Dieser Artikel erschien in der Werbewoche 11/2016 vom 17. Juni 2016.
Zu den Abos.
«Geplantes Joint Venture von SRG, Swisscom und Ringier: Verband Schweizer Medien fordert Marschhalt und Prüfung alternativer Modelle». So lautete der Titel einer Pressemitteilung, die der Verband Schweizer Medien am 25. Januar 2016 verschickte. Ein paar Tage später rief auch Roger Schawinski auf persoenlich.com Medienbranche und Bundesrätin Doris Leuthard auf, erst einmal tief durchzuatmen.
«Marschhalt», «durchatmen» – das deutet darauf hin, dass für Verleger und andere Medienplayer ( inklusive Radiopionier ! ) das Tempo auf der Wanderung in die mediale Zukunft zu hoch ist. Die Digitalisierung stapft mit grossen Schritten voran, die Medien hecheln hinterher – mit Swisscom, SRG und Ringier an der Spitze. Mit ihrem Projekt «Werbeallianz» vergrössern sie nun den Vorsprung gegenüber Verlegern, UPC und Sunrise und bringen diese erst recht ausser Atem. Nicht mit der Idee an sich, sondern mit der Tatsache, dass sich erstmals drei ( Medien- )Partner zusammenfanden, denen man die Umsetzung des Vorhabens – der Aufbau einer nationalen Vermarktungsplattform – auch zutraut.
Eine Idee und sieben Jahre verschlafen
Tatsächlich ist die Idee nicht neu, wie auch Mirko Marr, Forschungsleiter bei der Goldbach Group und Kritiker der neuen Allianz, in der NZZ vom 22. Januar 2016 einräumte. Schliesslich sagte der frühere PubliGroupe-CEO Hanspeter Rohner schon in der Werbewoche 10 /2009: «Wir entwickeln eine neue digitale Abwicklungsplattform mit dem Ziel, das Handling und die Abwicklung von Inseraten und Werbebotschaften schneller, effizienter und kundenfreundlicher zu machen. Künftig lassen sich dann Print, Online, TV, Radio, AdScreen und Kino darüber buchen. Es soll, wenn immer möglich, eine Lösung werden für die ganze Branche, das heisst, offen für alle Kunden und möglichst viele Medienpartner. Die kommenden Monate werden zeigen, ob es gelingt, die hiefür notwendigen Einigungen zu erzielen.»
Alle in der Branche wissen: Eine Einigung kam nie zustande. Das lag zum einen am überheblichen und autoritären Auftreten der PubliGroupe, zum andern an der Obstruktionshaltung von Verlegern, Goldbach und andern. Die Initiative der PubliGroupe wurde mit Häme eingedeckt, nach dem Motto: Die schaffen das eh nicht. Von echtem Interesse keine Spur, geschweige denn von Kooperationsbereitschaft. Aber die Vision war da, man hätte sie «nur» gemeinsam aufgreifen und umsetzen müssen.
Swisscom holte sich Know-how
Stattdessen pflegte jeder lieber sein eigenes Gärtchen und versuchte, sich über Wasser zu halten. Je enger es wirtschaftlich wurde, desto mehr schielte man nach den Honigtöpfen der SRG (Gebühren und Werbung ). Immer vehementer legte man sich mit ihr an – mit dem ( irrigen ) Kalkül: Je mehr sie geschwächt wird, desto mehr profitieren die andern Schweizer Medien.
Derweil kam Publigroupe ins Trudeln. 2014 wurde die Publicitas an Aurelius abgetreten und die Rest-Publigroupe von Swisscom übernommen. Die Branche nahm dies erneut eher hämisch und fast erleichtert hin. Und weil damals in erster Linie das Wettbieten zwischen Tamedia und Swisscom um das Adressportal local.ch für Spannung sorgte, bemerkte kaum jemand, dass ja auch das gesamte Know-how über die begonnene Plattform, samt Entwicklerfirmen Spree7 und Improve Digital, an Swiss-com überging. Publigroupe-CEO Arndt Groth samt Crew, Erfahrungen und Netzwerk wurde ein Jahr lang von Swisscom verpflichtet. Nur logisch, dass das Telko dieses zugekaufte Wissen nun beim Aufbau der neuen Vermarktungs- und Branchenplattform nutzt.
