Um 20 Minuten aus dem Markt zu drängen, benötigt Tamedia die Schützenhilfe anderer VerlageVon Markus Knöpfli Ob Tamedia ihren Krieg gegen 20 Minuten gewinnen kann, steht in den Sternen. Ein Flop ist ebenso wahrscheinlich. Denn das Projekt «Express» birgt zahlreiche Knacknüsse. Und für sich allein funktioniert es nicht. Deshalb ist Tamedia-CEO Martin Kall daran, andere Verleger – notfalls mit Druck – hinter sich zu scharen.
Auch wenn der neue «Express» im handlichen Tabloid-Format und mit 300000 Exemplaren daherkommt, redaktionell ausgebaut und frühmorgens an alle Zürcher Haushalte zugestellt wird und zudem im gesamten Grossraum in Boxen aufliegt, hat Tamedia erst eines gewonnen – höhere Kosten.
Den Hauptvorteil gegenüber 20 Minuten, die Frühzustellung, gab es schon bisher beim Zürich Express (ZE). Frühzustellung bedeutet ja nicht nur, dass das Produkt dem Leser ein paar Minuten früher vorliegt als jedes Printprodukt in einer Box, sondern es bedeutet in diesem Fall auch – und vor allem! – doppeltes Pendlerpotenzial: Was frühmorgens zu Hause im Briefkasten liegt, kann nicht nur von den ÖV-, sondern auch von den Autopendlern zur Hand genommen werden. Diese doppelte Poleposition vermochte der ZE bisher nicht wirklich zu nutzen. Er erreichte vor allem die nicht mobilen Zeitgenossen. Das war sein Handicap.
Doch auch der neue «Express» startet mit Handicaps. So muss er nicht nur den ZE-Groove, der ironischerweise im Namen noch nachklingt, abschütteln, sondern auch qualitativ so gut sein, dass gerade die Autopendler den Umweg zum Briefkasten auf sich nehmen, bevor sie in die Tiefgarage gehen. Der «Express» muss zudem qualitativ derart bestechen, dass man ihn auch dann nicht aus der Hand legt, wenn man dem längst vertrauten 20 Minuten begegnet. Das sind hohe Anforderungen, die viel Geld und manche Köpfe kosten werden. Jene von Markus Hegglin und Heinz Krebs werden wahrscheinlich nicht die letzten gewesen sein.
Mit einem weiteren Problem muss Tamedia zurechtkommen: Ein Produkt, das den Lesern gratis mehr Qualität bietet als 20 Minuten, wird zwangsläufig die Lesererosion beim Tages-Anzeiger verstärken.
Das Hauptproblem des «Express» besteht aber letztlich in seinem USP. Gerade wegen der Hauszustellung erreicht er weiterhin vor allem die «Stubenhocker». Im besten Fall gewinnt er zwar zum bisherigen ZE-Publikum noch Pendler hinzu – doch ein solch breites Zielpublikum ist diffus und birgt hohe Streuverluste für die Werbekunden.
Das alles zeigt: Allein auf der Ebene Lesermarkt kann Tamedia den Krieg nicht gewinnen. Der «Express» braucht eine zweite Front – im Inseratemarkt.
Da sich das Blatt aber auf Zürich beschränken soll, muss es Allianzen eingehen. Alle anders lautenden Aussagen von «General» Kall und seinem Stab (siehe auch Seite 5) sind entweder Täuschungsmanöver oder unterliegen Irrtümern. Schon 20 Minuten stellte sowohl in Zürich als auch in Köln fest, dass es sich nicht allein aus einem Grossstadtmarkt finanzieren kann. Zum gleichen Schluss kamen die Kölner Verleger, die mit einem eigenen Pendlerblatt 20 Minuten bekämpft hatten. Allein mit einer grossen Auflage und diffuser Zielgruppe vermag Kall diese Erkenntnis nicht vom Tisch zu wischen.
