Ein Umzug, der beflügelt

Jürg Steudler und das Regieteam von Regardez! ziehen zu Condor und schaffen einen neuen Arbeitsstil.

Jürg Steudler und das Regieteam von Regardez! ziehen zu Condor und schaffen einen neuen Arbeitsstil.Noch stehen sie hübsch aufgereiht im Grossraumbüro an der Badenerstrasse in Zürich. Die über 20 nostalgischen TV-Apparate sollen aber noch vor Ablauf dieses Jahres eine neue Heimat im Studio Bellerive unter dem Dach der Condor finden. Die Sammlung mit Modellen aus den Anfängen der Flimmerkiste von den Fünfzigerjahren bis heute gehört zum Stolz der Regardez! Communications GmbH. Die Apparate stimmen aber auch nachdenklich: In nur wenigen Jahren hat sich die TV-Welt rasant entwickelt. Manuel Messerli, Bart Wasem und Jürg Steudler mischen im Fernseh-Business an vorderster Front mit. Das Regieteam von Regardez! hat nicht nur für MTV Pop das ganze Launch-Design realisiert und ist damit erstmals international aufgefallen. Auch für das ZDF steckt das Zürcher Unternehmen zurzeit in einem grossen Pitch um die visuelle Gestaltung aller wichtigen Sportanlässe im kommenden Jahr. Im Schweizer Fernsehen ist derzeit unter anderem das «MusicStar»-Design von Steudler, Messerli und Wasem zu sehen. Andere Referenzkunden sind das Deutsche Sportfernsehen, Sat 1, Ringier-TV, TeleOstschweiz und Tele- Bärn. Und dort hat alles angefangen.«Wir lebten alle drei zusammen in einer WG in Bern», erzählt Steudler. Der heutige Writer/Director war zunächst Werbekaufmann, dann Werbetexter in diversen Agenturen in Bern und Zürich, bevor er als Creative Director bei TeleBärn zu seiner Berufung fand. Bart Wasem, Director/Visual Artist, liess sich an der Schule für Gestaltung Bern zum Grafikdesigner ausbilden, bevor auch er zu TeleBärn stiess. Manuel Messerli, Director/Visual Artist, trat nach der gleichen Ausbildung seinen ersten Job bei SF DRS in Zürich an. Später wechselte Wasem zum ZDF nach Mainz.
Messerli und Steudler brachen ebenfalls nach Mainz auf und gelangten schliesslich zu Sat 1 in Berlin. So fand das alte WG-Trio in Deutschland wieder zusammen.
«In Deutschland kam der Durchbruch. Wir haben nicht mehr nur Design und Trailersachen gestaltet, sondern auch angefangen, Regie zu führen», sagt Steudler. Heute sieht Regardez! seine grosse Stärke in der umfassenden Begleitung des kreativen Porzesses – von der Beratung der Agenturkreativen über Storyboard, Shootingboards, Moodboards/Animatics bis hin zum postproduzierten Endprodukt. Neben Clips und TV-Design will Regardez! in Zukunft vermehrt auch Geschichten erzählen und hofft damit vor allem auch auf Aufträge aus der Werbebranche.
«Unsere Stärke ist das ganzheitliche Vorgehen», sagt Steudler. Nach der Idee wird entschieden, was bereits beim Dreh gelöst und was erst später in der Postproduktion und beim Video-Design kreativ umgesetzt werden soll. Diese neue Generation von Werbefilmern will durch eine «optimale Kombination von Dreh und Nachbearbeitung am Computer» einem neuen Stil reifen lassen. Da ein solch ganzheitlicher Prozess «nicht vereinbar ist in einer Person», will Regardez! im Regieteam arbeiten.
Weil die junge Firma zu Beginn über wenig Eigenmittel verfügte, suchte man statt teure Anlagen zu mieten schon früh nach alternativen Lösungen auf dem eigenen Mac. Heute kann auch die Mac-Technik auf dem obersten Niveau mithalten. Die Pioniere von Regardez!, welche «die Mac-Schiene von Beginn weg konsequent gefahren» sind, wurden zu eigentlichen Spezialisten. «Die ideale Integration von Dreh und visuellen Effekten ist dank unserer breiten Erfahrung auch bei kleineren Budgets möglich», sagt Steudler. Heute könne man auf dem Mac in der gleichen Auflösung wie in einem Hollywood-Film arbeiten und die Sachen edel aussehen lassen. «In Illusion und Bildwelten sind wir stark.» Dieser hohe Anspruch ist auch den Verantwortlichen von Condor aufgefallen. «Laut gedacht» habe man zuerst – und dann ergab es sich. Die Zusammenarbeit fing mit kleinen Projekten an, jetzt findet sie ihren ersten Höhepunkt unter dem gemeinsamen Dach des Studio Bellerive. Eine «Win-Win-Situation» soll durch diese Kooperation entstehen. «Wir bleiben aber selbstständig», präzisiert das Regieteam von Regardez!.
Jürg Steudler geht neue Wege beim Werbefilm, indem er Dreh und Nachbearbeitung kombiniert.

