Inmitten der Corona-Pandemie lancierte die HWZ einen neuen Studiengang – den EMBA Digital Leadership. Ein Gespräch mit Co-Initiator Manuel P. Nappo.
Johannes Hapig
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12. Dezember 2021
(Bild: Unsplash)
m&k: Manuel Nappo, der erste EMBA Digital Leadership ist erfolgreich über die Bühne gegangen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Manuel P. Nappo: Das Wertvollste zeigt das Video (siehe unten, Anm. d. Red.) deutlich: Wie der EMBA die Teilnehmenden geprägt hat. Studiengangsleiterin Sunnie J. Groeneveld und ich haben ein Produkt designt, das einen sichtbaren Impact auf die Persönlichkeiten hat und dadurch auch auf deren Umfeld wie Mitarbeitende und Unternehmen. Es gibt nicht vieles, das dies noch übertreffen könnte. Das Gefühl, Menschen zu etwas Positivem zu bewegen, ist für mich als Institutsleiter das Grösste.
Sie haben Ihren EMBA Digital Leadership inmitten der Corona-Pandemie lanciert. Hand aufs Herz: War das das denkbar schlechteste oder das denkbar beste Timing?
Wie so oft hängt auch das von der Perspektive ab. Schlecht war es für gewisse ursprünglich vorgesehene Aktivitäten, wie die Study Tours in die USA oder nach Asien. Scheinbar perfekt war das Timing jedoch in Bezug auf die vielen Herausforderungen, mit welchen die Teilnehmenden konfrontiert waren. Der EMBA bot ihnen genau im richtigen Moment ein Gefäss, um die eigenen Leadership-Skills zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Die aussergewöhnliche Situation schweisste die Pionierklasse zusätzlich zusammen. Wir schufen neue Formate, machten aus der TEDxHWZ eine Streaming-Konferenz und statt Study Tours fanden Alpine Retreats statt. Das positive Gefühl, es trotz all dem Unerwarteten geschafft zu haben, überwiegt.
«Ehrlichgesagt finde ich es rückblickend grossartig, wie viele Lösungen nur wegen der Pandemie entstanden sind.»
Wie setzt sich Ihre Teilnehmerschaft zusammen?
Wir sind stolz darauf, dass unsere erste Klasse sehr divers war. Mitarbeitende eines Cannabis Start-ups, internationale Tech-Konzerns und Schweizer Familienbetriebe – alle waren dabei. Beim Alter bewegten wir uns zwischen 35 und 51 Jahren und der Frauenanteil lag bei 25 Prozent. Dieser darf zukünftig gerne noch höher sein. Das breite Interesse zeigt klar, dass anwendungsorientierte Executive Education im Bereich Digital und Leadership unabhängig von Branche oder Firmengrösse ein Thema sein sollte.
Welche Key Learnings haben Ihre Teilnehmenden mitgenommen?
Ich hoffe, dass sie Führung sehr stark als Skill verstehen und leben. In der VUCA-Welt reicht Fachwissen allein nicht mehr. Das hat die Pandemie ganz klar gezeigt. In unserem Studiengang war Fachwissen nur die Basis. Darauf aufbauend haben die Teilnehmenden ihre Public Speaking Skills, Remote Team Leadership, Innovation Skills, Foresight und natürlich Self-Reflection Skills entwickelt und verfeinert.
Was waren für Sie als Veranstalter die Highlights?
Das grösste Highlight ist ganz klar, dass die Premiere trotz Pandemie erfolgreich war. Und ehrlich gesagt finde ich es rückblickend auch grossartig, wie viele neue Formate und Lösungen nur wegen der Pandemie entstanden sind. Wir haben nicht nur das Beste daraus gemacht, gewisse Dinge wurden noch besser als ursprünglich geplant. Es freut mich darum umso mehr, dass uns während der achtzehn Monate die Dokumentarfilmerin Alessandra Berti begleitet hat und einige dieser Highlights für immer festgehalten wurden.
Im Januar 2022 beginnt ein neuer EMBA Digital Leadership. Kann man sich noch anmelden?
Ja, die Anmeldeliste ist noch offen. Gemeinsam mit den Modulleitenden Urs Bucher, Daniela Landherr, Chris Luebkeman und Claude Siegenthaler werden Sunnie und ich den Studiengang noch weiter optimieren und so ausrichten, dass er auch weiterhin «not just another EMBA» ist.
Der erste EMBA Digital Leadership wurde während achtzehn Monaten von der Dokumentarfilmerin Alessandra Berti begleitet. Entstanden ist eine Rückschau für alle, die einen Blick hinter die Kulissen der HWZ werfen wollen – oder überlegen, an der nächsten Runde des Studiengangs teilzunehmen.
Der Duft des Erfolges
Maison Francis Kurkdjian gehört zu den populärsten Parfum-Labels weltweit. Exklusiv für m&k enthüllt Marc Chaya, CEO und Co-Founder, die Geheimnisse seiner Marke: Sind Parfums Kunstwerke? Wie duftet Luxus? Und wie baut man einen Premium-Brand auf, der von der Kundschaft geliebt wird?
Johannes Hapig
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12. Dezember 2021
(Illustration: Silvan Borer)
m&k Maison Francis Kurkdjian hat sich zu einer der renommiertesten Parfummarken der Welt entwickelt. Als Sie und Francis Kurkdjian die Marke 2009 gründeten, welche Ideen und Ziele verfolgten Sie da?
Marc Chaya: Als ich Francis vor etwa achtzehn Jahren bei einem Abendessen kennenlernte, fragte ich ihn: «Was machen Sie beruflich?» Seine Antwort lautete: «Ich bin Parfumeur.» Damals hatte ich keine Ahnung, was ein Parfumeur ist – und als ich erfuhr, dass er Jean Paul Gaultiers «Le Mâle» kreiert hatte, gefolgt von mehr als 40 bekannten Düften für verschiedene Mode- und Couture-Häuser wie Dior, Saint Laurent, Armani, Narciso Rodriguez oder Elie Saab, da fragte ich ihn: «Wie kommt es, dass ich Ihren Namen nicht kannte? Sie haben all diese Parfums kreiert, die jeder trägt, aber ich habe noch nie von Ihnen gehört!» Am prägendsten war für mich, dass ein so aussergewöhnliches kreatives Talent einfach «versteckt» wurde und nur unter der Anleitung und für die Bedürfnisse von Marketing-Teams arbeiten durfte. Mir wurde rasch klar, dass es auf dem Markt Raum für einen genialen Parfumeur gibt, der seine Ideen frei zum Ausdruck bringen und die Kreativität in den Mittelpunkt stellen kann – wie zum Beispiel in der Couture, wo die Designer den Ursprung und das Herz von allem bilden.
Würden Sie das als Ihre Gründungsvision beschreiben?Ja, das war die Vision: Einem der besten Parfumeure unserer Zeit zu ermöglichen, seine Ideen frei auszudrücken. Ausserdem hat Francis Kurkdjian schon damals Parfum ausserhalb des Flakons in wunderschöne künstlerische Installationen gebracht, wie zum Beispiel bei der «Beduftung» der Springbrunnen vor dem Schloss Versailles. Wir haben uns entschlossen, in unserem Haus dasselbe zu tun und von Anfang an nicht nur eine schöne Parfumkollektion zu entwickeln, sondern auch andere Dinge zu kreieren, wie etwa duftendes Leder – das Know-how dafür haben wir übrigens patentiert – Räucherpapier, duftendes Waschmittel oder duftende Seifenblasen für Kinder.Sie waren vor der Unternehmensgründung Partner bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. Warum nahmen Sie das unternehmerische Risiko auf sich, in einen hart umkämpften Markt wie jenen der Luxusparfums einzusteigen?
Als Kind war ich sehr kreativ und sensibel; ich hatte eine Vorliebe für das Zeichnen, die Architektur, für Mode, Kunst und Musik. Mein Umfeld und vor allem mein Vater sprachen sich jedoch dafür aus, dass ich mich auf die Wirtschaft konzentrieren solle. Ich vermisste also eindeutig die Kreativität in meinem beruflichen Leben und suchte nach einem Bereich, in dem ich meine erworbenen betriebswirtschaftlichen Fähigkeiten nutzen und gleichzeitig meine angeborene kreative Natur zum Ausdruck bringen konnte. Nachdem ich eine enge Freundschaft mit Francis geschlossen hatte, trat ich 2009 von meiner Tätigkeit bei Ernst & Young zurück. Wir beide fanden, dass es an der Zeit ist, etwas Neues zu wagen. Seitdem sind wir auf einer aussergewöhnlichen Reise (lacht)! Wir haben mit Leidenschaft, Zielstrebigkeit und Freude das aufgebaut, was heute weithin als ein führender globaler Akteur auf dem Markt für hochwertige und selektive Düfte anerkannt ist.
«Die Vision war, einem der besten Parfumeure unserer Zeit zu ermöglichen, seine Ideen freiauszuleben.»
Welche Faktoren haben Sie primär berücksichtigt, um Ihre Marke von der Konkurrenz zu differenzieren?
Ich habe es bereits kurz erwähnt: Unsere «Maison» begann mit der in vielerlei Hinsicht disruptiven Vision, den Parfumeur Francis Kurkdjian von der typischen Dynamik des Marktes zu entbinden und ihm die Freiheit zu geben, das zu tun, was er möchte. Das ist die erste Besonderheit und ein grosser Unterschied zu vielen Konkurrenten, die noch alten Strukturen folgen. Ausserdem pflegen wir einen sehr selektiven Ansatz in der Distribution: Lieber setzen wir auf einige hochwertige Vertriebspartnerschaften als auf viele von minderer Qualität. Wir bieten Erfahrung und ein ausgezeichnetes Produkt. Unsere Narrative entspringen direkt dem Geist des Parfumeurs und unser Marketing steht immer im Dienst seiner kreativen Vision. Wir glauben, das macht die von uns erzählten Geschichten bedeutungsvoll, authentisch und inspirierend.
Sie haben Ihre Produkte angesprochen. Wenn wir zunächst nur bei den Parfums bleiben: Was zeichnet diese aus?
Die Duftkollektion, die Francis im Laufe der Jahre geschaffen hat, ist aussergewöhnlich. Seine kreative Handschrift wird von unseren Kunden sehr geschätzt. Nehmen wir das ikonische «Baccarat Rouge 540» oder den Duft «l’eau À la Rose», der den Geruch von Rosen – oft mit dem Klischee behaftet, nur etwas für ältere Damen zu sein – jünger und zeitgemässer gemacht hat. Weiterhin haben wir Männer mit «l’Homme À la rose» eingeladen, sich olfaktorisch auf neues Terrain zu wagen. Und mit «Gentle fluidity silver» und «gentle Fluidity gold» lassen wir – wie der Name sagt – die Geschlechter-Labels gänzlich hinter uns.
(Illustration: Silvan Borer)
Immer wieder arbeiten Sie mit anderen Premium-Brands zusammen – etwa mit Fendi. Wie kommen diese Kooperationen zustande?
Es geht uns bei diesen Kooperationen niemals nur darum, Produkte zu «promoten» oder den Markteintritt einfacher zu gestalten. Wir sind ein kreatives Haus, und wie in jedem kreativen Feld kommt es manchmal zu schönen Begegnungen, die zu inspirierenden, überraschenden Ergebnissen führen. Das war der Fall bei Fendi, wo man genau wie bei uns viel Wert auf Handwerkskunst legt – wir haben eine besondere Technik verwendet, um die ikonische «Baguette»-Tasche zu parfümieren. Und das war auch der Fall bei unserer Partnerschaft mit Baccarat: Die Zusammenarbeit zwischen Kristallherstellern und Parfümeuren hat ja Tradition, und als Baccarat uns kontaktierte, um ein massgeschneidertes Parfum für das 250-jährige Jubiläum zu kreieren, mussten wir praktisch zusagen (lacht). Francis war sehr daran interessiert, zu erforschen, wie die Alchemie der Kristallherstellung in einem Parfum interpretiert werden könnte. So wurde der Duft «Rouge 540» geboren, von dem ich bereits sprach. Es sollte eine limitierte Auflage von nur 250 Kristallflaschen werden, aber das Parfum kam unglaublich gut an. Darum beschlossen wir, die Zusammenarbeit auf eine neue Ebene zu heben und «Rouge 540» 2016 als Teil unserer Kollektion herauszubringen. Authentizität ist für den Erfolg einer Zusammenarbeit unabdingbar, sonst hält die ganze Sache nicht.
Eine Handtasche und ein Parfum: Wie bringt man zwei Dinge zusammen, die so unterschiedlich sind?
Die Kreation eines Duftes beginnt mit einer Story, einer Inspiration. Wenn man mit einer Modemarke zusammenarbeitet, betrachtet man die Sache von einem kreativen Standpunkt aus und sucht nach der Geschichte und dem Blickwinkel, der am besten zu der Zusammenarbeit passt und sie sinnvoll und inspirierend macht. Storytelling und Emotionen sind für uns von grundlegender Bedeutung. So arbeitet Francis; er erzählt mit seinen Kreationen Geschichten, und in diesem Fall ist die Geschichte damit verbunden, einen bestimmten Aspekt des Modehauses zu enthüllen – denn ein Duft kann nicht alles sagen.
«Authentizität ist für den Erfolg einer Zusammenarbeit unabdingbar, sonst hält die ganze Sache nicht.»
Haben Sie das Gefühl, dass die Pandemie die Sehnsucht der Menschen nach Schönheit, nach luxuriösen Produkten, nach kleinen Fluchten aus dem Alltag verstärkt hat – oder hat sie Ihr Business schwieriger gemacht?
Wir waren von der allgemeinen Verlangsamung der Konsumwirtschaft nicht zu stark betroffen, weil unsere Kunden weiterhin unsere Duftgarderobe erleben und ihre Lieblingsdüfte aus der «Maison»-Kollektion kaufen wollen. Nach einer schwächeren ersten Jahreshälfte 2020 haben wir seit der zweiten Jahreshälfte 2020 ein dynamisches Wachstum erlebt, wobei der Anteil der digitalen Verkäufe deutlich gestiegen ist. Dieser Trend setzt sich 2021 fort und ich erwarte, dass er weit über 2022 hinaus anhalten wird.
Die Pandemie hat also auch im Premiumsegment den Trend hin zum E-Commerce verstärkt?
Die Pandemie hat definitiv bestimmte bereits bestehende Trends verstärkt, vor allem das Onlineshopping und die Digitalisierung der Kundenbeziehungen, worauf wir wiederum mit einer intensivierten, digitalen Präsenz reagiert haben. Gleichzeitig gilt: Viele Märkte sind seit Anfang des Jahres wieder offen und wir freuen uns, dass wir an den meisten unserer physischen Standorte erneut Fuss gefasst haben. Insbesondere in den USA, die unseren grössten Markt darstellen. Wir bewegen uns auf ein Omnichannel-Modell zu, bei dem wir an allen Kontaktpunkten ein aussergewöhnliches Kundenerlebnis bieten wollen. Aber, um noch einmal auf Ihre vorherige Frage zurückzukommen: In den letzten Monaten haben wir festgestellt, dass unsere Kunden ihr Parfum weiterhin tragen – sogar mehr als früher. Ich glaube, dass Parfum heute ein fester Bestandteil unseres Lebens ist, beinahe eine Notwendigkeit, um sich gut zu fühlen und sich zu pflegen. Das Bedürfnis nach Selbstfürsorge und positiven Gefühlen wurde durch die Pandemie ja noch verstärkt, und Parfum ist ein Accessoire, das unsere Emotionen verstärkt und unsere Persönlichkeit ergänzt, während es gleichzeitig, aber unsichtbar und individuell ist. Eine angenehme sensorische Erfahrung, die uns hilft, uns selbstbewusster und sinnlicher zu fühlen und uns in gewisser Weise näher zu kommen. In einem Jahr der Verbote, der Entbehrungen und der deprimierenden Nachrichten war Parfum eine Möglichkeit, ein positives Gleichgewicht zu schaffen und unser Leben zu Hause zu verbessern – sei es durch das Tragen unserer Lieblingsdüfte oder durch die Verwendung von Hausparfums, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen.