Tatsächlich böte sich heute dem «Express» eine Gelegenheit wie noch nie, sich im Goldenen Dreieck oder auch weiträumiger zu vernetzen – mit andern Gratiszeitungen. «Wir beobachten interessiert, was in Zürich läuft», bestätigen sowohl Beat Meyer, CEO der Basler Mediengruppe (BM), als auch Paul Galli, bei Espace Media Groupe zuständig für Lokalzeitungen. Ihre Signale nach Zürich sind eindeutig: «Ein Dreieck Zürich-Bern-Basel ist immer interessant», sagt Galli. «Ein solches Kombi macht durchaus Sinn», sagt auch Meyer. «Wir sind einem Kombi nicht abgeneigt», meldet sich zudem Peter Wüthrich, Direktor beim Anzeiger Luzern/Luzerner Woche.
Ob Kall die ausgestreckte Hand ergreift, ist unklar. Manches deutet darauf hin, doch nirgends werden Gespräche bestätigt. Durch ein Kombi entstehen aber auch neue Probleme: Zum einen stehen die unterschiedlichen Blattformate davor. Viel heikler ist aber die Tatsache, dass ein Gratiszeitungskombi den Swisspool konkurrenzieren würde, was dem Tages-Anzeiger – und nicht nur ihm – zusätzlich Wasser abgraben dürfte.
Fazit: Wie Tamedia die Sache auch dreht und wendet, das Projekt «Express» wird für sie sehr teuer werden. Und sie braucht Durchhaltevermögen. Nur schon bis für den «Express» vergleichbare Leserzahlen vorliegen, erhält 20 Minuten einen weiteren Vorsprung von eineinhalb Jahren.
Hat Kall von den Kölner Verlegern gelernt? Das wäre die grösste Gefahr, die vom «Express»-Projekt ausgeht – nicht nur für
20 Minuten. In Köln machten die Verleger Preisdumping oder übten Druck aus auf Lieferanten, Kunden und Drucker.
Letzteres scheint Kall bereits umzusetzen: Die gegen die Aargauer Zeitung gerichtete Kriegsdrohung in der letzten SonntagsZeitung erfolgte kaum nur wegen nachbarlicher Animositäten, vielmehr sollte der AZ Medien AG der Druckauftrag von 20 Minuten madig gemacht werden.
Als Druckversuch gegen die BM ist zudem die Aussage zu interpretieren, dass Tamedia mit der Basellandschaftlichen Zeitung Gespräche führe. Und Kall hat weitere Trümpfe in der Hand. Der für 20 Minuten empfindlichste: Seit einem Jahr führt die Tamedia-Verlagslogistik als Generalunternehmen sämtliche Transporte für 20 Minuten durch – von den Druckereien bis zu den Boxen.
Eine zwölfjährige Idee kommt wieder auf
Die Idee für ein Werbekombi der Gratiszeitungen in Zürich, Bern, Basel, Luzern und St. Gallen kam vor zwölf Jahren aus den Reihen der Gratisblätter, doch die grossen Verlagshäuser setzten diese lieber mit den eigenen Tageszeitungen (SwissKombi, später Swisspool) um statt mit den eigenen Gratisblättern. Vor zwei Jahren, 20 Minuten und Metropol waren gestartet, wurde das Gratiszeitungskombi wieder intensiver diskutiert – vorab zwischen ZE, Baslerstab und Berner Bär. Diesmal wurde in Zürich blockiert: Die NZZ, zu 40% am ZE beteiligt, sperrte sich gegen ein Kombi, das in Bern den zur eigenen Gruppe gehörenden Anzeiger Region Bern isoliert hätte.
Doch nun hat Tamedia einen Befreiungsschlag lanciert: Dadurch, dass in Zürich der amtliche Anzeiger (weiterhin 60% Tamedia, 40% NZZ) und der künftige «Express» (100% Tamedia) voneinander getrennt werden, kann Tamedia ab Frühjahr 2003 frei entscheiden, mit wem sie ihren «Express» kombinieren will. Deswegen kommt jetzt auch wieder Bewegung in die Kombidiskussion. «Entsprechende Gespräche werden durch die eindeutige Konstellation in Zürich nun sicher erleichtert», bestätigt BM-CEO Beat Meyer – und nicht nur er. (mk)