Während in den Strassen von Kairo der Ausnahmezustand herrschte, zeigte der Sender Al Nil TV verträumte Aufnahmen des Nils. Und regierungstreue Zeitungen und das staatliche Fernsehen hatten die Demonstranten während der 18-tägigen Proteste in Ägypten, welche schliesslich zum Rücktritt Mubaraks führten, stets als eine kleine Minderheit von Unruhestiftern dargestellt.
Die Medien schwenkten am Samstag, einen Tag nach Mubaraks Amtsverzicht, plötzlich um. Das Volk habe das Regime gestürzt, meldete die führende Tageszeitung Al Ahram. Ein Reporter des staatlichen Fernsehens berichtete über eine Siegesfeier der Demonstranten vor dem Präsidentenpalast in Kairo. Er kommentierte die ausgelassene Stimmung mit den Worten: «In diesem Moment atmen die Ägypter die Freiheit». Die Haie des alten Regimes hätten Ägypten ausbluten lassen, hiess es in einem Leitartikel der staatlichen Tageszeitung Al Gomhuria.
Obwohl der Oberste Rat der Streitkräfte, der nach Mubaraks Rücktritt die Macht übernommen hat, die vom Staat finanzierten Medien nun zwar selbst nutzt, um sich an die Öffentlichkeit zu wenden, glaubt der unabhängige Verleger Hischam Kassam gemäss SDA, dass die staatlichen Medien an Bedeutung verlieren könnten, wenn die neue Regierung die Mittel streiche. Es sei ein langsamer Niedergang, es könne länger als ein Jahr dauern, sagte er, aber es sei vorbei.
Doch auch innerhalb der Medien wurden während der Proteste Stimmen laut, die einen unabhängigen Journalismus forderten. Am Donnerstag forderten Mitarbeiter der Zeitung Al Ahram die Entlassung des Chefredaktors wegen der negativen Berichterstattung über die Protestbewegung. Ausserdem plädierten sie für eine Entschuldigung für die sehr unmoralische Berichterstattung. Wann der Sinneswandel genau einsetzte, ist unklar, doch die Konsequenzen sind kaum zu übersehen. Am Samstag veröffentlichte das staatliche Fernsehen über die Nachrichtenagentur Mena eine Stellungnahme, in der es dem ägyptischen Volk für die grossartige Revolution, geführt von den Besten der ägyptischen Jugend gratulierte. Das ägyptische Fernsehen werde ehrlich in der Verbreitung seiner Botschaft, versprach die Rundfunkanstalt. Das ägyptische Fernsehen gehöre dem ägyptischen Volk und werde ihm zu Diensten sein.
Arabien: Regierung in Bahrain verspricht mehr Pressefreiheit
Nun will die Regierung im Golf-Emirat Bahrain mit Geschenken und politischen Reformen offenbar Proteste nach dem Vorbild von Ägypten und Tunesien abwenden. Die Regierung kündigte am Sonntag an, die Medien künftig weniger zu kontrollieren. Oppositionsgruppen riefen unterdessen zu einer Demonstration für mehr politische Mitbestimmung auf.
Die Kundgebung am morgigen Montag sollte die erste grössere Demonstration in der Golfregion sein, seit dem Beginn der Proteste in Tunesien und Ägypten. Die schiitische Bevölkerungsmehrheit in Bahrain wirft der sunnitischen Führungsschicht Diskriminierung vor. Nach der Festnahme schiitischer Aktivisten war es im vergangenen Jahr zu Zusammenstössen gekommen.