So kam es also zum Vorsprung der Admeira-Partner und deshalb ist die Nervosität der andern so gross. Denn vielerorts hat man sich – ausser bei den Onlineangeboten und teilweise beim TV – noch kaum auf die digitalisierte Werbevermarktung und -abwicklung eingestellt.
Tamedia, NZZ und Goldbach: erste Schritte
Diesbezüglich sind – ausserhalb des Admeira-Kreises – NZZ, Tamedia und Goldbach am weitesten fortgeschritten:
– NZZ und Tamedia öffneten ihr digitales Werbeinventar schon 2014 für das programmatische Einkaufen, beide verfügen seit diesem Frühjahr über je eine Vermarktungsorganisation für ihre Targeting-Angebote. Im übrigen zentralisierte Tamedia seine Print-, Digital- und CrossmediaVermarktung und machte sie somit effizienter. Geht es aber um das digitalisierte Vermarkten kommerzieller Print-Anzeigen, ist die NZZ wohl am Weitesten: Sie bietet neuerdings eine DealPlattform an, auf der sie für einige ihrer Printtitel «laufend attraktive Inserate-Platzierungen» zu Last-Minute-Konditionen publiziert.
– Die Goldbach Group begann vor zwei Jahren, über Big Data oder Programmatic Buying nachzudenken. Im letzten Oktober stieg das Unternehmen aber bei Jaduda ein, eine auf MobileWerbung spezialisierte Firma. Bei Radio und TV kam man dagegen kaum über Konzepte hinaus. Goldbach hat aber auf personeller Ebene für Know-how gesorgt: Man holte im April Arndt Groth in den Verwaltungsrat – ein geschickter Schachzug, denn so kann der Vermarkter das Wissen, das Groth beim Plattform-Aufbau bei PubliGroupe und Swisscom gewonnen hatte, nun ebenfalls nutzen.
Und noch in einem Punkt rüstete Goldbach auf: Es gelang, die Web-TV-Anbieter Wilmaa, Teleboy und Zattoo für eine gemeinsame Vermarktung zu gewinnen. Zusammen kommen die drei auf 1,235 Millionen Unique User pro Monat oder 21 Prozent Reichweite, gut das Doppelte von SwisscomTV Air (544'000 Nutzer, 9,4 Prozent). Goldbach hat damit die Möglichkeit, nun bei allen drei WebTVs zielgruppenspezifische Werbung anzubieten – früher als Admeira und mit grösserer Reichweite. Admeira wird diese Werbeform erst in einem Jahr auf SwisscomTV und vorerst nur bei den Sendern S1, TF1, NT1 und TMC offerieren.
Noch keine Option ist die zielgruppenspezifische Werbung für das lineare Fernsehen: Generell fehlen dazu die dafür nötigen Daten. Zudem dürften die Schweizer Privat-TVs – wenn sie wie die SRG über eine Konzession verfügen – diese Werbeform auch gar nicht anbieten. Anders gesagt: Zielgruppenspezifische TV-Werbung ist derzeit – wenn überhaupt – nur in Nischen möglich.
