Das Sawi präsentierte ein Round-Table-Gespräch zur Frage «Bildung ohne Grenzen?»Von Andreas Panzeri Künftige Fachleute in der Kommunikationsbranche werden modulartige Ausbildungswege beschreiten. Diese Erkenntnis dominierte ein Round-Table-Gespräch des Sawi. Bildungsexperten sind sich über zwei Konsequenzen einig: Der Weg der Schweiz liegt zwischen der Bologna-Erklärung und der Pisa-Studie, und eine «Bildungsinsel Schweiz» darf nicht entstehen.
Der klassische Werdegang mit Lehre, Studium und Anstellung ist im heutigen Berufsmarkt passé. Stattdessen ist neu lebenslanges Lernen angesagt. Wie aber soll dieses Lernen in einem Europa ohne Grenzen künftig organisiert werden?
«Wir müssen uns in Sachen Bildung an Europa orientieren – ob wir wollen oder nicht», meinte Jürg Engi, Vorsitzender der Geschäftsleitung Sawi, zum Gesprächsthema «Bildungsreform». Gleich mehrere solche Programme befänden sich hierzulande und in unserer europäischen Umgebung zurzeit in der Umsetzungsphase. Allein auf Bundesebene arbeiten in der Schweiz zwanzig Kommissionen an Reformen im Bildungswesen.
«Transparenz schaffen» war deshalb ein Ziel von Gesprächsleiter Alfred Zwygart, Berater für Innovation in Bildung und Kultur. Als weitere Experten sassen ihm zur Seite Christian Aeberli von Avenir Suisse, Rivardo Ischi, Generalsekretär der Schweizerischen Universitätskonferenz, Rolf Peter vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie, Iwan Rickenbacher als Mitglied der Fachhochschule des Kantons Aargau sowie Fredy Sidler, Generalsekretär der Konferenz der Fachhochschulen Schweiz.
«Der neue Hochschulartikel in der Bundesverfassung soll die ganzheitliche Steuerung der Hochschulpolitik gewährleisten und damit den Herausforderungen der internationalen Konkurrenz und der Wissensökonomie wirksam begegnen», stand in einem Papier zu diesem Standortgespräch. Die Bologna-Deklaration als gemeinsame Erklärung der europäischen Bildungsminister ist das Pendant dazu im europäischen Hochschulraum. Sie will vor allem die Mobilität in den Griff kriegen. Diese Erklärung formuliert Massnahmen zur Verwirklichung einer grösseren Kompatibilität und Vergleichbarkeit der Hochschulsysteme in EU-Ländern.
Um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, sollen im europäischen Hochschulsystem vergleichbare Abschlüsse eingeführt werden mit den Stufen Bachelor, Master, Doktorat. Dazu werden ein Leistungspunktesystem eingeführt und die Mobilität unter anderem durch Anrechnung und Anerkennung von Auslandaufenthalten nicht nur gewährleistet, sondern bewusst gefördert. Ein mögliches Punktesystem ist das European Credit Transfer System zur Anrechnung von Studiendienstleistungen. Mit diesem als Erasmus-Programm bekannt gewordenen System soll die Anerkennung von Studienleistungen an anderen Hochschulen gewährleistet werden. Bei diesen Entwicklungen kann die Schweiz nicht abseits stehen. «Wir dürfen keine Bildungsinsel schaffen», forderte Engi energisch.
Pisa-Studie erhöht den Druck auf die Bildungsreformer
Das sieht man ebenfalls so bei der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten, die bereits den Entwurf zu einer entsprechenden Richtlinie erstellt. Die Schweiz ist aber seit der Überführung des ehemaligen Erasmus-Programms in ein neueres Sokrates-Programm nur noch als «stiller Partner» beteiligt, da sie als Nicht-EU- oder EWR-Land auch keinen bilateralen Vertrag im Bildungsbereich mit der EU abschliessen konnte. Bei der Umsetzung der Bologna-Deklaration sind deshalb Lösungen verlangt, die später eine möglichst nahtlose Integration dieser Reformen in die Hochschullandschaft Schweiz erleichtern sollen.
Europäisch gesehen haben durch diese Mobilitätsprogramme seit 1985 über eine Million Studierende ein oder mehrere Semester an einer Hochschule ausserhalb ihres Heimatlandes absolviert. In der Schweiz sind es seit 1992 nur 10000 Studierende, die mit öffentlicher Hilfe zumindest semesterweise im Ausland studiert haben.
Diese Zahlen wirken bescheiden angesichts der Tatsache, dass auch die Schweizer Wirtschaft im internationalen Wettbewerb immer stärkerem Druck ausgesetzt ist. Kein Hehl könne auch daraus gemacht werden, dass die Schweiz heute nur noch Rang
17 in der Pisa-Studie einnimmt. «Das macht Druck. Aber ohne Druck verändert sich nichts. Wir haben einen Reformstau», erklärte Iwan Rickenbacher zu dieser Situation.