«In einem Jahr der Entbehrungen war Parfum eine Möglichkeit, ein positives Gleichgewicht zu schaffen.»
Haben Sie das Gefühl, dass das Kreieren von Parfums allgemein als Kunstform anerkannt wird und den Respekt erhält, den es verdient?
Allmählich schon, und wir haben hart gearbeitet, um dieses Ziel zu erreichen. Die Parfumherstellung ist eine perfekte Kombination aus kreativem Genie und Technik – wobei Technik vor allem ein Vehikel ist, um Ideen zum Leben zu erwecken, hinter denen die Methode dann zurücktritt. Wissen Sie: Parfumeure wurden viele Jahre lang «hinter die Kulissen» verbannt. Das ändert sich nun, und die jüngste Ernennung von meinem Co-Founder Francis zum Kreativdirektor von Parfums Christian Dior – während er gleichzeitig seine führende kreative Rolle bei Maison Francis Kurkdjian beibehält – zollt dieser Tatsache Tribut. Parfumeure sind heute als kreative Instanzen anerkannt, und wie Modedesigner können sie ihr Talent gleichzeitig mehreren Häusern zur Verfügung stellen. Die Geschichte der Mode ist voll von solchen Beispielen: Karl Lagerfeld hat jahrzehntelang parallel für Chanel und Fendi gearbeitet, Kim Jones war gleichzeitig für Dior Men und Fendi tätig …
Gestatten Sie mir abschliessend die Frage: Wann sollte man sich – im Business, im Leben – für einen dezenten Duft entscheiden, und wann für einen gewagten Duft?
Ein- und derselbe Duft kann sich je nach Person völlig unterschiedlich anfühlen, daher gibt es keine einheitliche Antwort auf diese Frage. Ich zum Beispiel trage gerne «Amyris», «Gentle fluidity silver» oder «Grand Soir» als Alltagsdüfte, während ich «OUD satin mood» oder «Baccarat Rouge 540 Extrait de parfum» für besondere Anlässe aufbewahre. Andere in meinem Umfeld tragen jedoch «OUD satin mood» und «Baccarat Rouge 540» als Alltagsdüfte! Parfum ist ein unsichtbares Accessoire, das uns selbstbewusster macht und uns Freude schenkt. Das Wichtigste ist, mit sich selbst im Einklang zu sein!
Marc Chaya ist CEO und Co-Founder des Parfum-Hauses Maison Francis Kurkdjian. Vor der Gründung seines Unternehmens war er fast zwei Jahrzehnte lang bei der Consultancy Ernst & Young tätig, zuletzt als Global Head of Telecom Markets. Im Libanon geboren und aufgewachsen, lebt er heute in Paris.
Das Unternehmen Maison Francis Kurkdjian wurde 2009 von dem gleichnamigen Parfumeur und seinem Business-Partner Marc Chaya gegründet. Lange eine unabhängige Firma, entwickelte sich Maison Francis Kurkdjian zu einer der bekanntesten Boutique-Brands im Segment der Premiumdüfte. 2017 übernahm der Luxuskonzern LVMH die Mehrheit der Unternehmensanteile, Kurkdjian und Chaya blieben aber als Kreativ-Chef und CEO an Bord.
Der Druck steigt
Die einst so stolze schwarze Zunft wurde in den vergangenen Jahren gebeutelt: weniger Aufträge, kleinere Auflagen, der Kunde macht die Arbeiten vermehrt selbst. Da stellt sich die Frage nach dem aktuellen Zustand der Druckbranche und ihren Zukunftsaussichten.
Hannes Zaugg
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9. Dezember 2021
Im September lud der Verband Schweizer Druckindustrie zu einem Forum, bei dem die Geschäftsmodelle nach der Pandemie für die grafische Branche diskutiert wurden. Für die Auftraggeberseite sprach der CEO der Zürcher Kantonalbank, Martin Scholl, und er redete Klartext. Bei der fünftgrössten Schweizer Bank spielen die Firmen aus der Medienproduktion kaum noch eine Rolle (was er bedauert), doch er kennt die Gründe dafür aus dem eigenen Haus. Die Vorlagenerstellung (Prepress) wird vielfach im neuen Newsroom selbst gefertigt und die Auflagen der wenigen Printerzeugnisse, die für die Werbung noch eingesetzt werden, sind stark gesunken, konkret beim Geschäftsbericht der ZKB von einst 4000 (2004) auf heute noch 550 (2020).
«Auftraggeber wollen vor allem einfachere und dadurch schnellere Lösungen.»
Die Feststellungen von Martin Scholl kann Matthias Künzler bestätigen. Der heute an der FU Berlin lehrende Medienprofessor war vorher Forschungsleiter am Institut für Multimedia-Production an der FH Chur. Als solcher leitete er eine Studie, welche den Corporate-Newsroom in Unternehmen als Produktionszentrum unter die wissenschaftliche Lupe nahm. Laut dieser können solche Arbeitsplätze zur Medienproduktion besser auf die Firmenbedürfnisse ausgerichtet werden und sind als Multimedia-Desk eingerichtet. In diesen Zentren kommen neue Berufe zum Einsatz, die nicht aus der grafischen Branche stammen wie Forscher Künzler feststellt, beispielsweise Produzenten und Regisseure, Videojournalisten oder Social-Media-Manager. Ihnen ist gemeinsam, dass sie die neuen Techniken beherrschen, kommerziell denken und auf die Kunden ausgerichtet sind. Soweit die Aussagen aus der Studie zum Corporate Newsroom.
Diese Aussagen kann René Theiler, einer der besten Kenner der grafischen Branche, weitgehend stützen. Seiner Meinung nach greifen die Auftraggeber bei reinen Werbedrucksachen heute eher in den Produktionsprozess ein, indem sie die Druckvorlagen selbst erstellen oder diese direkt in entsprechende Webportale eingeben, die heute als nützliche und gut gemachte Hilfen daherkommen. Dagegen überlassen sie im Falle von Periodika (regelmässig erscheinende Zeitschriften) oder Geschäftsberichten nach wie vor die ganze Arbeit den Spezialisten in der Druckbranche.
«Die mutigen Schwarzzünftler wagen sich gar ins Agenturbusiness vor, was die Werber kaum erfreut.»
Ein eigenes Produktionzentrum hat auch die Agentur Wirz vor mehreren Jahren aufgebaut. Daniel Ehrensperger meint dazu, dass sich bei der Druckunterlagenerstellung seiner Meinung nach nicht so viel geändert habe, allerdings würden die einzelnen Arbeitsschritte zusammenwachsen, dies sei unbestreitbar. Ausführlicher meldet sich Hans Preuss von der Zürcher nsgroup zu Wort, einem weiteren Pionier in der Medienproduktion: Generell haben sich die klassischen Druckauftragsprozesse sehr stark verändert, durch die Pandemie hat sich dies noch beschleunigt und akzentuiert. Was sich laut Hans Preuss nicht ändert: Der Output bleibt ein physisches Produkt. Hingegen wird der Realisationsprozess zunehmend digitalisiert, was zu neuen Schnittstellen führt und Effizienzgewinne bringt. Als Beispiele nennt der für die Geschäftsentwicklung zuständige Fachmann die in der Cloud geteilten Dokumente, Online-Bestellprozesse, Webshops, Videokommunikation anstelle von physischen Meetings. Wer modern aufgestellt ist und kundenorientiert denkt, der kann problemlos jegliche Art von Druckvorlagen übernehmen.
Da stellt sich die Frage, wie dies aus Auftraggebersicht aussieht: Hat dieser spezielle Wünsche an den Drucker? Für Daniel Ehrensperger stellt sich diese Frage nicht, bei ihnen (Wirz-Gruppe) bestimmen in der Regel die Endkunden den Drucker. Dies ist auch für die nsgroup so, doch beantworten sie diesen Punkt spezifischer. Sie sehen im Auftraggeber vermehrt den Kommunikationsmanager, der primär auf die Kanäle schaut, die er gleichzeitig bespielen will und so eher auf den Inhalt sowie den Output achtgibt, als dass ihn der Herstellungsprozess interessieren würde, meint Hans Preuss. Deshalb suchen Auftraggeber laut ihm eher einen Partner, der die Prozesse versteht und vor allem steuern kann. Der Kunde macht die Vorgaben in zeitlicher und finanzieller Hinsicht (Terminplan und Budget), zudem muss die Ausführung perfekt sein.
Dieser Gedanke wird von René Theiler weitergesponnen, laut seinen Beobachtungen suchen Auftraggeber vor allem einfachere und dadurch schnellere Lösungen; deshalb sind Druckereien im Vorteil, welche die Digitalisierung der Produktion mit guten Konzepten unterstützen.
Wo der Fokus liegt
Der Printbranche gingen nicht nur bisherige Aufträge verloren, die verbliebenen sind kleiner geworden und gewisse Arbeiten, vor allem in der Druckvorstufe, werden vom Auftraggeber selbst oder von Dritten erledigt. Wie kann ein klassischer Druckbetrieb dieses Manko wettmachen? Hans Preuss hat dazu eine einfache Antwort: Wenn der Druckprozess bei einem grafischen Unternehmen weiterhin im Mittelpunkt steht, so bekommt dieser Betrieb Schwierigkeiten, konzentriert er sich dagegen auf das Kundenerlebnis, so ergeben sich für die grafische Firma neue Services, vor allem in der Beratung. Dies setzt jedoch voraus, dass sich die Mitarbeiter auch entsprechend weiterbilden in Marketing und Kommunikation sowie die Fähigkeit erreichen, situativ und individuell den Transfer von Zielen des Kunden in eigene Leistungen zu beherrschen, wie Preuss dies ausdrückt. Konkretere und näherliegende Beispiele von Zusatzleistungen wären laut nsgroup Korrektorat, Versandlogistik oder Lagerhaltung, also Services, die von Druckanbietern schon früher offeriert wurden. Gefragte Dienste könnten auch das Datenhandling sein, vor allem wenn es um grosse Datenmengen geht, oder Hilfsmittel zur Präsentation möglicher Printprojekte wie Blind- und Papiermuster oder gar Andrucke.
Die mutigeren Schwarzzünftler wagen sich gar ins Agenturbusiness vor, was die Werber kaum erfreut, doch sie haben sich vielfach selbst bereits ein (grosses) Stück von der Printproduktion ins eigene Haus geholt. René Theiler bringt dazu noch einen weiteren Aspekt ins Spiel: Wer crossmediale Dienstleistungen anbieten kann, und damit meint er in erster Linie die Verknüpfung von Print und Web, der sitzt am längeren Hebel. Dazu kommen heute weitere crossmediale Anwendungen wie Augmented Reality und Printed Electronics oder – was näher liegt – Multichannel-Konzepte, bei denen für die gleiche Kampagne mehrere Kanäle bespielt werden.
Der Online-Kanal spielt auch im Druck eine zunehmend bedeutendere Rolle, dies zeigt sich am Beispiel der Druckerei Jordi in Belp, die neben dem bisherigen grafischen Unternehmen die Online-Druckerei «Printzessin» aufgebaut hat. Geschäftsführer Gabriel Jordi möchte dieses zweite Standbein nicht mehr missen. Denn einerseits stopft die Printzessin die Umsatzlöcher im klassischen Geschäft und anderseits bringt sie neue Kunden, die sich kaum an ein «klassisches» grafisches Unternehmen wenden. Doch ohne Service funktioniert das Online-Geschäft nicht richtig, meint der neu ausgerichtete Printspezialist. Auch wenn das Online-Portal einfach zu bedienen wäre, es tauchen immer wieder Fragen auf, die beantwortet werden wollen. Bei einer guten Auskunft sind diese Kunden auch bereit, dafür zusätzlich zu zahlen. In der Regel sind es die einfacheren Aufträge in kleineren Auflagen (von etwa 20 bis zu rund 400 Exemplaren), die über den Online-Kanal hereinkommen, doch sind es vielfach Kunden, die hie und da auch grössere Aufträge in höheren Auflagen vergeben. Und wenn diese Abnehmer gut bedient werden, neben der richtigen Auskunft auch qualitativ einwandfreie Drucksachen erhalten, wagen sie auch bei grösseren Drucksachen den Gang zur Druckerei Jordi. Da kommt dem Traditionsbetrieb zugute, dass die optimale Kundenausrichtung schon immer im Fokus stand. Produziert wird auf den gleichen Maschinen mit demselben Personal.
INTERVIEW
«Der Swiss Print Award braucht mehr Glamour»
Marco Bieri, Vorstandsvorsitzender des Swiss Print Awards.
Marco Bieri, Vorstandsvorsitzender des Swiss Print Awards, erzählt im Interview mit Anna Kohler, wie sich der Swiss Print Award erneuert und was es dazu braucht.
m&k: Marco Bieri, wie ist der Ist-Zustand des Swiss Print Awards?Marco Bieri: Der Swiss Print Award befindet sich immer noch in einer Wachstumsphase. Er hat das Erwachsenenalter noch nicht erreicht. Für sein junges Alter ist er jedoch schon gut etabliert und positioniert. Natürlich versprechen wir uns noch weitere Bekanntheit, Zuspruch und Anerkennung.
Wo geht die Reise hin?
Die Reise hat erst begonnen. Wir befinden uns auf einem Langstreckenflug. Die Landung wird in ca. 2 bis 3 Jahren erfolgen. Das Leitungsteam hat grosse Pläne, die Award Night auszubauen sowie auch die Teilnahme am Swiss Print Award zu erneuern. Die sechsköpfige, unabhängige und autonome Jury, unter der Leitung von Christian Theiler, arbeitet an neuen Bewertungs- und Jurierungskriterien sowie die Schaffung neuer Kategorien.
Was braucht es, damit der Award den Glamour erhält, der ihm zusteht?
Mehr Bekanntheit und Aufmerksamkeit. Doch um das zu erreichen, brauchen wir mehr Partner und Sponsoren. Die Vermarktung kostet nun mal Geld! Auch ein Ausbau der Award Night bedeutet mehr Aufwand und mehr Kosten.
Wen möchten Sie ermutigen, sich für einen der vier Kategorien zu bewerben?
Alle, die in ein Printobjekt involviert oder eingebunden sind. Das heisst der Endkunde, die Agentur, Grafiker, Designer und die Druckerei sowie Weiterverarbeiter. Bei den Endkunden und Agenturen, Grafikern und Designern haben wir noch einen grossen Aufholbedarf! Hier ist der Swiss Print Award noch zu unbekannt.
Binden Sie in ein paar Sätzen einen Kranz für Print, Haptik und Druckerschwärze.
Print kann laut. Print kann leise. Print kann alle Zwischentöne. Gedrucktes kann uns sehen, hören, fühlen und schmecken lassen. Gedrucktes aktiviert alle Sinne. Wer diese Klaviatur gekonnt spielt, bringt Mehrwert in der Kommunikation, erhöht die Qualität, unterstützt die unternehmensspezifische Identität und gewährleistet den richtigen Imagetransfer. Print lebt! Kein anderes Medium kann multisensorische Wahrnehmung besser zum Ausdruck bringen als Print. Print weckt Emotionen und schafft Mehrwert. Gestern, heute und morgen.
Am Swiss Print Award teilnehmen können Schweizer Unternehmen und Personen, die als Auftragnehmer Projekte realisiert haben oder auftraggebende Unternehmen oder Personen sind. Die Projekte müssen in der Schweiz konzipiert und realisiert worden sein. Teilnahmeschluss ist der 30. April 2022.
Stunde der Wiedergeburt
Der erfolgreiche Neustart der Messe- und Eventwirtschaft nach der Sommerpause 2021 sendet ein überzeugendes Signal an die ausstellende Wirtschaft: Messen sind unersetzlich im Marketing. Aussteller und Besucherinnen und Besucher können sich dank 3G wieder ohne Maske begegnen und freuen sich auf ihre Messe-Renaissance im Jahr 2022.
