Kreativranking 2021: Rosemarie bringt CRK den Sieg

Die Agentur CRK legt im diesjährigen Kreativranking einen Raketenstart hin – und katapultiert sich mit einem emotionalen Werbefilm auf den ersten Platz. Vorjahressieger Jung von Matt Limmat zieht sich zurück, Ruf Lanz bleibt konstant, Publicis rückt auf.

Kreativranking 2021
Der Kurzfilm «Das bewegte Leben der Rosemarie» räumte bei diversen Wettbewerben ab und bescherte der Agentur CRK den Sieg im Kreativ­ranking. (Bild: zVg)

Der Shootingstar des Jahres 2021 heisst CRK. Die «Boutique Agency of the Year» konnte 2021 vor allem mit dem emotionalen Kurzfilm «Das bewegte Leben der Rosemarie» der Kampagne «Karriere machen als Mensch» punkten. Im Auftrag von Curaviva Schweiz, Spitex Schweiz und OdASanté hatte diese Kampagne das Ziel, Karrieren in der Langzeitpflege zu stärken und die Rekrutierung von Fachpersonen zu unterstützen. Der preisgekrönte Film porträtiert den Lebensweg von Rosemarie – ihre Erfahrungen im Krieg, Trennungsschmerz und Wiedersehensfreude bis zum Moment, in dem sie ihre Geschichte Livio erzählt, der Pflege studiert und sich um sie kümmert.

Christian Bircher, der als Creative Director für den Film verantwortlich zeichnete, ist stolz. «Die Möglichkeit, eine Geschichte in diesem Format für eine Imagekampagne umzusetzen, hat man nicht jeden Tag. Unser Einreichbudget war im Gegensatz zu den internationalen Agenturen begrenzt und so haben wir Rosemarie sehr gezielt in den Kategorien Art Direction und Animation eingereicht.» Vereinzelt habe man dann trotzdem auch die «Vier Freunde» für die BFE-Kampagne «Erneuerbar heizen» und die Pro-Infirmis-Kampagne #WieDuUndIch eingereicht, die zusätzlich Punkte im Ranking gebracht hätten, führt Bircher aus (siehe Interview auf Werbewoche.ch).

Führt das Kreativranking 2021 an: Das Team von CRK. (Bild: zVg.)

Rang 2 bis 5

Den zweiten Platz belegt Ruf Lanz. Man könnte salopp schreiben, «wieder» oder «gewohnt brillant», aber dies würde nicht wirklich abbilden, welch kreative Wucht von dieser Boutique-Agentur ausgeht. Es ist keinesfalls normal, dass sich Ruf Lanz seit 20 Jahren – sie feierten letztes Jahr Jubiläum – dermassen beständig in der dünnen Luft der Besten geschmeidig bewegt. Markus Ruf fasst seinen zweiten Platz im Ranking so zusammen: «Kein Mensch hat auf eine Kampagne gewartet. Es braucht eine Idee, welche die Botschaft so überraschend verpackt, dass das Publikum sie hören möchte.» Und das gelingt der Agentur, die acht kreative Köpfe umfasst, seit Jahren in einer Konstanz, die ihresgleichen sucht. Herausragende Kampagnen, für die es Awards regnete, waren unter anderem «Tier im Recht», «Welti-Furrer Fine Art Transport» und «Kein Tier im Visier 2». Weitere Statements gibt Ruf auf Werbewoche.ch.

Publicis/Notch hat sich von Rang 7 auf Rang 3 katapultiert. Seit zwei Jahren agiert Notch unter dem Dach der Publicis-Gruppe und zusammen haben sie im Jahr 2021 vor allem mit der Videoberatung der Migros-Fachmärkte, der Nachbarschaftshilfe Amigos von Migros und der UBS Helpetica ausgezeichnete Kampagnen erarbeitet. «Dieses Jahr hat uns zwei Dinge bestätigt», sagt Publicis-Zürich-CEO Matthias Koller. «Erstens, dass Publicis Zürich für Kreativität steht, die mit anpackt und bewegt. Und zweitens, dass wir mit Notch Kreativität bieten, die mit Design und innovativer Technologie Menschen und Marken verbindet. Wenn es nun darum geht, diese geballte Ladung Kreativität an Award-Shows prämieren zu lassen, dann ist für uns klar, dass wir nur reale Kampagnen für reale Kunden einreichen. Keine Award-Ideen, keine Idee ohne Briefing.»

Den vierten Rang holt sich Wirz, die letztes und auch vorletztes Jahr pausierten. Natürlich nicht in der kreativen Arbeit, sondern bei der Einreichung an Wettbewerben. Nun sind sie wieder im Ranking vertreten und stabil auf Platz 4, wie auch schon vor der Pause (siehe Grafik). Awards gewonnen hat Wirz im Jahr 2021 mit vielen Arbeiten, allein beim ADC Schweiz gewann die Agentur fünf mal Silber mit fünf verschiedenen Kampagnen. Die Einreichung beim ADC Schweiz ist für Wirz vor allem ein Bekenntnis zum Kreativstandort Schweiz. Die Wirz-Co-CEOs Livio Dainese und Petra Dreyfus sehen die Investition in die Einreichungsgebühr als Nachwuchsförderung. «International reichen wir nur noch Arbeiten ein, auf die wir richtig stolz sind, auch dann noch, wenn wir damit nichts gewinnen», so Dainese. In diesem Jahr war das der Schweiz-Tourismus-Spot «No Drama» mit Robert de Niro und Roger Federer.

TBWA\Zürich war letztes Jahr aus den Top 10 gefallen, dies erklärte ECD Manuel Wenzel so: «Wir haben uns schon ziemlich am Anfang der Covid-Story für einen Award-Stopp entschieden, als Teil einer Reihe von Massnahmen, die wir zur Arbeitsplatzsicherung für unsere Leute eingeleitet haben.» Scheinbar eine gute Entscheidung, denn dieses Jahr sind sie mit geballter Kraft zurück und verdrängen die Agentur Havas von Platz 5. Besonders stolz ist Wenzel, dass TBWA mit sieben verschiedenen Arbeiten für fünf Kunden in verschiedensten Disziplinen Auszeichnungen erhielten. Sein ganz persönliches Highlight 2021 sei das Tesla-Targeting, das TBWA für Porsche entwickelt habe, weil es eine ganz andere Art Idee gewesen sei, die disruptive Antwort einer Kreativagentur auf den Data- und Performance-Hype.

Die Top 5 2021: CRK setzt sich an die Spitze, gefolgt von Ruf Lanz. Publicis/Notch belegt Rang 3 vor Wirz. TBWA erkämpft sich nach einer Pause Rang 5. (Bild: Redaktion)

Platz 6 bis 10

Platz 6 des Kreativrankings eroberte dieses Jahr die Agentur Inhalt und Form. Karin Estermann, ECD und Partnerin, ist stolz, dass die Agentur in so herausfordernden Zeiten voll und ganz aufs Team zählen konnte. Dadurch entstanden tolle Kampagnen, die dazu führten, zufriedene Kunden und auch Award-Auszeichnungen zu generieren. So für Aldi Suisse, Carl F. Bucherer, EI Tony und Caotina. Besonders stolz ist Dominik Stibal, CEO und Partner, aber auf das «Züribrätt». Eine Eigeninitiative der Mitarbeitenden von Inhalt und Form, die während des Lockdowns das Bar- und Clubleben von Zürich in Form eines Brettspiels in die warme Stube brachte. «Damit konnten wir nicht nur mehrere Preise an verschiedenen Awardshows, sondern auch über 70 000 Franken sammeln, die der Bar & Club Komission Zürich zugutekamen», so Stibal. Die «iundf family», bestehend aus Inhalt und Form, iundf Marketing Technology sowie iundf Media Impact, sei 2021 weiter gewachsen und habe ihr Kundenportfolio ausbauen können. «Ein gutes Zeichen, dass die Neuausrichtung, die wir vor fünf Jahren eingeschlagen haben, Früchte trägt », sagt Dominik Stibal.

Von Inhalt und Form zwar von Platz 5 auf Platz 7 verdrängt, hält sich Havas aber seit Jahren stabil in den Top 10 des Krea­tivrankings. Die Zukunft der Kreativwirtschaft sieht Patrick Beeli, CD von Havas Zürich, herausfordernd. Ideen seien Teil eines komplexen Systems geworden. Die Herausforderung werde sein, die Kreativität und die Kundenzentriertheit optimal miteinander zu verbinden. Diese dürften sich nicht ausschliessen. Gabriel Mauron, CD von Havas Genf, fügt noch hinzu, dass durch die richtige kreative Strategie, gepaart mit guter Unterhaltung, Kunden ein noch bedeutsameres Erlebnis ermöglicht werde.

Die Farner-Gruppe hat sich von Platz 10 auf Platz 8 gearbeitet. Obwohl das Kreativranking als Ansporn für die Branche sehr wohl eine Bedeutung habe, betont Philipp Skrabal, dass die Agentur sich auch im Jahr 2021 nicht darauf konzentriert habe. Dies, weil die Aussagekraft in Bezug auf das effektive kreative Leistungsvermögen der Agenturen verzerrt sei. Der CCO und Partner der Farner-Gruppe fasst es so zusammen: «Wir sind stolz auf unsere Platzierung. Kreativität bleibt matchentscheidend – im professionellen Alltag zeigt sie allerdings ein wesentlich facettenreicheres Gesicht als in diesem Ranking abgebildet.»

Wunderman Thompson hält sich stabil auf dem neunten Rang. Swen Morath, Co-CEO und CCO im O-Ton: «Aufgrund der wirtschaftlich immer noch angespannten Lage in der Schweiz haben wir 2021 deutlich weniger Einreichungen gemacht als üblich. Aber uns war es wichtig, bei möglichst jedem lokalen Award, der stattfand, mindestens einen Case einzureichen, um damit die Veranstalter etwas zu unterstützen. Es so trotzdem noch in die Top 10 des Kreativrankings geschafft zu haben freut uns besonders.»

Rang 10 geht in diesem Jahr an Dept Agency. Michael Volkart, Founder und Partner, empfand das Jahr 2021 als sehr speziell. Es sei der Startschuss für Dept als holistische Digitalagentur in der Schweiz gewesen. «Mit dem Rebranding von Hinderling Volkart zu Dept können wir das, was wir schon seit Längerem in der Schweiz in den Bereichen Creation und Performance zusammen angeboten und erfolgreich gepitcht hatten, nun auch unter einem Markendach vereinen», so Volkart.

Und Jung von Matt Limmat?

Die letztjährige Siegerin Jung von Matt Limmat fehlt im diesjährigen Kreativranking. Die Agentur fährt seit 2021 eine reduzierte Awardstrategie und investiert die freiwerdenden Ressourcen konsequent in die Nachwuchsförderung. Aus diesem Grund hat sich die Agentur entschieden, nicht am Kreativranking 2021 teilzunehmen.


