
m&k: Abigail Posner, Sie haben in Harvard Anthropologie studiert, für mehrere globale Advertising-Netzwerke gearbeitet und sind jetzt seit mehr als elf Jahren Teil des Kreativ-Teams von Google, fünf davon als Leiterin der Abteilung «Creative Works» in den USA. Was ist der «rote Faden», der die verschiedenen Posten in Ihrer Karriere verbindet?
Abigail Posner: Im Kern der Anthropologie geht es – wenn man sie auf das Wesentliche reduziert – um die Frage, warum Menschen tun, was sie tun. Warum essen sie dieses, tragen sie jenes, sprechen sie über Thema X oder Thema Y? Warum verhalten sie sich auf eine bestimmte Art und Weise, wenn sie mit Freund:innen zusammen sind, und auf eine andere, wenn sie bei der Arbeit sind? Die Anthropologie versucht, zu entschlüsseln, wie der Mensch tickt. Die Grundannahme ist, dass hinter allem eine Logik, ein Zweck steckt – und wenn man die Oberfläche durchbricht und sich Mühe gibt, in die Tiefe zu gehen, dann erhält man eine Menge erstaunlicher Erkenntnisse.
Sprechen wir zuerst darüber, wie Sie das in der Werbung eingesetzt haben.
Für die Agenturen, bei denen ich als Markenstrategin gearbeitet habe, habe ich versucht, herauszufinden, warum Verbraucher:innen eine Coca-Cola, ein Tech-Gadget oder Eintrittskarten für einen Vergnügungspark kaufen. Aber nicht nur im Sinne von «Sie mögen den Geschmack», «Sie mögen das Design» oder «Sie wollen Spass haben». Ich wollte verstehen, was diese Kaufentscheidungen in den Menschen auslöst – und welche «Bereicherung» ihres Lebens die Produkte oder Erlebnisse, für die sie Geld ausgeben, darstellen. Was sie sich davon versprechen. Welche Hoffnungen, Träume, Erinnerungen sie damit verknüpfen. So konnte ich unsere Kund:innen aus einer ganz anderen Perspektive heraus beraten – ihnen helfen, eine echte Verbindung zu ihrer «target audience» herzustellen – und bessere Geschichten zu erzählen. Das konnte ich in meiner Arbeit bei Google fortsetzen, und zwar ziemlich erfolgreich, was ich selbst manchmal ein bisschen komisch finde (lacht). Denn als ich hier begann, dachte ich, ich würde keine Woche durchhalten.
Im Kern der Anthropologie geht es um die Frage, warum Menschen tun, was sie tun. Sie versucht, zu entschlüsseln, wie wir ticken.
Warum das denn?
Ich war begeistert von der Gelegenheit, bei Google zu arbeiten – und habe sie sofort ergriffen. Aber dann kamen mir ein paar Zweifel: Was weiss ich schon über Technologie? Was weiss ich über den Vertrieb von Tech-Produkten? Ich bin eine Werbestrategin und vielleicht sogar ein … richtiger Nerd, wenn es um Anthropologie geht (lacht). Gleichzeitig hatte ich eine Beobachtung gemacht: Ich hatte erkannt, dass das Unternehmen – schon vor mehr als einem Jahrzehnt – einen fantastischen Datenschatz besass. Man wusste, «was» die Menschen mit der Google-Technologie machten, allerdings war die partikuläre Motivation – das «Warum» – der Nutzer:innen nicht immer klar. Allerlei Fragen standen im Raum: «Welche Art von Bindung fühlen die Menschen zu ihren Smartphones? Was bedeutet es, dass Katzenvideos auf YouTube so beliebt sind? Warum möchten Menschen Augmented Reality nutzen – welchen Benefit sehen sie in dieser Technologie?» Ich war der Meinung, dass diese Fragen geklärt werden sollten, und Google teilte meine Einschätzung. Ich begann also, mit verschiedenen internen Teams an den benannten Fragen zu arbeiten – und stellte eine Gruppe sehr kluger Anthropolog:innen zusammen, um mir zu helfen. Wie unsere Kolleg:innen in der Archäologie unternahmen wir Exkursionen … aber in unserem Fall bestand die Aufgabe darin, die profunde, emotional aufgeladene, oft wunderschöne Beziehung freizulegen, die Menschen zu digitaler Technologie, Tools und dem Cyberspace aufgebaut haben. Das Projekt haben wir entsprechend benannt: «Humanizing Digital».