Urs Seiler
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8. Dezember 2021
(Bild: Unsplash / Rodolfo Cuadros)
Auf der Art Basel in Basel haben wir endlich das Vergnügen wiederentdeckt, Kunst im wirklichen Leben und nicht durch die Vermittlung eines Bildschirms zu erleben», erklärte ein Ausstellerkunde im September 2021. «Endlich wieder Messe und persönliche Kontakte mit unseren Einkäuferinnen und Einkäufern und wir haben volle Bestellbücher – was will man mehr?», sagt ein Aussteller auf der Ornaris im August 2021. Kein Zweifel: Die Wirtschaft will sich jetzt, nach der «online fatigue», wieder persönlich begegnen. Sie braucht wieder Messen.
Die Swissbau als Gradmesser
Im Fachmessebereich wird die Swissbau in Basel vom 18. bis 21. Januar 2022 so etwas wie ein Barometer für die Stimmungslage der ausstellenden und der messebesuchenden Wirtschaft für das kommende Jahr werden. Es ist zu erwarten, dass die Ausstellerzahl an der Swissbau 2022 gegenüber 2019 schrumpfen wird, weil viele Aussteller pandemiebedingt noch unschlüssig sind, was ihre Teilnahme angeht.
Dieser Wind könnte nach der Swissbau 2022 drehen. Beobachter erwarten, dass eine grosse Zahl an Besuchenden zur Messe kommen wird, und das könnte eine Trendwende der falschen Annahme, dass Messen durch virtuelle Plattformen ersetzt werden, einleiten und einen neuen, zusätzlichen Schub für das Medium Messe bringen. Einzige Unsicherheit ist die Pandemie, die Aussteller heute noch in ihren Entscheidungen pro Medium Messe zurückhält. Aber 88 Prozent der von der Swissbau befragten Fachpersonen sagen, dass der Messebesuch ein festes Datum in ihrer Agenda bleiben wird. Von 4300 an der Umfrage Teilnehmenden äusserten im August 2021 sogar fast 90 Prozent, dass sie sich auf die Rückkehr zur Swissbau im Jahr 2022 freuen.
«Noch nie so sehr über halb volles Glas gefreut»
Aussagen wie die eingangs zitierten, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Aussteller- und BesucherInnenkommentare im Messeherbst 2021. Die grösste Publikumsmesse der Schweiz, die Olma, spricht von einem «Relaunch-Erfolg mit 220 000 BesucherInnen vom 7. bis zum 17. Oktober 2021» – gegenüber 350 000 Gästen vor der Pandemie. Das lässt erahnen, dass in Zukunft wieder Aussteller- und BesucherInnenzahlen wie früher möglich sind. Olma-Direktorin Christine Bolt sagte schon an der Pressekonferenz vor der Veranstaltung, «dass sie sich noch nie so sehr über ein halb volles Glas gefreut hat».
Die üblichen Warteschlangen an den Eingängen gab es an der Vitafoods vom 5. bis 7. Oktober 2021 im Palexpo in Genf. Vom 14. bis 17. September 2021 nahmen 530 Ausstellende an der Technologiemesse EPHJ teil. Immerhin kamen wieder 12 000 BesucherInnen – gegenüber 20 000 in einem normalen Messejahr.
«Die Wirtschaft will sich jetzt, nach der Online-Müdigkeit, wieder persönlich begegnen.»
Ein zweiter, viel erwarteter Gradmesser für die schweizerische, sogar die internationale Messewirtschaft, wird der während der Pandemie zwei Mal nicht durchgeführte Internationale Automobilsalon in Genf, der jetzt auch für 2022 abgesagt wurde. Man fragt sich jetzt, ob oder in welcher Form dieser je wieder kommen wird.
Grosser Nutzniesser dieser Situation könnte die Auto Züri werden, früher der «arme Verwandte» des Automobilsalons. Nach der letztjährigen Pause ging sie wieder vom 4. bis 7. November 2021 in der Messe Zürich über die Bühne. Der Veranstalter hat die pandemiebedingte Unterbrechung genutzt, um ein völlig neues Ausstellungskonzept in Funktionalität und Nachhaltigkeit zu setzen.
Neustart ohne Maske? Aber sicher!
Messeplätze gehörten zu den ersten, die auf die Pandemie mit der Entwicklung von eigenen Sicherheits- und Hygienekonzepten geantwortet hatten. Dank der 3G-Regel (getestet, geimpft, genesen) und einem durchdachten Hygienekonzept ist der Besuch praktisch aller Messen heute wieder ohne Hygienemaske möglich. Für den Zugang zur Olma mussten Besucherinnen und Besucher ab 16 Jahren ein gültiges Covid-Zertifikat vorweisen. Dank dieser Lösung war wie auf allen schweizerischen Messeplätzen im Herbst 2021 ein Messebetrieb ohne einschränkende Schutzmassnahmen wie Maskenpflicht oder Abstandsregeln möglich.
«Veranstalter haben die Pandemie genutzt, um völlig neue Konzepte zu erarbeiten.»
Mit drei Klicks zur Community
Trotz der Renaissance von Messen wird das Thema «digitale Erweiterung von Messen» endlich von den Messeveranstaltern ernst genommen, weil sie nach der Pandemie jetzt nicht mehr darum herum kommen. Das wird nicht zu einem Ersatz des Mediums Messe führen. Aber Veranstalter müssen jetzt die Aufgabe wahrnehmen, ihre Aussteller- und Besucherkunden konsequenter zu vernetzen. Was Vernetzung im Messegeschäft bedeutet, hat die Bernexpo Groupe auf der Sindex vom 30. August bis zum 1. September 2021 magistral lanciert. Sie hat die Covid-Ära und die Zeit davor genutzt, um sich digital neu aufzustellen. Auf der Sindex konnte man sich via «Networking»-Menu, auch auf dem Smartphone, mit drei Klicks mit Ausstellenden und Messebesuchenden vernetzen. Gleichzeitig erlaubte es eine Vernetzung auch ohne Messeteilnahme (!) und damit die Sprengung der bisherigen Beschränkung von Messen in Raum (Messehalle) und Zeit (Messedauer).
Auf der Ilmac vom 19. bis 21. Oktober in Basel wurde die jüngste digitale Initiative von Conteo (siehe Interview), die Ilmac Community, lanciert. Sie ist ein Beispiel dafür, was Aussteller und Besuchende von Messen zu erwarten haben: ein Branchenhub an 365 Tagen im Jahr.
Die digitalen Treffpunkte der Messe Luzern unter dem Motto «digital vorbereiten, analog treffen», etwa der AM-Expo und des Swiss MedTech Forum, neu pandemiebedingt zum gleichen Zeitpunkt am 14. bis 15. September 2021, waren schon vor Covid etabliert und generierten bereits eine Woche vor Messestart 42 000 Seitenaufrufe. Die AM-Expo Website wurde mit 81 000 Seitenaufrufen zum zentralen Informations- und Inspirationsinstrument der Messevorbereitung der BesucherInnen.
Das Fazit
Während der Pandemie hat sich eine Tatsache bewahrheitet: Von Ausnahmen abgesehen, sind Messen für die Wirtschaft unersetzlich. Man will sich wieder persönlich treffen. Digitale Messeverlängerungen werden eine wichtige Brücke zum Live-Erlebnis werden. Aber sie werden nicht den Händedruck, der ein Geschäft besiegelt, oder das unerwartete, ungeplante Ereignis ersetzen. Das können nur Live-Begegnungen.
INTERVIEW
«Nichts auf der Welt kann Live-Kommunikation ersetzen»
Michael Mätzener, Owner und Founder von «die Werbeartikel» und Veranstalter des Festivals für haptische Werbung «Markeding».
Michael Mätzener, Veranstalter der Werbeartikelmesse marke[ding] und Inhaber der Agentur die werbeartikel, über die Bedeutung der Haptik und die Erkenntnis, dass Botschaften am Bildschirm mittlerweile einfach verpuffen.
m&k Expodata: Michael Mätzener, welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf den Werbeartikelmarkt?Michael Mätzener: Der Werbeartikelmarkt war stark betroffen. Einerseits ist die Branche teilweise von der Eventindustrie abhängig, da dort Werbeartikel/Streuartikel eingesetzt werden. Andererseits kommen im Moment die globalen Lieferketten für Werbeartikel ins Stocken.
Was bedeutet dies für Ihr Unternehmen?
Ich möchte hier als Veranstalter der marke[ding] sprechen. Die Ausgaben 2020 und 2021 mussten jeweils auf den August verschoben werden – beide Male verzeichneten wir einen Besucher- und Ausstellerrückgang. Dafür haben wir mit der Digital marke(ding) eine neue Plattform geschaffen, jedoch sehr schnell gemerkt, dass nichts auf der Welt Live-Kommunikation ersetzen kann, gerade in der haptischen Welt der Werbung. Die Leute wollen greifen, um zu begreifen. Die Besucherzahl an der Digital-Messe war enttäuschend.
Wir freuen uns, die Messe in Zukunft im Kongresshaus Zürich durchzuführen. Also noch zentraler in der pulsierenden Wirtschaftsmetropole Zürich. Ebenfalls überdenken wir das eine oder andere und wir gehen sicher noch weiter in den Mehrwert für die Besucher – etwa mit Workshops. Der Besucher darf also gespannt sein und sich schon bald kostenlos registrieren.
Wird die Bedeutung von Werbeartikeln in Zukunft eine andere sein als bisher?
Die Bedeutung des haptischen Boosters, sprich Werbeartikel, bleibt in der Werbung auf jeden Fall bestehen. Jedoch gibt es sicherlich noch erweiterte und wieder vermehrt bewusstere Möglichkeiten, den Kunden oder auch verstärkter den Mitarbeiter mit einer haptischen Botschaft abzuholen. Denn wir wissen alle, dass eine Botschaft inzwischen am Bildschirm einfach verpufft …
Marketing im Jahr 2022: Zu neuen Horizonten
Künstliche Intelligenz und Menschlichkeit, E-Commerce und Regionalität, Personalisierung und das langsame Aus der Cookies: Was bringt 2022? Wir zeigen die wichtigsten Trends, Themen und Technologien am Marketing-Horizont, und haben mit wichtigen Vertretern aus der Branche gesprochen.
Julia Gundelach
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8. Dezember 2021
Hand aufs Herz: Wo kaufen Sie in diesem Jahr Ihre Weihnachtsgeschenke? Online? Oder doch im kleinen Laden nebenan? Feiern in der grossen Runde – oder lieber im kleinen Rahmen? Essen zum Fest mal vegetarisch, der Umwelt und Gesundheit zuliebe? Unser Jahr ist geprägt von der Pandemie, die uns langfristig verändert hat; die klassischen Themen wie Vertrauen, Regionalität und Menschlichkeit wieder in den Fokus gerückt und andere Entwicklungen angekurbelt hat wie ein Turbo. Willkommen im «Neuen Normal»!
«Die Pandemie hat Wachstum in Bereichen beschleunigt, die wir uns vor zwei Jahren nicht hätten vorstellen können», erklärt Peter Schäfer, Chief Strategy Officer und Mitglied der Geschäftsleitung bei Serviceplan Suisse. Allen voran die digitale Transformation, aber auch E-Commerce und Klimaschutz. Wie sich das im Marketing widerspiegelt, zeigen wir auf den folgenden Seiten: die neun grossen Marketing-Trends 2022.
1. Digitalisierung
Der grösste Trend und die grösste Herausforderung im Marketing 2022 gleichermassen. Denn: Die Digitalisierung bringt nicht nur enorme Chancen und Möglichkeiten mit sich, sondern auch neue Aufgaben. Der Benchmarkstudie «Marketing Tech Monitor 2021» zufolge, die Marketingtechnologien und Strategien der Unternehmen in der DACH-Region unter die Lupe genommen hat, ist der Wille zur digitalen Transformation bei den meisten Unternehmen zwar da, konsequentes Handeln fehlt aber häufig noch. «Es muss eine Ressourcenverlagerung stattfinden», sagt auch Serviceplan-Manager Peter Schäfer. Dabei kommt es auch auf die Skills der Mitarbeiter an: «Es ist unerlässlich, die richtigen Leute zu haben. Jede Person, die im Marketing oder in verwandten Disziplinen arbeitet, muss Digital First leben und verstehen.»
2. Künstliche Intelligenz
KI oder AI (Artificial Intelligence) sorgt schon seit mehreren Jahren für Schlagzeilen. Doch 2022 könnte ein wichtiges Jahr für das Thema werden, auch im Marketing. Was kann AI hier leisten? «Sie kann Interaktionen untersuchen, um bisher unentdeckte Zusammenhänge sichtbar zu machen und die Nachfrage nach Dienstleistungen in Echtzeit bewerten, um Ressourcen zuzuweisen und dynamische Muster bei den Verbrauchern zu erkennen», sagt Schäfer. Im Marketing ein enormer Fortschritt. Auch im Contentbereich könnte das Thema zunehmend eine Rolle spielen: «Die künstliche Intelligenz wird in den nächsten Jahren alle Bereiche der Content-Kreation durchdringen», sagt Marco Schlauri, Gründer und Geschäftsführer der B2B-SEO- und Content-Marketing-Agentur Digital Leverage. Und auch bei der Optimierung von Budgets kann KI das Marketing unterstützen. Eine Studie der Universität Zürich und Nexoya zeigte: Wenn es um die Optimierung von Kampagnen geht, ist künstliche Intelligenz den Menschen sogar überlegen.
3. Nachhaltigkeit
Greenwashing? Fehlanzeige. 2022 schauen die Konsumenten genauer hin. «Nachhaltigkeit wird zum Hygienefaktor und Wachstumstreiber. Und ist spätestens 2022 kein Differenzierungsmerkmal mehr», findet Luitgard Hagl, Executive Creative Director und Mitglied der Geschäftsleitung bei Jung von Matt Limmat. Denn: Die Kunden setzen nachhaltiges Handeln mehr und mehr voraus, die Unternehmen müssen danach handeln. «Dieses Thema wird wegen Konsumentenbedürfnissen – nicht wegen Firmenpolitik – wachsen. Die Unternehmen haben keine andere Wahl, als darauf zu reagieren», ergänzt Peter Schäfer. Und damit geht ein weiterer Trend einher: die Rückkehr zur Regionalität. So möchten mehr als die Hälfte der Schweizer Verbraucher in Zukunft mehr bei kleineren Anbietern und lokalen Produzenten einkaufen, hat die GfK festgestellt. Doch Regionalität muss nicht nur vor der Haustür stattfinden, sagt Marcus Schögel, Associate Professor am Institut für Marketing und Customer Insight (IMC-HSG), denn regionale Marken und Angebote bedeuteten nicht automatisch einen Gegensatz zur Globalisierung: «Marken sind lokal verwurzelt und nutzen das, um auch global aufzutreten.»
4. Personalisierung
Mehr Daten, mehr Möglichkeiten. Denn: Je mehr man über seine Konsumenten weiss, desto besser kann man sie individuell ansprechen – und das erwarten diese auch immer mehr. «Die immer grössere Verfügbarkeit von Daten führt zu einer immer genaueren Ausdifferenzierung der Zielgruppen. Für praktisch jede Mikro-Zielgruppe werden individualisierte Assets ausgespielt», so Carsten Jamrow, Executive Creative Director und Mitglied der Geschäftsleitung bei Jung von Matt Limmat. Die Herausforderung dabei: «Für Marken wird es schwieriger, ihren Markenkern kohärent auf allen Touchpoints zu spiegeln.» Kollegin Luitgard Hagl ergänzt: «… und dabei die Qualität jedes einzelnen, individualisierten Assets nicht aus den Augen zu verlieren. Hier werden Agenturen und Marketers mit moderner Denke und der Fähigkeit, Marken stark und konsequent zu führen, punkten. Nicht jede und jeder muss das Gleiche sehen, aber jede und jeder muss die gleiche Marke fühlen.»