Das Schweizer Kreativranking wird von der Werbewoche seit 2002 jährlich durchgeführt und publiziert. Nach der Zusammenführung von m&k und Werbewoche.ch wird das Ranking seit 2022 in der Printausgabe von m&k und online auf Werbewoche.ch veröffentlicht. Es bildet die Leistungen der Agenturen bei nationalen und internationalen Wettbewerben ab. Die Regeln – also welche Awards mit welcher Gewichtung angerechnet werden dürfen – werden vom ADC Switzerland in Absprache mit den führenden Agenturen festgelegt. Die letzte Regelanpassung fand anlässlich einer sogenannten «Elefantenrunde» 2017 statt. 

Quo vadis, Marketing?

Die Herausforderungen an Marketers sind – nicht erst seit Beginn der Pandemie – enorm gewachsen. Sie müssen die datenbasierte Transformation vorantreiben, immer mutiger neue Dinge ausprobieren, von der Produkt-Innensicht zur Kunden-Aussensicht gelangen. Und, ganz wichtig: unternehmerisch denken.

Quo vadis, Marketing?
(Illustration: Silvan Borer)

Die Unkenrufe, dass die Position des Chief Marketing Officer «tot» sei, haben sich in den vergangenen Jahren deutlich gemehrt. Die meisten CMOs, so lassen kritische Stimmen verlauten, würden sich nicht mehr wirklich mit Marketing beschäftigen; das Schaffen und Liefern von Mehrwerten für die Kundschaft sei über die Zeit mehr und mehr in den Hintergrund gerückt. Immer mehr Marketers wären in ihren Organisationen regelrecht «eingeengt»; würden sich eher auf Public Relations und Kommunikation konzentrieren als auf die Produkt- und Preisgestaltung. Ständig müssten die CMOs darauf achten, nicht zu fest in den Bereich des Chief Innovation oder des Chief Financial Officers einzudringen. Was ist dran an diesen Behauptungen? Und welche Schlüsse erlauben sie für die Zukunft des Marketing?

Mehr strategische Verantwortung

Einer, der von solch undifferenzierter Kritik wenig hält, ist Rolf Rellstab. Der Dozent an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW glaubt nicht, dass das Marketing an Bedeutung verliert – wohl aber, dass sich die Aufgaben der Marketers grundlegend wandeln: «Während das Marketing traditionell am Ende der Wertschöpfungskette angesiedelt war und sich als Ausführungsorgan auf Markenführung und Werbung konzentrierte, beteiligten sich moderne CMOs heute an der ­Diskussion über die strategische Richtung des Unternehmens und übernehmen Mitverantwortung für die Wachstumsziele», erläutert der Experte.

«Richtig interpretiert, ist der Arbeitsbereich der Marketing-Fachleute wichtiger denn je.»

Richtig interpretiert, sei der Arbeitsbereich der Marketing-Fachleute heute gar «wichtiger denn je». Rolf Rellstab fährt fort: «Die Globalisierung des Wettbewerbs, der enorme Einfluss der Digitalisierung, die technologische Konvergenz, die Erosion von Branchengrenzen und die steigenden Ansprüche der Konsumentinnen und Konsumenten sind, gelinde gesagt, challenging.» Unternehmen müssten auf diese Veränderungen reagieren, Strategien anpassen und Geschäftsmodelle umgestalten. «Das Marketing ist dafür verantwortlich, dass diese Transformation nicht an den Kundenbedürfnissen vorbeigeht», so der ZHAW-Dozent.

«Chief Collaboration Officer»

Jennifer Chase, CMO der global operierenden Tech-Firma SAS, schlägt in eine ähnliche Kerbe. Sie habe den Eindruck, dass das Marketing in vielen Unternehmen lange als «ausführendes Organ» wahrgenommen wurde. Eine Art Service, der die Strategie der Firma mit aktivierenden Massnahmen unterstützt. «Mittlerweile hingegen, das kann ich zumindest für SAS sagen, helfen wir mit dem Marketing, die Strategie des Unternehmens zu konzipieren.» Eine der «Superkräfte» von Marketers müsse es sein, sich zu «Chief Collaboration Officers» zu machen: Die Tech-Managerin Jennifer Chase sagt, sie verbringe heute erheblich mehr Zeit mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Fachbereichen, um zu verstehen, was deren Challenges sind. «Wie kann ich ihnen mit Marketing helfen, wie können wir gemeinsam ein Ziel erreichen?»

Herr und Frau «Tausendsassa»

Auch Achill Prakash, der frühere Marketing-Chef von Swisscom, findet: «Die Rolle des CMO wird immer wichtiger.» Da die Märkte komplexer seien, werde auch das Marketing vielschichtiger und interessanter. «Vielleicht müsste der CMO sogar der Chief Market Officer sein.»

Prakash bringt auch die Bezeichnung Chief Commercial Officer ins Spiel, was die Aufgabe in seinem Sinne fast am besten treffe. Früher hätten sich Chief Marketing Officers mit Agenturchefs bei teuren Lunches und mondänen Events über tolle Werbung unterhalten. Doch diese Zeiten seien vorbei, mittlerweile seien den Marketers zahlreiche neue Aufgaben übertragen worden. Sie müssten heute Kundenversteher, Google-Spezialisten, Innovationstreiber, Prozessoptimierer, Komplexitätsvereinfacher, Wachstumsbringer, Kampagnendesigner, Produktverkäufer, Digitalmediaspezialist, Kostendrücker und noch viel mehr sein.

«Es ist unglaublich, was CMOs heute draufhaben müssen!» Doch weil die Tasks zwar gewachsen seien, das Verantwortungsprofil aber noch nicht überall, sei die Rolle des Chief Marketing Officers nie erwachsen geworden. «Aufgaben, Verantwortung und Kompetenz sind oft nicht aligned», wie der Marketing-Experte sagt.

Prakash, der heute selbstständig ist und in Zürich das Beratungsunternehmen Better Studio führt, bezeichnet die Rolle des CMO als «unscharf by nature». «Kein Wunder, verliert sich die Persönlichkeit des Chief Marketing Officers und die Kraft der Disziplin im alltäglichen Unternehmenswahnsinn.» Doch es würde zu kurz greifen, die Schuld dafür bei den anderen zu suchen. «Wenn die Rolle des CMO nicht stark genug ist, sind wir auch selber schuld», macht der 44-Jährige klar (siehe dazu die Thesen weiter unten im Artikel).

Digital und datengetrieben

Die Pandemie hat als Transformationskatalysator gewirkt und die Veränderungsdynamik auf Markt- und Kundenseite signifikant beschleunigt. Laut Jan-Hendrik Völker-Albert hat Corona dafür gesorgt, dass auch die letzte Marketing-Abteilung erkannt hat, dass sie ihre digitale und datengetriebene Transformation vorantreiben muss. «Wie konsequent und ­mutig dies geschieht, wird zukünftig über Erfolg oder Misserfolg entscheiden», führt der Marketing-Chef bei Pricewaterhouse­Coopers Schweiz aus. PwC berät Kunden in allen Fragen der Customer Centric Transformation und des Marketings.

«Aufgaben, Verantwortung und Kompetenz der CMOs sind oft nicht aligned.»

Laut Völker-Albert ist die Wichtigkeit des Marketings heute abhängig von Branche und Bereich. «Die Marketing-Funktion unterstützt die Erreichung der Unternehmensziele und sorgt mit dem direkt durch das Marketing beeinflussten Umsatz für einen häufig überlebenswichtigen Beitrag zum Unternehmenserfolg.» In jedem Schweizer Unternehmen sollte es eine Person geben, die sich für Marktbearbeitung und das Marketing verantwortlich fühle – nach Möglichkeit auf Geschäftsleitungs- oder Board-Ebene: «Die Marketing-Funktion erhält umso stärker Gehör und Einfluss, je besser es den jeweiligen Verantwortlichen gelingt, ihren Einfluss auf Umsatzziele und Unternehmenserfolg datenbasiert aus- und nachzuweisen.»

Um die Position der Marketing-Abteilung intern zu stärken, setzt Jennifer Chase von SAS auf Marketing für das Marketing, wie sie es augenzwinkernd nennt: «Ich kann jeder und jedem CMO nur empfehlen, eine interne ‹Marketing-Marketing-Kampagne› zu lancieren, damit die Führungsebene und dann auch der Rest der Organisation verstehen, was wir genau tun.» Das sei in ein paar ganz simplen Schritten realisierbar: So schickt die Marketing-Chefin einmal pro Woche eine Nachricht an die gesamte Führungsetage, in der steht, was sie in der folgenden Woche vom Marketing-Department erwarten können. «Das hört sich vielleicht nach einer gewissen Taktik an, aber wie wollen wir unsere Kolleginnen und Kollegen denn sonst ansprechen?» Etwas so Einfaches wie eine wöchentliche E-Mail könne das Problem lösen.

Mit der zunehmenden Bedeutung des Marketings werde die Nachfrage nach den richtigen Talenten und die Attraktivität der Marketing-Rollen auf allen Hierarchiestufen weiter steigen, ist Jan-Hendrik Völker-Albert, der früher Marketing-Verantwortlicher bei den SBB war, überzeugt. «Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig die Marketing-Funktion für das Überleben des Unternehmens ist – speziell, wenn die physische Interaktion mit Kunden nicht mehr oder nur noch eingeschränkt möglich ist», so der PwC-Mann.

Effektivität von Kampagnen

Wie kann man eine Marketing-Kampagne quantifizieren? Wie stellt man fest, ob das investierte Kapital zu einem Anstieg der tatsächlichen Umsätze geführt hat? Laut Rolf Rellstab, Senior Researcher beim ZHAW Institut für Marketing Management, ist es relativ einfach, die Awareness nachzuweisen, die aus einer Marketing-Kampagne resultiert. Aber das alleine genügt nicht. Schliesslich will man auch wissen, ob bei der Zielgruppe Einstellungen verändert wurden, ob ein konkretes Kaufinteresse geweckt wurde oder ob Verkäufe und Loyalität gesteigert werden konnten. Aus verschiedenen Gründen, insbesondere wegen der zeitlichen Verzögerung, sei es aber oftmals schwierig, einen konkreten Kaufeffekt nachzuweisen. «Wir müssen also mit der Unsicherheit leben, dass Marketing-Kampagnen am Ende vielleicht gar nicht so effektiv sind, wie wir gehofft hatten», führt Rellstab aus.

«Moderne CMOs haben den Mut, Dinge auszuprobieren, zu testen und Fehler zu machen.»

Was zeichnet eine gute CMO-Persönlichkeit in den Augen des Dozenten aus? Um der neuen Rolle gerecht zu werden, brauche es CMOs, die Analytik und Kreativität vereinen, die sowohl technisch affin als auch kooperationsbereit sind. «Moderne CMOs haben den Mut, Dinge auszuprobieren, zu testen und Fehler zu machen. Sie können andere inspirieren und für eine Idee gewinnen. Ein(e) gute(r) CMO kann aus Daten Emotionen generieren, mit dem Ziel, Kunden zu begeistern.» Chief Marketing Officers würden so auch zu Erlebnisgestaltern, wie der 42-Jährige abschliessend erklärt.


