssprung bedeutet aber, dass von der Kamera über die Studiotechnik bis hin zum Play-out die ganze Produktionskette in HD sein muss. Heute haben wir bei den einzelnen Sendern unterschiedliche Ausbaustandards, sodass an einem Ort mehr und am anderen weniger investiert werden muss. Über alles gesehen ist es aber ein signifikanter Betrag, den wir in die Hand nehmen müssen.
Lohnt sich die Investition?
Wir müssen diese Investition tätigen. Zum einen für die Zuschauer. Wir werden nicht mit anderen Lokalsendern verglichen, sondern mit dem höchsten Standard, den irgendein Sender setzt. Wenn man zu den wichtigsten TV-Sendern gehören will, dann kann man nicht Fernsehen in einer technisch schlechteren Qualität liefern. Auch die Werbetreibenden sind an einer hohen Qualität interessiert, damit sie ihre Produkte optimal zeigen können. Die dritten im Bund sind die Netzbetreiber, die ihrerseits wünschen, dass sie möglichst viele Sender in HD-Qualität anbieten können.
Sie haben drei erfolgreiche Sender. Mit TV24 kommt ein neuer Sender dazu. Was haben Sie für Ziele mit dem neuen Sender?
Mittelfristig streben wir mit TV24 einen Marktanteil von 1% an. TV24 ist für uns eine logische Weiterentwicklung der Senderfamilie.
Wieso?
Zum einen weil wir bereits ein Publikum bedienen – pro Tag sind das mehr als eine halbe Million Leute –, welches die von uns produzierten Inhalte sehr schätzt. Die Zielgruppe findet aber viele Inhalte auf unseren Sendern nicht, die sie ebenfalls interessiert. Mit TV24 haben wir die Möglichkeit, unseren bestehenden und auch neuen Zuschauern Inhalte anzubieten, die wir bis heute auf unseren Regionalsendern nicht zeigen.
Sind das Sendungen, die in der momentanen Stundenschlaufe keinen Platz finden?
Genau. Mit TV24 können wir mehr Inhalte zeigen, die bis anhin keinen Platz finden oder nicht den Konzessionsauftrag erfüllen, indem sie mehr in den Unterhaltungsbereich gehen. In einer gewissen Hinsicht ist es aber auch eine Brücke, die über unsere Senderfamilie gespannt wird. Wir haben heute rund 130 Mitarbeitende, die täglich Fernsehinhalte produzieren. Dies ermöglicht es, zum Beispiel ein tägliches NewsFormat aus unseren lokalen oder regionalen News mit überregionaler Relevanz zu produzieren. Da wir die drei grössten Regionalfernsehsender im Portfolio haben, sind wir neben dem Schweizer Fernsehen wohl die einzigen, die in der Schweiz über eine TV-NewsKompetenz auf überregionaler Ebene verfügen.
Besteht nicht auch die Gefahr, ihre regionalen Sender zu konkurrenzieren?
Die regionalen Sender sind unser Rückgrat, unser Herz und Blut und sie werden auch in Zukunft unseren Hauptfokus bilden. Wir können TV24 komplementär aufstellen, sodass unsere bestehenden Sender möglichst wenig tangiert werden. Die Sendervielfalt im Fernsehen nimmt immer noch zu. Lieber also einen eigenen Sender haben, den wir ergänzend positionieren können, als der weiteren Fragmentierung wehrlos ausgeliefert zu sein.
Wird es auf TV24 eine Nachrichtensendung geben?
Ja. Aber natürlich nicht zur gleichen Ausstrahlungszeit wie auf den Lokalsendern. Vom Inhalt her wird es ein Best-of der täglich produzierten Nachrichtenbeiträge sein, die überregionale Bedeutung haben. Die werden in einem neuen Studioset produziert und moderiert.
Was wird es sonst noch geben?
Mit TV24 haben wir einen TV-Sender in unserer Senderfamilie, der sieben Tage und 24 Stunden unterschiedliches Programm sendet. Das gibt uns auch die Möglichkeit, neue Themen auszuprobieren, zu schauen, wie die funktionieren, um sie vielleicht auch mal für unsere Regionalfernsehsender zu verwenden. Umgekehrt haben wir die Möglichkeit, gewisse Formate, die sehr erfolgreich sind, bis anhin auf den Lokalsendern, aber nur in einer Länge von wenigen Minuten produziert werden konnten, auf TV24 in einer längeren Fassung zu bringen. Dadurch, dass wir auch auf viele bereits produzierte Inhalte zurückgreifen können, ergibt sich ein schönes Synergiepotenzial. Mit TV24 wollen wir aber auch neue Zuschauer gewinnen, die wir mit Cross-Promotionen an unsere Lokalfernsehsender heranführen möchten.
Wann startet TV24?
Im zweiten Quartal 2014.
Wie viele Leute werden für TV24 arbeiten?
Viele Inhalte werden von den bestehenden Mitarbeitenden produziert. Wir werden das Team punktuell ergänzen für Funktionen, die wir heute noch nicht zu unserer Kernkompetenz zählen dürfen. Wir werden mittelfristig auch Sender-Gesichter aufbauen. Das hilft zur Profilierung des Senders. Ob diese aus unserem Nachwuchs kommen oder effektiv neue Personen sind, wissen wir noch nicht.
Für 2014 sind bei den bestehenden Sendern zwei neue Sendungen geplant: «Fashion Run – das Shoppingduell» und «The Gran Plan». Beides sind Adaptionen erfolgreicher ausländischer Sendungen.
Das stimmt nicht ganz. «Fashion Run» ist eine Eigenerfindung, die zwar artverwandt mit anderen Shoppingformaten ist. Von existierenden Formaten sind wir auch ganz bewusst abgewichen, weil wir das Gefühl haben, dass unsere Art, das Fashion-Thema zu behandeln, in der Schweiz besser funktioniert. Der Bereich Fashion ist sehr affin mit unseren Zuschauern und wir glauben auch, dass es ein ideales Gefäss für die Werbeindustrie sein wird. Neben der normalen Werbung sicher auch im Bereich ProductPlacement oder auch beim Einbinden von DrehLocations. «The Gran Plan» hingegen ist ein eingekauftes Lizenzformat, das eingeschweizert wird. Wir sind überzeugt, dass wir investieren müssen, um im Fernsehbereich langfristig erfolgreich zu sein. Wir möchten die aktuellen Regionalfernsehprogramme stärken und mit technischen und programmlichen Neuheiten in die Zukunft führen. Mit den geplanten neuen halbstündigen Sendungen – eine weitere wird noch dazukommen – wollen wir unsere bestehenden Regionalfernsehsender punktuell stärken und die Zuschauer länger auf unseren Sendern halten.
Wer produziert die Sendungen?
Golden Eye Media produziert beide Formate.
Was ist zum 20-Jahre-Jubiläum von TeleZüri geplant?
Es läuft schon einiges. Wir haben eine TestimonialKampagne on air, zusammen mit der Umstellung auf HD wird auch ein neues On-air-Design eingeführt. Zudem machen wir Gewinnspiele und werden im Herbst diverse Festivitäten veranstalten. All dies ist nach 20 Jahren auch durchaus angebracht und nicht zuletzt eine Wertschätzung für das bestehende super TeleZüri-Team rund um Markus Gilli.
Interview: Pierre C. Meier
Ein Artikel aus der aktuellen Printausgabe der Werbewoche.