«Ein überzeugender Unternehmenszweck wird in Zukunft noch wichtiger. Und die Zukunft beginnt 2022.»
5. Menschlichkeit und Purpose
Durch die Pandemie ist auch der Faktor Mensch wieder in den Fokus gerückt. Das heisst, Kundenbeziehung und Kundenbindung gewinnen an Relevanz, aber auch Themen wie Diversität, Inklusion und Gender. Der Grund: «Durch das Distancing in der Pandemie und New-Work-Modelle wurde uns vermehrt bewusst, wie wichtig Teamgeist, Menschen und Talente sind», sagt Serviceplan-Manager Peter Schäfer. Auch Vertrauen, Authentizität und Emotionen spielen wieder eine grössere Rolle in der Kommunikation. «Die Wahrnehmung der Marke wird mehr denn je durch die Verbindung zwischen dem bestimmt, was in der Werbung versprochen wird, und dem, was dann am Ende durch die eigentlichen Produkte und Services geliefert wird», erklärt Carsten Jamrow. Und auch wenn man «Purpose eigentlich schon nicht mehr hören kann», wie Sören Schröder, Creative Director und Mitglied der Geschäftsleitung Publicis Zürich, findet, ändere das «leider nichts an seiner Relevanz. Denn immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten erwarten von Marken, dass sie für etwas stehen und eine Haltung verkörpern. Nur dann sind Marken nämlich in der Lage, die Konsumenten bei ihrer Identitätsbildung zu unterstützen. Ein überzeugender Unternehmenszweck beziehungsweise Sinn wird also in Zukunft noch wichtiger.» Und die fängt 2022 an.
6. Social Commerce
Das Thema E-Commerce war eines der Boom-Themen in der Pandemie – die uns auch erhalten bleiben, mit immer neuen Spielarten. Ganz aktuell Social Commerce: Wenn der Kunde nicht zum Produkt kommt, muss das Produkt zum Kunden kommen. Die Kunden suchen dabei gar nicht aktiv nach einem Produkt, sondern werden – wie beim Schaufensterbummel – in den sozialen Netzwerken inspiriert und können Produkte auch direkt dort erwerben. «Eine riesige Wachstumschance», findet Peter Schäfer, «vor allem bei der Gen Z und den Millennials, welche beide durch Influencer-Content angetrieben und motiviert werden.» Auch wenn die Ausmasse vielleicht noch weit entfernt sein mögen von dem, was in Sachen Social Commerce in Asien alles möglich ist – 2022 wird sich hier einiges tun.
7. Post-Cookie-Ära
Auch wenn Google das Cookie-Ende auf 2023 verschoben hat, könnte das Thema im Marketing bereits 2022 spürbar werden. Der Experte Alexander Igelsböck, Mitgründer und CEO der Marketinganalyseplattform Adverity, sieht darin eine Chance: «Marketer und Technologieunternehmen müssen vorbereitet sein. Sie haben nun etwas mehr Zeit, ihre Targeting- und Messpraktiken aufeinander abzustimmen. Insgesamt ist das eine gute Sache für die User Experience und das Thema Datenkontrolle. Die Umstellung bedeutet, dass Werbetreibende First-Party-Daten sammeln und verwenden müssen, die als Targeting-Methode ohnehin robuster sind. Es sollte zu hochwertigeren Anzeigen und weniger irrelevanten Inhalten führen. Unternehmen werden letztlich eine wirklich solide Data Governance brauchen, um ihre Daten kontrollieren und verwalten zu können und eine Datendemokratisierung zu ermöglichen.»
8. Voicemarketing
Schon als heisser Trend für das zu Ende gehende Jahr gepriesen, ist Voicemarketing der Durchbruch noch nicht ganz gelungen. Vielleicht ist 2022 das Jahr von Voice; Serviceplan-Experte Peter Schäfer sagt jedenfalls ein «rasantes Wachstum in allen Bereichen des Lebens» voraus. Offline- und Online-Shopping wird Voice aber nicht ersetzen, glaubt er. Die Schweizer sind Sprachfunktionen gegenüber jedenfalls relativ offen: Laut «Voice First Barometer», einer repräsentativen Studie zu Voice User Interfaces von der Universität Luzern, nutzte Anfang des Jahres bereits jeder zweite Schweizer Voice User Interfaces; 30 Prozent verwenden sie im Rahmen des Kaufentscheidungsprozesses. Alexa, wir sind gespannt, was 2022 bringt!
9. Live-Formate
Ob es Livevideos bei TikTok sind, Liveshoppingevents oder Livestreams auf Instagram: Immer neue Features ermöglichen es Marken, sich live und direkt mit den Verbrauchern zu vernetzen. Was chinesische Internetriesen bereits erfolgreich vormachen, wächst auch in Europa zunehmend. Livestreamshopping mit Interaktions- und Chatmöglichkeiten könnten 2022 ein spannender Absatzkanal werden.
Mit«I-N-S-P-O-P»in die ZukunftWir haben Publicis Zürich gebeten, auch mal einen Blick in die Glaskugel zu werfen. Was bringt 2022? Herausgekommen ist ein spannender Ansatz mit dem illustren Namen «I-N-S-P-O-P». Mit diesem Themenkomplex fasst die Agentur die zentralen Treiber der Entwicklungen im Marketing zusammen, an denen zukünftig niemand mehr vorbeikommt. Dabei werden die drei grossen Trends des Konsumentenverhaltens (I-N-S) von drei grossen Entwicklungen im Marketing (P-O-P) gespiegelt: Individualisierung, Nachhaltigkeit und Sinn auf Konsumentenseite und demgegenüber im Marketing Personalisierung, Omni-Channel-Experience und Purpose.
B2B-Commerce: Jetzt oder nie!
Der Online-Handel im Bereich Business-to-Business gewinnt enorm an Momentum. Wer sich dem nicht anpasst, setzt seinen Erfolg aufs Spiel.
Carl Haynie
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5. Dezember 2021
(Bild: Unsplash.com / Werner Du Plessis)Der B2B-Handel nimmt rasant Fahrt auf. Gemäss der PwC-Studie «The Evolving Customer: The Future of B2B Commerce» wird E-Commerce für 65 Prozent der Unternehmen in den nächsten zwei Jahren der wichtigste Investitionsbereich sein. Von Januar bis August 2020 nahmen B2B-Bestellungen über E-Commerce-Lösungen um 44 Prozent zu, und die meisten B2B-Führungskräfte gehen davon aus, dass Verkäufe über digitale Kanäle in den kommenden zwei Jahren mehr als die Hälfte ihres Geschäfts ausmachen werden. In der Realität brauchen Veränderungen Zeit. Unternehmen sollten umsichtig planen und schrittweise vorgehen, um die Herausforderungen erfolgreich zu meistern.
Wandel widerstehen oder annehmen?
In der Regel begegnen wir zwei Typen von B2B-Unternehmen: veränderungsresistenten und digitalaffinen. Unsere veränderungsresistenten Kunden fragen sich, ob der moderne B2B-Handel wirklich etwas für sie ist. Sie bezweifeln den Wert von Investitionen in den Online-Handel und beabsichtigen, weiterhin über ihre Distributoren und Grosshändler zu verkaufen, so wie sie es schon immer machten. Sie möchten ihre Kundenbeziehungen selbst in die Hand nehmen und wehren sich gegen den Wandel – oder glauben sogar, dass die Kunden ihn nicht brauchen oder wollen.
Einige veränderungsresistente Kunden sehen im B2B-Handel bloss einen Marktplatz, auf dem versucht wird, mehr Waren auf mehr Verkaufsorte zu verteilen. Andere möchten den gesamten Marktplatz dominieren und nur ihre eigenen Partner miteinbeziehen. Eine dritte Untergruppe, zu der grosse multinationale Unternehmen gehören, hat eine solche Vielfalt an Marken im Angebot, dass sie keinen Ausweg aus ihrem komplexen System sieht. Sie versucht deshalb, ihren jetzigen analogen Ansatz zu verbessern.
Dann gibt es B2B-Kunden, die zu 100 Prozent vom Online-Handel überzeugt sind. Sie haben die Grundlagen dafür geschaffen, erzeugen aber nicht genug Mehrwert. Sie wollen digitale Fähigkeiten entwickeln, mit denen sie ihre Kunden über das gesamte Spektrum ihrer geschäftlichen Bedürfnisse hinweg unterstützen können. Diese Unternehmen sind sich darüber im Klaren, dass sich die meisten B2B-Verkaufsinteraktionen im kommenden Jahrzehnt auf digitale Kanäle verlagern werden – und dass neue Technologien nicht nur die Art und Weise, wie sie ihre Kunden finden und binden sowie Produkte und Dienstleistungen auf den Markt bringen, grundlegend verändern werden, sondern auch die Lieferketten.
Die Anforderungen der Kunden verändern sich rasch, ob veränderungsresistente Unternehmen das wollen oder nicht. Die Verlagerung des Handels ins Internet hat schon vor Ausbruch des Covid-19-Virus begonnen, die Pandemie hat den Wandel beschleunigt. Die Kunden haben einen 24/7-Service, nahtlose Omnichannel-Reisen und personalisierte Erlebnisse entdeckt – eine überzeugende Kombination. Sie erwarten diese Erfahrung nun nicht nur in der B2C-Welt, sondern auch im B2B-Geschäft.
Eine Strategie für jeden Kanal
Viele unserer veränderungsresistenten Kunden wissen eigentlich, dass die digitale Transformation für ihr Überleben zentral ist. Aber sie hoffen, dass sich das Problem in Luft auflöst, wenn sie es ignorieren oder aufschieben. Wer die kundenorientierte Transformation noch nicht in Angriff genommen hat, fällt jedoch bereits zurück, zunächst langsam, dann immer schneller.
Unsere digitalaffinen Kunden, die auf den B2B-Commerce-Zug aufgesprungen sind, wissen, dass die Umstellung auf B2B-Online-Handel mit erheblichen Herausforderungen verbunden ist und Zeit braucht. Die Vorteile eines E-Commerce-Modells sind jedoch zu überzeugend, dass sie ignoriert erden können. Richtig eingesetzt eröffnen digitale B2B-Kanäle viele neue Möglichkeiten: tiefere Servicekosten, höheren Mehrwert für die Kunden, einen erweiterten Kundenstamm, loyalere Kunden, Echtzeit-Feedback sowie Cross- und Upselling mit segmentierten und personalisierten Angeboten.
«Online-Handel ist nicht nur eine weitere Chance; er ist unausweichlich, die Kunden fordern ihn ein.»
Tatsache ist, dass es weder eine Standardlösung noch den perfekten Kanal gibt. Für die Zukunftswelt des datengesteuerten Omnichannel-Vertriebs muss eine Strategie für jeden Kanal entwickelt werden. Das bedeutet, Online- und Offline-Kanäle auf eine Art und Weise zu kombinieren, die den Kunden den nötigen Komfort bietet und es jedem Kanal erlaubt, profitabel zu bleiben und Mehrwert zu liefern. Es reicht auch nicht, Produktkataloge zu digitalisieren und einfache Online-Verkaufsfunktionen bereitzustellen. Um sich von der Konkurrenz abzuheben, muss der B2B-Handel beim Kunden und seinen wahren Bedürfnissen ansetzen. Unternehmen müssen ihre Prozesse auf die Kunden ausrichten und sicherstellen, dass sie ihre Versprechen einhalten können. Sie sollten das digitale Handelsmodell als eine integrierte Geschäftsfunktion sehen, die eine echte Verbindung zu den Kunden herstellt und ihnen das Leben vereinfacht.
Herausforderungen und Chancen
Die Entwicklung einer neuen Handelsplattform hat auch Auswirkungen auf die bestehenden Vertriebskanäle und -netzwerke. Das kann zu Konflikten mit Händlern führen, die nicht gut zueinander passen, aber auch einen neuen Mix aus Online- und Offline-Handel ermöglichen. Einige Distributoren haben digitale Lösungen entwickelt, die sowohl den Ansprüchen der Produzenten als auch der Endverbraucher gerecht werden. Wenn sich Unternehmen auf ihre B2B-Reise machen, müssen sie sich fragen: «Sind meine Lieferanten bereit, diesen Weg mit mir zu gehen?» Die sich verändernde Dynamik der Vertriebskanäle bedingt Entscheidungen: Mit welchen Distributoren soll die Partnerschaft fortgeführt werden, und mit welchen nicht? Welchen Einfluss hat das neue Geschäftsmodell auf die Lagerbewirtschaftung? Wie verändern sich die Beziehungen zu den Einzelhändlern? Welche B2B-Marktplätze von Drittanbietern bieten attraktive Verkaufsmöglichkeiten, und wie können sie genutzt werden? Unternehmen müssen auf jeden Fall eng mit Händlern und Lieferanten zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass diese die neuen Anforderungen vollumfänglich erfüllen können.
Online-Handel ist nicht nur eine weitere «bedeutende Chance» für B2B-Unternehmen. Er ist unausweichlich; die Kunden fordern ihn ein. Unternehmen stehen unter riesigem Druck, die Umstellung auf den virtuellen Marktplatz «richtig» zu meistern, die einhergehende Disruption ist real. Doch B2B-E-Commerce lohnt sich. Unternehmen können ihre Reichweite und Wirkung am Markt erhöhen, die Effektivität des Vertriebs verbessern, Kunden begeistern und einen deutlichen Wettbewerbsvorteil gegenüber Konkurrenten erlangen. Zudem könnte der B2B-Handel bei vielen Unternehmen die digitale Transformation anstossen und Wegbereiter für ein zukunftsorientiertes Geschäftsmodell sein.
INTERVIEW
«Was passiert, wenn Sie sich nicht verändern?»
Carl Haynie, Direktor, Customer Centric Transformation, PwC Schweiz, über die Herausforderungen des B2B-Handels.m&k: Weshalb sollten Unternehmen ihren B2B-Handel digitalisieren?Carl Haynie: Der B2B-Online-Handel boomt, weil die Kunden ihn fordern. Sie haben sich so sehr an nahtlose Kundenerlebnisse im B2C-Handel gewöhnt – man denke an Amazon oder Galaxus –, dass sie ähnliche Erfahrungen bei ihren B2B-Interaktionen erwarten. Unternehmen müssen neu bewerten, was ihre Kunden wollen. Vielleicht ist das mehr Transparenz im Beschaffungsprozess und im Auftragsmanagement oder ein grösseres Angebot im Selbstbedienungsportal. Sobald Sie die Bedürfnisse Ihrer Kunden verstehen, wissen Sie, wo Sie beim Aufbau einer Digital-Commerce-Lösung investieren müssen.
Was sind die grössten Herausforderungen für B2B-Unternehmen?
In der Regel geht es dabei um komplexe Altsysteme und Vertriebskanal-Konflikte, die den Wandel erschweren. Dann gibt es Unternehmen, die befürchten, dass sie ihr bestehendes Geschäft durch E-Commerce-Lösungen kannibalisieren. Diesen Unternehmen stelle ich die Frage: «Was passiert, wenn Sie sich nicht verändern?»
Wie können sich Unternehmen von der Konkurrenz abheben?
Es lohnt sich, bestimmte Trends wie B2B-Marktplätze oder Headless-Commerce zu verfolgen. Mit einer Headless-Commerce-Plattform, zum Beispiel, können Unternehmen und Marken ihr Backend vom Frontend entkoppeln und die eigenständigen Komponenten so miteinander verknüpfen, dass es zu einer besseren Customer Experience führt. Aber am erfolgreichsten sind die Unternehmen, die die Kunden und ihre Bedürfnisse wirklich verstehen und dann auch ins Zentrum ihrer Transformation stellen.
Welchen Ansatz sollten Unternehmen in Bezug auf Datensicherheit verfolgen?