Thesen: Die Kardinalfehler der Marketers

Achill Prakash war Swisscom-CMO und arbeitet heute als Berater. (Illustration: Silvan Borer)

Wenn für das Marketing verantwortliche Personen in ihrem Unternehmen ins Hintertreffen geraten, tragen sie Mitschuld – das sagt Ex-Swisscom-CMO Achill Prakash. Er hat vier grundlegende Fehler identifiziert, die es zu vermeiden gilt.

«Keine eigene Meinung»

Nur wenige CMOs hätten eine Meinung, die sie öffentlich äussern würden. Man höre von ihnen wenig meinungsbildende Beiträge, weder auf LinkedIn noch an Konferenzen. Die Marketers würden sich nur dann ins Scheinwerferlicht stellen, wenn es um Werbung gehe, doch: «CMOs müssen Provokateure sein. Sie müssen immer drei Schritte voraus sein und anderen davon erzählen.»

«Zu träge, zu langsam»

Viele Marketing-Leiterinnen und -Leiter würden sich heute zu langsam bewegen. Es brauche aber Charaktere und Kompetenzen, denen in den schnell drehenden Märkten nicht schwindlig werde. «CMOs dürfen nicht nur Marketing machen, sie müssen Chief of Speed sein», bringt es der Gründer von Better Studio auf den Punkt.

«Alles können wollen»

Ein weiteres Problem sei, dass viele Marketing-Verantwortliche «alles können wollen». Weil Marketing eine sehr komplexe Disziplin geworden sei, habe man eine Vielzahl von internen und externen Spezialistinnen und Spezialisten um sich geschart. Diese seien jedoch hierarchisch eingebettet, wobei immer die oberste Instanz entscheide. Das sei heute aber veraltet und fahrlässig. «CMOs müssen neue Strukturen finden, in denen Experten hochkompetent selber entscheiden können.»

«Zu wenig Unternehmertum»

Marketing sei ein Handwerk, das von Risikofreude lebe. «Wir aber entscheiden nach Daten, wir kopieren die Strategien anderer und noch schlimmer; wir wärmen unsere eigenen alten Strategien auf.» Weshalb der Experte aufruft, mehr Risiken einzugehen und es auszuhalten, wenn es einmal zu einer falschen Entscheidung komme.


Dieser Artikel erschien zuerst im m&k extra zum Direct Day 2021.

Business-Events werden kleiner und exklusiver

Barbra Albrecht, Leiterin Switzerland Convention & ­Incentive Bureau (SCIB) über Veranstaltungs-Trends und die Chancen der MICE-Destination Schweiz.

Barbra Albrecht
Barbra Albrecht, Leiterin Switzerland Convention & Incentive Burau (SCIB) und Mitglied der Geschäftsleitung bei Schweiz Tourismus. (Bild: zVg.)

m&k: Barbra Albrecht, die Coronapandemie hat die MICE-Branche in eine Krise gestürzt. Gab es in dieser Zeit auch positive Aspekte?

Barbra Albrecht: Etwas Positives für die MICE-Branche kann ich dieser Krise beim besten Willen nicht abgewinnen. Möglicherweise einzig dies: Das Innovations- und Kreativitätspotenzial wurde weiterentwickelt. Die Anbieter und Organisatoren zeigten enorm viel Flexibilität beim Verschieben von bestätigten Business-Events, im Umgang mit der Planungsunsicherheit von neuen Veranstaltungen und haben sich mit Schutzkonzepten, Aufrüstung bei der Konferenztechnik, digitalen und hybriden Formaten für die Zeit nach der Pandemie fit gemacht.

Muss sich die Branche nun neu erfinden?

Die Branche erfüllt und antizipiert fortlaufend Kundenbedürfnisse. Die Krise hat neue Bedürfnisse geschaffen, die umgesetzt und weiter­entwickelt werden, wie zum Beispiel Schutz­konzepte und Ansprüche an digitale Möglichkeiten. Auch ein Trend zu kleineren, exklusiveren Business-Events wird voraussichtlich auf dem Weg zur Rückgewinnung von Veranstaltungen einen Einfluss haben.

Wo liegen die grössten Chancen?

Die Schweiz ist eine Premium-Destination und steht für Zuverlässigkeit sowie sehr hohe Qualität. Wir gehen davon aus, dass Business-Events in nächster Zeit tendenziell kleiner und exklusiver werden. Sicherheit und Zuverlässigkeit gewinnen ganz klar an Bedeutung. Diese Faktoren steigern die Attraktivität der Schweiz als Destination für hochstehende Business-Events weiter und ermöglichen die Durchführung von Veranstaltungen, die in der Vergangenheit wegen ihrer hohen Teilnehmerzahl für unser Land zu gross waren.

Sehen Sie bereits Anzeichen einer Erholung?

Auf jeden Fall. Die verschobenen Meetings finden wieder statt und Anfragen für neue Veranstaltungen nehmen zu. Vor allem aus der Schweiz, dem angrenzenden Ausland, aber auch aus ganz Europa und Nordamerika.


Dieses Interview erschien zuerst im m&k go! der m&k Printausgabe 6-7/2021

Wurzeln und Flügel: Doris Bühler im Porträt

Doris Bühler, Chief Creative Officer und Partnerin der Agentur Bühler&Bühler, sprüht vor Energie, Lebenskraft und Positivität. Seit acht Jahren führt sie mit ihrem (inzwischen Ex-)Mann die Agentur. Intuition und kurze Wege sind nur zwei ihrer Kernmerkmale.

Wurzeln und Flügel: Doris Bühler im Porträt
(Bilder: Chris Reist)

Zum ersten Mal treffe ich Doris Bühler an der Award Night des SDV. Wir sind sofort Feuer und Flamme und unterhalten uns weit über normales Networking hinaus, bis wir hineingebeten werden in den Saal.

Bühler&Bühler räumt beim SDV-Award dreimal ab. Dialogmarketing ist eines der Kerngebiete der Agentur. Kommentar von Doris Bühler: «Ich freue mich, dass unsere Mitarbeitenden für ihre Arbeit Wertschätzung erhalten.» Denn was die Kreativchefin auf keinen Fall will, ist ihre Mannschaft verheizen. «Das wichtigste Gut sind die Menschen, mit denen wir arbeiten, sie sollen all ihr Potenzial ausschöpfen und sich bestmöglich weiterentwickeln können.» Deshalb sagt Bühler auch schon mal Nein, wenn es um einen Auftrag geht.

Ist das wirtschaftlich? Da lacht sie laut und sprüht Funken. «Ich war noch nie geldgetrieben, obwohl ich sehr unternehmerisch denke.» Beim Unternehmertum gehe es um mehr als Geld. Haltung, Fairness, Loyalität und Freude an der Arbeit seien ihr und Raphael Bühler wichtiger, als von Pitch zu Pitch hetzen und Ressourcen zu verbrennen.

«Das wichtigste Gut sind die Menschen, mit denen wir arbeiten»

Und das Konzept scheint aufzugehen. 20 Mitarbeitende auf zwei Stockwerken im trendigen Kreis 5 leben und arbeiten wie eine grosse Familie miteinander. Leben, weil die Work-Life-Balance wichtig ist bei den Bühlers, und deshalb auch schon mal das Lab in einen Clab umgewandelt wird.

C für Club … die Möbel im Industriegebäude an der Heinrichstrasse sind schnell beiseite geräumt und schaffen Platz zum Tanzen und Trinken. Der Leitspruch der Agentur kommt von Partner Raphael Bühler und hängt in grossen Lettern über der Eingangstür. «Agentur ohne Bier ist wie Büro.» Passend dazu stehen im Agenturkühlschrank etliche Flaschen Bühlerbräu. «Unsere Hausmarke», kommentiert Bühler lächelnd.

Wurzeln und Flügel

Doris Bühler wächst mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder gut behütet in Brig, Kanton Wallis, auf. Die bosnischen Wurzeln der Mutter sowie die Schweizer Wurzeln des Vaters ergeben eine feurige Mischung aus Neugier, Mut, Verwegenheit und der Liebe zu Menschen. «In unserem Haus wohnten grundsätzlich nicht nur wir, sondern über längere Zeiten auch Freunde, Familie aus der Ferne oder Menschen, die in Not waren.» Ein gesunder Schmelztiegel an Respekt, Empathie und Gastfreundschaft, der sich bis heute durch Bühlers Leben zieht. Diese Werte gibt sie auch weiter an ihren inzwischen 13-jährigen Sohn.

Schon während der Schulzeit spürt Doris Bühler, dass sie sich zu den Macherinnen zählt. Ergebnisse sind wichtig, ihre unternehmerische Ader zeigt sich früh. Sie ist keine Freundin der Endlosschleifen. Aber was machen aus diesen Charakterzügen? Sie hört via eine Freundin vom Journalistikstudium in Fribourg. Zwei Jahre, praxisbezogen lernen, viel umsetzen, schon während des Studiums, das klingt ganz nach Doris. Tatsächlich träumte sie schon lange von Zürich, aber okay, sie nimmt den Umweg über Fribourg.

Doris Bühler kann von überall arbeiten, mit Vorliebe aus dem Lieblings­sessel. (Bild: Chris Reist)

Nach dem Studium arbeitet Bühler für verschiedene Agenturen. Sie merkt, dass kreative Kommunikation, sprich Werbung, ihrem Charakter der kurzen Wege entspricht. Idee, Konzept, Umsetzung. Als ihr Sohn auf die Welt kommt, macht sie sich selbstständig. «Bühler Werbung» läuft gut und die Aufträge nehmen ein Ausmass an, das Doris dazu bringt, sich mit ihrem damaligen Ehemann und Vater des Sohnes hinzusetzen und Tacheles zu reden. «Wir funktionierten so gut, dass wir die Idee entwickelten, auch im Business zusammenzuspannen. So entstand Bühler&Bühler.»

«Respekt, Empathie und Gastfreundschaft sind Werte, die ich von meinen Eltern gelernt habe.»

Dachgartenidylle

Sie lebt und arbeitet im selben Haus. Der Arbeitsweg beschränkt sich auf einen Gang und drei Treppen. Bühler lacht. Ihr Dachgarten ist das Grün, dass sie sich gönnt. Ansonsten sind ihr Menschen wichtiger als Hab und Gut. Die Trennung von Raphael Bühler ist nun mehr als ein Jahr her. Nach 20 Jahren Liebesbeziehung haben sie sich gemeinsam entschieden, diesen Teil der Verbindung zu lösen. Aber: Die Beziehung ist nach wie vor intakt. Sie kümmern sich gemeinsam um den Sohn.