Zweierlei ist notwendig
Wollte man sie ausbauen, wären dafür neben konzessionsrechtlichen Anpassungen vor allem zwei Dinge notwendig: Erstens bräuchte es dazu einheitlich aufbereite Daten – nicht nur jene der Swiss-com, sondern auch die anderer Verbreiter ( Kabelnetze, WebTVs, Sunrise ). Zweitens müssten sich die über 200 Kabelnetze im Verband SuisseDigital mit zielgruppenspezifischer Werbung auseinandersetzen. Bisher war dies dort «kein grosses Thema», wie Verbandssprecher Matthias Lüscher gesteht. Und UPC und Sunrise, die mit Horizon und SunriseTV Konkurrenzprodukte zu SwisscomTV anbieten, zeigten sich auf direkte Anfrage hin zum Stand ihrer Technik nicht gerade auskunftsfreudig. Informativer ist deshalb die Aussage von Alexander Duphorn, CEO von Goldbach Media: Auf die Frage, ob er Admeira etwas Vergleichbares entgegenstellen könne, sagte er dem deutschen Branchenblatt Horizont: «Es gibt mit der UPC Cablecom und Sunrise gut aufgestellte Netze. Aber sie sind technisch noch nicht so weit.»
Eine Türe öffnet sich für alle
Zumindest in Bezug auf die notwendigen Daten gibt es nun aber eine gewisse Hoffnung – dank des Swiss Media Data Hub ( SMDH ), den WEMF und Mediapulse im Mai gemeinsam angekündigt hatten. Denn was die beiden per 2017 planen und mit rund 10 Millionen Franken vorfinanzieren, ist nicht nur ein wegweisendes Medienforschungsprojekt, sondern es hat auch das Potenzial, den Konflikt um Admeira zu entschärfen, indem es allen Playern, die sich seinerzeit von PubliGroupe abwandten und sich auch jetzt von Admeira distanzieren, noch rechtzeitig einen dritten Weg ebnet. Falls sie technisch up to date sind!
Das Ziel des Hub-Projekts ist es jedenfalls, Daten aus verschiedenen Quellen zusammenzuführen und für die Branche aufzubereiten ( siehe auch WW 9 / 16 ). Dazu soll die bisherige Radio-, TV-, Print- und Onlineforschung von Mediapulse, NET-Metrix und WEMF mit einem Online-Messpanel ergänzt werden, das das Surf- und Streamverhalten von gegen 10 000 Panelisten misst. Parallel dazu will man IPTV-Anbietern wie Swisscom oder Sunrise, Kabelnetzbetreiber wie UPC oder Quickline, Betreiber von Web-Radios und Web-TVs sowie Portale mit Videos dazu gewinnen, ihre Daten in den neuen SMDH einzuspeisen. Dieser letzte Punkt ist entscheidend: Denn mit dem SMDH entstünde eine neutrale Organisation, die die Daten sammelt und aufbereitet, und WEMF und Mediapulse könnten sie dann samt Paneldaten allen Marktteilnehmern als Währung zu gleichen Bedingungen zur Verfügung stellen. Das wäre also genau das, was Verleger, Goldbach und andere in Zusammenhang mit dem Aufruf zum «Marschhalt» gefordert hatten.
Swisscom zeigt sich offen …
Entsprechend euphorisch wurde das Hub-Projekt von Sachkundigen bei Medien und Vermarktern aufgenommen, wie an einem Kundenanlass von Mediapulse Mitte Mai festzustellen war. Offiziell gibt man sich allerdings zurückhaltend – weil noch offen ist, ob das Projekt gelingt und die Verbreiter mitmachen.
Eine Umfrage der Werbewoche zeigt aber: Auf Verbreiterseite, also bei Swisscom, SuisseDigital, UPC und Web-TVs, nimmt man das Hub-Projekt «mit Interesse zur Kenntnis», ja, man hofft auf «eine einheitliche Bewegtbild-Währung für TV und Online». Das Web-TV Teleboy «unterstützt die Bestrebungen» sogar, indem es schon Daten für erste Tests geliefert hat. Swisscom, SuisseDigital und UPC sind reservierter, aber zumindest offen für Gespräche, Sunrise zeigt sich abwartend. Verschiedentlich wurde zudem bezweifelt, ob WEMF und Mediapulse als Hub-Betreiber neutral genug sind.
