Der «Quereinsteiger» und Betriebswirtschafter Dominique von Matt ist Werber des Jahres 2002Von Luca Aloisi
Dominique von Matt, Mitinhaber von Jung von Matt/Limmat (JvM), blickt
auf ein bewegtes 2001 zurück: Anschluss an das JvM-Netz seines Bruders,
Prestige-Etatgewinne und Umzug in ein Gebäude mit historischem Flair.
Gut startet für ihn und die Agentur auch das neue Jahr: Von der
Branche, die ihn anfangs mied, wurde er mit dem Titel «Werber des
Jahres 2002» ausgezeichnet.
Weder ist er ein Werber mit überzogenem
Selbstwertgefühl noch sprudeln Slogans oder Konzepte aus ihm heraus.
Eher ist der Berater Dominique von Matt ein Denker und Motivator. Seine
angenehm gedämpfte, aber markante Stimme passt zu seiner beherrschten
Art wie zum tadellos gepflegten Äusseren. Daran reiht sich nahtlos auch
das sanierte Gebäude, in das JvM/Limmat kürzlich gezogen ist: ein
ehemaliges Primarschulhaus mit Anbau, das auf den Grundmauern eines
Bordells aus dem 19. Jahrhundert errichtet wurde. «Mit Gesellenhaus,
Kasino und eben diesem Puff war damals die Wolfbachstrasse noch die
sündige Meile Zürichs», weiss von Matt zu erzählen. Mit der knallroten
Agenturfassade nimmt der Mitinhaber augenzwinkernd Bezug zur Geschichte
und hebt die Authentizitätshaltung von JvM auch optisch hervor.
Mit Kompetenz-Units mutiger von der Ideallinie abkommen Dass
der Werber des Jahres 2002 am liebsten sein Assoziationsregister zieht,
stellt man gleich fest. Seinen Anspruch an gute Werbung umschreibt
Dominique von Matt (43) mit einer Formel-1-Analogie: «Ob Monza,
Hockenheim oder Suzuka – jeder Kurs hat seine Ideallinie. Auf dieser
kommt man zwar am schnellsten und sichersten um die Kurve. Sie hat aber
den Nachteil, dass sie jeder nimmt. Wenn man überholen will, muss man
sie verlassen. Gerade das ist das Problem der Werbung: Wenn man
kompetitiv sein will und etwas bewegen will, muss man den Mut haben,
von der Ideallinie wegzukommen.»
Die Kampagne für die Schweizer
Uhrenmarke Maurice Lacroix widerspiegelt dieses Credo deutlich: Anders
als die üblichen Testimonial-, Close-up- und Lifestyle-Umsetzungen
konstruierte das 55-köpfige Zürcher Team eine eigenständige, mutige
Erlebniswelt zwischen Luxus und Wildnis, die den Instinkt für Klassiker
– eben Maurice Lacroix – thematisiert. Nicht minder unkonventionell war
der Relaunch von Amaretto-Disaronno aus dem Hause JvM/Limmat, das den
ersten riechbaren Spot in die Kinosäle brachte und den Spagat zwischen
Paragraphen und Kreativität medienwirksam vorführte. Dabei wurde es vor
der Filmvorführung im Kinosaal zappenduster, man vernahm Geräusche von
klimpernden Eiswürfeln, um kurz danach den verführerischen Duft des
Mandellikörs zu riechen. Bevor das Rätsel gelüftet wurde und die
Disaronno-Flasche in einem flackernden Lichtkegel auftauchte, erschien
auf der Leinwand die Zeile: Ein Original erkennt man, bevor man es
sieht.
Die Kommunikationsauftritte für die rund 35 Kunden – von
Ascom und Bluewin über Ikea und SBB bis zu kleineren wie dem
Hairstylisten Zelo oder dem Restaurant Tres Kilos – sind von derselben
Originalität geprägt. Dank des Think-Tank-Konzepts, das mit dem Aufbau
einer integrierten PR- und Webunit startete, will Jung von Matt/Limmat
seine Auftraggeber noch integraler beraten, um sie in ihren Branchen
weiter zu stärken.