«Wir sind nach wie vor eine Familie. Dass wir privat getrennte Wege gehen, heisst ja nicht, dass wir uns nicht mehr schätzen», sagt Bühler und schaut aus dem Fenster auf die Heinrichstrasse, wo gelbe und rote Blätter vom Wind auf die Strasse geweht werden. Ihre zwei Kinder, der Sohn und die Agentur, wachsen und gedeihen. Darauf achten Doris und Raphael Bühler gemeinsam.


Communication. Content. Design.

Bühler&Bühler steht für ­kreative Kommunikation mit Wirkung. Digital und Print – lieben sie beides. Immer die Essenz finden und diese als Story zielführend inszenieren, darum geht es. Die Geschäftsleitung besteht aus Doris und Raphael Bühler und Raffaela von Gunten. Zum Kundenportfolio der Agentur gehören zum Beispiel Swisscom, Berner Kantonalbank, EGK-Gesundheitskasse und Binelli Group.

Alles auf Anfang

Nach der Sommerpause im Jahr 2021 läuft die Meetings-Wirtschaft wieder auf Hochtouren in zahlreichen angesagten, renovierten und transformierten Veranstaltungszentren.

Veranstaltungszentren
Winterlandschaft im Trafo Baden: neu mit Food Factory.

Zum erfolgten Neustart der MICE-Wirtschaft haben sich viele schweizerische Eventlocations neu erfunden. Im Zentrum standen die Erneuerung der Infrastruktur und die Erweiterung des Angebots um hybride Events. 13 angesagte Eventvenues, die zum Gast sprechen.

Industrie-Charme

Digitale Inszenierung und Factory Food: Das Trafo Baden (Bild oben) hat sein bestehendes Angebot als Hallenvermieter, Hotel und Gastrobetrieb während der Pandemie um ein Spitzencatering mit dem Sternekoch Martin Liefeith erweitert. Mit Bezug zur Geschichte und den Industriehallen wurde dafür der Begriff «Factory Food» geschaffen. Bereits vor der Pandemie hatte Trafo Baden sein Angebot um die Onlinegestaltung von Events mittels der Software «allseated» erweitert. Es erlaubt Kundinnen und Kunden von Trafo Baden, einen virtuellen Rundgang in einem fotorealistischen Modell der Trafo-Hallen zu machen. Venuepartner Habegger betreibt die Veranstaltungstechnik und besorgt hybride Events für mehr Reichweitengenerierung für die Trafo-Kunden.

Place to be: Weit über 100 Branchenprofis kamen im September zum Meet­Europe-Event im brandneuen «The Circle» direkt am Flughafen Zürich. The Circle Convention Center bietet in der 1292 m² grossen Convention Hall Platz für 1500 Gäste. Ausserdem stehen 15 Tagungsräume sowie 554 Gästezimmer zur Verfügung.

Meet Europe Event im The Circle am Flughafen Zürich.

Eventfactory: Wo früher der Duft der Maggi-Produktion durch die Nase zog, weht jetzt ein Wind von postindustrieller Architektur durch das frühere Produk­tionszentrum von Nestlé und dem heutigen, vollständig szenisch renovierten «The Valley» in Kemptthal. Es liegt verkehrsgünstig gelegen zwischen dem Flughafen Zürich und der sechstgrössten Schweizer Stadt – Winterthur.

Postindustrielle Architektur im The Valley in Kemptthal.

Geschichtsträchtig: Die Halle 550 in Zürich-Nord ist ein frisch renovierter Leuchtturm im Schweizer Locationmarkt. Sie kann digital besucht, erkundet und erlebt werden. Dies mit einem animierten 3-D-Flug durch alle vier Teile und bis in die hintersten Winkel der innovativen Eventhalle.

Das Dîner surréaliste von Charles Kaisin in der Halle 550 in Zürich-Nord.

Architekturhighlight: Kurz vor dem zweiten Lockdown und auf dem Höhepunkt der Pandemie galt es für JED, der neue Event- und Coworking-Hub in Schlieren an der Grenze zum Millionen-Zürich, neue Formate und Lösungen zu entwickeln. Zusammen mit Winkler LiveCom wurde entschieden, die Eventhalle in ein multifunktionales Streamingstudio umzubauen und auf digitale und hybride Eventformate zu setzen. In einer atemberaubenden Kulisse bietet man jetzt professionelle Lösungen für Events an. Beim Preismodell wurde ein völlig neuer Ansatz gewählt und ein dynamisches Pricing entwickelt, das Veranstalter belohnt, die ihren Event an einem weniger nachgefragten Tag durchführen. Mit der Wahl eines entsprechenden Datums sind Gesamtersparnisse von bis zu 70% möglich.

Kamera läuft: Livestreaming im JED in Zürich-Schlieren.

Spektakel für emotionale Erlebnisse

Alternative Bühne: Die Umwelt Arena ist ein Veranstaltungsort zum gleichnamigen Thema mit Mehrwert für Gross­anlässe, Seminare, Messen und Versammlungen. Die Arena ist das Herz des Gebäudes und bietet Platz für bis zu 4000 Personen auf rund 3000 m² – Bankett, Konzert, Fach- oder Hausmesse oder Award Night.

Erhaben: Das Dolder Grand Hotel ist für seine Gäste durch die besondere Lage und Architektur atemberaubend. Zur Post-Covid-Neulancierung des etablierten schweizerischen Markenkongresses des ESB-Marketingnetzwerks kamen im August 300 Gäste und 100 nahmen via Livestream online teil. Es sei ein eindeutiges Zeichen, dass die Branche wieder raus aus den Homeoffices drängt, meinte Hans-Willy Brockes, CEO ESB-Marketing-Netzwerk, der Veranstalter des Markenkongresses.

Erhaben: das Grand Hotel Dolder.

Neulancierung der Etablierten

Der Star: Congress Basel ist das grösste Kongresszentrum der Schweiz. Während der Zeit, die geprägt war von Reise- und Kontaktbeschränkungen, wurden neue Angebote geschaffen. Jetzt steht bei Congress Basel ein vollständig eingerichtetes Streamingstudio der neusten Generation zur Verfügung für die Durchführung von Webinaren, Schulungen und interaktiven Podiumsdiskussionen. Congress Basel hat ausserdem die Möglichkeit geschaffen, im Congress Center Basel auf eine virtuelle Site-Inspektion zu gehen.

Trumpfass: Dank einer Kooperation von Messe Zürich, Hallenstadion und Zürich Tourismus zur Arena Convention Expo Zurich ACE stehen in Zürich-Oerlikon nahezu unbegrenzte Möglichkeiten für Corporate Events, Messen, Sportveranstaltungen und internationale Kongresse zur Verfügung. Das Hallenstadion Zürich ist mit 14 000 Quadratmetern und bis zu 15 000 Plätzen eine der grössten Mehrzweckhallen Europas.

Neulancierung: Im September ging es mit der Wiedereröffnung nach dem Umbau auch im altehrwürdigen Kongresshaus Zürich wieder los. Das neue Kongresshaus Zürich kombiniert die historische Bausubstanz geschickt mit State-of-the-Art-Technologien wie dem brandneuen Livestreamingstudio des sich im gleichen Haus befindenden Profis für Veranstaltungstechnik, Venon.

«Während der Pandemie hat sich vieles verändert, nicht aber der Bedarf an persönlichen Treffen.»

Kultur: Aus der Tonhalle Maag in Zürich wurde die Lichthalle Maag, das erste permanent betriebene Museum der Schweiz für immersive Kunst. Sie eröffnete gleich mit einer Weltpremiere. «Viva Frida Kahlo – Immersive Experience» setzt Leben und Werk der legendären mexikanischen Künstlerin in Szene.

Weltpremiere Frida Kahlo in der Lichthalle, Zürich.

Die Geneva Experience: Der Palais des Expositions et des Congrès de Genève, kurz Palexpo, hat während Covid sein Kerngeschäft als Organisator, Gastgeber und Mitveranstalter von Kongressen gezielt ausgebaut und ein Studio und eine digitale Plattform eingerichtet. Die magistrale Villa Sarasin, gleich neben dem Messezentrum gelegen, stellt seit jeher einen luxuriösen, prestigeträchtigen Rahmen für Seminare und Empfänge dar. Das Kongresszentrum in der Messe verfügt über 5600 Quadratmeter modulierbare Flächen.

Am Röschtigraben: Wer als Kongressveranstalter in der deutschsprachigen Schweiz Besucherinnen und Besucher aus der Romandie ansprechen will, kommt nicht um Bern und den Kursaal Bern herum. Gerade zu Beginn der Pandemie wurde das brandneue Streamstudio in Zusammenarbeit mit Habegger eröffnet. Damit ist der Kursaal in der Lage, physische, hybride oder ausschliesslich digitale Events durchzuführen.

Die Wirtschaft braucht jetzt wieder Kongresse

Während der Pandemie hat sich vieles verändert, aber nicht der Bedarf an persönlichen Treffen. Im Gegenteil: Verschiedene Faktoren haben die Erkenntnis untermauert, dass der persönliche Kontakt auch im Geschäftskundenbusiness unersetzlich ist. Kongresse setzen auch ein wirtschaftliches Potenzial für nutzniessende Industrien wie Caterer, Hotels oder Livestreaminganbieter frei, das jetzt, Ende 2021, wieder dringend benötigt wird.

Gutes Marketing braucht Shitstorms

Jeder Erfolg braucht eine Krise. Das zeigt sich bei kaum einem anderen Phänomen so deutlich wie bei Shitstorms.

Gutes Marketing
Tijen Onaran, CEO von Global Digital Women und Kolumnistin bei m&k. (Bild: zVg.)

Erst in dem Moment, in dem die Kritik ungebremst losbricht, zeigt sich, wie gut eine Kampagne wirklich aufgestellt ist, oder ob es gelingt, souverän und glaubwürdig mit der Situation umzugehen. Dann heisst es in den Dialog einzutreten, Stellung zu beziehen und den Diskurs auszuhalten.

Keine Angst haben

Wer einen Shitstorm abbekommt, hat sich auf jeden Fall etwas getraut. In den letzten Jahren habe ich beobachtet, dass viele Unternehmen massive Angst vor Shitstorms haben. Und aufgrund dieser Angst verharren sie im Status quo, wagen nichts, was ausserhalb der Norm liegt, um nicht anzuecken, und fahren die immer gleichen Kampagnen, von denen sie vor allem wissen, dass sie keinen Schaden anrichten.

Noch Schlimmeres richtet die Angst bei Unternehmen an, die den Schritt in die digitale Kommunikation noch nicht vollständig vollzogen haben. Sie schrecken vor dem digitalen Marketing ganz zurück, weil sie denken, dass sie ohnehin nur alles falsch machen können. Und ein Stück weit stimmt das auch. Ganz egal, was man macht – es findet sich immer jemand, dem man damit auf die Füsse tritt.

Sich aus Angst aber gar nicht zu positionieren, ist der grösste Fehler. Nun überlässt man es den anderen, über die eigene Marke und die eigenen Themen zu sprechen. Für eine glaubwürdige Positionierung und die eigene Sichtbarkeit ist es unerlässlich, Social-Media-Marketing und die digitale Kommunikation selbst in die Hand zu nehmen.