Auf der Seite der Medien, Werbeauftraggeber, Goldbach und der Eidgenössische Medienkommission wird das Projekt hingegen begrüsst. Man erhofft sich davon eine Intermediaforschung, die einheitliche und auch aussagekräftige Daten zu kleinen Zielgruppen und Gebieten liefert.
… Verleger bleiben skeptisch
Unterschiedliche Ansichten gibt es zur Frage, ob der Hub den Konflikt mit Admeira zu lösen vermag. «Der SMDH bietet für alle Anliegen der von Admeira ausgeschlossenen privaten Medienunternehmen eine brauchbare Antwort, sofern Swisscom ( und natürlich weitere wichtige externe Datenlieferanten ) an diesem Projekt mitarbeiten», schrieb Matthias Hagemann, Inhaber von Radio Basilisk und Stiftungsratsmitglied bei Mediapulse. AZ Medien, Goldbach und Verband Schweizer Privatradios sehen darin ebenfalls einen «vielversprechenden Ansatz» oder einen «Schritt in die richtige Richtung». «Gleich lange Spiesse» würden aber nur ermöglicht, wenn alle Daten, die Admeira von Swisscom erhält, in diese einheitliche Währung fliessen, präzisierte Michi Frank von Goldbach. Genau daran zweifelt man aber beim Verband Schweizer Medien: Denn sollte Swisscom den Admeira-Partnern zusätzliche und exklusive Daten zur Verfügung stellen, «würde die drohende Marktverzerrung trotzdem eintreten», betonte Geschäftsführer Andreas Häuptli. Optimistischer äusserte sich Roland Ehrler, Direktor des Schweizer Werbeauftraggeber-Verbands. «Der Hub bietet als neutrale Organisation die Chance, dass Dritte wie Swisscom eher bereit sein könnten, ihre Messdaten für die Mediaforschung zur Verfügung zu stellen.»
Eine Gegenallianz würde möglich
Falls das Hub-Projekt und das Online-Messpanel gelingen, stehen dem Markt künftig Daten zur Verfügung, die den einzelnen Playern die freie Wahl lassen, ob sie sich bei Admeira anschliessen, weiterhin den Alleingang wählen oder eine zweite Allianz gründen wollen.
Die vielerorts vermutete und erhoffte Gegenallianz aus Tamedia, Goldbach, UPC und Sunrise hätte es allerdings schwer, Admeira das Wasser zu reichen – nur schon betreffend technischer Reichweite. Das zeigt der Blick auf die unten stehende Tabelle. UPC und Sunrise haben einzig im Bereich DigitalTV eine mit Swisscom vergleichbare Abonnentenzahl, SuisseDigital als Ganzes hätte gar die Nase vorn. Doch wie lange noch? Sunrise, UPC und SuisseDigital verlieren derzeit DigitalTV-Abos an Swisscom.
Und beim WebTV besteht Goldbachs Vorsprung ( siehe oben ) möglicherweise auch nur vorläufig, könnte doch das neue App «SwisscomTV Air free» seine Mitbewerber Teleboy, Wilmaa und Zattoo schon bald überflügeln.
Wohl deshalb bekundete Tamedia bisher wenig Lust auf ein solches Going Together. Sein Unternehmen sei so aufgestellt, «dass wir nicht auf die Werbeallianz angewiesen sind», sagte VR-Präsident Pietro Supino verschiedentlich. Bisher hatte man den Eindruck, dass diese Aussage auch den Aufbau einer Gegenallianz ausschliesst, denn für Supino macht es generell «keinen Sinn, alle Medien unter einer Käseglocke zu vereinen.» Das sei zu komplex und nicht innovationsfördernd.
Allerdings: Am 29. Juni findet ein Goldbach-Seminar zum Thema «Data Driven Marketing» statt. Als Referentin dabei ist auch Sylvia Epaillard, Leiterin von Tamedias Digital Advertising Services. Ob sich doch etwas anbahnt?
Markus Knöpfli