Andreas Panzeri

Tue Gutes und rede darüber

Weihnachten Alle Jahre wieder… nein, nicht die üblichen, möglichst originellen Weihnachtskarten, sagten sich die Kreativen von Lowe.

Weihnachten Alle Jahre wieder… nein, nicht die üblichen, möglichst originellen Weihnachtskarten, sagten sich die Kreativen von Lowe.Stattdessen will die Agentur im Namen aller, die eine solche Karte verdient hätten, je zehn Franken ans Hilfswerk Domicil spenden. Diese gemeinnützige Stiftung hilft Menschen mit bescheidenem Einkommen bei der Wohnungssuche. Publik gemacht hat Lowe diese Idee mit einem ganzseitigen Inserat in der Tagespresse. In dieser Anzeige sind sämtliche Geschäftspartner, Mitarbeiter und Freunde des Hauses erwähnt, die zu Gunsten dieser guten Tat auf ihre obligate Weihnachtskarte verzichten mussten.

Nachbessern gilt nicht

Kommentar Bei Zeitungsinterviews mit Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Medien muss wieder das gesprochene Wort gelten, fordert Oliver Classen.

Kommentar Bei Zeitungsinterviews mit Entscheidungsträgern aus Politik, Wirtschaft und Medien muss wieder das gesprochene Wort gelten, fordert Oliver Classen.Taz sei Dank! Wieder einmal hat die Berliner Tageszeitung souverän und zugleich süffisant auf einen eklatanten journalistischen Missstand aufmerksam gemacht: Ende November zierte ein zur Kenntlichkeit entstelltes Interview mit Olaf Scholz die Titelseite des linken Zentralorgans. Dabei erschienen die Antworten des SPD-Generalsekretärs samt und sonders geschwärzt. Der Grund: Sein Büro hatte die Originalstatements nicht nur geglättet, verwässert und somit komplett sinnentstellt, sondern der unabhängigsten deutschen Zeitung zudem mit Ausschluss von künftigen Hintergrundgesprächen gedroht.Tags darauf solidarisierten sich von der Financial Times Deutschland bis zur Welt fast alle überregionalen Blätter mit dieser ebenso mutigen wie überfälligen Protestaktion. Kein Wunder, schliesslich leidet heute jede Zeitung unter der Unsitte, dass im Zuge der so genannten «Autorisierung» mündliche Aussagen nachträglich geschönt oder gar in ihr Gegenteil verkehrt werden. Dieses spezifisch deutschsprachige Ritual – Autoritätsglaube ist bekanntlich eine Mentalitätsfrage – bedeutet nicht nur einen publizistischen Wettbewerbsnachteil gegenüber den elektronischen Live-Medien; es untergräbt auch die Autonomie und Glaubwürdigkeit der so zu PR-Postillen degradierten vierten Macht im Lande.
Der löbliche Protest von Journalisten und Verlegern hat indes eine dunkle, brancheninterne Kehrseite, wie die Kollegen vom Kress Report kürzlich anmerkten. Auch die Werbewoche weiss aus leidvoller Erfahrung, dass ausgerechnet Medienmanager und Chefredaktoren wahre Virtuosen in dieser (Selbst)- Verstümmelungstechnik sind. Und durch die Börsenkotierung von Verlagen, aber auch Agenturen wird der unselige Trend zu Nullaussage und warmer Wortluft noch zusätzlich akzentuiert. Insofern sind Familiengesellschaften und kantige Verlegerpersönlichkeiten ein journalistischer Segen.
Bei Interviews mit der notorisch diplomatischen Schweizer Polit- und Wirtschaftselite zeitigt besagte Entwicklung besonders drastische Folgen, speziell für Medienjournalisten. Deshalb hier der fromme Weihnachtswunsch eines Betroffenen: Liebe Leute, wenn ihr schon im Glashaus sitzt und (zu Recht) mit Steinen werft, dann geht doch bitteschön gleich mit gutem Beispiel voran. Auch hier zu Lande. Namen wollen wir diesmal keine nennen – dafür aber umso kräftiger an die Standesehre appellieren, in Zukunft wieder vermehrt das gesprochene Wort gelten zu lassen.
> Oliver Classen, Redaktor