Aus Shitstorm wird Gold

Wie man kreativ, humorvoll und produktiv mit einem Shitstorm umgehen kann, bewiesen vor einigen Jahren die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Als sie mit der Social-Media-Kampagne «Weil wir dich lieben» starteten, war das Ziel, einen Hashtag ins Leben zu rufen, mit dessen Hilfe die Fahrgäste ihre schönsten BVG-Momente posten sollten. Doch schon bald nutzten zahlreiche Pendler und Berlin-Besucherinnen die Möglichkeit, sich ihren Frust von der Seele zu schreiben.

Der Shitstorm, der über mehrere Wochen andauerte, schadete dem Image und der Marke BVG keineswegs. Ganz im Gegenteil. Die BVG nutzte den Moment und reagierte mit viel Humor und Empathie, aber auch durch eine kluge Social-Media-Redaktion, die zuhörte und auf Kritik reagierte. Die Kampagne #weilwirdichlieben wurde trotz des anfänglichen Shitstorms zu einem grossen Erfolg und dauert bis heute an.

Fazit: Der Shitstorm als Chance

Unternehmen können sich auf Shitstorms vorbereiten. Das fängt beim Recruiting an. Denn ein diverses Team ist die beste Versicherung gegen Shitstorms. Diversität sorgt für verschiedene Perspektiven und damit für die bestmögliche Reaktion auf unterschiedlichste Situationen. Ein Shitstorm ist an sich nichts Schlimmes – es kommt nur auf den richtigen Umgang an. Shitstorms bieten Chancen, in denen Unternehmen zeigen können, wie sie auf Kritik reagieren, und dass sie sogar etwas daraus lernen können. Wenn es gelingt, humorvoll, selbstkritisch oder auf andere Weise konstruktiv mit einer massiv geäusserten Kritik umzugehen, dann kann jeder Shitstorm selbst zu einem guten Marketing für Unternehmen werden.


Die Kolumne von Tijen Onaran erscheint in jeder Printausgabe von m&k. Onaran ist CEO von Global Digital Women, Autorin des Spiegel-Bestsellers «Nur wer sichtbar ist, findet auch statt» und wurde 2020 unter die zehn einflussreichsten Player auf LinkedIn gewählt. Ihre Themen: Diversity und Inclusion.

Was bei der Nutzung von Musik in der Werbung beachtet werden muss

Wer Musik in Werbeclips nutzen will, begibt sich in einen Rechtedschungel. Welche Rechte muss man einholen, um den Wunschsong legal auf die Tonspur eines Clips zu bringen? Und wie erhält man diese – zu einem möglichst vernünftigen Preis? Der Urheberrechtsexperte Daniel Köhler klärt auf.

Musik in der Werbung
Die musikalische Untermalung in Werbeclips ist ein wichtiger Träger von Emotionen. (Bild: Unsplash.com)

Die erste Anlaufstelle für die Musikrechteklärung ist in der Regel die Suisa. Das ist zwar korrekt, genügt aus rechtlicher Sicht jedoch nicht. Denn vor der Anmeldung bei der Suisa muss der Produzent oder Auftraggeber des Werbespots zur vollständigen Klärung der Musikrechte die Synchronisations- und Masterrechte einholen.

Filmherstellungsrechte /Synchronisationsrechte

Das Filmmaterial und die Musik sind zwei eigenständige kreative Produkte, beide unabhängig voneinander urheberrechtlich geschützt. Für die Verbindung der Musik mit dem Film benötigt der Filmproduzent deshalb das Filmherstellungsrecht, oft als Synchronisationsrecht bezeichnet. Dieses muss er entweder beim Musikverlag, oder wenn nicht verlegt, bei den Urhebern direkt einholen. In der Regel ist dafür eine Entschädigung fällig, deren Höhe nicht vorgegeben ist und verhandelt werden muss.

Überspielrechte / Masterrechte

Wenn ein Filmprodukt einen Song verwendet, findet somit auch eine Vervielfältigung der Musik statt. Denn der Film – und auch die Musik – wird auf Datenträger überspielt und der Öffentlichkeit im Internet, im TV oder im Kino zugänglich gemacht. Das Recht zur Vervielfältigung muss daher zusätzlich eingeholt werden. Übrigens auch dann, wenn im Film nur ein Ausschnitt des Songs zu hören ist. Das Vervielfältigungs- oder Überspiel-/Masterrecht erteilt der Musikproduzent, welcher in der Regel die Plattenfirma – ein Label – ist. Auch hier ist die Höhe einer allfälligen Entschädigung Verhandlungssache.

«Die Rechteklärung von Musik für die Verwendung in der Werbung gleicht einem Minenfeld.»

Und die Suisa-Lizenz?

Sind die Synchronisations- und Überspiel-/Masterrechte geklärt, meldet der Auftraggeber oder Produzent des Werbefilms die verwendeten Musiktitel bei der Suisa an. Die Erteilung der Suisa-Lizenz ist Formsache und durch Tarife geregelt. Die Suisa entschädigt mit ihren Lizenzen die Komponisten, Autoren und Musikverlage. Sind alle notwendigen Rechte abgeklärt, ist der Einsatz des Songs im Werbefilm oder -clip legalisiert. Natürlich geht es auch einfacher – mit sogenannter Konservenmusik von All-in-one-Plattformen im Internet. Aber aufgepasst: Oftmals sind einzelne Stücke auf diesen Plattformen rechtemässig nicht 100% «sauber» und verwendete Samples nicht geklärt. Ausserdem erlauben die «Terms & Conditions» solcher Plattformen oft nur eingeschränkte Lizenznutzungen, die im Komplettausschluss von kommerzieller Verwendung der angebotenen Musik münden können. Abschliessend birgt der Griff zu Files solcher Plattformen immer die Gefahr, dass der gewählte Sound in vielen anderen Commercials zu hören ist und das Projekt somit an Einzigartigkeit verliert.

Wunschsong zum vernünftigen Preis

Das Einholen der Synchronisations- und Masterrechte mag aufwendig und teuer erscheinen; letztlich lohnt sich aber der Effort, denn die verstärkende Kraft eines passgenauen Filmsounds ist nicht nur unter Werbeprofis bekannt. Mit ein bisschen Geduld und geschickter Verhandlungstaktik ist praktisch jeder Song zu kriegen, meistens sogar zu einem vernünftigen Preis. Die Experten von Live-Licensing unterstützen Sie bei den Verhandlungen oder nehmen Ihnen diese vollständig ab. Sie reduzieren Ihren Arbeitsaufwand und bieten Ihnen Budget- und Rechtssicherheit.


* Daniel Köhler ist Jurist und Urheberrechtsexperte, langjähriger Leiter der Kundenabteilung in der Suisa/Zürich. Seit 2020 selbstständig. Zusammen mit einem österreichischen Musikverleger und einem Schweizer Medienexperten bietet er Dienstleistungen und (Rechts-)Beratung für Auftraggeber, Werber und Produzenten an.


 

Neuer Service für SWA-Mitglieder: Rechteabklärung von Musik für die Verwendung in der Werbung: Werbeauftraggeber profitieren ab sofort von einer kostenfreien, maximal 30-Minuten-Erstberatung. Damit sind Fragen im Bereich von Musikrechten, zur SUISA etc. und dem Einsatz von Musik in ihrer Marken- und Unternehmenskommunikation abgedeckt. Darüber hinausgehende Leistungen werden den Kunden nach einem Stundenhonorar offeriert und direkt abgerechnet. Auf den Stundentarifen erhalten die SWA-Mitglieder zudem einen Rabatt von 15 Prozent.

Kurzgeschichten aus dem Jahr 2050

Der Zukunftsbotschafter Jörg Eugster blickt für m&k in die Zukunft und thematisiert in seiner aktuellen Kurzgeschichte die Themen «Kommunikation und Leben im Metaverse».

Jörg Eugster
(Illustration: PutraArt.)

Lena besucht Opa zu Hause. Sie möchte ihn über die früheren Arten der Kommunikation befragen, denn sie soll einen Vortrag darüber im Metaverse halten.

«Du, Opa, wie war das früher? Hat man tatsächlich von Angesicht zu Angesicht gesprochen?», fragt Lena. – «Ja, das war ganz normal. Man ist sich wirklich gegenübergesessen, so wie gerade jetzt mit dir», schmunzelt Opa und fährt gleich fort. «Manchmal hat man auch telefoniert und Briefe geschrieben. Du, Lena, ich möchte eigentlich lieber zuerst mehr über eure Art der Kommunikation erfahren. Sprecht ihr denn nicht mehr miteinander?» – «Doch, doch, Opa, aber wir ziehen es vor, in virtuellen Welten und Paralleluniversen wie dem Metaverse zu kommunizieren. So können wir mit unseren Freundinnen an einem einsamen Strand gemeinsam einen Spaziergang machen. Alles rein virtuell natürlich. Den Strand gibt es in der Realität so nicht. Wir erschaffen uns unsere virtuellen Welten selbst.»

«Das wirkt auf mich doch etwas unreal. Ich bin immer noch der Überzeugung, dass die Qualität des persönlichen Kontakts durch keine virtuelle Welt ersetzt werden kann. Hm, ist es wirklich schön, an einem fiktiven Strand rein virtuell spazieren zu gehen?», fragt Opa. – «Ach, Opa, das sind wir uns heute einfach gewohnt. Aber erzähl doch bitte, wie das früher war. Es kann kaum sein, dass ihr nur gesprochen oder telefoniert habt.»

«Nun, in der frühen Epoche der Digitalisierung folgten auf das Telefon und die E-Mail die sozialen Netzwerke. Wir begannen auf Facebook zu posten, zu teilen und zu kommentieren. Später waren das Bildernetzwerke wie Instagram oder Instant-Messaging-Dienste wie Whatsapp», antwortet Opa. – «Hm, das tönt aber wirklich sehr altmodisch, Opa. Wir bewegen uns heute nur noch in den Paralleluniversen und kommunizieren praktisch ausschliesslich in diesen virtuellen Räumen. Ich finde das ganz normal, wenn ich mich mit meinen Freundinnen so unterhalten kann. Wir sind uns nichts anderes gewohnt. Oftmals sind meine Freundinnen weit weg, aber wir können trotzdem eine gute Zeit zusammen haben», meint Lena. – «Ja, ich weiss, Lena. Es ist immer das normal, was man selbst in der Jugend erlebt oder erfahren hat. Zwischen unserer früheren und der heutigen Kommunikation liegen Welten», sinniert Opa. «Vielleicht gewöhne ich mich noch daran, wer weiss?»


Jörg Eugster ist «Der Zukunfts­botschafter®». Er berichtet hier ­regelmässig aus dem Jahr 2050, wie sich die Technologien und ­Lebensweisen entwickelt haben.

