Die Unlust mit dem Sexgeschäft

Rubrikenanzeigen Der Schweizer Presse droht neues Ungemach: EVP-Nationalrat Heiner Studer will die Sexangebote in Zeitungen verbieten.

Rubrikenanzeigen Der Schweizer Presse droht neues Ungemach: EVP-Nationalrat Heiner Studer will die Sexangebote in Zeitungen verbieten. Der Aargauer Familienvater hält den Wortlaut seiner Motion noch unter Verschluss und feilt an den Formulierungen herum. Erst in der Frühlingssession will er sie im Parlament einreichen und so erzwingen, dass die Erotikinserate in den Zeitungen drastisch eingeschränkt werden. Folgen die Eidgenössischen Räte dem Nationalrat, müssen Zeitungen nach den massiven Einbrüchen bei den Stellenanzeigen mit weiteren Verlusten rechnen. Ein Bericht in der Pendlerzeitung 20 Minuten habe ihn dazu angeregt, erklärt Studer gegenüber der Werbewoche. Im Jahr 2002 seien in der Stadt Zürich 46 Prozent mehr Arbeitsbewilligungen für Prostituierte ausgestellt worden als im Jahr zuvor, hiess es darin. Studer sieht einen klaren Zusammenhang zwischen Sexanzeigen und der Zunahme der Prostitution. «Durch ihre Machart vermitteln die Inserate den Eindruck: Das ist eine reizvolle, lukrative Tätigkeit, die man selbst ausprobieren könnte», meint der Politiker. Besonders Frauen in prekärer wirtschaftlicher Lage, etwa Studentinnen, seien dadurch gefährdet.
Für Minderjährige unzugänglich
Da ein vollständiges Werbeverbot politisch kaum durchsetzbar sein dürfte, will der EVP-Nationalrat in seiner Motion Vorschläge für Einschränkungen unterbreiten, an denen sich der Bundesrat bei der Umsetzung orientieren könnte. Noch steht der definitive Wortlaut nicht, doch Studer denkt vor allem an zwei Varianten. Entweder sollen Sexinserate nur noch in Publikationen erlaubt sein, die für Minderjährige nicht zugänglich sind, oder sie sollen sich inhaltlich auf reine Fakten beschränken.
Werbung, die keine Emotionen transportiere, verführe auch weniger, zeigt sich der Aargauer Politiker überzeugt. «Ich glaube, es gibt Bereiche, in denen eine Schutzfunktion nötig ist für allzu labile Menschen», verdeutlicht er seinen Standpunkt. «Es gibt eine ethische Grenze beim Anpreisen.»
Dabei zieht Studer Parallelen zur Werbung für Suchtmittel und Kleinkredite. Auch bei diesen Anzeigen habe er sich bereits für Restriktionen eingesetzt. Zudem verweist er auf die Werbeeinschränkungen für Ärzte und Anwälte: «Weshalb sollte man diesen Berufen das Werben verbieten, wenn man es dem Sexgewerbe erlaubt?»
Dass die Schweizer Presse durch seine Motion Einnahmenausfälle erleiden würde, nimmt Heiner Studer in Kauf. Eine Zeitung wie der Tages-Anzeiger wäre ohne Sexanzeigen sicher nicht in seiner Existenz gefährdet, meint er. Zudem gebe es auch Printmedien wie die Aargauer Zeitung (AZ), die auf Sexwerbung verzichten würden. Studer möchte auch der Gefahr vorbeugen, dass diese Blätter angesichts sinkender Umsätze wie jüngst die Neue Zürcher Zeitung mit ihrer Wochenbeilage NZZ-Ticket ebenfalls in den Erotikmarkt vorstossen.