Sie haben gerade eine Unterscheidung gemacht, die im Mittelpunkt Ihres Ideenkonstrukts steht und über die Sie häufig in Keynotes, Podcasts und Interviews sprechen: die Unterscheidung zwischen dem «Was» und dem «Warum» von Technologie respektive Digitalisierung. Könnten wir dazu ein wenig mehr ins Detail gehen?
Das erkläre ich vielleicht am besten mit einem Beispiel. Schauen Sie sich doch mal Ihr Smartphone an: Auf den ersten Blick ist es bloss ein kleiner Computer, den Sie sich in die Tasche stecken und mit dem Sie herumlaufen können. Zuerst haben brillante Ingenieur:innen diesen Mini-Computer entwickelt, mit einem Touchscreen und einer hochauflösenden Kamera versehen, et cetera. Dann kamen kluge Entwickler:innen, die Apps programmiert haben, mit denen man seine E-Mails lesen, Notizen machen oder seinen Freunden schreiben kann. All das gehört zum «Was». Aber weder die Hardware noch die Software, die ich beschrieben habe, verfügen über eine inhärente Bedeutung. Wir, die User:innen, müssen ihnen eine Bedeutung verleihen, und diese ist das «Warum». Wir benutzen die Technologie etwa, um «Place-Making» zu betreiben, und laden sie dadurch mit Bedeutung auf.
Welche Art von Bindung empfinden Menschen zu ihren Smartphones? Warum sind Katzenvideos auf Youtube so beliebt?
Was bedeutet «Place-Making»?
Wir wollen immer das Gefühl der Zugehörigkeit spüren; das Gefühl, in der Welt beheimatet zu sein. Wir haben den Drang, uns mit der Umgebung «vertraut zu machen», denn das erdet uns und gibt uns Orientierung… und deshalb nutzen wir Technologie und den digitalen Raum, um «Place-Making» schnell und einfach auch dort zu vollziehen, wo wir vorher noch nie gewesen sind. Ich wohne mitten in Manhattan, und als mein Google-Büro noch am Chelsea Market lag – heute bin ich in Soho – konnte ich zu Fuss zur Arbeit gehen. Eines Tages lief ich durch das Viertel Hell’s Kitchen, wo sich ein Restaurant an das andere reiht. Die schiere Menge an Lokalen, die man dort besuchen kann, führt dazu, dass sich in der Wahrnehmung alles vermischt, fast wie … eine Tapete, eine Malerei im Hintergrund. Aber plötzlich bemerkte ich ein Restaurant, das mir noch nie zuvor aufgefallen war und das irgendwie herausstach. Ich wurde neugierig. Ich zückte mein Handy und checkte bei Google, was dort angeboten wird, wer der Chefkoch ist und wie die Speisekarte aussieht. Ich las Bewertungen und sah mir Fotos an, die andere User:innen veröffentlicht hatten. Dann ging ich spontan hinein und ass eine Kleinigkeit. Ein paar Minuten zuvor hatte ich noch keine Ahnung gehabt, dass es dieses Lokal überhaupt gibt, und jetzt sass ich da, ass ein Gericht, das mir Fremde online empfohlen hatten, und fühlte mich wie zu Hause. Place-Making eben. Und darüber hinaus die Möglichkeit, Verbindungen zu Mitmenschen zu festigen oder neu zu schaffen.
… wenn Sie selbst das Restaurant online «teilen»?