Die Agentur, die 1993 als Honegger von Matt in
einem Keller mit fünf Mitarbeitern und Keystone als erstem Kunden
startete, erzielte im Jahr 2000 rund 8,5 Millionen Franken
Bruttobetriebserträge (BBE) und avancierte so auf den 13. Rang der
BSW-Agenturen. Im allgemein rückläufigen Werbemarkt 2001 konnte
JvM/Limmat als eine der wenigen Agenturen seine BBE über 10 Prozent
verbessern. Beachtlich war auch der Kreativitätszuwachs, der mit
nationalen und internationalen Preisen quantifizierbar ist. Im
Kreativranking der Schweizer Agenturen platzierte sich die Zürcher
Agentur 2001 erstmals in den Top Ten und gleich auf Platz 7.
Mit «Stark-werder» werden Werber stark Wäre
es nach Dominique von Matts Ursprüngen gegangen, dann würde auch er –
entsprechend der Familientradition – sich heute in der Buchbranche
bewegen. Sein 79-jähriger Vater führt in der Nähe des Zürcher Central
immer noch eine eigene Buchhandlung. Doch so wie der Beruf des
Buchhändlers beim Vater eine Berufung ist, stellt auch die Beziehung
der Söhne zur Werbung eine völlige Verschmelzung von Beruf und Hobby
dar.
Obschon die aussergewöhnliche Häufung von Werbern in dieser
Von-Matt-Generation auf vererbte Gene tippen lässt, sieht der
Agenturgründer die Erziehung und die kommunikativen Charakterzüge, die
seine Eltern ihm und seinem Bruder Jean Rémy mitgegeben haben, als
Causa prima für den Erfolg in der Werbebranche: «Vom Vater haben wir
das Unternehmerische und die klare Haltung, die wir an ihm immer sehr
bewundert haben. Bestimmte Bücher verkaufte er einfach nicht, weil sie
nicht
in seine Ideologie passten und er solche Inhalte nicht
verbreiten wollte. Das Werberische haben wir von unserer Mutter.» Sie
lehrte ihre Kinder, wie man das Verhalten der Leute beeinflussen, sie
zu etwas motivieren kann.
Dabei fällt dem Werber die
«Stark-werder»-Anekdote ein. Zum Leidwesen der Mutter, die aus Belgien
stammte, hassten die Söhne Blaukraut, ein belgisches Nationalgericht.
Um sie für das gesunde Gemüse zu gewinnen, kam statt Blaukraut in der
Familie von Matt «Stark-werder» auf den Tisch. «Von diesem Augenblick
an haben wir das Zeug jahrelang gefuttert», erinnert sich von Matt
schmunzelnd an eine der vielen mütterlichen Überzeugungstaktiken im
Familienalltag.
Zu den elementaren Regeln der Verführung gesellte
sich als weiterer einflussreicher Faktor eine Erziehung mit wenig
Zwängen und Grenzen. «Wir hatten sehr viele Freiheiten, aber unsere
Mutter hat uns immer sehr geschickt gelenkt. Wir wurden extrem zu
Why-not- und nicht zu Yes-but-Denkern erzogen.» Darin sieht er
Parallelen zu seiner heutigen Arbeit: «Ich bin in einem Beruf, in dem
ich dafür bezahlt werde, an Grenzen zu gehen und diese zum Teil zu
überschreiten.» In diesem liberalen, aber auch leistungsorientierten
Mikrosystem spielte das Buch als Hauptmedium eine katalytische Rolle
für das ausgeprägte assoziative Denken der Söhne.
Unverständnis und Frustration auf dem Weg in die WerbungJene
Mischung aus uneingeschränkter Lebensgestaltung und erfolgsorientierter
Einstellung findet sich heute im offenen Klima der Agentur wieder, die
laut von Matt mit sehr wenig einengenden Strukturen auskommt.
Andererseits ist diese lockere, aber schwer fassbare Firmenkultur klar
erfolgs- und leistungsverpflichtet.