Keine verklemmten Aargauer
«Es ist richtig, dass die AZ keine Sexinserate hat», bestätigt AZ-Verlagsleiter Roland Oetterli. Von einem bewussten Verzicht könne aber nicht die Rede sein. Vielmehr würden Erotikanzeigen innerhalb der AZ Medien Gruppe von der Gratiszeitung Aargauer Woche publiziert. «Unser Haus hat nicht etwa eine andere Moral als andere Zeitungen», so Oetterli, «das Klischee des verklemmten Aargauers trifft uns nicht». Man habe sich auch schon überlegt, die Erotik in die Tageszeitung aufzunehmen, da sexuelle Bedürfnisse ja eigentlich ein Tagesgeschäft seien. Bisher sei das unterblieben, auch um die Inserateeinnahmen der Aargauer Woche nicht zu gefährden.
Die ohnehin stark gesunkenen Umsätze des Tages-Anzeigers (TA) würden von einem Sexwerbeverbot empfindlich getroffen. Das bestätigt TA-Verlagsleiter Dietrich Berg. Er dementiert allerdings die Zahl von acht Millionen Franken pro Jahr, welche 20 Minuten kolportierte. Das sei zu hoch geschätzt. Genaue Zahlen will Berg nicht nennen, weil Tamedia als börsenkotiertes Unternehmen eine Informationssperre bis zur Publikation des Geschäftsberichts einhalten muss. Zudem gibt es laut Berg keine internen Statistiken, in denen die Erotikumsätze separat ausgewiesen würden. Relativ klar sei, dass die Sexwerbung nicht unter der gegenwärtigen Krise leide. Der Umfang sei bei ein bis zwei Seiten täglich stabil geblieben.
Barzahlung ist die Regel
Dass die Erotikbranche ein guter, weil verlässlicher Kunde ist, betont auch Andreas Wittausch, Anzeigenleiter des Winterthurer Stadtanzeigers. «Wer sonst zahlt heute noch bar und netto?» Die Gratiswochenzeitung nimmt im Jahr rund 120000 Franken mit Sexinseraten ein. Dies entspricht rund zwei Prozent des Gesamtumsatzes (und liegt somit anteilsmässig in ähnlicher Höhe wie die geschätzten acht Millionen Franken des TA). «Das ist nicht viel», erklärt Wittausch, «aber für Wochenzeitungen ist jeder Verlust ein Drama.»
Als Verkäufer täte Wittausch ein Verbot weh – aus ethischen Gründen würde er es aber begrüssen. «Das Phänomen beginnt langsam auszuarten», meint er, die Inserenten versuchten auch immer mehr unerlaubte, obszöne Ausdrücke in die Anzeigen zu schmuggeln. Darum kommen Sexanzeigen beim Stadtanzeiger zuerst auf eine Sperrliste, wo sie auf ihre Vertretbarkeit geprüft werden. «Mit Gratiszeitungen gelangen sie schliesslich in jeden Briefkasten, und einen Briefkasten aufmachen, können schon kleine Kinder», begründet Wittausch die Vorsichtsmassnahme.
CVP gerät in die Bredouille
Solche Zustimmung zu seiner Motion hat Initiant Heiner Studer schon mehrfach erfahren. Nachdem lokale Radiostationen das Thema aufgenommen hatten, habe er einiges an Feedback erhalten. Als Wahltaktik will Studer die Motion aber nicht verstanden wissen. Dennoch bringt er die CVP in eine verzwickte Lage zwischen der Förderung christlicher Grundwerte und der Werbefreiheit, für die sich die Partei in der Vergangenheit stark gemacht hat.
