Wirz + Fraefel produzierte für Com & Com den bisher aufwändigsten Videoclip der SchweizVon Andreas Panzeri Vier weltbekannte Clips werden im Musikvideo «Side by Side» vom Künstlerduo Com & Com zitiert und parodiert. Realisiert haben die fast millionenschwere Produktion die Spot-Spezialisten Wirz + Fraefel. Natürlich zu einem Spezialpreis – um einmal zeigen zu können, dass man auch in der Schweiz Top-Videos genauso gut drehen kann wie im fernen Hollywood.
Im Expo.02-Jahr präsentiert das Künstlerduo Com & Com Schillers «Wilhelm Tell» als multimediales Popmusical mit Livemusik, Comedy, Tanz und Videos. Die Premiere dieser Show ging am vergangenen Wochenende im Stadttheater Luzern über die Bühne. Eine Schlüsselrolle bei der Produktion spielt dabei das Video «Side by Side». Dieser bisher aufwändigste in der Schweiz produzierte Musikclip wurde als Goodwillaktion von den Spot-Spezialisten Ernst Wirz und Stefan Fraefel realisiert. Gedreht wurde vier Tage lang auf 35mm im Studio Maur. Der Aufwand an Technik und Kunst muss den Vergleich mit in Hollywood produzierten Clips keineswegs scheuen.
Die Single zu diesem Clip soll national wie international durch einen Major vertrieben werden. Ziel ist es, den Song, der in seiner Melodie auch Elemente der Schweizer Nationalhymne verwendet und verfremdet, im Ex-po.02-Jahr möglichst hoch in die Schweizer Hitparade zu hieven. Dazu ist Com & Com eine intensive Partnerschaft mit verschiedenen Medien eingegangen. Com & Com sieht diesen Prozess der realen Distribution als
«die Vollendung eines Gesamtkunstwerks».
Auch Harald Szeemann ist von Com & Com begeistert
Hinter Com & Com stehen Johannes M. Hedinger aus Zürich und Marcus Gossolt aus St.Gallen. Beide sind Musiker und bildende Künstler zugleich. Ihr letztes und bislang grösstes Projekt war «C-Files: Tell Saga», das im Jahr 2001 auch an die Biennale nach Venedig eingeladen wurde und seither in über zehn Ländern gezeigt worden ist.
Im neuen Video «Side by Side» wollen Com & Com das Publikum «in einer ungewohnt grossen, amerikanischen Weise ansprechen». Im Stil einer Parodie sollen «verpopptes Pathos, Heimat und Ruhm» auf die Schippe genommen werden. Com & Com spielen zwei Autorennfahrer. Diese siegen für die Schweiz. Bei einer erträumten Siegerehrung wird ihnen die Nationalhymne vorgespielt. Gleichzeitig träumen die Rennfahrer davon, als Popsänger mit ihrem Lied «Side by Side» einen grossen Hit zu landen. Stattdessen landen sie aber nach einem Crash beim Autorennen im Himmel.
Diese Geschichte wird im Clip mit viel Ironie und Überhöhung gängiger Klischees erzählt. Verschiedene Stereotypen des Starsystems werden persifliert. In den Clip fliessen deshalb auch Zitate berühmter Clips von Robbie Williams, Shaggy oder Snoopy Dogg ein. Als Parodie seiner selbst hat Dieter Meier einen Gastauftritt. Der Star von Yello hat sich für diesen Job vom Ausstellungsmacher Harald Szeemann begeistern lassen, der von der Kunst von Com & Com schon länger überzeugt ist.
Bei solchen Voraussetzungen hat sich auch Regisseur Ernst Wirz für das Projekt sehr schnell erwärmen können. Er wollte allerdings nichts Halbherziges machen. «Eine Parodie muss mindestens so gut sein wie das Original, das ist für mich das Kriterium», meint Wirz.