Ja. Ich mache ein Foto von meinem Frühstück und poste es auf einer Social-Media-Seite. Und dann erhalte ich Kommentare. Einer meiner Freunde war schon häufiger dort und schreibt: «Oh, was du gegessen hast, ist mein Lieblingsgericht!»; oder eine Arbeitskollegin meldet sich: «Das ist das Restaurant, in dem mir mein Freund einen Heiratsantrag gemacht hat.» All das macht den Ort für mich noch bedeutungsvoller und vertieft die Verbindung zu den Menschen, die auf meinen Beitrag reagieren. Der Grund, warum ich das erzähle, ist, dass es ja als verpönt gilt, «die Welt durch unser Telefon zu sehen». Immer kommt irgendjemand und sagt: «Leg das Ding doch mal weg, geniesse den Moment.» Aber was, wenn unser Telefon uns de facto hilft, den Moment noch mehr zu geniessen?
Wir wollen immer das Gefühl der Zugehörigkeit spüren; das Gefühl, in der Welt beheimatet zu sein. Technologie kann das vereinfachen.
Technologieskeptiker:innen wird es wohl immer geben.
Und das ist in Ordnung. Skepsis ist in Ordnung. Im Laufe der Geschichte sind immer wieder neue Erfindungen, Entdeckungen und Technologien aufgekommen, die wir dann in unser Leben integriert haben; sei es das Feuer, der Schmelzofen, die Druckerpresse oder eben der Computer. Einige Menschen haben diese Dinge genutzt, um Schaden anzurichten; und deshalb waren – und blieben – ein paar andere skeptisch gegenüber Innovation. Aber die anthropologische Sicht auf die Welt ist vom Grundsatz her positiv: In den meisten Fällen nutzen die Menschen das, was ihnen zur Verfügung steht, um ihr Leben besser zu machen. Sie sind in der Regel benevolent, und so nehmen sie diese neuen Werkzeuge und geben ihnen einen guten Sinn. Feuer ist dann nicht mehr bloss Feuer, eine Naturgewalt mit zerstörerischem Potenzial; sondern es ist auch etwas, das einen nachts warm hält; etwas, das Nahrungsmittel geniessbar und Wasser trinkbar macht. Nochmal: Neue Technologie ist immer mit Risiken verbunden, Dinge gehen schief, Fehler werden gemacht. Aber das sind Randerscheinungen. Und diese sind keinesfalls so gravierend, als dass sie das positive Potenzial von Innovation aushebeln würden.
Der scheinbar simple Akt, ein Restaurant online zu recherchieren und den Besuch wiederum virtuell mit Freund:innen und Bekannten zu teilen, enthält bereits Place-Making, Beziehungspflege …, aber darüber hinaus auch noch den Faktor Kreativität, oder?
Das stimmt. Denn das Bild, das ich von meinem Essen mache, versehe ich mit einem Filter, schneide es zu, bringe meine ästhetischen Vorstellungen darin zum Ausdruck. Es gibt eine ganze Fülle von Dingen, die ich damit anstellen kann. Wenn ich das vor einem Keynote-Publikum erwähne, sagen die Leute oft: «Oh, stimmt! Das mache ich auch!» Aber sie denken kaum darüber nach, wie bedeutungsschwanger das, was sie tun, eigentlich ist. Die scheinbar banalen, kleinen, alltäglichen Dinge, die wir machen, tragen so vieles in sich.
Technologie dient also nicht nur als Mittel zur Schaffung von Vertrautheit und Verbindung, sondern auch, um der Welt zu zeigen, wer wir sind … und als wer wir via das, was wir kreieren, gesehen werden wollen.