Medium des Jahres

Die Aussenwerberin APG mag sie nur riesig, der Flughafen Bern-Belp hat sich für medium entschieden

Die Aussenwerberin APG mag sie nur riesig, der Flughafen Bern-Belp hat sich für medium entschieden, während die elektronische Werbezeitvermarkterin IP Multimedia, die Kinovermarkterin Cinecom und auch die Post eher kleine vorziehen. Die Rede ist von Screens, da und dort nennt man sie auch «elektronische Plakate». Doch das, findet die Branche, töne eher despektierlich. Allen Begriffen zum Trotz schossen diese Flachbildschirme wie Pilze aus dem Boden, gar ganze Netze sind innert kürzester Zeit entstanden. Die Folge dieses Booms: Die Branche ist noch chaotisch organisiert, die Effizienz bleibt eine Weile unklar, die Anbieter sind zahlreich, die Angebote alles andere als übersichtlich und die TKPs noch ziemlich uneinheitlich. Gemach, auch diese noch junge Werbeform wird bald zu Strukturen und klaren Tarifen finden. Selbst in Deutschland, wo dieses Medium zwei Jahre früher Einzug hielt, kam es rascher als vorgesehen zu einer Marktbereinigung. Und die Münchner Firma UnitedScreens ist beispielsweise daran, Hunderte von Screens in Tankstellenshops leiser zu stellen. Dem Verkaufspersonal ging der Sound der Werbespots auf die Nerven – Dauerberieselung schadete der Effizienz. Neu soll der Ton deshalb nur noch innerhalb eines 45-Grad-Winkels vor dem Bildschirm hörbar sein. In der Schweiz ist man sogar schon weiter: Die meisten Screens sind hier tonlos. Stattdessen werden einige mit Internetterminals ausgestattet (siehe Seite 1). Weg vom Einwegmedium, hin zur Interaktivität. Das soll auch die Werbewirkung erhöhen. (mk)

Eigentor des Jahres

Der Schuss des Verbands Schweizer Presse ging nach hinten los.