Das ist eine wichtige Frage, denn eine komplett digitale Reise kann die Zahl der möglichen Angriffspunkte erhöhen – und jeder Cyberangriff stellt ein kostspieliges Risiko dar. Der Aufbau von Technologien und Kontrollen zum Schutz der Kundendaten sind ein zentraler Teil jeder Transformation.
Swiss International hat massiv unter der Corona-Pandemie gelitten. Nun hat die Airline sich neue Strukturen gegeben – auch im Marketing: Caroline Drischel und Stefan Vasic tragen jetzt die Verantwortung. Ein Doppelinterview.
Johannes Hapig
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1. Dezember 2021
(Bild: Chris Reist)
m&k: Stefan Vasic, ehe Sie 2021 Head of Marketing von Swiss wurden, waren Sie bei der Airline unter anderem für die Sponsoring-Partnerschaften zuständig. 2020 hätte für Ihr Unternehmen ein «Sportjahr» werden sollen; dann kam die Pandemie. Wie herausfordernd war diese Zeit?
Stefan Vasic: Wir mussten unglaublich schnell reagieren – mussten Wege finden, den neuen finanziellen, aber auch personellen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Auf der anderen Seite wollten wir unbedingt versuchen, wenigstens einen Teil des breiten Partner-Portfolios weiter zu halten. Wir haben schliesslich die Sponsoring-Aktivitäten von Swiss um ein Drittel reduziert, was oft hart war. Gleichsam habe ich in dieser unfreiwilligen Schule eine Menge gelernt.
Caroline Drischel, Sie mussten als Head of Brand Experience einen Spagat bewerkstelligen – zwischen Kunden, die massenhaft Reisen stornierten, und einigen wenigen, die weiterhin mit Swiss unterwegs waren. Wie sehr strapaziert so etwas eine Marke?
Caroline Drischel: Der Begriff «Spagat» beschreibt es schon ganz gut: Wer in der Hochphase der Pandemie mit uns flog, sollte uns als selbstbewusste Marke erleben; sollte Vertrauen in unsere Hygienestandards, unsere Kundenorientierung und Flexibilität haben können. Wer hingegen – und das waren leider wirklich Massen von Menschen – seine Reise stornieren musste, sollte von unseren Service-Mitarbeitenden «abgeholt» werden. Auch, wenn Frust und Verärgerung teilweise extrem gross waren. In beiden Fällen war und ist unser Unternehmen aufgerufen, sein «brand promise» einzulösen; da zeigt sich, ob Kundenfokus nur eine hohle Phrase ist oder wirklich gelebt wird. Das ist kein Zuckerschlecken, wir haben die Krise auch noch nicht hinter uns gelassen.
Mit welchen Erwartungen Ihrer Passagiere sahen Sie sich konkret konfrontiert?
Drischel: Wir haben uns in den vergangenen Jahren sehr viel mit dem «Upper Funnel» beschäftigt und unsere Marke geschärft. Inspiration, Leidenschaft, Emotionen als Werte ausgespielt. Dann, plötzlich, musste alles rein faktenbasiert sein. Der Kunde, der fliegen wollte, musste wissen: Was geschieht als Nächstes? Was muss ich mitbringen? Er hat sich darauf verlassen, dass wir ihm helfen. Und diesen Shift des Kundenfokus mussten wir auch intern zu begreifen lernen. Wir haben als Folge davon mehr direkte Kundenkommunikation gemacht als jemals zuvor.
Vasic: Nüchtern ausgedrückt bringt eine Airline die Menschen ja «nur» von einem Ort zum anderen. Einreisebestimmungen der einzelnen Länder waren vor der Pandemie Sache jedes Einzelnen und eine relativ statische Angelegenheit. In der Hochphase der Corona-Pandemie hat sich jedoch die Erwartung der Passagiere dahingehend verändert, als dass wir als Airline in der Pflicht waren, vollumfänglich Bescheid zu wissen: Was brauche ich, wenn ich nach Spanien will? Wenn ich aus der Türkei wieder in die Schweiz zurückkomme? Dieses Bedürfnis haben wir rasch erkannt und auch erfüllt.
Welche Lehren haben Sie aus dieser neuen Verantwortung, die Ihnen quasi auferlegt wurde, gezogen?
Drischel: Dass Stefan Vasic und ich die Stellen bekleiden, die wir heute haben, hat ja auch mit einer Reorganisation des gesamten Marketings, Produkt- und Kundendienstbereiches zu tun. Die Lufthansa Group als Mutterhaus hatte schon vor der Pandemie erkannt, dass wir nicht maximal kundenfokussiert arbeiten. Corona war der berühmte Stein des Anstosses, um Marketing, Produkte und Services endlich eng zu verzahnen.
Vasic: Der Einfluss der Pandemie aufs Reisen hat uns allen, aber insbesondere unseren Gästen, sehr viel abverlangt. Daher ist es unser erklärtes Ziel, alles zu unternehmen, um in den Herzen unserer Kundinnen und Kunden zu bleiben, im weiteren Sinne auch in den Herzen von Herrn und Frau Schweizer. Gleichwohl wollen und müssen wir als Unternehmen Revenue und Ticket-Sales generieren. Die Swiss-Marketingabteilung macht erst einmal keine Aktionen mehr, die nicht entweder auf das eine oder auf das andere Ziel einzahlen.
Auch, weil Sie durch die aktuelle Situation mit einem überschaubaren Budget wirtschaften müssen …
Vasic: Die kommenden zwei, drei Jahre werden von maximaler Kosteneffizienz geprägt sein. Was wir uns absolut nicht leisten können, sind Streuverluste. Also überlegen wir uns: Welche spontanen Möglichkeiten können wir nutzen? Wir gebrauchen mittlerweile dafür sogar einen speziellen Begriff: «Instant-Marketing»! (lacht) Ich bringe zur Illustration gerne das Beispiel von EM-«Superfan» Luca Loutenbach: Es war mein Social-Media-Team, das innerhalb von dreissig Minuten das Potenzial und den Aufwand um seine viralen Fotos herum erkannt hat. Und es verging keine Stunde, bis der «Superfan» sein Flugticket zum nächsten Schweiz-Spiel hatte. Viel Effekt für niedrigen Cashout: Das ist es, was wir immer wieder erreichen müssen.
Drischel: Das war echt eine schöne Geschichte. Da haben viele Kundinnen und Kunden das Gefühl bekommen: «Die sehen mich! Ich bin in den Augen meiner Airline vor allem ein Mensch, nicht bloss eine Nummer!» Das muss in jedem Bereich unseres Handelns die Maxime sein.
«Die kommenden zwei, drei Jahre werden von maximaler Kosteneffizienzgeprägt sein.»
Früher konnten Sie sich durch grosszügige Branding-Kampagnen von der Billigkonkurrenz abheben. Streuverlust hin oder her, da haben Sie enorme Ressourcen in die Hand genommen. Wird nun radikaler Kundenfokus Ihr neues Alleinstellungsmerkmal?
Drischel: Ich nenne ein paar Schlagworte für das, wofür wir künftig stehen wollen: «Trusted Servicing», «Carefree Travel», «Tailored Offering» und «Dialog». Schaffen wir das schon zu einhundert Prozent? Nein, leider noch nicht. Aber wir sind auf gutem Weg. Man merkt das immer gut, wenn man mit Freunden spricht und fragt: «Na, wie war dein Flug?» Früher ging es immer um den Sitz oder das Essen; das hat man sich erzählt. Heute geht es darum, inwiefern ich eine sorgenfreie Reise hatte, inwiefern alles funktioniert hat. Das ist es, was unsere Kunden heute erwarten, und das ist das, was wir liefern müssen.
Was bedeutet das für die Werbesujets, mit denen Sie künftig aufzutreten gedenken?
Vasic: Derzeit rollen wir eine Marketingkampagne aus, die unseren Gästen den echten Wert des Reisens wieder aufzeigen soll. Und dieser Wert des Reisens ist so individuell, wie die eigenen Wertvorstellungen es sind. Gerade in schwierigen Zeiten soll gelten: «Reisen ist, was du daraus machst.» Swiss unterstützt die Menschen dabei.
«Wir haben aber noch einen weiteren Traum: Die Airline in Europa zu sein, die ein perfektes Kundenerlebnis mit zertifizierter Nachhaltigkeit kombiniert. »
Aktuelle Swiss-Sujets: den Wert des Reisens neu entdecken. (Bilder: zVg.)
Ihre Aufgaben für die nähere Zukunft haben Sie klar skizziert. Was sind die Pläne für die Zeit «Post-Corona»?
Drischel: Wir teilen mit vielen anderen Airlines ein Problem: Wir kennen unsere Kunden nicht gut genug. Wir müssen sie jedes Mal wieder fragen, welche Vorlieben sie haben, wohin sie gerne fliegen. Müssen um ihre Kreditkartennummer bitten. Deshalb wird es ein grosses, wichtiges Projekt sein, detaillierte Kundenprofile zu erstellen. Aber nicht, weil wir sie vermarkten wollen, sondern weil wir unsere Passagiere wirklich kennenlernen möchten. Und weil wir nicht mehr an Bord fragen wollen: «Trinken Sie Ihr Wasser mit oder ohne Kohlensäure?» Das soll unser Kabinenpersonal schon sehen, wenn jemand einsteigt. Oder stellen Sie sich vor, Sie kommen geschäftlich aus Südafrika und der Maître de Cabine auf dem Anschlussflug fragt Sie: «Sie sind schon lange unterwegs, möchten Sie lieber nur ein leichtes Abendessen und dann etwas schlafen?» Übrigens denken wir nicht nur an Vielflieger, sondern auch an Menschen, die nur ein Mal pro Jahr mit uns nach Mallorca reisen. Auch deren Präferenzen sind wichtig.
Vasic: Und das hat wiederum Auswirkungen auf den Teil der Offerings, die wir im Marketing vertreiben. Es kann nicht sein, dass ich einer vierköpfigen Familie einen First-Class-Flug für eine Person anbiete, weil ich nicht weiss, dass hinter dem Profil eben … eine vierköpfige Familie steckt (lacht). Das ist dann auch ein Teil von Streuverlusten. Und je besser wir den Kunden kennen, desto besser wird es uns auch gelingen, diesem Kunden relevante Informationen zur Verfügung zu stellen.
Drischel: Wir haben aber noch einen weiteren Traum: Die Airline in Europa zu sein, die ein perfektes Kundenerlebnis mit zertifizierter Nachhaltigkeit kombiniert. Wir wollen, dass Sustainability nicht nur ein Buzzword bleibt; wir meinen es ernst damit. Kunden, Investoren und unabhängige Prüfinstanzen sollen uns mittelfristig bestätigen, dass das niemand besser macht als wir. Alles, was wir tun, soll absolut nachvollziehbar sein – woher das Wasser in den Bechern stammt und die Pappe, aus der selbige gefertigt wurden; wo wir unsere Lebensmittel für die Verpflegung an Bord kaufen; was wir für die CO2-Kompensation tun. Da kommt noch eine Menge Arbeit auf uns zu, aber wir sind enorm motiviert, sie zu erledigen.
Caroline Drischel ist seit Februar 2021 Head of Brand Experience bei Swiss. In dieser Position verantwortet sie die strategische Roadmap für sämtliche Kunden-, Produkt- und Marketingthemen der Airline; zuvor war sie unter anderem in leitenden Positionen für die Lufthansa, Swiss Re, UBS und Renault tätig.
Stefan Vasic ist seit Juli 2021 Head of Marketing bei Swiss und kümmert sich um die Umsetzung sämtlicher Marketingmassnahmen im Rahmen der globalen Lufthansa Group-Strategie. Zuvor leitete er bei der Swiss unter anderem die Abteilung Sponsoring & Events, ausserdem war er mehrere Jahre lang Mediensprecher der Fluglinie.
David Schärer: Mister Werbung
David Schärer gewinnt den Titel «Werber des Jahres» 2021/22. Als Mitgründer der Agentur Rod Kommunikation setzt er neben vielem anderen mit seinem Team die Corona-Kampagnen mit dem BAG um. m&k Werbewoche.ch gratuliert und «beleuchtet» den Sieger.
Anna Kohler
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30. November 2021
David Schärer ist «Werber des Jahres» 2021/22. (Bild: Chris Reist)
Es ist sein Sieg. Er hat ihn sich hart erarbeitet. Schon viermal ist der gebürtige Basler für den Werber des Jahres nominiert worden. «Ich bin der Leonardo Di Caprio der Werbung», ist denn auch sein Kommentar, als 2019 Petra Dreyfus das Rennen macht. Aber eben, so wie Di Caprio für «The Revenant» schliesslich den Oscar gewonnen hat, gewinnt Schärer nun den «Egon», die Statue, die ihren Namen ursprünglich aus dem Wort Ego erhielt, angelehnt an das Gerücht, Werberinnen und Werber hätten ein arg grosses. Aber das sind alte Kamellen. Und haben nichts mit David Schärer zu tun. Denn wenn jemand brennt für die Sache und sein eigenes Ego hinten anstellt, dann ist das David Schärer.
Ein Blick hinter die Kulissen
So leidenschaftlich er über Kampagnen, Philosophie und Politik redet, so wenig stellt er seine eigene Person ins Scheinwerferlicht. Die Rolle des Kommunikationsberaters sei grundverschieden zur Kommunikation als Privatperson. Dies habe er gespürt, als er in der TV-Sendung Arena auftrat, zu Beginn der Pandemie. «Die Rolle des Beraters fällt mir leichter», sagt er. Was hat ihn zu dem Werber gemacht, der er heute ist? David ist schon früh fasziniert von Werbung. Grafik und Gestaltung scheint ihm ein Weg hinein in die Branche; nach zwei Jahren aber bricht er die Schule für Gestaltung ab und wendet sich der Öffentlichkeitsarbeit zu. Ein Praktikum am Theater Basel und dann sieben Jahre Jung von Matt Limmat folgen.
«Der Begriff Werbung hat manchmal etwas Anrüchiges; ich finde das ungerechtfertigt.»
Mit Regula Bührer Fecker und Oliver Fennel gründet er 2007 die Kommunikationsagentur Rod. Kaum im neuen Büro eingezogen, wird Rod die Agentur für Sanitas, die sie vier Jahre in allen Kommunikationsdisziplinen betreut. Ein gelungener Start, den David Schärer bis heute nicht bereut. «Wir sind jetzt seit mehr als einem Jahrzehnt nicht nur geschäftlich, sondern auch freundschaftlich verbunden.» Dies sei für ihn ein Hauptgrund, dass Rod sich so erfolgreich am Markt positionieren kann.
Der «Egon» geht dieses Jahr an David Schärer.
Der Spin-Doctor
Diese Bezeichnung passe zu ihm, sagt David. Denn leidenschaftlich gern entwickelt der Kommunikationsprofi Kampagnen, die ihm am Herzen liegen. Aber ohne Medienreichweite nützt auch die beste Kampagne nichts. Und so ist David Schärer ein Meister der Öffentlichkeitsarbeit. Er versteht, wie die Menschen ticken, ist empathisch, zugänglich und wenn es gefordert ist, auch kompromisslos ehrlich. Die Aufgabe, zusammen mit dem BAG die Corona-Kommunikation zu gestalten, ist und war herausfordernd. «Es ist wie ein Flug auf Sicht, wir antizipieren immer, was ist wichtig in den nächsten zwei Wochen.» Seine Arbeit bezeichnet er dabei keineswegs als kreative Kunst. «Was wir tun, ist zweckgerichtet, sollte also eine Antwort auf ein Kommunikationsproblem sein.»