Damit hat sich die Produktion natürlich enorm aufwändig entwickelt. «Trotzdem hatten wir immer noch beschränkte Mittel im Vergleich zu den zitierten vier Clips. Diese Originale von Shaggy oder Williams haben alle rund eine Million Dollar gekostet», relativiert Ernst Wirz.
Genaue Zahlen für seine Version könne man aber keine nennen. «Wir haben unsere Arbeit gratis geleistet, und die meisten Techniker haben zu Minimalpreisen wie bei einem Kunstfilm gearbeitet», lässt sich auch der verantwortliche Produzent Stefan Fraefel entlocken. «Wir alle haben gefunden, das sei eine witzige Geschichte und für alle ein Challenge», begründet Kameramann Pascal Walder sein Engagement. «Zudem machten die Dreharbeiten viel Spass.»
Wirz + Fraefel betrachtet den Clip auch als Referenzarbeit
Auch die Lieferanten haben viel Goodwill gezeigt und sind zum Teil als Sponsoren aufgetreten. Zählen durfte die Produktion ebenfalls auf die Hilfe des Stadttheaters Luzern. Dieses hat den Choreografen und die Tänzerinnen sowie die Kostüme zur Verfügung gestellt. Auch die verschiedenen Dekors wurden von den Werkstätten des Stadttheaters Luzern gebaut. «Ohne diese Hilfen und normal produziert wäre der Film wahrscheinlich auf ein Budget zwischen 600000 und einer Million Franken gekommen», schätzt Fraefel.
Natürlich sehen Wirz und Fraefel diese Produktion nun als eine gelungene Referenzarbeit. Ein strategischer Wechsel von den Werbespots zur internationalen Clipszene sei mit «Side by Side» aber nicht angestrebt, «obwohl wir für entsprechende Aufträge natürlich offen sind», wie Fraefel ergänzt.
Der Clip könnte in Hollywood produziert worden sein
Der Clipmarkt sei allerdings eine schwierige Sache, selbst in der Schweiz. «Solche Sachen kann man nur zum Spass machen», glaubt Ernst Wirz, der auch schon für den Edelbüezer-Rocker Gölä eine ähnliche Goodwill-Geschichte realisiert hat. Man wolle mit solchen Aktionen allerdings nicht als Preisbrecher auftreten. «Zwischendurch brauchen wir solche Produktionen einfach zum Ausprobieren von neuen Ideen», erklärt Ernst Wirz, der selber auch Musiker ist und deshalb über eine enge Beziehung zu solchen Clips verfügt.
«Das Geld haben wir auch nicht unseren Kunden abgezwackt. Die beiden Typen haben uns einfach überzeugt. Die sind witzig und gut und wollen etwas wagen», meint der Regisseur. Deshalb habe man sich entschlossen, das Geld und die Zeit zu investieren. «Natürlich ist dann alles ein bisschen grösser geworden. Wenn man einmal dran ist, will man, dass es wirklich gut ist. Das ist die Motivation hinter dem Projekt.»
Die grösste Knacknuss bei der Umsetzung bildete schliesslich der Anspruch, Topstandard zu ironisieren. «Unser Anliegen war es, dass man auf den ersten Blick das Gefühl haben muss, dieser Clip sei tatsächlich in Hollywood mit den dortigen Topmöglichkeiten gedreht worden.» Auf der anderen Seite musste aber auch Witz hineingebracht werden. Der Clip durfte gleichzeitig nur eine Parodie sein.
«Dieses Schwanken zwischen Ironie und Top Level war der grösste Challenge bei dieser Produktion. Das scheinen wir gemeistert zu haben», freut sich Ernst Wirz. Auf die Theateraufführung in Luzern hatte die Arbeit von Wirz und Fraefel aber keinen Einfluss. Die Bühnenfassung liess diese selbstreflektierende Dimension vermissen und wurde von den Medien als nur bieder und klamaukig kritisiert. «Side by Side» ist zurzeit auf Viva in «heavy rotation» zu sehen.
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