Der Schuss des Verbands Schweizer Presse ging nach hinten los.Sein Vorschlag, eine Stiftung für die Presseförderung einzurichten, war als Abwehrmassnahme gegen direkte Bundessubventionen gedacht. Stattdessen lieferte er den Befürwortern eines Medienartikels im Nationalrat die Argumente. Für SP-Parlamentarier Hansjürg Fehr waren die Verleger damit von ihrer «bisherigen bornierten Haltung des Neinsagens zu einer viel konstruktiveren Haltung übergegangen». Cécile Bühlmann (Grüne) fand, mit dem Medienartikel könne der Nationalrat der Stiftungsidee «in wunderbarer Weise» die nötige Verfassungsgrundlage liefern. In der Folge wurde die Vorlage mit 78 zu 53 Stimmen angenommen. Die Verleger sehen nun die Unabhängigkeit der Presse von der Politik bedroht und müssen auf ein Nein des Ständerats zum Medienartikel hoffen. Ob die Stiftung in diesem Fall zu Stande käme, ist zweifelhaft. Mit der Maximalforderung von 150 Millionen Franken an Bundesgeldern pro Jahr haben die Verleger sie zum Rohrkrepierer vorbestimmt. (sm)

Nichts für Dummys

Zeitschriften Berlins Schreiber und Jungverleger zeigen weiter Flagge:

Zeitschriften Berlins Schreiber und Jungverleger zeigen weiter Flagge:Nach Deutsch und Achtung! wagt sich mit dem vierteljährlich erscheinenden Dummy (Startauflage 30000) bereits das dritte Reportagemagazin in den Mediendschungel. Das Editorial ist nicht umsonst mit «Crashtest statt Copytest» überschrieben. Titelthema der 160 Seiten starken Jungfernnummer ist «Das erste Mal». Neben Reinhold Messners erstem Berg und Harald Schmidts erstem Gast wird unter dieser Rubrik auch Sebastian Turners erster Claim (anno 1987 für die Wurstmarke Zimbo) vorgeführt. Ansonsten setzt die von einer gewissen Flora & Fauna Media GmbH herausgegebene Gazette auf eine Brand-eins-ähnliche Optik, lange Bildstrecken und noch längere Interviews und Porträts unter anderem von Spiegel-Chef Stefan Aust. In der Schweiz ist Dummy – englisch für Blödmann oder Attrappe – laut www.dummy-magazin.de bislang allerdings nur in der Basler Capribar erhältlich.

BPRA hofft auf 2004

PR-Markt Die Mitglieder des Bunds der Public Relations Agenturen der Schweiz (BPRA) rechnen für das nächste Jahr mit einer Erholung des Geschäftsvolumens.

PR-Markt Die Mitglieder des Bunds der Public Relations Agenturen der Schweiz (BPRA) rechnen für das nächste Jahr mit einer Erholung des Geschäftsvolumens.Für das laufende Jahr rechnen die meisten Agenturen aber mit einem Rückgang des Geschäftsvolumens um 5 bis 15 Prozent. Als grösste Herausforderung für 2004 sehen die BPRA-Mitglieder die bessere Profilierung der eigenen Stärken und die Anpassung an die anhaltende Kurzfristigkeit der Auftragserteilung und -abwicklung. Um die Markttransparenz zu erhöhen, ist vorgesehen, die Markterhebung 2003 auf eine breitere Grundlage zu stellen und gegen eine Bearbeitungsgebühr auch Nichtmitglieder in die offizielle BPRA-Statistik aufzunehmen.

Stöhlkers Comeback

TV PR-Unternehmer Klaus Stöhlker hat am 23. Dezember erneut einen Auftritt im «TalkTäglich» auf TeleZüri.

TV PR-Unternehmer Klaus Stöhlker hat am 23. Dezember erneut einen Auftritt im «TalkTäglich» auf TeleZüri.«Nie wieder», hiess es nach dem «SonnTalk» vom 2. November bei der Tamedia. Stöhlker hatte damals Bundesrat Moritz Leuenberger mit dem römischen Kaiser Nero verglichen und den Zustand des Bundesrates als «latent psychopathisch» bezeichnet. Und jetzt die vorweihnächtliche Versöhnung? «Nein», dementiert Programmchef Markus Gilli. Beim angekündigten Talk gehe es einmalig um «Menschen 2003».