Verdienter Sieg
Die Mitglieder der Jury, zusammengesetzt aus ehemaligen Werberinnen und Werbern des Jahres, Personen aus der Wissenschaft und den Nominierten der letzten Jahre sowie Vertretern aus der Westschweiz, nominierten im August dieses Jahres David Schärer von Rod, Andrea Bison von Thjnk und Maurizio Rugghia von SiR MaRY als Kandidaten zum/zur Werber:in des Jahres (Werbewoche.ch berichtete). Aus diesen drei Personen musste jedes Jurymitglied für einen Kandidaten voten, dies schriftlich an die Redaktion einreichen. Die Gewichtung der Jury liegt bei 50 Prozent. Die anderen 50 Prozent des Votings fanden online statt. Eine Woche haben die Leserinnen und Leser des Newsletters der Werbewoche für ihre Favoritin oder ihren Favoriten abgestimmt. Das Ergebnis fiel klar aus: David Schärer dominierte sowohl das Juryvoting als auch das Onlinevoting.
Wir gratulieren David Schärer zum Titel «Werber des Jahres 2021/22». Im nächsten Jahr werden wir die Wahl aussetzen. 2023 wird die nächste Wahl stattfinden. Dies traditionell wieder im März. Durch die Corona-Pandemie sind wir aus dem Rhythmus gekommen.
Laudatio von Adrian Kammer, Leiter Kampagnen beim Bundesamt für Gesundheit
David Schärer: Büezer und Stratege, Verstärker und Verführer
März 2020. Immer näher rückt die Corona-Bedrohung. Bilder der Leichenwagen von Bergamo wecken Ängste. Der Bundesrat mahnt die Bevölkerung eindringlich, daheim zu bleiben. Und draussen: lockt prächtigstes Frühlingswetter.
Erst kurz zuvor hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Agentur Rod beauftragt, gemeinsam die Pandemie-Kampagne zu führen. Sie war die einzige der Angefragten, die aus dem Stand die benötigten Kompetenzen und Ressourcen zu aktivieren vermochte. Ganz vorne dabei: David Schärer. Und was macht der in diesem Kippmoment? Rückt schweizweit allen Wetterstationen auf die Pelle, damit auch sie ihre Verantwortung wahrnehmen und alle wissen lassen: Diese Ostern finden im Inneren und auf Distanz statt.
Die Anekdote ist wenig spektakulär. Das ist Absicht. Weil David eben nicht bloss den Lautsprecher auf Volume 10 aufdreht, wenn er einen «Bigger Bang for the buck» verspricht, sondern mit Biss und Verve an der Frage tüftelt, wie die Message laufen lernt. Amplification heisst das Zauberwort.
Dass David diese Kunst virtuos beherrscht, weiss die Schweizer Werbewelt schon länger. Und obwohl du auch in eigener Sache ein begnadeter Kommunikator bist, habe ich bei der Spurensuche gestaunt, wie unprätentiös dein Auftritt gelingt. Du schaffst es, messerscharfe Analysen und pointierte Ansagen zu liefern, ohne abwertend oder verletzend zu sein. Es knallt, aber es tut nicht weh.
Schweizer Meister im Generieren von Aufmerksamkeit wurdest du genannt oder auch «der Strippenzieher». Spin-Doctor findest du selbst eine passende Beschreibung, Werber auch. Denn: «Das Werben um Aufmerksamkeit ist unser Kerngeschäft.»Werben ist mehr als Anpreisen oder Aufdrängen. Werben ist Verführen. Und deswegen eine Kunst, weil der Verführte sich nicht verführt, sondern gesehen und ernst genommen fühlen will.Aber du willst kein Künstler sein. Denn «was wir tun, ist zweckgerichtet». Ja, entgegen aller Klischees, verpflichtest du dich nicht dem schönen Schein, sondern der realen Wirkung deiner Arbeit.
Als Auftraggeber ist es auch unsere Pflicht, aus jedem investierten Steuerfranken die grösstmögliche Reichweite herauszuholen. Das machst du uns leicht. Aber nicht einfach. Immer wieder konfrontierst du, hakst nach, bohrst tiefer. Ja, lieber David, du verdienst dir den Titel «Werber des Jahres» auch dank deines Muts, zuweilen eine Zumutung zu sein.
Die Pandemie hat die Kampagnenarbeit verändert. Bei unseren nächtlichen – meist virtuellen – Kaminfeuergesprächen haben wir nicht nur Beobachtungen geteilt, Ideen skizziert und Strategien ausgeheckt, sondern auch bewusst reflektiert, was es heisst, wenn sich die Grenzen zwischen Auftraggeber und -nehmer zusehends verwischen. Das war in dieser völlig neuartigen Krise unsere einzige Chance. Wir mussten die Bevölkerung so gut informieren, dass sie sich so verhält, wie es für die Schweiz gut ist. Dass «One Campaigning Team» real lebbar ist, habe ich so noch nie erlebt – und extrem geschätzt.
In Jugendjahren warst du Punk. Ich glaube, der Punk in dir lebt immer noch. Natürlich, er ist erwachsen geworden. Trinkt statt Bier aus der Flasche Bordeaux aus dem Kelch. Aber er ist immer noch ein Bewegter. Und ein Bewegender. Vielseitig engagiert. Mit starkem Drang, am Puls der Gesellschaft zu bleiben. Sie weiterzuentwickeln. Nicht rastlos. Aber auch nie ganz zufrieden mit dem, was ist. Weil noch viel mehr sein könnte.
14 Jahre nach der Gründung von Rod erhältst du heute deinen «Egon», die Auszeichnung zum Werber des Jahres. Ich gratuliere dir von Herzen – und weiss, dass sich deine Bescheidenheit selbst von dieser Auszeichnung nicht korrumpieren lassen wird.
«So machemers.»
Ebenfalls nominiert waren …
Andrea Bison, Mitgründerin Thjnk Zürich
Vor fünf Jahren gründete Andrea Bison zusammen mit Alexander Jaggy Thjnk. Zuvor arbeitete sie in Hamburg bei Jung von Matt, Springer & Jacoby, kempertrautmann und thjnk. Dies ist bereits ihre zweite Nomination zur Werber:in des Jahres. In den Onlinevotings lag sie an zweiter Stelle hinter David Schärer. Überhaupt zu den drei Nominierten zu gehören, ist ein untrügliches Zeichen dafür, von der Branche, den Werbeauftraggeberinnen und Werbeauftraggebern sowie von den Leserinnen und Lesern der Fachpresse als herausragend wahrgenommen zu werden. «Wir haben es geschafft, für einige sehr spannende Marken tolle Kampagnen zu kreieren, die wirklich etwas verändert haben. Das ist unser Ur-Antrieb, Marken auf ihrem Weg zu begleiten und durch Ideen Gestalt zu geben und am Ende Menschen damit zu berühren.» Und das tun sie.
Gerade hat Thjnk mit der Denner-Ad «Alles da. Immer nah» in der Kategorie «Commercials bis 90 Sekunden» Gold abgeräumt. Wer kennt den Spot nicht, in dem das Baby in Windeln zum Denner läuft, um den leeren Kühlschrank daheim zu füllen. Kinder sind es denn auch, die Andrea Bison inspirieren, weil sie «noch keine Scheren im Kopf haben». Kinder würden keine Grenzen sehen und einen freien Geist haben. Gefragt, ob sie sich eher als Dienstleisterin oder Verführerin sieht, bleibt sie pragmatisch. «Auch die tollste Verführerin möchte ja am Ende zu einem guten Ergebnis kommen.» Insofern könne man das nicht auseinandernehmen. Natürlich gehe es aber sehr viel um Magie.Die Wahlschweizerin ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Zürich.
Maurizio Rugghia, Co-Founder Sir Mary
Seit 2016 führt Maurizio Rugghia als Co-Founder und Mitinhaber die Agentur Sir Mary. Zuvor war er während fünf Jahren als Managing Director und Partner der Digitalagentur Serranetga tätig. Dort lernte er seine jetzigen Geschäftspartner, Daniel Zuberbühler und Florian Beck, kennen. Nach fünf Jahren bei Serranetga war es Zeit für etwas Neues; den anderen ging es ebenso. Und da keiner alleine weitermachen wollte, entschieden sie sich, from «scratch» ein modernes Agenturmodell «zu bauen».
2016 wurde Sir Mary aus der Taufe gehoben. Die Gründung empfindet Rugghia als «Piece of Cake». Die Kunst sei, das Ding am Laufen zu halten. Es wachsen zu lassen. Den Prozess zu lieben. An jeder Herausforderung zu wachsen. Es sei «Management of Madness» – im positivsten Sinne! «Aber jeder Tag ist bei uns anders. Wir tun alles dafür, uns immer wieder neu zu erfinden. Nie still zu stehen und immer hungrig zu bleiben. Das muss man wirklich wollen», sagt er. Entspricht das seinem Lebensstil? Ja, kommt es, ohne zu zögern. Er liebe es, Neues zu erschaffen, zu sehen, wie sich Ideen manifestieren und zu leben beginnen.
Dazu komme eine Autoritäts-Aversion. Eine was? Er lacht. «Ich habe den Drang in mir, selbst über meinen Tag und Tätigkeiten zu bestimmen. Und letztlich faszinieren mich Menschen. Ich will mit Menschen zusammenarbeiten, die mich inspirieren und smarter sind als ich. Durch die Gründung kann ich das alles ausleben. Ich kann Unternehmer sein und ich darf es mit meiner Passion für spannende Kommunikation kombinieren. Und arbeite mit den spannendsten Persönlichkeiten zusammen, die ich kenne.»
Maurizio Rugghia ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und lebt mit seiner Familie in Zürich.
Kreativität ist nicht demokratisch
Warum man mit Pretests keine Stadien füllt.
Manuel Wenzel
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8. November 2021
Nein, Ich will gar nicht davon anfangen. Es ist zu absurd. Na gut … gönnen wir uns den Gedankengang: Die Stones führen eine Gruppendiskussion mit einem kleinen, ausgewählten Teil ihres Publikums durch und diskutieren, wie ein Song heisst oder welcher aufs neue Album kommt. Szenenwechsel: Dalí diskutiert mit seinen Fans, ob es Sinn macht, dass Uhren wie Wachs zerfliessen. Die handverlesenen Grüppchen werden mit Apfelschorle, belegten Brötchen und 50 Stutz bestochen. Absurd, genau.Zugegeben, bei den Stones wurde vielleicht kurz diskutiert, intern natürlich, aber eher, damit Charlie (R.I.P.) und Ron das Gefühl bekamen, mitreden zu dürfen. Entschieden haben es am Ende aber wohl Keith und Mick. Eins ist jedoch sicher: Das Publikum wurde definitiv nicht gefragt, welcher Song auf die nächste Platte kommt.
Pretests in der Werbung
Klar, Werbung ist mit Kunst nicht in allen Belangen zu vergleichen. Und dennoch gibt es Schnittmengen: Vorneweg natürlich die Kreativität, also idealerweise das Erschaffen von etwas wirklich Neuem, etwas, das im besten Fall Menschen berührt, zum Lachen bringt und/oder auf überraschende Art und Weise für ein Aha-Erlebnis sorgt. Der wirklich entscheidende Punkt ist aber, dass Menschen sich Kunst freiwillig anschauen, weil sie es geil finden. Und genau dorthin muss, aus meiner Sicht, Werbung wieder zurück.
Stattdessen werden Menschen in Pretests gezwungen, sich die Kampagnen anzuschauen und sich (be-)wertend dazu zu äussern. Hier liegt der entscheidende Fehler: Eine der wichtigsten Disziplinen und Aufgaben von kreativer Werbung ist es, für Aufmerksamkeit zu sorgen – Neudeutsch für «stopping power».
Wer sich das Poster, den Film oder sonst was in «freier Wildbahn» gar nicht erst anschaut, wird sich keine Meinung über Marke, Produkt oder Service bilden. Und somit auch keine positive.
Mut zum «Machenlassen»
Mein Fazit ist nicht neu, aber ich möchte es gern im Namen vieler fantastischer Kolleginnen und Kollegen hier erneuern: Kreative, und damit schlagkräftige Werbung, braucht Mut. Aber nicht nur den Mut, etwas Mutiges zu tun, sondern auch den Mut zur Intuition, den Mut dazu, jemanden mit viel Erfahrung (Neudeutsch: track record) bis zu einem gewissen Punkt machen zu lassen. Natürlich im allerengsten Austausch mit den Auftraggeberinnen und Auftraggebern, denn auf der sogenannten Kundenseite arbeiten mindestens genauso viele fantastische Experten wie auf Agenturseite.
Mehr Keith und Mick
Für diesen Mut braucht es Vertrauen untereinander. Deshalb mein Appell an alle: Wie wäre es, wenn sich Agenturen und Kunden einfach ein bisschen mehr wie Keith und Mick verhielten? Wer dann am Ende wer von beiden ist, kann man sicherlich diskutieren. Aber die Satisfaction wäre auf beiden Seiten sicher viel grösser. Und das Publikum wäre begeistert.
* Manuel Wenzel, Kreativchef von TBWA\Zürich, wird uns in den folgenden m&k-Printausgaben verwenzeln. Was das heisst? Das wissen wir auch noch nicht so genau, deshalb lieben wir es. Die Werbebranche hat ein schiefes Image bei den Leuten da draussen – das muss geradegebogen werden, findet der Wenzel. Wir sind gespannt.Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 10/2021.
Michael Conrad: Ist die Werbung noch zu retten?
Michael Conrad war Kreativ-Chef von Leo Burnett Worldwide, Cannes-Präsident, Geschäftsmann. Wie blickt er auf die Kommunikationsbranche der Gegenwart? Und was muss sich dort tun, damit sie weiter Bestand hat?
Johannes Hapig
-
7. November 2021
Michael Conrad war Kreativ-Chef von Leo Burnett Worldwide, Cannes-Präsident und Geschäftsmann. (Illustration: Silvan Borer)
m&k: Michael Conrad, beginnen wir dieses Gespräch mit einer Frage, die an den Titel eines Bestsellers von Howard Luck Gossage gemahnt: Ist die Werbung noch zu retten?
Michael Conrad: Ich denke, die Werbung ist immer zu retten. Die Frage ist, ob unsere Industrie zu retten ist.
Eine pointierte Aussage. Könnten Sie das vertiefen?
Wenn ich mir anschaue, wie das Agenturgeschäft heute funktioniert – und mit wie vielen Spezialisten Werbung treibende Unternehmen heute oft zusammenarbeiten müssen; wie viel Koordination das braucht – frage ich mich: Wo ist das Primat des simplen Gedankens, der alle Elemente dirigiert und vorantreibt, hin? Wissen Sie, eine meiner zielführendsten Arbeitsweisen für das Etablieren von Firmen, von Marken und dann ihren Produkten, ist eine Ein-Wort-Strategie gewesen. Ein Wort, das den Fokus eines Unternehmens beschreibt beziehungsweise zusammenfasst, was man erreichen will. Das kann eine Begrifflichkeit wie «Vorsprung durch Technik» sein, mit der mein Freund John Hegarty dazumal Audi half, sich neu zu definieren – oder «Safe», noch immer sinnbildlich für die Marke Volvo. Wenn man seine Sache erst einmal derart auf den Punkt gebracht hat, hat man eine gute Basis … und nicht, wie heute so oft, unnötige Zergliederung.
War denn vor einigen Jahren respektive Jahrzehnten wirklich alles besser in der Werbeindustrie, oder schwingt da auch ein wenig Nostalgie mit?
Nein, das ist keine Nostalgie. Schauen Sie sich die Strukturen an, die wir damals auf der ganzen Welt in den führenden Agenturen hatten: Fast überall standen starke Kreative an der Spitze, die gleichzeitig unternehmerisch dachten. Und auf der anderen Seite standen Kunden, die bereit waren, ausserordentliche Arbeiten anständig zu vergüten. Wir konnten sehr erfreuliche Umsätze generieren, die wir uns aber nicht in die Tasche gesteckt haben (lacht), sondern die wir in die Agentur und in unsere Kunden zu reinvestieren pflegten, um uns kompetitiv zu steigern. Übrigens sind auch viele Kreative an den Spitzen der Agenturen einer Ein-Wort-Strategie gefolgt, wenn es um ihr Self-Branding ging: Die Marschrichtung von Hegarty war meistens «Irreverence», eine gesunde «Respektlosigkeit», mit der er Marken verjüngte. Boguskys «Baked-In» machte Kundenprodukte lebendig kommunikativ. Und meine: «Thought provoking».