Wie mit den astronomischen Papierpreisen umgegangen wird

In der Fachwelt sorgt es für Aufregung und bei den Konsumenten wird es direkt spürbar: Es fehlt an Zeitungspapier. Wie beurteilen die ­Verantwortlichen die Steigerung bei den Papierpreisen und wie richten sie sich darauf ein?

astronomischen Papierpreisen
(Bild: Unsplash)

Der erste Fingerzeig war noch harmlos: ein kleiner Hinweis vor allem von den grossen Schweizer Zeitungsverlagen an ihre Printabonnenten, dass die Umfänge der Tageszeitungen in nächster Zeit kleiner werden, weil es an Papier fehlt. Doch in den Produktionsstätten für den Zeitungsdruck waren die Verantwortlichen wegen der stark steigenden Papierpreise bereits alarmiert, die Verlage stehen seit den rückläufigen Werbeeinnahmen und rückgängigen Abonnentenzahlen unter grossem Spardruck, höhere Produktionskosten können von vielen, vor allem kleineren Titeln, kaum verkraftet werden.

Wieso es zu diesen Preissteigerungen kam, erklärt zunächst die Wirtschaftspresse. So titelt die Zürcher Finanz und Wirtschaft: Altpapier ist plötzlich gesucht und teuer geworden. Und wer sich in der Zeitungsproduktion auskennt, der weiss, dass Altpapier ein wichtiger Bestandteil von neuem Zeitungspapier ist. In der Schweiz gibt es noch eine Papierfabrik, die Zeitungspapier herstellt: das zur CPH-Gruppe gehörende Unternehmen in Perlen, vor den Toren Luzerns. Die Luzerner Zeitung berichtete deshalb auch ausführlicher über die Probleme auf dem Papiermarkt und verweist vor allem auf den Umstand, dass wegen der Pandemie der Papierverbrauch stark zurückging, was sich negativ auf den Papierpreis auswirkte. Doch nun steigt die Nachfrage nach Zeitungsdruck- und Magazinpapieren wieder stark an und weil das Altpapier fehlt, schnellt der Papierpreis in die Höhe. Schauen wir uns diese Entwicklung genauer an.

Die Zeitungsdruckereien werden nervös

Diese Entwicklung beobachtet Andreas Schaffner, Co-Geschäftsführer von Tamedia, dem grössten Medienhaus in der Schweiz, schon seit einiger Zeit genau. Der bedeutendste Zeitungsdrucker unseres Landes ging zunächst der Frage nach, wie sich der Papierverbrauch in den letzten Jahren entwickelte und wie sich die Kapazitäten parallel dazu veränderten. Dabei kann festgestellt werden, dass diese Kurven sehr ähnlich verlaufen. Weil dieser Verlauf ihn nervös machen muss, führte er seine Recherche weiter, in dem er abklärte, wo es heute noch Papiermaschinen gibt, die Zeitungspapiere herstellen. In Westeuropa sind es laut Schaffner nur noch insgesamt 23 Maschinen. Da die Investition in eine solche Anlage sehr hoch ist, der Tamedia-Chef spricht von rund 500 Millionen Franken beziehungsweise Euro bei einer Nutzungsdauer von etwa 50 Jahren, überlegen sich die Papierfabriken, was man sonst noch damit produzieren kann. Eine Papierfabrik kann laut Schaffner beispielsweise diese konvertieren für die Kartonfertigung, was Umrüstungskosten von rund 100 Millionen Franken beziehungsweise Euro zur Folge hat. Denn der Kartonmarkt wächst jährlich um 3 bis 4 Prozent wegen des stark zunehmenden Online-Handels, eine Folge der Covid-Pandemie. Weil nun die Papiermaschinen fehlen, die das Material für den Zeitungsdruck liefern, erhöht sich der Papierpreis deutlich, die Herstellkosten steigen damit. Eine unangenehme Situation für die Printmedien, deren Werbeeinnahmen bekanntlich abnehmen und auch die Erträge aus Abonnements gehen weiter zurück.

Wie geht es weiter?

Die Preise steigen also massiv, dieser Eindruck entsteht vor allem dann, wenn berücksichtigt wird, dass sie davor einen historischen Tiefpunkt erreicht hatten, wie der Tamedia-Co-Chef weiter feststellt. Noch nie wurde für das Zeitungspapier so wenig bezahlt. Und nun kommt dieser Teuerungsschub, verursacht durch eine Nachfrage, die wie immer – nach einer Abflachung bei Krisen – wieder sehr hoch ist und die Auslastung von Papiermaschinen in die Höhe treibt. Deshalb beschäftigt heute Andreas Schaffner in erster Linie die Frage: Bleiben die Papierpreise so hoch?

«Bleiben die Papierpreise so hoch? Die Antwort lautet Ja, wenn Material-und Energie­kosten hochbleiben.»

Seine Antwort lautet weitgehend Ja, wenn Material- und Energiekosten hoch bleiben. Dies scheint zumindest für das Altpapier unwahrscheinlich zu sein. Bei den heute derart hohen Preisen für Zeitungspapier wird die Auslastung der Papiermaschinen wegen der sinkenden Nachfrage wieder tiefer werden und das wird sich auch auf das Angebot und damit den Papierpreis auswirken. Doch wir müssen mit einer höheren Volatilität der Papierpreise leben, das heisst, die Preisanpassungen werden häufiger, etwa jedes Quartal statt wie bisher pro Semester oder Jahr, schliesst der wichtigste Zeitungsdrucker der Schweiz seine Überlegungen ab.

Das Altpapier als Zünglein an der Waage

Es sind verschiedene Faktoren, die auf den Papierpreis Einfluss nehmen und sie alle sind im Auge zu behalten, sagt Co-Geschäftsleiter Schaffner, doch einem Preisbilder ist besondere Achtung zu schenken: dem Altpapier. Es stellt mit 40 Prozent der Kosten den grössten Teil bei den Produktionskosten dar. Bei der aktuellen Entwicklung ist das Altpapier auch grösster Treiber. Dafür gibt es laut Tamedia-Chef drei Gründe, zunächst den Papierverbrauch, der während der Covid-Pandemie um rund 20 Prozent sank, wodurch die Altpapiermenge stark zurückgegangen ist, die Sammelquote in der Covid-Zeit und dann die Kartonherstellung, welche die Nachfrage nach Altpapier anheizte.

Was sich seit diesem Jahr zudem stärker bemerkbar macht, sind die höheren Energiekosten, Gas und Strom sind stark angestiegen, darauf wurde in der Presse immer wieder hingewiesen, sie wirken sich nun auch bei der Papierherstellung negativ aus. Zudem wird der Transport teurer, doch dies ist der kleinste Anteil bei den Produktionskosten. Denn Altpapier und Energie machen etwa 60 Prozent der gesamten Produktionskosten aus, ihre Entwicklung müssen wir deshalb genau verfolgen, meint Andreas Schaffner abschliessend.

Verpackungen werden teurer

Der Verpackungsdruck ist eine der wichtigsten Sparten in der grafischen Branche. Andreas Zopfi, Geschäftsführer des Schweizerischen Verpackungsinstitutes SVI, nennt die Faktoren, die zur Verknappung auf diesem Markt führen. Es sind dies Produktionsbegrenzungen in China, welche die Verfügbarkeit der Legierungselemente Silizium (Si) und Magnesium (Mg) in Europa derzeit einschränken. Zudem gibt es seit Jahresbeginn auch markante Engpässe unter anderem bei Holz, Karton sowie bei Chemikalien und Einschränkungen bei Energie und Frachten.

In Vielfalt steckt auch das Wort alt

Ein Plädoyer für echte Seniorinnen und Senioren.

Manuel Wenzel
Manuel Wenzel, Kreativchef von TBWA\Zürich. (Bild: zVg.)

Das Durchschnittsalter von Menschen, die einen Nobelpreis gewinnen, liegt bei sagenhaften 60 Jahren. Und zumindest für mich hat das Gewinnen eines Nobelpreises relativ viel mit Kreation beziehungsweise Kreativität zu tun, denn in der Regel disruptieren diese Menschen bisher Gedachtes, Geglaubtes und Erforschtes. Sie finden und gehen ganz neue Wege in einem bestimmten Terrain. Und genau so lässt sich meiner Meinung nach der Nukleus von Kreativität beschreiben: das wirklich Neue tun. In Agenturen beobachtet man allerdings ein bisschen den Jugendwahn. Das mag daran liegen, dass echte Senioren (pun intended) nicht nur einige Kerzen mehr auf ihrer Geburtstagstorte, sondern auch etwas mehr Franken auf dem Lohnausweis stehen haben – sie sind also möglicherweise ein bisschen teurer. Ich finde: Sie sind nicht teuer, sie sind im wahrsten Wortsinne preiswert. Denn sie haben eben auch einige Werkzeuge mehr in ihrem Werkzeugkasten und beherrschen diese auch besser.

Erfahrung ist ein wertvolles Gut

Meine These: Das Einzige, das bei Mitarbeitenden durch nichts zu ersetzen ist, ist Erfahrung. Wenn man nämlich vielleicht nicht die hellste Kerze auf dem Kuchen ist, also nicht der oder die Schlaueste, kann man das mühelos durch Fleiss und Engagement kompensieren. Wenn man im Umkehrschluss ein bisschen bequem ist und vielleicht das «Schaffe» nicht erfunden hat, kann man das im Idealfall durch ausser­ordentliche Brillanz ausgleichen.

Aber Erfahrung lässt sich durch gar nichts ersetzen. Und von Erfahrung profitieren Agenturen, deren Kunden und alle Kollegen nicht nur im rein Fachlichen. Sie profitieren auch, wenn es darum geht, Ruhe und Übersicht in hektischen Zeiten zu bewahren oder ganz organisch und ohne grosse prozessuale Massnahmen die anderen Mitarbeitenden auszubilden – on the job, wie man neudeutsch sagen würde.

Von alten Hasen und jungen Hüpfern

Wie erfolgreich das Co­working von alten Hasen und jungen Hüpfern funktioniert, konnte man zuletzt wieder sehr eindrücklich an den Herren ­Bonucci und Chiellini bei der EM 2021 sehen. Italien wurde Europameister, und ich stelle die These auf, dass die beiden in der Defensive dafür genauso essenziell waren wie der blutjunge Angriff der Squadra Azzurra. Nichts macht ein Team stärker als Vielfalt. Das ist überhaupt keine Frage. Und zu eben jener gehören auch Leute, die ein bisschen mehr Jahre auf dem Buckel haben, ein bisschen mehr kosten und dafür aber auch ein bisschen mehr wissen und können.

Egal, ob man also den EM-Pokal, den Nobelpreis oder vielleicht einen «Löwen» gewinnen will – eine gewisse buchstäbliche Seniorität schadet sicherlich nicht. Auf Kunden- wie auf Agenturseite.


* Manuel Wenzel, Kreativchef von TBWA\Zürich, wird uns in den folgenden m&k-Printausgaben verwenzeln. Was das heisst? Das wissen wir auch noch nicht so genau, deshalb lieben wir es. Die Werbebranche hat ein schiefes Image bei den Leuten da draussen – das muss geradegebogen werden, findet der Wenzel. Wir sind gespannt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 11-12/2021.