Rund acht Prozent des Anzeigenvolumens werden heute mit Sexinseraten erwirtschaftet.
«Nüchterne Zurückhaltung»WW Herr Schmid, die Motion gegen Sexinserate bringt Sie in eine Zwickmühle: Hier die Förderung christlicher Grundwerte in Zeitungen, dort die Einschränkung der Werbefreiheit. Wie entscheiden Sie sich?
Carlo Schmid-Sutter: Es tut mir Leid, ich äussere mich grundsätzlich nicht zu Vorlagen, bevor diese fertig ausgearbeitet sind und ich sie studiert habe. Ich möchte Heiner Studer schon die Gelegenheit geben, etwas Vernünftiges daraus zu machen, bevor ich mich mit ihm auseinander setze.
Die Motion möchte Sexwerbung nur noch in Publikationen zulassen, die für Jugendliche unzugänglich sind. Sie wird als Reaktion auf die Zunahme des Zürcher Sexgewerbes lanciert.
Das ist an sich etwas, das ich unterstützen könnte. Aber zur Motion als solcher äussere ich mich erst, wenn ich sie studiert habe.
Kann es sich eine christliche Partei wie die CVP vor dem Hintergrund der Parlamentswahlen im Oktober leisten, wirtschaftliche Argumente gegenüber ethischen zu bevorzugen?
Ich glaube, dass die Politik fundamentale ethische Postulate zu verfechten hat, soweit sie für das öffentliche Leben relevant sind. Die Privatsphäre dagegen ist für die Öffentlichkeit nur beschränkt von Bedeutung. Die persönliche Ethik, die gerade die Sexualität in bestimmtem Umfang regelt, ist nicht Gegenstand der politischen Normierung. Es gibt unerträgliche Dinge wie Gewaltdarstellungen oder Bilder, die die Würde der Frau oder des Kindes missachten; diese sind zu Recht verboten. Auch Werbung, welche die Sensibilität Heranwachsender nicht beachtet, kann verpönt sein. Ich verweise dazu auf die klaren Grundsätze der Stiftung für die Lauterkeit in der kommerziellen Kommunikation. Ansonsten fällt der Bereich Erotik für mich aber in die Verantwortung des Einzelnen.
Geben Sie der Motion von Heiner Studer eine Chance im Nationalrat?
Ich glaube kaum, dass sich der Nationalrat für eine gesetzliche Einschränkung der Sexwerbung aussprechen wird – eben weil heute eine weit gehend liberale Sexualmoral herrscht und die meisten Politiker hier kein Aufgabengebiet für den Staat sehen.
Der Verband Schweizer Werbung setzt sich engagiert gegen Werbeverbote für Tabak und Alkohol ein. Welche Antwort dürfen wir auf die Motion gegen Sexanzeigen erwarten?
Die Schweizer Werbung wird sich kaum gross in die Schanzen werfen gegen diese Motion. Aber sie wird wohl die nüchtern zurückhaltende Haltung annehmen, die ich Ihnen eben skizziert habe.
Interview: Stefano Monachesi
Frühwarner SWPolitisches Lobbying ist für den Präsidenten des Verbands Schweizer Werbung (SW), CVP-Ständerat Carlo Schmid-Sutter, das wichtigste Anliegen der Dachorganisation für die kommerzielle Kommunikation. Dabei bekämpft der SW «die Einschränkungsbestrebungen in der Kommunikation». Monitoring betreibt sie im Sinne eines Frühwarnsystems. (cb)
Stefano Monachesi