Spielzeug des Jahres

Das nächste Jahr verspricht Farbe für den grauen Zahlensalat der Mediaplaner.

Das nächste Jahr verspricht Farbe für den grauen Zahlensalat der Mediaplaner.Möglich macht es der neue Advertising Index Switzerland (AIS), mit dem die Wemf ab Januar ein Konkurrenzprodukt zu Media Focus anbietet. Während sich die Branche noch über Sinn und Unsinn einer zweiten Währung im Bereich der Werbeumsatz-Statistiken streitet, freuen sich viele über die radikale Transparenz, welche die beiden Statistiken eröffnen. Sie bringen schonungslos Licht in den bisher mit Verschwiegenheit belegten Rabatte- und Freespace-Dschungel. Denn wie bisher sagt uns Media Focus, wie viel Werbung von einem bestimmten Auftraggeber in einem bestimmten Medium geschaltet wurde. Neu liefert uns der AIS jetzt auch die Rechnung dazu, die der Kunde dafür ausgestellt bekam. Das heisst, es wird in Zukunft ein Kinderspiel sein, auf die Kommastelle genau auszurechnen, wie viel Rabatt ein Konkurrent einstrich – oder gewährte.Diese subversive und nicht beabsichtigte Möglichkeit könnte leicht zum attraktivsten Verkaufsargument für den AIS werden. Einleuchtende Begründungen für eine Doppelspurigkeit sind jedenfalls rar. Im Dezember hat sich auch der Schweizer Werbe-Auftraggeberverband (SWA) in die Diskussion eingeschaltet. Verlangt wird eine einheitliche Grundwährung bei den Werbeumsatzstatistiken. Zudem klärt der SWA die entsprechenden Bedürfnisse seiner Mitglieder in einer schriftlichen Umfrage genau ab.
(dse)

Stellenkarussell mit Schleudersitzen

In den Chefredaktionen der Schweizer Presse verwandelten sich die Polstersessel gleich reihenweise in Schleudersitze.

In den Chefredaktionen der Schweizer Presse verwandelten sich die Polstersessel gleich reihenweise in Schleudersitze.Sparmassnahmen versetzten das Stellenkarussell in heftige Rotation: Bei der Basler Zeitung soll Ivo Bachmann die Kürzungen durchsetzen, die man dem in Ehren ergrauten Hans-Peter Platz nicht mehr zumuten wollte. Beim Tages-Anzeiger nahm Peter Hartmeier zwar schon Ende 2002 den Platz von Philipp Löpfe ein. Die fortlaufenden Sparbemühungen von Tamedia sicherten ihm aber einen herausragenden Platz im diesjährigen Presse-Drama. Als Markus Gisler und Peter Buri im Februar Hans Fahrländer bei der Aargauer Zeitung ablösten, schien es noch, als wollte Verleger Peter Wanner den Titel stärken. Seit auch der AZ Sparprogramme verordnet werden, sehen Beobachter Gislers Stuhl schon wieder wackeln. Bereits gefeuert wurde Markus Eisenhut, weil Tamedia bei 20 Minuten mit Marco Boselli vertreten sein wollte. Alles neu macht der Winter in der Wirtschaftspresse: Bei der Bilanz ersetzt René Lüchinger Medard Meier, bei Finanz & Wirtschaft kommt Martin Spieler für Kurt Speck. Erst ad interim geregelt wurde die Nachfolge von Martin Hofer beim SonntagsBlick und von Christa Löpfe bei der Annabelle. So bleibt das Karussell wohl auch im kommenden Jahr im Schwung. (sm)

Umstrittenste Kampagnen des Jahres

Drei Auftritte – eine im Frühjahr und zwei im Herbst – spalteten 2003 die Eidgenossenschaft.