Sind solche Spitzen-Kreative eine aussterbende Gattung?
Die Frage ist, wie gesagt, eher, wer sich deren Arbeit heute leisten will. Wird herausragende Kreativität – und die Zeit, die sie braucht – selbst in einem wohlhabenden Land wie der Schweiz, noch bezahlt? Ich habe mir überlegt, was mir in der Schweizer Werbung im vergangenen Jahr gefallen hat, und das Buch des ADC mitgebracht (deutet auf Stapel von Papieren). Das ist so dünn, so dünn war es noch nie! Übrigens – was nicht abgebildet war, und das hat mich verwundert, war der Film von Wirz für «My Switzerland».
Sie meinen die Kampagne mit Roger Federer und Robert De Niro?
Ja. Brillant. Absolut brillant. Das Ding kann man sehen und sehen und sehen. Wie oft wurde das als YouTube-Video angeklickt? Über 50 Millionen Mal!
Die am besten performende Kampagne, die Maestro Federer jemals als Testimonial gemacht hat …
Genial geschrieben, bis ins letzte Detail. Wie De Niro in der Unterhose am Fenster steht und in die Skyline guckt! Und dann kommt wieder die Ein-Wort Strategie: Die Schweiz ist in dem Clip «boring», langweilig positioniert! Zu so einem Labeling gehört Mut. Genau das macht Kreativität aus – der Mut, jenseits der Norm zu agieren. Da muss ich ein Risiko eingehen. Das kann ich nicht alles vorher durch Research abstützen.
Für den Whisky der Marke Haig wurde Michael Conrad zum «Wasserschmecker» – und kam in die «Tagesschau».
Wie kann denn die Werbeindustrie – auch in der Schweiz – Auftraggeber dazu bewegen, wieder höhere Budgets zu sprechen, mit denen man dann auch hervorragende Kreativität subventionieren kann?
Es gibt Beispiele, die funktionieren und in die Zukunft weisen. Denken Sie an R/GA in New York, die Consulting und Design verbinden und gerade bei Start-up-Firmen als Dienstleister sehr begehrt sind. Das ist sowieso eine clevere Idee: Consulting-Firmen sind ja mittlerweile ein echtes Problem für die Werbeindustrie – da kommen die Beraterinnen und Berater mit Zugang zum CEO und sagen, sie übernehmen die Kommunikation auch direkt. Sie erhalten dann ein Mandat, aber was wissen die schon wirklich über Kommunikation? (lacht) Dieses Business sollten sich Werbeagenturen nicht wegnehmen lassen.
Ich würde nun gern ein wenig über Ihren eigenen Weg in die Branche sprechen. Sie sind mehr aus Zufall und Neugierde in die Werbung gelangt – nach einer bewegten Jugend, die auch von Erfahrungen der Flucht und der wirtschaftlichen Not geprägt war. Hat Sie diese Lebensnähe später zu einem besseren Werber gemacht?
Nö.
Keine gute Frage?
Doch, das ist eine gute Frage. Das kann man sich überlegen. Aber ich habe in meinem Leben eigentlich permanent Steilvorlagen bekommen und habe dann hier und da, oft auch unbewusst, ein Tor geschossen. Zum Beispiel: Ich habe meine Mutter einmal gefragt, warum wir 1952 aus Leipzig abgehauen sind. Daraufhin sagte sie, dass ich als Kind berichtet hätte, wie wir in der Schule den Satz «Köpfchen senken, Stalin denken» gelernt haben. Und daraufhin sagte sie: «Wir müssen hier weg.» Wäre sie nicht weg, und es sind ja viele in der DDR geblieben, wie wäre mein Leben verlaufen? Vielleicht hätte ich für Honecker die Werbung gemacht, keine Ahnung. (lacht)
«Wie wäre mein Leben in der DDR verlaufen? Vielleicht hätte ich Werbung für Honecker gemacht.»
Eignen sich Werber per se als Propagandisten?
Natürlich. Propaganda ist unser Geschäft. Das würde ich gar nicht trennen. Werbung heisst Werben, für etwas, um jemanden. Was soll der Unterschied zu Propaganda sein? Wobei wir mit «Lürzer, Conrad» nach einer Europakampagne für die deutsche FDP in den 1970er-Jahren keine Politwerbung mehr gemacht haben – das haben wir später auch bei Burnett weltweit bestimmt. Die Kommunikation mit der Parteiführung und insbesondere dem damaligen Generalsekretär Verheugen war nicht von der Qualität geprägt, die wir uns gewünscht hätten. Strategisch fanden wir ihn unterbelichtet, was Graf Lambsdorff mir auch bei einem Mittagessen in Chicago später erbost bestätigte. Wir hatten der FDP 1979 Thesen vorgeschlagen, die zwei Jahre später die Grünen zur Partei machen – Sie sehen ja, dass die beiden Parteien nun Koalitionsgespräche führen (lacht).
Es ist interessant, dass Sie das sagen. Weil man ja meinen könnte, Werbung würde im Bereich des Politischen eine sehr reale Macht entfalten – und dass das faszinierend sein kann?
Aber dann spielt eben auch Populismus eine Rolle … und wir haben ja gesehen, was bei Trump lief. Es ist wirklich entsetzlich, wie Menschen manipuliert werden können.
Conrad-Erfolg für «Wasa»: Bewusster essen und leben.
Sie haben als globaler Burnett-Kreativchef lange in Chicago gelebt. Wenn Sie sich die USA heute anschauen, erkennen Sie das Land dann noch wieder? Sind das noch «Ihre» Vereinigten Staaten?
Die beiden Lager – Republikaner hier, Demokraten dort – gab es eigentlich immer. Aber es war nicht so konfrontativ. Mich hat die ganze Trump-Geschichte ziemlich irritiert. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass so etwas überhaupt möglich ist. Das ist ja eine Gangsterei sondergleichen gewesen. Der Typ hat, als die Pandemie losging, dem Land gesagt: «Nehmt das nicht so ernst!» Und hat im selben Atemzug seinen Freunden von der Wallstreet empfohlen, sich aus dem Aktienmarkt zurückzuziehen, bevor dieser wegen der Pandemie zusammenbricht. Dass dieser politisch unfähige Mensch, der versucht hat, sein Geschäftsgebaren auf eine Nation zu übertragen, sich so lange im Amt halten konnte …
Würden Sie sagen, dass Populismus so gut funktioniert, weil Populisten die simpleren Botschaften zu senden vermögen?
Auf jeden Fall. Wir sitzen nun hier in Zürich zusammen, aber man braucht nur einmal die AfD nehmen in Deutschland. Schauen Sie mal, wie die operieren, wie man sie operieren lässt: Im Jahr 2020 wurden in Deutschland fast 17 Milliarden Euro für Integration ausgegeben, aber wie wurde das kommunikativ begleitet? Wie viel wurde für Integrationskommunikation ausgegeben? Wenig bis gar nichts, denke ich. So haben die Populisten der AfD die Möglichkeit, quasi unwidersprochen zu behaupten, Migranten würden das Gemeinwohl gefährden.
Sollte aus werbestrategischer Sicht rechter Populismus mit linkem Populismus beantwortet werden?
Man muss jedenfalls konkurrenzfähig sein. Wie man das vollbringt, ist nicht so einfach zu beantworten. Um wenigstens etwas präziser zu werden: Hätte ich ein Problem damit, eine gegnerische Politik als asozial zu bezeichnen, wenn ich meine eigene Politik als sozial gebrandet habe? Nein, unter bestimmten Umständen kann das sogar eine gute Idee sein. So bringt man die Leute wenigstens zum Nachdenken. Weil sie sich an etwas reiben können.
Jeden Monat eine neue Farbe: «Kampagne des Jahres».
Kann Werbung auch mit Humor zum Nachdenken anregen – ohne in den verrufenen «Sauglattismus» abzudriften?
Witze sind gut, aber sie müssen immer demonstrieren, einen Inhalt verkaufen. Auf eine tiefere Erkenntnis weisen.
Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die sich heutzutage für eine Karriere in der Werbung interessieren?
Ich würde ihnen genau das empfehlen, was mir damals Walter Lürzer geraten hat: die Lektüre von drei Büchern. Howard Luck Gossages «Ist die Werbung noch zu retten?», Ogilvys «Geständnisse eines Werbemannes» und Rosser Reeves’ Werk «Werbung ohne Mythos», das die Unique Selling Proposition begründet hat. Und dann sollten sie es vielleicht so machen, wie ich das damals auch tat – und mit viel Lust am Neuen verschiedene Dinge ausprobieren. Ausserdem, so profan das klingen mag: Sie sollten versuchen, Spass zu haben.
«Ich bin nie mit dem Anspruch in die Werbung gegangen, einmal Kreativdirektor zu sein.»
Und wie können Agenturen erkennen, ob potenzielle Mitarbeitende echtes Potenzial haben?
Ich habe darüber mal ein sehr interessantes Gespräch mit Gene Kranz, der die Apollo13-Mission geleitet hat, geführt. Die hatten ja das Problem im All. Und Kranz’ Team hat unten auf dem Boden in einer Kapsel die Situation nachgestellt, die Herausforderung bewältigt und dann der Crew im Weltall gesagt, was für eine Lösung es gibt. Ich habe Gene Kranz gefragt: Wie stellst du ein? Was sind deine Kriterien? Er sagte: «Pass auf, ich kriege Leute präsentiert, die sind gefiltert, die können das von der Sache her eigentlich alle. Aber dann will ich wissen, will die Person etwas tun oder will die Person etwas sein? Und dann treffe ich meine Entscheidung.»
Für die Leute, die etwas tun wollen.
Ja. Und das würde ich den Jungen sagen. Wenn du begeistert bist von der Werbung, was begeistert dich denn genau? Die Firma, bei der du dich bewirbst, was begeistert dich daran? Warum willst du da arbeiten? Weisst du genau, was die machen, und hast du eine Ahnung, warum? Ich bin nie in die Werbung gegangen mit dem Anspruch, eines Tages Kreativdirektor zu werden. Ich war froh, wenn ich überhaupt fertig wurde mit den Jobs, die ich gekriegt habe. (lacht) Und dann ist es mir eben gelungen, verrückte Sachen zu machen. Jenseits der Norm tätig zu sein.
«Villiger»-Kampagne von Lürzer, Conrad für den «Spiegel»: Gespräche bei einer Zigarre.
Welche Kampagnen haben Sie besonders begeistert?
Ganz grossen Spass hatte ich gleich am Anfang meiner Karriere, als ich in eine Kampagne für Haig-Whisky involviert war. Da haben wir uns erst einmal gefragt: Wie trinken die Deutschen denn ihren Whisky? Na ja, sie verdünnen ihn gerne mit Wasser. Okay, wie gut ist das Wasser? Die Leute verwenden ja Leitungswasser. Also haben wir eine Kampagne gemacht, die gesagt hat, dass es Haig seit über 300 Jahren gibt – dass da eine Menge Herzblut drinsteckt – und wir möchten nicht, dass die Deutschen durch schlechtes Leitungswasser diese ganze Arbeit kaputt machen: «Ein Haig muss bleiben, wie er ist. Also schickt uns Samples, wir werden das Wasser schmecken und werden euch Bescheid geben, ob ihr es verwenden könnt oder nicht.»
Was ist dann passiert?
Es kamen rund 600 Samples. Und es kam auch ein Anruf vom Zweiten Deutschen Fernsehen. Die haben gefragt: «Sind Sie der Wasserschmecker?» Natürlich habe ich das bejaht. Daraufhin wollten die mich filmen – auch dieser Idee habe ich zugestimmt. Denen war gar nicht klar, dass wir hier eine Werbeidee verfolgt haben; die dachten, wir meinen das total ernst.
Und dann kam das Fernsehen vorbei?
Ja, ich legte auf und dachte erst einmal: «Scheisse, was mache ich jetzt?» (lacht) Wir sind dann mit der TV-Crew in die Dachwohnung von Walter Lürzer, der gerade im Urlaub war, gegangen – da stand eine ganz bizarre Turmuhr, es gab einen langen Tisch, den wir mit Gläsern eingedeckt hatten. Ich testete sehr eingehend eine Wasserprobe aus Heidelberg – inklusive Gegentest und langen Erklärungen, was ich da mache, und warum. Am Ende der ZDF-Nachrichtensendung, in der dieser Beitrag lief, sagte Anchorman Hajo Friedrichs: «Ist es nicht toll, dass wir auf der Erde noch Menschen haben, die sich um unser tägliches Wohl kümmern? Wir schalten nun um nach Houston, Texas und übertragen die Mondlandung.»
«Die Möglichkeit, etwas in der Industrie zubewegen, ist nach wie vor da. Auch aus der Schweiz heraus.»
Wenn es jemals ein Paradebeispiel für «earned media» gab …
Wir hatten das gar nicht vor, aber so entfalten sich die Dinge manchmal, wenn man einen Weg jenseits des Gewöhnlichen geht.
Sie «brannten» für diese Kampagne, oder?
Wir sind oft schon nachts zum Bahnhof gegangen und haben uns die Zeitungen geholt, in denen unsere Anzeigen veröffentlicht wurden. Wobei: An denen hatten wir auch drei Wochen gearbeitet. Typografie, Bilder, alles, was dazugehört. Wir konnten es nicht erwarten, sie vor uns zu sehen – wie den ersten Spot im Fernsehen. Heute ist das Medium Print ziemlich ausgeklinkt. Aber es gibt noch viele Menschen, die lesen die Zeitung jeden Tag. Das ist eine potente, psychografische Zielgruppe. Die zu ignorieren, ist werblicher Schwachsinn.
Conrad im Dienste von Ogilvy: «An meine Haut lasse ich nur Wasser und CD.»
Wenn Sie noch einmal eine Agentur gründen würden, wie würden Sie das anstellen?
1978 gab es eine Untersuchung zu den besten Agenturen in Deutschland, in der wir mit «Lürzer, Conrad» – noch vor dem Merger mit Leo Burnett – in drei Kategorien auf Platz eins landeten. Man attestierte uns die kreativsten Lösungen, das dynamischste Management … da waren wir gerade einmal drei Jahre lang am Markt! So merkten wir: Viele andere Agenturen waren zu dieser Zeit im deutschsprachigen Raum eher kaufmännisch, eher standardisiert aufgebaut. Und so ist es heute nach wie vor. Das heisst, die Möglichkeit, wirklich etwas in der Industrie zu bewegen – die ist immer da. Auch, wenn man eine Unternehmung aus der Schweiz heraus machen will. Wenn ich heute etwas aufziehen würde, wäre das eine interdisziplinäre Sache. Ich hätte brillante Führungskräfte in einem acht- oder zehnköpfigen Team, die wirklich wissen, wie Mediaplanung heute geht, die Consulting verstehen, mit Daten umgehen können. Unter denen exzellente Kreative sind. Es müsste eine Gruppe von besonderen Menschen sein, die über ein Wochenende jedes Problem lösen können. So wie unsere damalige Burnett-Agentur, geführt von Spillmann und Felser. Das war doch etwas.
Michael Conrad wurde 1944 in Leipzig geboren, und floh 1952 mit der Mutter in den Westen. Nach einer Lehre zum Industriekaufmann und verschiedenen Anstellungen kam der Autodidakt 1968 zu Young & Rubicam, später Ogilvy Mather. 1972 war er an der Gründung der TBWA in Frankfurt beteiligt; 1975 folgte die Gründung von Lürzer, Conrad. 1980 dann der Zusammenschluss mit Leo Burnett, wo er bis zum globalen Chief Creative Officer aufstieg. Michael Conrad ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt seit 2000 in Zürich. Er ist Mitbegründer eines Executive MBA für kreative Führungskräfte, der Berliner School of Creative Leadership.
