20-Minuten-Chef Rolf Bollmann zum Gratiszeitungsprojekt Quotidiano Indipendente«Das Tessin schauen wir uns frühestens nach dem Break-even an»
Von Markus Knöpfli
Eine weit gehend anonyme Investorengruppe, angeblich aus der Schweiz, will im Tessin eine Gratiszeitung à la 20 Minuten lancieren. Eine Firma namens Quotidiano Indipendente SA wurde im Juli gegründet. Die WerbeWoche fragte Rolf Bollmann, Geschäftsführer von 20 Minuten Schweiz, wie er das neue Projekt einschätzt.
Herr Bollmann, gehören 20 Minuten Schweiz oder deren Mutterhaus Schibsted auch zu den Investoren des Quotidiano Indipendente?
Rolf Bollmann: Mit grosser Sicherheit nicht. Ich bin zwar nicht Verwaltungsrat, aber als Geschäftsführer von 20 Minuten Schweiz wüsste ich das bestimmt.
Wurden 20 Minuten Schweiz oder Schibsted auch nicht als Investoren angefragt?
Bollmann: Meines Wissens nicht.
Ärgern Sie sich darüber, dass Ihnen nun offenbar jemand im Tessin zuvorkommt?
Bollmann: Nein. Wir sind in der Konsolidierungsphase und haben bisher nie an das Tessin gedacht.
Obwohl man dort auch etwas über die Landesgrenze hinaus machen könnte?
Bollmann: Möglich. Wir haben diesen Markt nicht evaluiert. Anders die 20-Minuten-Holding: Sie hatte lange ein Projekt in Mailand im Kopf, liess es dann aber auf Grund politischer und gewerkschaftlicher Blockaden fallen. Wenn das Projekt Mailand realisiert worden wäre, hätte ein Tessiner Projekt unter Umständen auch für uns Sinn gemacht. Aber da das Tessin für sich allein von allen Schweizer Sprachregionen den kleinsten Markt darstellt, schauen wir es uns frühestens nach dem Break-even von 20 Minuten Zürich-Bern-Basel an.
Wie steht es um den ursprünglich auf Ende 2002 veranschlagten Break-even?
Bollmann: Den Break-even haben wir auf Ende 2003 verschieben müssen. Wenn selbst hoch bezahlte Konjunkturforscher-Gurus mit ihren Prognosen immer wieder daneben liegen, habe auch ich das Recht, meine Prognosen der schlechten Wirtschaftslage anzupassen. Und es ist wohl nachvollziehbar, dass wir derzeit nicht genau auf Businessplan-Kurs sind. Denn auch wir leiden unter dem schlechten Werbeumfeld, das Seitenvolumen ging in den ersten sieben Monaten um 4 Prozent zurück. Beim Rubrikenvolumen (vor allem Stellen) gab es sogar ein Loch von minus 59,8 Prozent, das wir aber mit Mehrvolumen bei den kommerziellen Inseraten fast ausgeglichen haben. Entscheidend ist aber, was wertmässig passiert. Im Gegensatz zu den grossen Tageszeitungen, die wertmässig etwa 20 bis 30 Prozent eingebüsst haben, kommt 20 Minuten Schweiz in den ersten sieben Monaten dieses Jahres auf ein Werbeumsatzplus von 12 Prozent, budgetiert war allerdings ein höheres Plus.
Zurück zum Tessiner Projekt, von dem folgende Eckwerte bekannt sind: Ein Aktienkapital von drei Millionen Franken, Start am 2. September mit 36 Seiten Umfang, Druck in Mailand, Verteilboxen-System, möglicherweise Lega-Nationalrat Flavio Maspoli als Chefredaktor. Wie schätzen Sie das Projekt ein?
Bollmann: Das ist schwer zu sagen, da nicht einmal Auflage, Erscheinungsweise und Verteilgebiet bekannt sind. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass man mit drei Millionen Franken ein solches Produkt etablieren kann. Die grossen Kostenblöcke sind Druck und Papier, dann der Vertrieb und schliesslich Personal und Marketing. Bei uns macht dies je fast einen Drittel aus. Die Frage ist zudem, ob der Quotidiano seine Boxen auf städtischem Gebiet aufstellen oder einen Vertrag mit den SBB abschliessen wird, was teurer wäre. Wenn tatsächlich etwas Ähnliches entsteht wie 20 Minuten, frage ich mich, ob das Potenzial an jungen Lesern genügend gross ist. Wohl gibt es Touristen, doch die nützen nichts, weil sie bei den Leserzahlen nicht erfasst werden.
Können Sie sich vorstellen, dereinst mit dem Quotidiano Indipendente zusammenzuarbeiten, etwa im Anzeigenmarkt?
Bollmann: Absolut, vorausgesetzt, dass der Quotidiano redaktionell auf dem gleichen Niveau sein wird wie wir. Zudem müsste er von der Zielgruppenstrategie, der Architektur und Erscheinungsweise her zu uns passen. Sollte er aber Richtung Gratisanzeiger abdriften, käme für mich eine Kooperation nicht in Frage.
Wird sich 20 Minuten Schweiz am Quotidiano beteiligen?
Bollmann: Das müssen Sie meinen Verwaltungsrat fragen. Für mich hat die Konsolidierung im Goldenen Dreieck nun wirklich oberste Priorität.
Wir haben bisher vom Tessin gesprochen, näher liegend wäre aber ein 20 Minuten in der Westschweiz. Wann ist es dort so weit?
Bollmann: Diese Gedanken tauchen natürlich immer wieder auf, ab und zu werden wir auch von Werbeauftraggebern angefragt. Nur schon wegen der Marktgrösse wäre das Gebiet interessanter als das Tessin. Möglich wäre eine Kooperation im Anzeigenmarkt, weshalb wir schon mit Le Matin Gespräche geführt haben. Doch diese sind eingefroren. Das liegt wohl daran, dass man bei Edipresse oder bei Publicitas Léman 20 Minuten noch immer nicht recht einordnen kann. Ich bin aber überzeugt, dass 20 Minuten und Le Matin von der Leserstruktur und vom Format her recht gut in ein Kombi passen würden.
Wer steckt hinter dem Quotidiano?
Die Quotidiano Indipendente SA (QI) wurde am 18. Juli 2002 gegründet. Einziger QI-Verwaltungsrat (VR) ist Carlo Riva, der gemäss Tessiner Zeitungen die Identität der Investoren nicht preisgeben will. Dass die deutsche Thermoselect SA, die Kehrichtverbrennungsanlagen baut, dazu gehören könnte, wurde von einer Firmensprecherin gegenüber der SDA dementiert. Allerdings arbeitet die QI in einem Thermoselect-Gebäude, und Carlo Riva sitzt auch im VR der Thermoselect. Bis Redaktionsschluss war er aber für die WerbeWoche nicht erreichbar.