Willkommen im Club

Sportkampagne «Man muss nur hübsch, intelligent und sportlich sein», heisst eine Schlagzeile, mit welcher der Club Nautique Français à Zurich neue Mitglieder werben will.

Sportkampagne «Man muss nur hübsch, intelligent und sportlich sein», heisst eine Schlagzeile, mit welcher der Club Nautique Français à Zurich neue Mitglieder werben will.«Mehr brauchts nicht, um rudern zu lernen», steht dabei als Auflösung im kleinen Text des geheimnisvollen Plakats. Die Serie mit Verwirrung stiftenden Schlagzeilen ist von André Engert Morales bei Adzürich konzipiert und getextet worden. AD war Sergio Cajado. Als Werbemittel dienen Posters, Kleinplakate, auch mit Wildplakatierung in Bars, Cafés und Schulen. Rein zufällig ist die Doublette, dass einer dieser Texte «Rudern gibt nicht nur Muskeln, sondern auch Kater» (nämlich beim Après-Sport), der in den Zürcher Trams hängt, auch ähnlich auf einem Plakat für David Gym zu finden ist. Dort ist es allerdings doppelsinnig gemeint: «Mehr Kater als Muskel?»Gegen die ausgebliebene Gehaltserhöhung hilft nur rudern.

Biedermann und die Immobilienmakler

Immobilienhandel Acht Jahre nach seinem Start wird das Branchenmagazin Immobilien Business einer sehr behutsamen Renovation unterzogen.

Immobilienhandel Acht Jahre nach seinem Start wird das Branchenmagazin Immobilien Business einer sehr behutsamen Renovation unterzogen.«Man darf dieses Layout durchaus als bieder bezeichnen», sagt Rolf E. Jeker mit einem Schmunzeln.
Der Geschäftsleiter der Immobilien Business Verlags AG hat sein Branchenmagazin einer Verjüngungskur unterzogen. Ab März löst ein Magazinformat die bisherige zeitungsähnliche Aufmachung ab. Mattes statt glänzendes Papier, grössere Bilder, einheitliche Gliederung, vier statt fünf Spalten. Experimente geht Jeker beim inhouse realisierten Redesign keine ein. «Wir dürfen unserer Zielgruppe nichts Flippiges zumuten», erklärt er. «Manche störte es schon, wenn wir im alten Layout die Titel ins Bild hineinsetzten.»
2800 Milliarden Immobilien
Die Zielgruppe sind Entscheidungsträger aus allen Sparten des Immobiliengeschäfts: Investoren, Vermögensberater, Real Estate Manager, Immobilienbesitzer, Architekten oder Behörden. Überdurchschnittlich Gebildete aus den obersten Kaufkraftklassen, wie es in der Anzeigendokumentation heisst. «Unsere Leser besitzen Liegenschaften im Wert von 2800 Milliarden Franken», erklärt Jeker.
Diese Leser sollen Immobilien Business demnächst auch am Kiosk kaufen können. 2000 bis 3000 Exemplare will er im Direktverkauf absetzen. Mit der neuen Aufmachung, hofft er, werde die Zeitschrift die nötige Beachtung finden. Einen ersten Versuch am Kiosk bei der Lancierung des Hefts im Jahr 1995 hatte er abbrechen müssen. Der Hauptabsatzweg der Auflage von über 10000 Exemplaren war bisher der adressierte Direktversand. Rund 1400 Exemplare gehen an Abonnenten. Zudem wird die Branchenzeitschrift in erhöhter Auflage auch an internationalen Fachmessen und Kongressen verteilt.
Milliardengeschäft
«Unser Relaunch ist antizyklisches Verhalten pur», erläutert Rolf E. Jeker seine Strategie. Trotz der Werbekrise, die Immobilien Business im letzten Jahr einen Umsatzrückgang von zehn Prozent bescherte, habe er nach acht Jahren wieder etwas wagen wollen. Wie bereits 1995, als ihn nach langjähriger Tätigkeit als Publishing-Berater der Ehrgeiz packte, ein eigenes Produkt zu realisieren. «Ich schaute mich nach einer Marktlücke um und habe sie gefunden. Dass Immobilien ein Milliardengeschäft sind, war vorher gar niemandem so richtig bewusst!» Viele Experten hätten damals den Kopf geschüttelt. Doch Immobilien Business habe überlebt und gewinne wieder an Fahrt. Nach Jekers Worten zeigt die Umsatzkurve für 2003 bereits nach oben.
Dank Börsenschwäche im HochIn den vergangenen vier Jahren verzeichnete Immobilien Business einen deutlichen Aufwärtstrend, sowohl bei den Abonnements als auch bei den Anzeigeneinnahmen. Verlagsleiter Rolf E. Jeker hofft auf einen weiteren Anstieg. In der aktuellen schlechten Börsenlage würden Vermögenswerte in Milliardenhöhe von Aktien auf Immobilien umgelagert. Damit steige auch die Nachfrage nach unabhängigen Marktinformationen, wie sie Immobilien Business vermittle, ist Jeker überzeugt. (sm)
Quelle: Immobilien Business Verlags AG/Stand: 26.01.2003
Stefano Monachesi