In keinen Bereich im Marketing fliesst so viel Geld wie in Media. Trotzdem wird ihr häufig wenig Beachtung geschenkt. Dabei ist Media nicht nur dafür zuständig, dass die Werbung die Zielgruppen erreicht, sondern vor allem Wirkung erzielt.
Sandro Prezzi (*PMC) und Roland Ehrler (SWA)
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1. November 2021
(Bild: unsplash.com)Die Media-Strategie ist der unterschätzte grösste Hebel im Marketing-Mix. Mit der richtigen Strategie erhöht sich die Wirksamkeit Ihrer Werbung deutlich stärker als durch die niedrigsten Einkaufspreise. Selbstverständlich will kein Werbeauftraggeber zu viel bezahlen. Ein guter «Payfactor» ist somit gefragter denn je, sagt aber allein noch nichts aus. Viel entscheidender ist der Preis pro werbewirksamen Kontakt zu potenziellen Kunden.
Echte Werbewirkung statt grosse Zahlen
Die Qualität einer guten Mediaplanung zeigt sich nicht in Kontaktchancen, Engagement, Interaktionen, Likes, Loves und Shares. Mediaqualität zeigt sich darin, wie gut die Kampagne es schafft, werbewirksame Kontakte zu generieren. Wohlverstanden zählen dazu Kontakte mit Menschen, die sich im (von der Werbung adressierten) Status im Kaufprozess befinden.
Doch bevor eine Werbewirkung erzielt werden kann, muss Werbung erst mal wahrgenommen werden! Aber Achtung: Wahrnehmen und Sehen sind nicht zu verwechseln! Nur weil eine Zielgruppe etwas technisch «sehen» kann, wurde die Werbung damit noch lange nicht wahrgenommen. Darum ist unter anderem die Wahrnehmung von Online- oder Plakatwerbung tiefer als deren «technische» Reichweite.
«Mediaqualität zeigt sich darin, wie gut die Kampagne es schafft, werbewirksame Kontakte zu generieren.»
Qualität in der Mediaplanung zeigt sich darin, dass die Mediaprofis verstanden haben, worum es bei der Kampagne geht und wie die Ziele effizient erreicht werden können. Dabei spielt die Qualität im Media-Mix und in der Feinplanung eine entscheidende Rolle. Wer nur den billigsten Kontakt sucht, wird Einbussen bei der Werbewirkung und damit beim Marketingerfolg in Kauf nehmen müssen.
Massgeschneiderte TV-Einsätze
Beim TV zeigt sich die Qualität unter anderem in der Wahl des Umfeldes und dem Sender-Mix. Je besser die Sendung und deren Nutzerschaft zur Kampagne passt, umso höher die Chance, dass die Werbung wahrgenommen wird und wirkt. Sonderplatzierungen der Spots oder kürzere Werbeblöcke sind ebenfalls hilfreich. Gut geplante TV-Kampagnen zeichnen sich durch einen situativ angepassten Sender-Mix und entsprechende Primetime-Anteile, smarten zeitlichen Einsatz und vor allem durch sorgfältig selektionierte Umfelder aus.
Digitalwerbung muss wirken und soll nicht stören
Auch bei der Onlinewerbung gilt: Qualität zeigt sich in der Integration. Je besser die Werbung im Umfeld wahrgenommen wird, umso besser die Wirkung. Je mehr die Werbung stört, umso eher wird sie übersprungen. Für «Programmatic»-Kampagnen bedeutet dies, dass die Ausspielung pro Kampagne und Thema auf relevante Webseiten reduziert werden sollte (Include-Listen). Sonst verlieren sich ihre Kampagnen im globalen Internet und verirren sich auch auf fragwürdige ausländische Seiten. Dann müssen sich Werbeauftraggeber zu Recht Fragen zur Brand Safety und Finanzierung radikaler Kreise gefallen lassen.
«Verlangen Sie von Ihren Partnern sowohl Quantität als auch Qualität in der Mediaplanung. Es lohnt sich.»
Lassen Sie sich somit nicht allein von hohen Kennzahlen beeindrucken. Machen Sie sich ein Bild davon, wie hoch die Chancen für Ihre Kampagne ist, von Ihrer Zielgruppe tatsächlich wahrgenommen zu werden. Und am wichtigsten: verlangen Sie von Ihren Partnern sowohl Quantität als auch Qualität in der Mediaplanung. Es lohnt sich!
Der SWA organisiert regelmässig Webinare zu diesem und weiteren Fachthemen. Zudem unterstützt der Verband seine Mitglieder bei individuellen Fragenstellungen. Werbeauftraggeber können zum Beispiel die Qualität und Quantität ihrer Mediaplanung durch eine unabhängige Zweitmeinung oder ein Mediaaudit überprüfen lassen. Die SWA-Geschäftsstelle gibt gerne die Kontakte dazu weiter.
*PMC Prezzi Media setzt Kampagnen mit Fokus auf Qualität und Werbewirkung in allen Medien um. Zu den speziellen Kompetenzen gehören Online- und TV-Kampagnen, die inhouse entwickelt, geplant, gebucht und überwacht werden.
Klassische Aussenwerbung (OOH) und Digitale Out-of-Home-Werbung (DOOH) haben etwas gemeinsam: Sie schaffen Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum. Doch sie unterscheiden sich auch fundamental. Kann man beide Gattungen vergleichen? Eine Gegenüberstellung.
Julia Gundelach
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31. Oktober 2021
(Bild: Unsplash / Jazmin Quaynor)
Es ist das älteste Medium der Welt – und gleichzeitig eines der modernsten überhaupt. Egal, wo man sich hinbewegt, wird man damit konfrontiert, auf der Strasse, im Bus, auf dem Berg, am Bahnhof, am Flughafen oder am Point of Sale: Aussenwerbung rückt ins Blickfeld, sobald man das Haus verlässt. Zumindest noch, denn ab 2025 werden zumindest in Genf im öffentlichen Raum keine Plakate mehr zu sehen sein. Im Stadtgebiet wird Werbung dann verboten – die leerstehenden Flächen stehen unter anderem kreativen Bürgern zur Verfügung. Was dieser Schritt für die Zukunft der Aussenwerbung heisst, bleibt abzuwarten – bei vielen Konsumenten kommen Plakate & Co. jedenfalls durchaus an: Der Studie «Top-Media-Kanäle 2020» von dieMarktforscher.org zufolge gehören Plakate auf der Strasse nicht nur zu den am meisten betrachteten Medien, sondern auch zu den sympathischsten.
«Beide Gattungen verfolgen dieselbe Absicht: bestmöglich eine relevante Zielgruppe zu erreichen.»
Dabei ist Aussenwerbung längst nicht mehr nur analog. Auf immer mehr Screens flimmert sie auf öffentlichen Plätzen, freut sich über eine längere Blickverweildauer, hohe Aufmerksamkeit – und bietet Werbetreibenden eine enorme Flexibilität. Je nach Wetter oder Standort, kann sie unterschiedlich ausgespielt, sogar programmatisch gesteuert werden und entwickelt sich stetig weiter. Aussenwerbung und digitale Aussenwerbung: Kann man diese beiden Gattungen überhaupt miteinander vergleichen?
Was DOOH und OOH können, was nicht
Natürlich, meint Marc Goetti, CEO Excom Media. «Beide Mediengattungen verfolgen dieselbe Zielsetzung: Bestmöglich die Aufmerksamkeit einer relevanten Zielgruppe zu erreichen.» Maria Brinkmann, Managing Director Publicis Media, stimmt zu: «Beide Werbeträger eignen sich sowohl für Brand Awareness als auch zur Unterstützung des Abverkaufs und ergänzen sich optimal. Was den bedeutenden Unterschied ausmacht, sind die Flexibilität und die Möglichkeiten für die Werbetreibenden, welche bei DOOH weitaus grösser sind.» Das heisst: DOOH punktet mit kürzeren Buchungswegen, einer deutlich höheren Flexibilität, kürzeren Anlieferungszeiten, Targeting-Möglichkeiten, mit denen sich Sujets aktuell ausspielen lassen. In der Pandemie unterstützte Excom Media etwa das Bundesamt für Gesundheit bei den Covid-Kampagnen. Oft habe man aktuelle Inhalte erst am Vorabend bekommen, die am nächsten Tag schon ausgespielt werden mussten, sagt Goetti. Auf klassischen Plakaten eigentlich undenkbar.
«Beide Kanäle haben ihre Vorzüge. Wie können sich Werbetreibende entscheiden?»
«Der entscheidende Vorteil von DOOH», sagt Maria Brinkmann, sei aber «der Einsatz des Bewegtbildes, welches für eine deutlich höhere Emotionalität der Werbebotschaft sorgt: Man denke nur an die von den bunten, leuchtenden Werbescreens geprägten Bilder vom Times Square in New York.» Weiterer Pluspunkt: Die Kombinationsmöglichkeiten mit anderen Medien sind bei DOOH einfacher. «Man kann bestehendes Basismaterial meist sehr gut adaptieren. Das rundet eine crossmediale Kampagne schön ab», so Marc Goetti. Die Sichtbarkeit ist dank hochauflösender Screens zu jeder Tageszeit gegeben. Und: «Die Zielgruppe kann in eine direkt sichtbare digitale Interaktion eingebunden werden, ergänzt Ariane Piccinno von Richnerstutz, dem Experten, der «alles für die Kommunikation im Raum» umsetzt. Aber: Auch die klassische Aussenwerbung hat Vorteile, die die digitalen Geschwister wiederum nicht bieten können. Nach wie vor ist die Abdeckung mit analogen Flächen in der Schweiz deutlich höher; damit bieten sie eine höhere Reichweite. Sie sind punktgenau regional ausspielbar, zum Beispiel in der Nähe von Supermärkten. Dazu kommt die Stellen-Exklusivität: «Damit ist der Share of Voice höher, denn DOOH-Werbung wird in einer bestimmten Spotlänge in einem Loop ausgespielt», erklärt Maria Brinkmann. Und sie fallen auf: «Bei Megapostern oder anderen analogen Werbeträgern im 3D- oder Grossformat besteht weniger die Gefahr, übersehen zu werden, denn sie sind dauerhaft auffällig und sichtbar», sagt Ariane Piccinno.
Kampagnenziele im Fokus
Das heisst, beide Kanäle haben ihre Vorzüge – wie können sich Werbetreibende entscheiden? Das hängt vom Marketingkonzept und den Kampagnenzielen ab. Und davon, wo sich die Zielgruppen aufhalten. «Im Fokus sollte das Verhalten der Zielgruppe stehen: Autofahrer aus der Agglomeration sind wohl einfacher beim Einkaufen im Supermarkt zu erreichen als im Hauptbahnhof oder mit Fernsehwerbung. Sensoren und Daten erlauben es, eine Zielgruppe in neuen Umfeldern zu identifizieren und dort anzusprechen, wo es überrascht», sagt Benjamin Wey, der mit Adtrac im vergangenen Jahr – mitten in der Corona-Krise – ein Start-up gegründet hat, das Media- und Werbeagenturen mit den Anbietern von digitalen Out-of-Home-Werbeflächen verbindet, und die Buchung, das Analysieren und Abrechnen von Kampagnen effizienter und einfacher machen will. Warum war das an der Zeit? «Der Aussenwerbemarkt ist immer noch sehr konservativ», so Wey. «Mit Adtrac wollen wir Effizienz und Live-Daten in diesen attraktiven und hochwertigen Markt hineinbringen, Wege kürzen und automatisieren.»
Auch die Post macht ihre Geschäfte fit für die digitale Zukunft. Mit der Übernahme von Livesystems mit, laut Post, einem Netzwerk von mehr als 8000 Werbescreens an öffentlichen, stark frequentierten Standorten, möchte die Post das Verbreiten von physischer Werbung in die digitale Zukunft führen, heisst es in einer Medienmitteilung. Einen «logischen Schritt» nennt die Post die Übernahme. Was heisst das für die Aussenwerbung? «Die Zukunft ist digital!», sagt Benjamin Wey von Adtrac. «Daten und Automatisierung ermöglichen komplett neue Herangehensweisen. Um das volle Potenzial der Digitalisierung zu nutzen, müssen wir alle umdenken.» Eine Herausforderung, die dabei offenbar noch besteht: das Thema Vergleichbarkeit bzw. Messbarkeit der Medialeistung. So wurde das Forschungsprojekt AM4DOOH, ein internationales Konsortium, getragen von APG|SGA, Clear Channel, Exterion Media, JCDecaux und mit World Out of Home Organization als Sponsor Ende 2019 in die Daten von SPR+ integriert. «Hier sind die Eintrittsbarrieren für viele DOOH-Netzwerke aber sehr hoch oder AM4DOOH gibt keine Messwerte dafür (z.B. Indoor-Netzwerke). Ein universaler Messansatz für DOOH wäre wünschenswert», bemängelt Marc Goetti.
Wie sieht die Zukunft der Aussenwerbung aus? Die Welt wird digitaler, auch Programmatic-DOOH nimmt an Bedeutung zu. Doch auch klassische Formate behalten ihre Daseinsberechtigung. Media-Expertin Maria Brinkmann bringt es auf den Punkt: «In einer Zeit von Ad Fraud und Brand-Safety-Skandalen, fortschreitender Fragmentierung der Medianutzung und des Reichweitenschwunds in den traditionellen Medien hat Aussenwerbung einen entscheidenden Vorteil: Das Medium ist auf natürliche Weise ins Leben der Menschen integriert und wird ein Bestandteil davon bleiben, solange es Mobilität gibt.» Das sind doch gute Aussichten.
INTERVIEW
«Analoge Aussenwerbung wird nicht so schnell verschwinden»
Was hat OOH, das DOOH nicht hat – und umgekehrt? Dragan Dojcinovic, CEO von Livesystems, im Interview.
M&K: Dragan Dojcinovic, Sie sind Spezialist für DOOH, haben aber auch analoge OOH-Angebote. Beides ist Aussenwerbung – kann man beide Medien miteinander vergleichen? Dragan Dojcinovic Ja und nein. Das Umfeld ist dasselbe, die Art und Weise, wie man die Kunden anspricht, unterscheidet sich jedoch in dem, dass das eine digital und das andere analog ist. Man kann einen Vergleich ziehen, da die Leistungswerte die gleichen sind, jedoch keinen, da digitale Flächen kreativ andere Möglichkeiten bieten.
Welche Vorteile haben die jeweiligen Gattungen, die die jeweils andere nicht hat?
DOOH hat ganz klar den Vorteil, dass kreative Umsetzungen mehr Möglichkeiten haben. Auch die Aufmerksamkeit ist in der Regel beim Bewegtbild höher als bei analoger Werbung. Der Vorteil der analogen Werbung liegt jedoch in der ständigen Belegung der Fläche, bei DOOH rotiert die Werbung in einem Loop mit anderen Sujets.
Welches sind die grossen Herausforderungen, denen DOOH in der nächsten Zeit gegenübersteht?
Die grösste Herausforderung meiner Meinung nach liegt darin, dass die Digitalisierung nicht schnell genug vorangehen kann, und dass sich die Technologien sehr schnell weiterentwickeln. Auf der anderen Seite können zu viele digitale Flächen auf kleinem Raum die Wirksamkeit schmälern. Heute fällt ein digitaler Screen deutlich mehr auf, da es nicht sehr viele gibt.
Ein Blick in die Zukunft: Wie wird sich das Verhältnis im Aussenwerbemarkt verändern – wird es klassische Angebote auch weiterhin geben, auch wenn digitale Medien ganz andere Möglichkeiten bieten?
Analoge Aussenwerbung wird nicht so schnell verschwinden. Der Anteil an Digital wird jedoch in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Somit wird der analoge Markt tendenziell rückläufig sein, bestehen bleiben wird er jedoch noch einige Zeit.