Medienjahr 2021: Was für ein Jahr?!

Das Jahr 2021 neigt sich dem Ende zu – und trägt für die Medienbranche Züge eines «Annus horribilis»: Die Printwerbeeinnahmen liegen tiefer als vor der Pandemie, Zeitungen werden immer weniger gelesen, beim linearen Fernsehen zeigen die Zahlen nach unten oder stagnieren. Gibt es wenigstens ein paar gute Nachrichten?

Medienjahr 2021

Laut den letzten MACH-Basic-Zahlen wenden sich immer mehr Menschen von der gedruckten Presse ab. Besonders hart traf es im Vergleich zum Vorjahr 20 Minuten, die NZZ und den SonntagsBlick. Die neuste WEMF-Studie überrascht den Medienexperten Rainer Stadler nicht: «Der langjährige Trend, die Abwendung des Publikums von Presseerzeugnissen, läuft weiter.» Seines Erachtens ist der starke Rückgang von 19 Prozent bei 20 Minuten plausibel. Die Coronapandemie und das Homeoffice würden hier klare Auswirkungen zeigen.Auf die Frage, ob das zu Ende gehende Jahr 2021 ein Annus horribilis oder ein Jahr der Erholung war, sagt der freie Me­dienjournalist Rainer Stadler: «Eine Entspannung auf einem Markt, auf dem es strukturell eigentlich keine richtige Entspannung geben kann, ist erkennbar, aber nur im Vergleich zum Stress der ersten Coronaphase Anfang 2020.» Für Tageszeitungen dürfte es, seiner Meinung nach, in ein paar Jahren eng werden. «Wenn meine Generation – die mit Papierinformationen sozialisiert wurde – im Grab liegt, wird es definitiv schwierig für Print.» Die besseren Überlebenschancen attestiert der frühere NZZ-Mann vorerst gedruckten Wochen- und Monatsblättern.

«Verlage befürchten auch 2022 weiter explodierende Papierpreise für ihre Printprodukte.»

Eine wichtige Ursache für den zunehmenden Leserschwund ist die Abwanderung von Leserinnen und Lesern von Printprodukten zu digitalen Angeboten derselben Medienmarke. Auch Stadler liest die Pendlerzeitung 20 Minuten aus dem Hause der TX Group inzwischen nur noch digital. «Corona verstärkt einen Trend, der alle Tageszeitungen betrifft», so der Journalist, der in Teilzeit für den Infosperber arbeitet. Laut Harald Amschler, Deputy CEO der WEMF AG für Werbemedienforschung, weist die gedruckte Presse in der Schweiz nach wie vor hohe Reichweiten auf. «Die Rückgänge auf dem Lesermarkt fallen in der Regel moderater aus als die Verluste der Presse auf dem Werbemarkt.»

Wie der MACH Basic 2021-2 zu entnehmen ist, sind 45 Prozent der Schweizer Wohnbevölkerung ab 14 Jahren heute 50 Jahre oder älter. Das sind über 3 Millionen Personen. In dieser grossen Zielgruppe beträgt die Reichweite der Zeitungen 82 Prozent, und die Reichweite der Zeitschriften liegt sogar bei 94 Prozent. «Das heisst, dass für Menschen ab 50 die Nutzung von Printmedien nach wie vor zum Alltag gehört.» Wenn die Medienhäuser diesem Personenkreis weiterhin Printerzeugnisse anbieten, werde es noch lange gedruckte Zeitungen und Zeitschriften geben, ist Amschler überzeugt.

Ladina Heimgartner, Head Global Media bei Ringier, sieht das genauso. Dass Medien immer mehr online konsumiert werden und immer weniger auf Papier, bezeichnet sie als Tatsache. «Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Print nach wie vor einen wesentlichen Teil zu den Erlösen beiträgt.» Die Managerin sagt, dass es immer eine Gruppe geben werde, die das haptische Erlebnis schätzt und bereit ist, dafür Geld zu bezahlen.

Was ist im Medienjahr 2021 sonst noch hervorgestochen? Bemerkenswert waren für Rainer Stadler die Verschiebungen der Wahrnehmungen der Pandemie und der Impfkampagne im Besonderen. Zu Jahresbeginn herrschte Hoffnung und fast Euphorie in Bezug auf die Impfstoffe. So gab es sogar eine Neiddebatte; vordrängelnde Prominente und Reiche wurden skandalisiert. «Nun versucht man verzweifelt, die Ungeimpften zur Spritze zu führen.» Die Minderheit der Impfgegner werde zu einer neuen Zielgruppe, die etwa beim Nebelspalter Support erhält. Für den Medienkritiker sei dies allerdings ein heikles Marktfeld, das nach der Bändigung der Pandemie schnell zerfallen könne.

Durchzogenes Jahr für Coop

Die Coop-Presse als schweizweit auflagenstärkstes Printmedium, konnte ihre Leserschaft in diesem Jahr um drei Prozent steigern. Sie erreichte neu 3,31 Millionen Menschen. Coop-Mediensprecher Kevin Blättler streicht heraus, dass die Interaktion 2021 sehr hoch ist. «Mit dem erhöhten Angebot an Rätseln und Rezepten in der Coop-Presse erhielten wir von der Leserschaft zahlreiche Dankesschreiben.» Mit Betty Bossi und Fooby betreibe Coop die beiden mit Abstand reichweitenstärksten Kulinarikplattformen der Schweiz. Und die Onlineplattform Mondovino habe ihre Mitgliederanzahl 2021 nochmals um über 20 Prozent steigern können. Allerdings hätten in diesem Jahr die Inserate aus dem Tourismussektor gefehlt. Zudem sei die Coopzeitung Weekend in der Pendlerzeitung 20 Minuten stark von der Homeofficepflicht betroffen gewesen. Eine weitere Herausforderung stellte für die Coop-Presse der globale Papiermangel dar, wie der Sprecher weiter ausführt.

Auch für andere Schweizer Verlage sind Holz- und Zellstoffe nach wie vor Mangelware, was den klaren Trend Richtung digital auch von anderer Seite verstärken könnte. Aber auch der Geschäftsführer des Verlegerverbands Schweizer Medien VSM, Stefan Wabel, hält gegenüber m&k fest, dass gedruckte Zeitungen und Zeitschriften nach wie vor das meistgenutzte Medium in der Schweiz sind. «Gerade die regionalen Tageszeitungen entwickeln sich stabil und verlieren – von normalen statistischen Schwankungen abgesehen – relativ wenig bis gar keine Leser», so der neue VSM-Chef. Andererseits verzeichneten die regionalen Titel – im Vergleich mit den überregionalen Tageszeitungen – bei den digitalen Abonnenten erst sehr wenig Zuwachs. Daraus lasse sich schliessen, dass gerade für kleinere und mittlere Verlage die digitale Transformation erst begonnen habe und weitere wichtige Investitionen in die Digitalisierung notwendig seien.

Silberstreif am TV-Werbemarkt-Horizont

Mit den digitalen Herausforderungen muss sich auch die TV-Industrie herumschlagen. Die Verlagerung zu digitalen Plattformen scheint unaufhaltbar. Klassisches Fernsehen hatte dieses Jahr einen schwierigen Stand. Web- und Streaming-Angebote hingegen weisen in der Regel immer höhere Nutzerzahlen aus. Immerhin haben die Aktivitäten im Werbemarkt 2021 wieder etwas zugenommen, was Alexander Duphorn, CEO von Goldbach Media, positiv stimmt. «Für uns war es also definitiv kein Annus horribilis, sondern die glücklicherweise zu erwartende Erholung nach dem sehr schwierigen Jahr 2020.» ​

«Der langjährige Trend, die Abwendung des Publikums von Presseerzeugnissen ,läuft weiter.»

Die digitale Konkurrenz beunruhigt Duphorn kaum: Das klassische Fernsehen weise eine Sehdauer von 120 Minuten pro Tag auf, YouTube von 15 und Netflix von nur 8 Minuten. «Wenn es in der Werbung um Reichweitenaufbau geht, spielt TV in einer eigenen Liga.» TV sei wichtig und relevant und dem gelte es Sorge zu tragen. Die Sender würden ihre Verbreitungswege selbst in Richtung Digitalisierung und Streaming entwickeln und folgten so der Mediennutzung der Zuschauerinnen und Zuschauer. «Langfristig können wir für den Bewegtbildbereich aus linearem TV, Replay Ads und digitalem Streaming von einer stabilen Entwicklung ausgehen», ist Duphorn überzeugt. Tatsächlich steht in der Branche nun die Weiterentwicklung der Produkte im Vordergrund. Laut Duphorn laufen die Vorbereitungen für die Replay Ads, den neuen zeitversetzten TV-Produkten, die kommendes Jahr eingeführt werden, auf Hochtouren. Darüber hinaus wird die TV-Messung mit hybriden Messdaten ergänzt.

Was darf man noch vom Medienjahr 2022 erwarten? Rainer Stadler verweist zuerst augenzwinkernd auf Nostradamus, um dann eine seriöse Einschätzung abzugeben: «Die bekannten Trends, wie Digitalisierung, Segmentierung und Polarisierung werden sich im kommenden Jahr fortsetzen.» Von der Werbebranche erhofft sich der Medien­experte, dass sie sich endlich seriös digitalisiert und die Werbebotschaften entsprechend ausrichtet. Was man als Konsument auf Onlineplattformen noch immer erdulden müsse, sei oft fürchterlich: überlange und mies platzierte Spots und lausiges «Performance Marketing».

«Wenn meine Generation im Grab liegt, wird es definitiv schwierig für Print.»

Sicherlich wird es Diskussionen im Vorfeld der Abstimmung zum Medienförderungsgesetz im Februar geben. Auch das Thema Leistungsschutzrecht ist für die Schweizer Verlage wichtig. Sie wünschen sich eine Schweizer Rechtsgrundlage für die Abgeltung von Medieninhalten, die via Google oder andere Plattformen verbreitet werden. Durch die Knappheit auf dem Weltmarkt befürchten die Verlage auch 2022 weiter explodierende Papierpreise für ihre Printprodukte. Nostradamus lässt hier also noch einmal grüssen.


INTERVIEW

«Medien müssen hinsichtlich der Erlösquellen robuster werden»

Ladina Heimgartner, CEO der Blick-Gruppe und Head of Global Media bei Ringier, im Interview mit Mark Baer für m&k.

m&k: Ladina, Heimgartner, wie war das Jahr 2021 aus Sicht der Blick- Gruppe?

Ladina Heimgartner: Das laufende Geschäftsjahr hat sich deutlich besser entwickelt als erwartet. Dieser Umstand sowie ein striktes Kosten­management haben dazu geführt, dass wir wohl Ende Jahr ein solides Resultat ausweisen werden. 

Welche Entwicklungen haben das aktuelle Jahr geprägt?