Drei Auftritte – eine im Frühjahr und zwei im Herbst – spalteten 2003 die Eidgenossenschaft.Den Auftakt machten knackige Frauenpos, bekleidet mit einem Hauch von Nichts, Marke Sloggi. Die zarten Gewächse mit Barbie-Massen säten Zwiespalt unter den Geschlechtern: Während die Venusianerinnen sich ihrer Würde beraubt fühlten, verfielen die Marsianer den Reizen der Frühlingssirenen am Strassenrand. Dies wiederum zog heftige Diskussionen um die Verkehrssicherheit nach sich. Zumindest der Sexismus-Vorwurf konnte durch den negativen Entscheid der Lauterkeitskommission abgeschmettert werden. Im Herbst durfte die Franz AG die Früchte ihrer regionalen Imagekampagne pflücken: saftige Rassismus-Vorwürfe. Eigentlich wollten die Kreativen von MRM Partners mit einem Namenspiel auf die Kompetenz des Unternehmens in Sachen Peugeot-Vertretung hinweisen. Dass sie dafür Namen wie Goran, José, Giovanni oder Detlef kurzerhand rot durchstrichen und mit Franz – dem «richtigen Namen für Peugeot» – ersetzten, wurde ihnen übel genommen. «Verachtend und rassistisch», so das Fazit. Diese Vorwürfe erntete fast zur gleichen Zeit auch die Kampagne von Sigi Feigels Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. Die von Wirz konzipierten Witze ohne lustige Pointe rissen einen tiefen Graben in der Schweizer Bevölkerung auf – allerdings zog sich dieser durch alle Geschlechter, Landesteile und politischen Gesinnungen. Vorwurf Nummer eins: Die eigenwillige Umsetzung schüre genau die Vorurteile, die sie eigentlich bekämpfen wolle. Diskriminierend oder nicht, eines sind alle drei Kampagnen: aufgefallen. Und was will denn Werbung mehr? Zogen den Zorn von Frauen und Antirassisten auf sich: Drei Kampagnen, die 2003 viel zu reden gaben.
(sk)

Schöne Bescherung

Aufgefallen Schwere Wolken hingen am Himmel, als Frau Schulte durch das Schneetreiben Richtung Warenhaus eilte.

Uhren Schwere Wolken hingen am Himmel, als Frau Schulte durch das Schneetreiben Richtung Warenhaus eilte.Unter Vordächern bahnte sie sich einen trockenen und sicheren Weg durch das Wüten der Natur und der Menschenmassen. Weder von ihrer Coiffeuse Iris noch vom Strickheft liess sie sich dieses Jahr für das Weihnachtsgeschenk für ihren 17-jährigen Enkel inspirieren. Heuer würde sie mit ihrer Überraschung für Sven alle anderen in den Schatten stellen. «Eine schwarze Quarz-Uhr ohne Zeiger», erklärte sie einer Uhrenverkäuferin, deren Stirn sich hinter feierlichen Glitzersträhnen in Falten legte. «Die mit dem bunten Jesusbild in der Reklame», versuchte sie der Verkäuferin zu verdeutlichen. Diese war jedoch vom unablässigen «Morgen, Kinder, wirds was geben»-Gesäusel entnervt, dass sie aufgesetzt freundlich parierte: «Wir haben sieben Marken, über 100 verschiedene Modelle, und morgen kommt das Jesuskind.» «Nein, nein», meinte Frau Schulte etwas eingeschüchtert, «nicht das Christkind, sondern mit dem erwachsenen Jesus.» «Das finden Sie wohl sehr originell», höhnte die Verkäuferin. Erst jetzt wurde Frau Schulte bewusst, wie primitiv die Anzeige tatsächlich war und wie leicht sie sich davon übertölpeln liess. «Wir haben hier die neue Christmas-Swatch», sagte die Frau hinter dem Tresen, die nun etwas versöhnlicher blickte. Doch Frau Schulte hatte sich schon abgewandt. «Vielleicht tuts ja auch der Kalender der Sempacher Vogelwarte», überlegte sie und wechselte gemächlich zum Regal mit den neuesten Stützstrümpfen, bevor sie wieder nach Hause ging. (la)
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