Schrottplätze voll Ideen im Kopf

Aufgefallen Was vereint Kreative, Kunden und Controller? Ihre jeweilige Betriebsblindheit und der starre Blick aufs Honorar, schreibt Branchendoyen Walter Bosch.

Kolumne Was vereint Kreative, Kunden und Controller? Ihre jeweilige Betriebsblindheit und der starre Blick aufs Honorar, schreibt Branchendoyen Walter Bosch.Was fällt jemandem auf, der die Werbung nicht mehr als Täter, sondern als Opfer erlebt? Zuerst einmal, dass der Schrottanteil noch weiter angestiegen ist. Der schreibende Ex-Werber wurde ja beinahe mit ADC-Würfeln gesteinigt, als er diesen Anteil früher schon mit 90 Prozent bezifferte. Es half nichts, dass er diese Schätzung auch auf seine eigenen Hervorbringungen anwandte. Heute, mit mehr Distanz, sieht er vielleicht ein bisschen unverstellter, wie es zu dieser hohen Zahl von Unglücksfällen und Verbrechen kommt.Niemand will ja schlechte Werbung machen oder haben. Dennoch laufen die meisten Kampagnen – wie in einer griechischen Tragödie – ungebremst auf ihr schlimmstmögliches Ende zu. Wer ist schuld? Ganz einfach: Die vier «K’s»: Kunden, Kreative, Konzerne und – die Kohle.
I. Die Kunden wissen zwar, was sie wollen, können es aber nicht sagen. Diese Sprachlosigkeit wird von eben erst dem Sawi entsprungenen Werber-Chimären wortreich verbrämt. In dieser babylonischen Verwirrung wird jeder noch so kleine Ansatz einer Idee zerredet, bis am Ende nicht die Vernunft, sondern der Zeitdruck entscheidet. Der Kunde ist nicht wirklich zufrieden, die Agentur sogar sehr unglücklich, aber die Kampagne startet zum geplanten Termin. Und die normative Kraft des Faktischen lässt hinterher alle alles schönreden.
II. Die Kreativen haben ihren Stolz. Leider wird der nicht durch erfolgreiche Kunden, sondern einzig dadurch befriedigt, dass ihnen ein Zunftsgenosse in schwarzer Nacht in einer schwarzen Bar auf die schwarz gewandete Schulter klopft. Dazu braucht es natürlich eine Kampagne, die nur Menschen verstehen, die in Lounges verkehren, Kurt Cobains «Tagebücher» lesen und Splatterfilme geil finden.
III. Die Konzerne, diese weltweit agierenden Werbe-Giganten, murmeln zwar alle das gleiche Mantra: «Kreativität, Kreativität, Kreativität.» Was sie damit meinen, ist aber bloss kreatives «Financial Engineering». Also Volumen und Profit kaufen, den Börsenkurs aufblasen, mit den Anabolika-Aktien neues Volumen kaufen und neuen Profit, weil die übernommenen Agenturen in sich zusammenfallen, sobald das internationale Management übernimmt. An die Spitze dieser Filialen globaler Finanzakrobatik setzt man folgerichtig keine Kreativen, sondern jene Spezies Mensch, die in der Lage ist, Monat für Monat endlose Zahlenreihen in die Zentrale zu liefern, die dann von Konzern-Controllern «konsolidiert» werden. Die Werbung, die solche Soziotope hervorbringt, müssen wir uns gar nicht erst vorstellen, wir sehen sie ja jeden Tag.
IV. Und schliesslich die Kohle. Werbung ist ja nun nicht ganz
so hochkomplex wie etwa Quantenphysik. Aber ein bisschen nachdenken muss man schon, bis einem anständige Lösungen einfallen. Diese Kopfarbeit braucht Zeit und Geld, weil Leute, die nachdenken können, nicht ganz billig sind. Wenn nun der Kunde aber vor allem an tiefen Preisen interessiert ist, muss er sich hin- terher auch nicht wundern, wenn seine Werbung floppt. Er hat zwar Honorarprozente gespart, dafür aber seine Kommunikation mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit in den Sand gesetzt. Wobei wir wieder beim Schrottquotienten angelangt wären.
Das einzig Tröstende, was mir zu all dem einfällt, ist: Ja, es gibt ein Leben nach der Werbung!
> Walter Bosch war Blick-Chefredaktor, Chef aller Chefredaktoren des Ringier Verlags und Mitbegründer der Werbeagentur Bosch & Butz, die er vor fünf Jahren verkaufte. Seither wirkt er als Unternehmer und Berater in Zürich und in den USA.