Obwohl Dominique von Matt
zielstrebig seine akademische Ausbildung und die Stages auf einen
Beratungsjob hinsteuerte, blieb ihm der Einstieg in die Werbebranche
lange verwehrt. Mit 28 Jahren, einer Dissertation über Markenpolitik
und Erfahrung als Waschmittel-PM bei Unilever im Rucksack, musste von
Matt frustriert feststellen, dass die Branche ihn nicht haben wollte.
Nicht
mit Ressentiments, aber mit Erstaunen erinnert er sich heute noch an
das Unverständnis und die vielen Absagebriefe von namhaften Werbern,
die ihm nett verklausuliert mitteilten, dass das einfach keine Laufbahn
sei und dass er nicht in ihre Agentur passen würde. Dankbar denkt der
Werber des Jahres 2002 zurück an den einzigen, der erkannt hatte,
welches Potenzial im Unilever-geprüften Eleven steckte, weil diesem das
Basic-Know-how des Marketings eingeprügelt worden und ihm die
Kundenperspektive bekannt war: Ziehvater Hansueli Schweizer von Wirz
Werbung.
In den fünf Jahren, die er beim Werbe-Doyen arbeitete,
lernte er das Handwerk und den Wert einer guten, konsistenten
Agenturkultur. Als Account Executive leitete und koordinierte er bei
der Londoner DMB&B die Whiskas-Europakampagne. Aus England brachte
er Professionalität und fokussiertes Arbeiten mit nach Hause. Diese
beiden Qualitäten implementiert er heute in die Prozesse bei
JvM/Limmat. Das drückt sich beispielsweise in der Singlemindedness der
Agentur aus, «die prinzipiell bei Konkurrenzpräsentationen nur eine
Lösung vorstellt».
Wachstum muss kein Kulturdefizit nach sich ziehen Da
auf seiner Stufe alle Bereiche der Werbeagentur zusammenkommen, liebt
er es, Strukturen, Formen und Prozesse der Werbung zu analysieren. So
hält er die zusammenschweissende und wertevermittelnde
Unternehmenskultur umso wichtiger, je grösser die Agentur wird, was in
seinem Fall zur Institutionalisierung kulturprägender Aufgaben geführt
hat: Strategietage im Grünen, prozessoptimierende Klausuren,
Fun-Ski-Weekends oder die von einem internen Team gestaltete
Erholungs-Lounge im Keller.
Den Geist, den er in seiner Agentur
spürbar machen will, drückt er abermals in einer bildstarken Metapher
von Antoine de St-Exupéry aus: «Wenn man will, dass Leute ein Schiff
bauen, muss man ihnen nicht Werkzeuge geben, sondern bei ihnen die
Sehnsucht nach dem Meer wecken.» Dank des proportionalen Wachstums
konnte die Wertekultur immer organisch verankert werden. Leadership
heisst für Dominique von Matt, Vorbildfunktion übernehmen.
Mit der
Gradlinigkeit seines Vaters hat Dominique von Matt auch schon Mandate
abgelehnt. «Viele meinen, wir wären immer raffgierig und hätten um des
Wachstums willen alles an uns gerissen. Aber das stimmt nicht. Wir
fuhren nie eine aggressive Wachstumsstrategie.» Schon im ersten Jahr
hätte die Agentur 30 Prozent mehr Volumen haben können, wenn sie alles
angenommen hätte. Aber zwei Punkte waren von Matt immer wichtig, ohne
die es keine gute Zusammenarbeit und Beziehung geben kann: Shared
values und ethische Aspekte gewisser Produktbereiche. «Als Agentur sind
wir überhaupt nicht dem Wachstum verpflichtet, sondern der Qualität.
Diese können wir auch in Ruhe erarbeiten, weil es keinen Shareholder
gibt, der Anfang Jahr sagt: Ende Jahr müsst ihr 30 Prozent grösser
sein.»