Reformstau erkannt, doch die Gelder fliessen (noch) nicht
In der Schweiz gehen nur 18 Prozent der Jugendlichen an eine Uni, und 25 Prozent besuchen eine Fachhochschule. Im Ausland entscheiden sich viel mehr junge Leute für eine höhere Ausbildung. «Hier gibt es eine verhängnisvolle Schere», waren sich die Teilnehmer einig. Hinzu komme, dass die finanziellen Zuschüsse an unsere höheren Schulen in den letzten Jahren im Vergleich zur gesamten Budgetentwicklung um 30 Prozent zurückgegangen sind. Heute fällt auf 100 Studierende nur noch ein Professor.
«Es läuft zwar viel in Sachen Reformen, aber wir haben hier ein Finanzierungsproblem», meinte Ischi dazu. «Unser Ziel muss nach wie vor sein, die Besten auszubilden», forderte Christian Aeberli von Avenir Suisse.
«Wir stellen uns der Situation und wissen, dass es nicht so weitergehen kann wie in den letzten 32 Jahren», erklärte auch Engi in Bezug auf die Situation beim Sawi. «Unsere Schule braucht eine neue Positionierung.» Zwischen Reformdruck und Reformhektik müsse er aber feststellen, dass beim Sawi in den letzten zehn Jahren das Budget um zwölf Millionen Franken gesteigert werden konnte. «Wir sind marktorientiert und fahren damit das volle Risiko», meinte Engi. «In der Selbsthilfeorganisation Sawi entsteht sehr viel Gutes – und zwar ohne Gesetze. Das ist der Reichtum des Föderalismus, das fruchtbare Chaos», bemerkte dazu Rickenbacher.
Kaum junge Auszubildende am Round-Table-Gespräch
In der Schweiz werden pro Jahr sechs Milliarden Franken für Berufsausbildung ausgegeben. Davon übernimmt die öffentliche Hand zwei Milliarden. Die restlichen vier Milliarden stammen aus der Wirtschaft. Auf einer anderen Ebene fordert der Bund 17 Milliarden für die Forschung. Die Kantone hingegen wollen lieber mehr Geld für die Grundausbildung ausgeben. Wohin soll der Reformweg also führen? Mit Blick in die Zukunft begrüsste die Runde die Reformen von Bologna. «Aber auch Schweizer Studenten sollen das international nutzen können», verlangten die Fachleute. Eine weitere Forderung geht an die Fachhochschulen, die den international anerkannten Titel des Master einführen müssen.
Ein zweites Schlagwort, von dem man sich für die Zukunft viel verspricht, ist die Modularisierung in der Berufsbildung. Das Modul als Grundelement eines Baukastensystems ist eine geschlossene Lerneinheit, die autonom für sich steht und mit einem Kompetenznachweis abgeschlossen wird. Dieses Modul kann zu verschiedenen Diplomen führen, wenn mehrere Module als Teilqualifikationen zusammengefügt werden. Grundsätzlich wird dieses flexible System für Abschlüsse der höheren Berufsbildung vorgesehen.
Rund 60 Interessierte haben den Round Table des Sawi besucht. Die meisten davon waren eher der Kategorie Ausbildungsvermittler zuzurechnen. Junge Leute hat man beim Gespräch über die Zukunft unserer Ausbildung kaum gesehen.
Praktikumsplätze gesucht
Die wirtschaftliche Situation zeigt ihre Auswirkungen auf den verschiedensten Ebenen. Auch dem Sawi fehlen für die 31 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagesschule Planer/in Marketingkommunikation immer noch 12 Praktikumsstellen. «In den vergangenen Jahren war die Nachfrage immer wesentlich grösser, als die Zahl der zur Verfügung stehenden Praktikanten», meint Jürg Engi vom Sawi. Auf Grund der wirtschaftlichen Situation seien die Werbeagenturen «sehr zurückhaltend» mit ihren Angeboten.
Die Kursabsolventen sind theoretisch hervorragend ausgebildet und fachlich fundiert. «Nach sechs Wochen in einer Agentur sind diese Leute vollwertig einsetzbar als zusätzliche Assistenten», meint Manfred Kranich, Mitglied der Geschäftsleitung beim Sawi. Die Lohnkosten für Praktikanten betragen rund 3000 Franken. Arbeitsbeginn ist am 1. April. Anmeldungen werden laufend entgegengenommen. Kontaktperson beim Sawi ist Miriam Koubâa. Sie kann unter m.koubaa @sawi.com erreicht werden. (ww)