Kopf der Woche: «Wir wollen schnellen und spannenden Journalismus betreiben»
Marco Boselli wird per 1. Januar Chefredaktordes neuen «Express»
«Wir wollen schnellen und spannenden Journalismus betreiben»
Marco Boselli ist eine Kämpfernatur. Sich in gemachte Nester zu legen, fand der 37-Jährige schon immer langweilig. Was ihn reizt, ist risikoreiche Aufbauarbeit unter harten Wettbewerbsbedingungen. Kein Wunder also, dass er den angebotenen Chefredaktoren-Posten des neuen «Express» mit Handkuss angenommen hat. «Als Ex-Zeitungsjournalist konnte ich dem Lockruf nicht widerstehen», sagt Boselli, der noch bis im Dezember als stellvertretender Leiter von Tamedia Online tätig ist.
Den «Express» im kommenden Pendlerzeitungskrieg an vorderster Front zu vertreten, bezeichnet er als riesige Herausforderung. Allfälligen Scharmützeln blickt der in Mailand geborene und in Zürich aufgewachsene Boselli siegessicher entgegen: «Wir werden eine Zeitung machen, auf die das Haus inhaltlich und kommerziell stolz sein kann». Dass er sich bis Weihnachten gleichzeitig um die Online-Plattformen und das neue Produkt kümmern muss, mindert seine Euphorie in keiner Weise. «Momentan kämpfen wir uns durch einen Berg von 1000 Bewerbungen, um ein Team von Cracks und jungen Journalisten zusammenzustellen», erzählt Boselli. In den Weihnachtsferien wolle er sich dann doch eine Verschnaufpause gönnen und vor allem viel Zeit mit seinem vierjährigen Sohn Max verbringen, Freunde treffen, lesen und joggen. «Ab 5. Januar ist dann nur noch Express angesagt».
Nicht immer hat sich Boselli mit Leib und Seele den Medien verschrieben – ursprünglich wollte er seinen Lebensunterhalt als Tierarzt bestreiten. Als «desillusionierter Veterinärmedizinstudent» wechselte er an der Uni zu den Germanisten und Publizisten. Gleichzeitig sollte ein Rewriter-Job beim Blick helfen, das Taschengeld aufzubessern. Aus Zweck wurde Passion, aus Passion Erfolg: Mehrere Jahre war Boselli Nachrichtenredaktor beim Blick, nach einjährigem USA-Aufenthalt arbeitete er sich zum Leiter des Magazinbunds und Mitglied der Chefredaktion des SonntagsBlick empor. «Von Anfang an faszinierte mich der Prozess des Filterns und Aussendens», begründet er den Spass am Newsjournalismus. 1999 erfolgte der Wechsel zu Tamedia, wo er als Leiter von Partnerwinner.ch Kuppler spielte. «Als Budgetverantwortlicher ein Start-up zu begleiten und alle Geschäftsfelder kennen zu lernen, war eine grosse Herausforderung», kommentiert er den Schritt zum elektronischen Medium.
Seine Vergangenheit auf dem Zeitungs-Boulevard sieht Boselli heute als Vorteil: «Ich habe gelernt, Geschichten schnell auf den Punkt zu bringen und unter hohem Druck zu arbeiten». Dieses Know-how werde nun auch dem «Express» zu Gute kommen. Dazu verrät aber Boselli nur so viel: «Wir werden einen schnellen und spannenden Journalismus betreiben.» Carole Koch