Regionalfürsten ohne TV-Zustupf?

RTVG Die SP will Medienmonopolisten vom Gebührentopf fern halten.

RTVG Die SP will Medienmonopolisten vom Gebührentopf fern halten.Setzen sich die Sozialdemokraten beim parlamentarischen Feintuning des bundesrätlichen Ra-dio- und Fernsehgesetzentwurfs (RTVG) durch, gehen die privaten TV-Veranstalter wie Tele Züri, Tele M1 oder Tele Ostschweiz beim geplanten Gebührensplitting leer aus. An einem SRG-Podium in Zürich kündigte SP-Vizepräsident und Medienexperte Hans-Jürg Fehr an, seine Fraktion werde «zum Schutze der Medienvielfalt» verhindern, dass Verleger von Monopolzeitungen, die in ihrem Erscheinungsgebiet auch Privat-TVs betreiben, in den Genuss öffentlicher Gelder kommen. Profitieren von einer solchen Sanktionierung würden neben den beiden Deutschschweizer Anbietern Tele Top und Tele Basel vor allem die traditionell verlagsunabhängigen Westschweizer und Tessiner Privat-TV-Sender. (oc)

Blick-Sportsendung auf Herbst verschoben

Roman Kilchsperger wird vorläufig nicht am TV zu sehen sein.

Roman Kilchsperger wird vorläufig nicht am TV zu sehen sein.Die Boulevardzeitung Blick muss die projektierte Sportsendung verschieben, für deren Moderation Kilchsperger bei Radio 24 abgeworben wurde. Ursprünglich wollte Ringier mit dem «Blick Sporttalk» im Frühling auf Sat 1 Schweiz auf Sendung gehen. Nun gilt Herbst 2003 als nächstmöglicher Starttermin, wie das Pendlerblatt 20 Minuten berichtete. «Es hat halt nicht alles zusammengepasst», begründete Blick-Sportchef Ulrich Kühne-Hellmessen die Verschiebung. Dem Vernehmen nach seien die Verhandlungen mit einem potenziellen Hauptsponsor gescheitert, heisst es bei 20 Minuten.

Jugendliche gründen Lobby für Privatradios

Die Schweizer Privatradios erhalten Unterstützung von der Jugend.

Die Schweizer Privatradios erhalten Unterstützung von der Jugend.Die neu gegründete Interessengemeinschaft «Fairplay im Radiomarkt» (IGFR) will sich für eine liberalere und gerechtere Radiolandschaft einsetzen. Hinter der Lobby steht der 19-jährige Toni Stadelmann. Der Jungfreisinnige ist Mitglied im Präsidium des Forums Jugendsession, das sich um die Durchsetzung der Beschlüsse des eidgenössischen Jugendparlaments kümmert. Laut Stadelmann besteht IGFR bisher aus zehn Personen, die ein weites politisches Spektrum abdecken. Angepeilt werden 200 bis 300 Mitglieder. Im Blick auf die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes fordert die IGFR, dass private Radiostationen gleiche Chancen auf UKW-Frequenzen haben sollen wie die SRG.