Der phänomenale Aufbau der Agentur JvM geht weiterEigentlich
ist das Wachstum der Agentur das Resultat der Begehrlichkeit, die sie
als Marke geschaffen hat, meint Dominique von Matt. Nur so sei der
phänomenale Erfolg des JvM-Agenturnetzwerks nachzuvollziehen.
1991
gründete Dominiques Bruder, Konzepter Jean Rémy von Matt, mit Berater
Holger Jung in Hamburg die Agentur, die in rund elf Jahren ein enormes
Wachstum erfuhr, ohne, gemäss Eigendarstellung, zu einem anonymen
Moloch zu mutieren. Nicht nur die metaphorisch als Trojanisches Pferd
dargestellte Agenturphilosophie, die das Werben mit Lust und List
visualisiert, lehnt sich an altgriechische Weisheiten an. Alle elf
Niederlassungen wie JvM/Limmat sind dem Panta-rhei-Gedanken gemäss nach
Gewässern benannt. Auch hier sinnbildlich für das stete Vorwärtsdrängen
der Agentur ohne zu verweilen. «Insofern ist für mich die Partnerschaft
mit Hamburg eine sehr gute, weil wir beide die gleichen Maxime haben»,
meint von Matt, der im April 2001 die unternehmerische Verbrüderung
beschloss.
Zwar sei der Gedanke, etwas zusammen zu machen, oft
aufgekommen, doch sprachen immer zwei Gründe dagegen. «Mein Bruder lebt
in Deutschland und will dort bleiben, wie ich in der Schweiz bleiben
will. Der zweite Grund liegt in unserem ähnlichen
Stärken-Schwächen-Profil, was unsere Stärken potenzieren würde, aber
auch unsere Schwächen.»
Eine Schwäche hatte Dominique von Matt vor
allem auch für den Sport, der ihm eine gute Lebensschule war. Aus den
drei Disziplinen, die er leidenschaftlich betrieben hat, zog er
verschiedene Schlüsse: Aus dem 100-Meter-Sprint lernte er, in wenig
Zeit alles zu geben, vom Fussball übernahm er den Teamgeist, während er
sich das überraschende Zuschlagen, aber auch das Einsteckenkönnen vom
Boxsport aneignete. «Alle Eigenschaften sind absolut zentral für den
Job als Werber», glaubt er.
Der Erfolg ruht auf einer starken Schulter – der Familie Vom
Typ her hat Dominique von Matt eher Ziele als Träume. Kurzfristig will
er die kreative Leistung seiner Agentur steigern, wobei er die
Verbindung mit JvM/Hamburg als Benchmark angibt. «Wir wollen an diesem
Niveau Mass nehmen.» Der Einzug in die Kreativ-Top-Ten und die
wachsende Anzahl Auftraggeber, die mutige und kreative Werbung wollen,
stimmen von Matt sehr zuversichtlich.
Ein weiteres Ziel besteht
darin, mit der Marke JvM, seit vergangenem Sommer auch in Wien vor Ort,
den grössten einheitlichen Markt in Europa, den deutschen Sprachraum
oder den 100-Millionen-Markt abzudecken. «Das eine oder andere Mandat
zu finden, bei dem wir unsere gemeinsame Karte spielen können, würde
mich schon sehr reizen», gibt er unumwunden zu. Gleichzeitig betreut er
als Kontrastprogramm und wegen sehr enger persönlicher Beziehungen
gerne auch Kleinkunden.
Neben diesen ehrgeizigen beruflichen
Plänen will er weiterhin genug Zeit für seine Familie haben, um dort
eine sehr aktive Rolle zu spielen. Darauf, dass ihn seine 13-jährige
Tochter und sein 5-jähriger Sohn gut kennen, ist er besonders stolz.
Alle Anlässe mit seinen Kindern priorisiert er sehr hoch. Gemeinsam mit
seiner Frau, die seit Agenturgründung ebenfalls für JvM teilzeitlich
arbeitet, schlüpft er immer wieder in die Rolle des
Geburtstagsanimators. «Neben meiner Familie habe ich mich voll und ganz
der Werbung verschrieben», bekräftigt er.