Neben schmerzhaften Reichweitenverlusten bei unseren Printprodukten konnten wir glücklicherweise nochmal einen grossen Zuwachs bei der Nachfrage auf unsere Digitalangebote fest­stellen.

 

Vor allem beim SonntagsBlick lief es nicht so gut. Laut WEMF brach die Leserschaft um 15 Prozent ein.

Durch die reduzierte Mobilität, die mehrwöchigen Restaurant- und Kioskschliessungen war der SoBli als Sonntagstitel mit einem Einzelverkaufsanteil von 26,3% stark von den Lockdown-Massnahmen betroffen. Wir arbeiten an Mass­nahmen, wie der Leserschwund gestoppt werden kann – wie bestehende Leserinnen und Leser möglichst lange behalten und neue gewonnen werden können.

 

Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung von Blick TV nach dem Abgang von Jonas Projer zur NZZ am Sonntag?​

Die Integration von Blick TV in den Newsroom ist geglückt – hier können sich die Zahlen nach etwas mehr als eineinhalb Jahren Blick TV sehen lassen. Im Schnitt schauen täglich 550 000 den Livestream. Ausserdem erzielen wir mit unserem Video-on-Demand-Angebot bis zu 850 000 Videoviews pro Tag.

 

Die Konzentration im Schweizer Medienmarkt ist 2021 weitergegangen, so kam es zum Ausbau der Kooperation von TX Group und Ringier im Rubrikengeschäft. Werden die Verlage weiter zusammenwachsen?

Das aufgeführte Beispiel betrifft das Marketplaces-Geschäft und hat keinen Einfluss auf die Medien-Brands der Häuser. Medien müssen hinsichtlich der Erlösquellen robuster werden. Gelingt dies, ist der Grundstein für das Weiterbestehen einer vielfältigen Medienlandschaft Schweiz gelegt.

Digital bleibt Trumpf

Dr. Isabel Huber von McKinsey ist Expertin für digitales Marketing. Im Interview spricht sie über dessen Zukunft, die Herausforderungen und Chancen der Data-driven Performance – und wieso ihr Unternehmen nicht an eine Offline-Renaissance glaubt.

Dr. Isabel Huber
Dr. Isabel Huber von McKinsey ist Expertin für digitales Marketing. (Illustration: Silvan Borer für m&k)
 
m&k: Der Direct Day im November 2021 fand unter dem Motto «Marketing zwischen Purpose und Performance» statt. Weshalb schlägt «Performance» «Purpose»?Dr. Isabel Huber: Lange Zeit war das eine Streitfrage. Doch aus meiner Sicht ist es kein Entweder-oder. Eine moderne Steuerung muss beides einbeziehen. Am Anfang steht oft eine strategische Entscheidung: Welchen Anteil unserer Ressourcen möchten wir in kurzfristige Massnahmen stecken, welchen in langfristige? Hier kann die richtige Balance je nach Kontext sehr unterschiedlich sein. Egal, wie sie ausfällt: Das Unternehmen sollte versuchen, auch den langfristigen Wert und Impact aller Marketing­massnahmen messbar zu machen – selbst wenn das natürlich viel schwieriger ist als eine kurzfristige, zum Beispiel auf Abverkauf abzielende Operationalisierung.Wie kann «Performance» gesteuert werden?

Entscheidend bei einer guten ­Performance-Steuerung ist der Link zum eigentlichen Ziel beziehungsweise dem erzielten Effekt – oft sind das Abverkauf, Leads et cetera. Wichtig ist hierbei immer, nach echter Verbesserung zu schauen – am Ende ist der ROI immer die inkrementelle Verbesserung, beispielsweise der Umsatz, in Relation zum inkrementellen Aufwand. Das sollte man sauber und ganzheitlich anwenden – und die Performance über alle Marketing­kanäle konsistent definieren.

 

In der Corona-Pandemie haben die digitalen Interaktionen zugenommen. Ist es in dieser Flut von Daten überhaupt noch möglich, marketing-relevante Informationen herauszu­filtern?

Auf jeden Fall – allerdings ist es dabei zentral, erstens die richtigen Daten auszuwählen, die eine zielgerichtete Steuerung zulassen, und zweitens auch mit nicht perfekten Daten bestmöglich zu arbeiten. Auch in der digitalen Interaktion gibt es Lücken, zum Beispiel in der Kunden-Journey – die muss man weiterhin probabilistisch füllen.

«Die wichtigste Chance liegt in der Entwicklung, Marketing nicht mehr als indirekte Kosten, sondern als Investition zu betrachten.»

 

Welche Datenquellen existieren und wie verknüpft man diese optimal?

Vor allem ist es zentral, die externen Quellen mit den internen Quellen zusammenzubringen. Externe Quellen, zum Beispiel von Agenturen oder Onlinekanälen, geben wichtige Indikationen über Wirksamkeit und Erfolg von Marketingmassnahmen. Interne Quellen zeigen, wie viele Kosten man aufgewendet hat und wie der Erfolg des Marketings zu bewerten ist – man denke an Umsatz, Margen oder Customer Value. Kundenbezogene Daten sind dabei der Dreh- und Angelpunkt, die mit den Transaktionsdaten vereint werden müssen.

 

Wie setzt man die gewonnenen relevanten Daten zielgerichtet ein?

Zwei Ansätze sind zum zielgerichteten Einsatz der gewonnenen Daten entscheidend: Erst einmal ist es wichtig, Klarheit über die Ziele und Prioritäten – auch relativ zueinander – zu haben, um Daten zielgerichtet anwenden zu können. Im zweiten Schritt helfen Advanced Analytics (AI) dabei, aus den möglichst vielen gewonnenen Daten die relevantesten zu identifizieren und die richtigen Erkenntnisse und Aktionen abzuleiten.

 

Was müssen Unternehmen dabei beachten?

Wichtig in dem ganzen Prozess ist es, immer den Überblick und die Priorisierung auf die Unternehmensziele zu bewahren. Wichtig ist es auch, sich die Frage zu stellen: Wie helfen mir die Daten dabei, diese Ziele besser datengetrieben zu erreichen? Die Logik dahinter ist: analysieren und verstehen, testen, optimieren. Sonst ist man schnell in der Datenflut verloren – das kann leicht passieren mit zu vielen, insbesondere digitalen Datenpunkten. Zudem ist Datenschutz natürlich ein wichtiges Thema, das es immer zu berücksichtigen gilt.

 

Welchen Einfluss hat Data-driven Performance?

Klassischerweise kann datengetriebenes Marketing die Effizienz und Effektivität von Marketing um 10 bis 25 Prozent anheben. Das heisst, weniger Ausgaben bei gleichem Effekt oder mehr Effekt bei gleichen Ausgaben zu erreichen. Über allem steht die Frage: Wie viel Marketing investiere ich, in welche Instrumente, für welche Kampagnen – bis hin zur Optimierung der Kreation und Verbesserung der Customer Experience.

 

Wo liegen die Herausforderungen?

Klassische Herausforderungen in dem Kontext sind beispielsweise zu viele oder lückenhafte Daten. Auch die Allokation entlang des Funnels, die schwieriger ist, je höher im Funnel die Aktivität stattfindet, kann für Probleme sorgen. Dann wäre da das Misstrauen in datengetriebene Antworten und Modellierungen; oder der Datenschutz zum Beispiel bei Onlinemessung und -personalisierung. Neben den klassischen technischen und analytischen Challenges zeigen sich oft auch Herausforderungen in der Art und Weise der Zusammenarbeit. Marketing Performance lässt sich nicht in Silos steuern – diese gilt es in einem inte­grierten Steuerungsansatz in einem agileren Zusammenarbeitsmodell zu überwinden!

 

Und wo sehen Sie Chancen?

Die wichtigste Chance liegt in der Entwicklung, Marketing nicht mehr als indirekte Kosten, sondern als Investitionen zu betrachten und diese Investitionen integriert zu steuern. Marketing ist also nicht mehr blosses «Überbleibsel in der Planung», sondern eine Kernvariable im Rahmen der Investitionsentscheidungen eines Unternehmens: Wie viel muss respektive will ich investieren, um welchen Umsatz zu erreichen? Wie kann ich Aktivitäten auf das fokussieren, was am meisten Sinn macht? Wie kann ich die Kommunikation für den Kunden bestmöglich personalisieren?

 

Gibt es Unterschiede zwischen B2B und B2C?

Klar gibt es Unterschiede zwischen B2C und B2B, aber grundsätzlich weniger, als man eigentlich denkt. Zunächst sind die Ziele klassischerweise unterschiedlich.B2C fokussiert eher auf Umsatz, B2B oftmals auf Leads und Customer Lifetime Value. Zudem werden oft andere Kanäle bespielt – zum Beispiel Instagram versus LinkedIn). Die Grundlogik von datengetriebenem Marketing trifft jedoch auf beides zu – auch wenn B2B typischerweise historisch etwas «hinterherhängt».

 

Wie steht es mit dem Datenschutz – gibt es Märkte respektive Länder, in denen Data-driven Performance weniger gut funktioniert als in anderen?

Datenschutz ist ein wichtiges Thema, das einen grossen Einfluss hat auf das, was wir messen und aktivieren können – aus gutem Grund. Das Thema ist in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich präsent – in Europa zum Beispiel mehr als in den USA. Aber es gleicht sich vieles immer mehr an, regulatorisch und auch technologisch. Grundsätzlich ist Datenschutz natürlich sehr ernst zu nehmen und stellt die Basis dessen dar, womit man im Data-driven Marketing arbeiten kann. Es wird nicht mehr alles messbar sein und wir müssen – wieder – mehr von deterministischem zu probabilistischem Marketing gehen. Hier trifft sich zum Teil dann die klassische (probabilistische) Marketingwelt mit der (deterministischen) Performance-Marketing-Welt. Auf jeden Fall werden First Party Data immer wichtiger – also Daten, die man nutzen darf mit Einverständnis der Kunden, und die dann helfen, die Lücken zu füllen und die Vorhersagen besser zu machen.

 

Wird sich der Trend zum digitalen Marketing auch nach der Pandemie fortsetzen? Falls ja, weshalb?

Ja, der Trend wird sich weiter fortsetzen. Die Pandemie war ein Beschleuniger des allgemeinen Trends zur Digitalisierung vieler Bereiche. Wir sehen keine grössere Refokussierung zurück von Online zu Offline – es ist eher so, dass Online weiter ansteigt und gleichzeitig auch Offline wieder ansteigt nach der Reduktion in der Pandemie.


Dr. Isabel Huber ist Partnerin im Münchner Büro von McKinsey & Company. Nach ihrem Studium der Kommunikationswissenschaften promovierte sie an der Universität Erlangen-Nürnberg im Bereich Marketing Intelligence. Heute ist sie Teil des Führungsteams der Marketing & Sales Practice von McKinsey & Company.

Dieser Artikel erschien zuerst im m&k Sonderheft zum Direct Day 2021.

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