Zeitdiebe aus dem Container

Währungsumstellung

Währungsumstellung«Big Brother» und die Nachfolgeformate spukten erst in den Köpfen ihrer Macher herum, als Georg Franck das dahinter liegende «Wie werde ich schnell berühmt»-Phänomen schon auf den Begriff brachte. Seine sozialpsychologische «Ökonomie der Aufmerksamkeit» traf 1998 den Zeitnerv, bevor erste Medienmoralisten «Aua!» schrien angesichts der Container-Reality-Shows. Fünf Jahre später hat Francks Analyse der knappsten Ressource unserer Wissensgesellschaft nichts an Brillanz und Relevanz eingebüsst. Und dies trotz der – zumindest im Kommunikationsbusiness – unterdessen weit gehend abgeschlossenen Ablösung der Geld- durch die Aufmerksamkeitswirtschaft.
Wer wissen will, warum Ruhm über der Macht steht und Reichtum neben Prominenz verblasst, findet nirgends profundere Hinweise als in der Realprophetie dieses Vor- und Querdenkers. Aber Obacht: Desillusionierende Nebenwirkungen auf private Wünsche und professionelle Bestrebungen durch die Lektüre sind nicht auszuschliessen.
> Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf von Georg Franck. Hanser Verlag, München 1998. 253 Seiten, Fr. 34.60.
(oc)

Rückläufiges Jahr 2002

Marktforschung Der Bruttowerbeaufwand in der Schweiz sank im letzten Jahr um 2,6 Prozent auf 3,763 Milliarden Franken.

Marktforschung Der Bruttowerbeaufwand in der Schweiz sank im letzten Jahr um 2,6 Prozent auf 3,763 Milliarden Franken.Positiv entwickelten sich laut Media Focus lediglich die Radio- (7,9 Prozent) und die Plakatwerbung (4,8 Prozent). Ein hauchdünnes Plus (0,1 Prozent) schaffte darüber hinaus lediglich noch der Teletext. Für sämtliche anderen Medien hagelte es teils happige Verluste. Unter den Verlierern bekamen die Publikumszeitschriften am wenigsten Fett weg (–0,5 Prozent). Happig schenkten die Verluste hingegen bei den Tageszeitungen (–3,7 Prozent) und den Fachzeitschriften (–7,7 Prozent) ein. Nicht minder dramatisch war die Talfahrt beim Kino (–5,8 Prozent), bei der Internetwerbung (–11,9 Prozent) und beim Fernsehen (–6,7 Prozent). Dieser Verlust sei aber weit gehend auf die Schliessung von Tele 24 und TV 3 Ende 2001 zurückzuführen, hält Media Focus fest. Die SRG-Sender bewegten sich demnach auf Vorjahresniveau, während die Werbefenster ausländischer Sender gar um 12 Prozent zulegen konnten.

Vive les Meccarillos

Tabakwerbung «Die Welt kann warten» – jedenfalls für die Länge eines Cigarillos – textete Lesch + Frei vor rund 20 Jahren für den Meccarillos-Hersteller Burger Söhne AG.

Tabakwerbung «Die Welt kann warten» – jedenfalls für die Länge eines Cigarillos – textete Lesch + Frei vor rund 20 Jahren für den Meccarillos-Hersteller Burger Söhne AG.Seit Januar will die Zürcher Agentur mit einer Anzeigenkampagne die Meccarillos in der Westschweiz «echte Cigarillos im Stile französischer Lebensart» profilieren. Dafür erzählen das Kreativteam und der Illustrator Markus Wyss visuelle Kurzgeschichten rund um die dekorativen Schachteln mit dem Rautenmuster. Mit wenigen Strichen und teils tiefsinnigen Wortspielen, soll der Cigarillo als «geistreiches Objekt von Genuss und Lebensfreude dargestellt» werden.Fuma cum laude: Meccarillos in der Romandie ante portas.