Ja. Wir können etwas publizieren, was auch immer, und die Leute geben Feedback. Dann reagieren wir wiederum auf das Feedback – oder denken zumindest über ihre Reaktionen nach. Das nenne ich «Self-Making». Nehmen wir an, ich lasse mir die Haare schneiden und stelle ein Bild davon online. Dann bekomme ich Kommentare und einen unmittelbaren Eindruck davon, ob mir der neue Look steht. Selfies sind viel weniger ein Zeugnis von Eitelkeit als die Möglichkeit, uns selbst durch den Spiegel des Digitalen zu betrachten. Wenn Sie lieber ein intellektuell hochstehendes Beispiel für Self-Making haben möchten, nehmen Sie einen Podcast: Man hat eine Idee, nimmt auf, was man denkt, und veröffentlicht das. Einige Leute werden es lieben, andere werden einen dafür kritisieren. So oder so bekommt man ein Gefühl dafür, was die Mehrheit der Hörer:innen mag, sowie die Gelegenheit, sich anzupassen, wenn man das will.
Damit exponiert man sich aber auch ein Stück weit – macht sich gar verletzlich, oder?
Das ist genau der Grund, warum ich es Self-Making nenne. Denn wenn man nicht verletzlich ist, ist man nicht offen. Und wenn man nicht offen ist, ist man nicht authentisch. Es mag immer ein paar Rüpel geben, die einen unsinnigen Kommentar unter ein Foto posten oder über einen Podcast lästern – ich meine keine ehrliche Kritik, sondern Kommentare, die darauf abzielen, Bemühungen herabzusetzen oder jemanden zu verletzen. Es gibt aber nur eine richtige Reaktion darauf: «So what?» (lacht) Das ist keine Apologie für das Verhalten der benannten Akteure, aber auf dem Schulhof hat es auch immer «Bullies» gegeben. Und wenn wir zugelassen hätten, dass sie uns davon abhalten, in die Schule zu gehen, zu lernen und zu wachsen …, in was für einer Welt würden wir dann leben? Jeder sollte alle Tools und Technologien, alle Möglichkeiten, die er oder sie nutzen möchte, voll ausschöpfen. Ich möchte den Leuten immer zurufen: «Traut euch, kreiert etwas! Lasst euch das von niemandem wegnehmen!»
Wir haben nun schon zahlreiche Beispiele für das «Warum» hinter Technologie und Digitalisierung gehört. Über eines haben wir noch nicht gesprochen – dabei gefällt mir dies besonders gut. Bei einer Keynote in Kalifornien erwähnten Sie, wie viel implizite Bedeutung das Teilen von lustigen Videos und Memes enthält …
Ja, das könnte man unter den Aspekt «Connection» subsumieren, aber wir können das gerne noch etwas vertiefen. Wenn ich jemandem ein Video schicke, das mir gefällt und das mich zum Lachen gebracht hat, dann lautet die Botschaft nicht nur: «Video! Schau!» Die Botschaft lautet eigentlich: «Da gibt es etwas, das mich happy gemacht hat, und ich möchte, dass du ebenfalls happy bist. Ausserdem denke ich, dass ich dich gut genug kenne, um einschätzen zu können, dass wir den gleichen Humor haben. Und nicht zuletzt denke ich, dass du intelligent genug bist, um zu verstehen was ich dir zeigen will.»
Eine sehr nuancierte Art, eine gemeinsame Basis zu schaffen. Da Sie lange in der Werbung gearbeitet haben: Können sich Brands das ebenfalls zunutze machen?
Ja, können sie – und sie sollten es auf jeden Fall versuchen. Marketing hat sich im Laufe der Zeit enorm weiterentwickelt. Lange war es sehr funktional ausgerichtet, aber dann entstand Raum für Emotionen und Unterhaltung. Ich werde nie vergessen, wie mein erster Chef in einer grossen Agentur zu mir sagte: «Unterschätze niemals den Wert eines Witzes.» Denn wenn er ankommt, ist das der beste Beweis, dass man sein Gegenüber auf mehreren Ebenen verstanden hat. Dazu passt auch, was ein guter Freund von mir neulich meinte: «Wir müssen wirklich ernsthaft versuchen, lustig zu sein.» Das trifft den Nagel auf den Kopf. Natürlich, das Spiel mit Emotionen und Humor ist für Brands gar nicht so simpel – denn man muss ein sehr präzises Gefühl für das Wesen der Menschen, für ihre jeweilige Kultur und für perfektes Timing haben. Aber wenn man das schafft, wird man mit enormen Vorteilen im Wettbewerb belohnt. Wenn ich heute mit Unternehmen zu tun habe, rate ich immer: Macht kein «over-engineering» eurer KPIs und eurer Kanäle, sondern macht «reverse-engineering» und denkt über ganz grundlegende menschliche Eigenschaften, Bedürfnisse, Wünsche nach. Adressiert das «Menschsein» eurer Kund:innen – mehr brauchen sie gar nicht.

Ich mag den Gedanken, dass Technologie und Digitalisierung uns nicht vom «Menschsein» ablenken, sondern eher das erweitern, was uns ausmacht. Was wird generative KI zu unserem «Menschsein» beitragen – wie wird sie unser Leben «erweitern»?
Es ist interessant, dass Sie mich das fragen! Ich arbeite gerade in Co-Autorschaft mit einer Harvard-Forscherin an einem wissenschaftlichen Artikel … Ich kann noch nicht allzu viel über den Inhalt des Textes verraten, aber ich kann Ihnen in diesem Kontext etwas über künstliche Intelligenz erzählen. Am vergangenen Donnerstag war ich am Flughafen, hatte etwas Zeit zu überbrücken und begann, mit «Bard» zu experimentieren, der Konversations-KI von Google. Ich bat das Programm, meine Hypothese zu einer bestimmten Eigenschaft von Führungspersonen zu testen – und nach Beispielen für Leader:innen zu suchen, die diese Eigenschaft aufweisen. Das half mir, meine Ideen für das Paper klarer zu fassen. Eine tolle Ausgangsbasis, von der ich weitermachen kann.
Nun ist generative KI ist ein enorm ausgeklügeltes Werkzeug – und doch, sie bleibt ein Werkzeug. Fragen Sie sich als Anthropologin und Tech-Executive manchmal, was danach kommen könnte? Würde eine perfekte KI, die von menschlichem Intellekt nicht mehr zu differenzieren ist, eine Neudefinition unseres «Menschseins» erfordern?
Zunächst: Es gibt noch so viele Geheimnisse; so vieles, das wir etwa über die Funktionsweise unseres Gehirns nicht wissen. Ich bin bei Weitem keine Expertin für Neurowissenschaft, aber ich kann Ihnen mit Bestimmtheit sagen: der menschliche Geist muss erst noch entschlüsselt werden. Wenn es nun also eines Tages eine Technologie gäbe, die kreativer, innovativer und generell klüger wäre als wir – dann wäre ich zunächst überrascht, denke ich, aber ich wäre auch fasziniert. Denn um sich als solche Technologie zu qualifizieren, müsste die KI all die Geheimnisse verstanden haben, die wir noch zu entdecken haben – sonst wäre sie unserem Intellekt nicht überlegen. Ich sehe jedoch kein Programm, das dieser Aufgabe gewachsen wäre; und solchermassen würde es noch einiges an Zeit – und Entwicklung – brauchen, bis ich überhaupt anfange, mir diesbezüglich Gedanken oder gar Sorgen zu machen.
Die Skepsis gegenüber generativer KI, die gerade häufig geäussert wird, ist also auch unbegründet?