Keystone eröffnet Löwenjagd

Cannes Die Bildagentur Keystone zeichnet zum dritten Mal den Schweizer Kreativnachwuchs aus und schickt den Sieger ans Werbefestival nach Cannes.

Cannes Die Bildagentur Keystone zeichnet zum dritten Mal den Schweizer Kreativnachwuchs aus und schickt den Sieger ans Werbefestival nach Cannes.Zur Teilnahme aufgerufen sind junge Kreative bis 30 Jahre. Einzige Bedingung ist die Verwendung von Bildmaterial aus Keystone-Archiven sowie der Nachweis eines realen Auftraggebers. Dem Siegerteam winkt neben dem Aushang des Siegerplakates am Central in Zürich eine viertägige Reise nach Cannes mit Flug, Hotel und Teilnahme in der Kategorie «Print & Poster Award» des Werbefestivals. Mehr Infos auf www.cannes-open.ch. Anmeldeschluss ist der 14. März. Gibts als Zugabe zur Cannes-Reise für die jungen Kreativen: Keystone-Trophäe.

Schritte zur Normalität

Samuel Helbling über Sexinserate im NZZ-Ticket

Samuel Helbling über Sexinserate im NZZ-TicketObwohl die nackten Tatsachen seit dem Sündenfall feststehen, kennt die menschliche Geschichte befristete Rückfälle ins Paradies der Zwanglosigkeit. Das kollektive Schamempfinden ist mitnichten zeitlos. Jede Gesellschaft sucht nach ihrem seelischen Gleichgewicht, nach einer Balance zwischen Prüderie und Libertinage, zwischen Sittenstrenge und Offenherzigkeit. «Make love not war», lautete der Schlachtruf der 68er, die mit der sozialrevolutionären Kraft der Sexualität Politik machen wollten. Wer sich durch gesteigerte Lust den triebfeindlichen Zwängen des kapitalistischen Systems widersetze, baue an einer freien, antiautoritären Gesellschaft, so die Flower-Power-Apologeten. Und weil das Private politisch gedeutet wurde, gehörte es fortan an die Öffentlichkeit. Ironie der Geschichte ist, dass gerade diese Haltung das Terrain für die totale Veröffentlichung von Erotik und Sexualität bereitete. Da mochte die Linke die Instrumentalisierung der Sexualität zur Herrschaftssicherung noch so sehr beklagen. Eine Sexwelle nach der anderen rollt seitdem über die Gesellschaft hinweg.
Wie sehr sich die öffentlichen Formen der Scham im Lauf der Geschichte wandeln, zeigt die aktuelle Debatte um Sexinserate in den Zeitungen. EVP-Nationalrat Heiner Studer will gar mit einem parlamentarischen Vorstoss einen Kreuzzug gegen Sexanzeigen in den Schweizer Tageszeitungen lancieren. Fast zeitgleich sind im Ticket, dem wöchentlichen Ausgehmagazin der NZZ, zum ersten Mal Sexinserate erschienen.
Ein Schritt Richtung Normalität, auch wenn der «Alten Tante» die Häme bürgerlicher Konkurrenzblätter sicher war (z.B. MittellandZeitung am 25. Januar). Der mündige Bürger, den die NZZ so gerne beschwört, dürfte mit dem neuen Marktplatzangebot indes umzugehen wissen. Und auch für die Erotikindustrie soll gelten, was für andere Branchen gilt: Was legal erhältlich ist, soll auch beworben werden dürfen.
> Samuel Helbling, Chefredaktor
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