Wir haben vorhin bereits über Innovationsskepsis gesprochen. Sie ist so alt wie die Menschheit selbst. Meine Mutter war Professorin für Chemie und Dekanin am Wellesley College in Massachusetts. Und sie erinnert sich noch heute, wie ihre Kolleg:innen gegen die Einführung von Taschenrechnern protestierten: «Diese Maschinen sollen jetzt für uns rechnen? Was machen wir denn dann? Und welche Aufgaben geben wir unseren Schüler:innen?» Plötzlich mussten Akademiker:innen neu darüber nachdenken, was es bedeutet, ihre Student:innen intellektuell herauszufordern. Es gibt Schlimmeres, oder? (lacht) Ein anderes Beispiel: Vor mehr als zwei Jahrzehnten hat das Internet Milliarden von Menschen das gesamte Wissen, das die Menschheit je besessen hat, zugänglich gemacht – aber unser Urteilsvermögen ist weiterhin gefragt. Das Internet ist zu unserer wichtigsten Stütze geworden und es hat unser Leben in vielerlei Hinsicht verbessert und aufgewertet …, aber es hat uns nicht überflüssig gemacht. Vor ein paar Tagen habe ich in einer Zeitschrift einen interessanten Artikel gelesen, in dem es hiess, dass der breite Einsatz von künstlicher Intelligenz zu einem neuen Interesse an den Geisteswissenschaften führen könnte – denn in Zukunft werden wir wieder vermehrt Menschen brauchen, die das tun, was künstliche Intelligenz nicht zu tun vermag: Menschen, die die erwähnte Subtilität von Humor verstehen; Menschen, die Punkte miteinander verbinden, welche noch nie zuvor miteinander verbunden wurden; Menschen, die durch das Erzählen von Geschichten Empathie zeigen. KI ist zu all dem gegenwärtig nicht in der Lage.
Wir blicken also einer rosigen Zukunft entgegen?
Vielleicht bin ich da naiv. Nein: Eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher, ein bisschen naiv zu sein (lacht). Ich weiss nicht, was vor uns liegt. Wer weiss das schon? Auch im Fall von KI wird es Menschen geben, die versuchen, die Macht der künstlichen Intelligenz zu missbrauchen. Aber: Die meisten von uns werden sich in positiver Weise an die Existenz der Technologie anpassen, werden die Nutzung von KI mit individueller Bedeutung anreichern, und die KI wird uns im Gegenzug helfen, weiterzukommen. Mein Sohn hat gerade eine Uni-Bewerbung über Astrophysik geschrieben – das Fach fasziniert ihn, weil wir so vieles im Weltraum noch nicht sehen, wissen oder verstehen können. Ob nun bei unserem Gehirn oder beim Universum …, wir werden jede Hilfe brauchen, die wir bekommen können, um die Mysterien unserer Zeit zu entschlüsseln.
Wenn ich Ihnen zuhöre, dann stelle ich mir eine Welt vor, in der künstliche Intelligenz für unser Gehirn das Äquivalent dessen ist, was robotische Exoskelette für unseren Körper sind: etwas, das uns nicht behindert, sondern die Kraft, die wir haben, erhöht und uns in die Lage versetzt, anspruchsvollere Aufgaben zu bewältigen.
Diese Idee gefällt mir. Eine clevere KI, die Informationen aus allen Ecken des Internets aufgreift, zusammenfasst oder aufschlüsselt, kann bei der Bewältigung fast jeder intellektuellen Arbeit, die wir leisten, ungeheuer hilfreich sein. Wenn man der Geschichte die Qualität attestiert, als Referenz zu dienen, dann mache ich mir keine Sorgen um die Zukunft. Denn die Geschichte lehrt: Mit jeder technologischen Errungenschaft sind wir mittelfristig erfolgreicher, kreativer, glücklicher und gesünder geworden. Mit jeder Errungenschaft haben wir eine neue Stufe auf der Treppe der Evolution bestiegen. Ich bin überzeugt, dass das auch diesmal so sein wird. Und wir dabei sogar noch eine Menge Spass haben können.
Abigail Posner ist Direktorin der US-Abteilung von «Creative Works», Googles Schnittstelle zu Agenturen und Werbeauftraggeber:innen. Mit ihrem Team berät sie Kund:innen von Google, wie diese die Tools des Unternehmens optimal für ihre eigenen Zwecke nutzen können. Vor ihrer Zeit bei dem Tech-Giganten war Posner unter anderem als Strategy Director bei Publicis New York und als Director of Brand Strategy bei DDB Worldwide beschäftigt. Die studierte Anthropologin ist ausserdem eine weltweit gefragte Keynote-Speakerin und hält diverse Aufsichtsratsmandate.