«Das muss ein Ende haben»

Zuerst habe die Werbung Frauen gesagt, dass sie schöner, schlanker, jünger sein sollen. Dann habe sie versucht, ihnen unauthentisches «Fempowerment» zu verkaufen. Genug ist genug, sagen die Bestseller-Autorinnen Jane Cunningham und Philippa Roberts.

Fempowerment
Durch die «weibliche Linse» blicken immer noch zu wenige Unternehmen. (Illustration: Loreto Manzanera)

m&k: Mit «Brandsplaining» haben Sie einen Bestseller über das – oft problematische – Frauenbild in Marketing und Werbung geschrieben. Warum war die Zeit reif für Ihr Buch?

Philippa Roberts: In den vergangenen fünfzehn Jahren haben wir im Rahmen unserer beruflichen Tätigkeit fast jede Woche Befragungen mit weiblichen Probandinnen durchgeführt. Das war enorm faszinierend, weil sich in dieser Zeit so viel in der weiblichen Lebenswelt getan hat: Das Aufkommen des «Fourth Wave»-Feminismus, die Entwicklungen in den sozialen Medien, der Fortschritt, der Kampf um die Repräsentanz von Frauen in der Politik, #MeToo … all diese Dinge haben in der Marketing- und Werbebranche den Eindruck erweckt, dass wir viele der Probleme der Vergangenheit hinter uns lassen können. Dass wir uns anderen Themen widmen sollten. Aber das ist nur die Innensicht und steht in direktem Widerspruch zu den Aussagen, die wir bei unseren Untersuchungen von Probandinnen hörten. Es scheint also eine Kluft zu geben zwischen dem, was die Branche denkt, und dem, was das Zielpublikum denkt. Und wir hatten das Gefühl, dass es höchste Zeit wird, diese Kluft zu untersuchen.Wie haben die Frauen, mit denen Sie gesprochen haben, denn über Marketing und Werbung geurteilt?Jane Cunningham: Wir haben beispielsweise eine umfassende Studie mit mehr als 14 000 Teilnehmerinnen in vierzehn Ländern durchgeführt und sie gefragt, was sie über Marketing und Werbung im Allgemeinen denken. Die Antworten waren in allen Ländern und Altersgruppen sehr ähnlich: Die überwiegende Mehrheit der Frauen gab an, dass sie sich selbst in den meisten aktuellen Werbebotschaften nicht zu erkennen vermögen; sie waren der Meinung, dass einige der dort gezeigten Stereotypen sogar schädlich seien. Und die Probandinnen äusserten auch, dass die Darstellung von Frauen in der Werbung häufig viel zu eng gefasst sei; es gebe zu viele dünne Frauen, nicht genügend ältere Frauen.Aber Sie haben sich nicht nur auf quantitative Umfragen beschränkt, sondern auch andere Daten analysiert?Cunningham: Ja, wir haben eine Inhaltsanalyse durchgeführt, bei der wir 120 Werbekampagnen untersucht haben, die sich an Frauen in den USA, im Vereinigten Königreich und in Australien gerichtet haben. Bei jeder dieser Kampagnen haben wir uns genau angeschaut, was in der Handlungsstruktur passiert; wie die Frauen dargestellt werden. Wie sehen sie aus? Sind sie «traditionell attraktiv»? Wie steht es um die Diversität? Wie oft werden Frauen in einer klischeehaften Rolle präsentiert, im häuslichen Umfeld, wie oft zeigen sie ein aufgesetztes Lachen? Wie häufig werden sie sexualisiert? Uns wurde rasch klar: Es gibt immer noch eine Menge Bilder und Ideen in der Werbung, die den alten Vorstellungen davon entsprechen, was Frauen «sind» oder was sie sein sollten. Subtiler als früher, vielleicht, aber immer noch da.Können Sie auf diese Subtilität noch näher eingehen?Cunningham: Es gibt wohl keine Marke mehr, die – ich formuliere das jetzt bewusst plakativ – in ihrer Werbung sagt: «Oh mein Gott, sieh nur, wie faltig und alt du geworden bist!» Aber nun wird eben von «Würde im Alter» gesprochen und davon, dass möglichst wenige Falten den älteren Damen genau diese Würde verleihen. Was ja im Kern dasselbe ist (lacht). Wenn überhaupt Frauen gezeigt werden, die älter als fünfzig Jahre sind, was eine absolute Seltenheit ist! Oder es geht in der Werbung um «wellness» und «clean eating», gemeint sind aber eigentlich dieselben rigorosen Diäten wie früher.

 

Die schädlichen Narrative bleiben, nur erkennt man sie erst auf den zweiten oder dritten Blick.

Roberts: Genau. In unserem Buch bezeichnen wir das als «sneaky sexism». Ein weiteres Beispiel für selbigen wäre die Verwendung von Symbolen oder Farbcodes, die auf eine Zeit vor den modernen Gleichstellungsdiskursen zurückgehen. Während früher auf den Verpackungen «Für ihn» oder «Für sie» stand, verwenden die Unternehmen heute einfach die weicheren, sanfteren, schwächeren Farben für Frauen. Und mehr Blumendekorationen. Auf der Männerpackung hingegen findet man die dunklen, kräftigen, prägnanten Farben. Sportliche Muster, eine Typografie, die Bewegung und Stärke signalisiert. Es wird dasselbe kommuniziert wie früher, nur eben im Subtext.

 

 

Woher kommt dieser – von Ihnen bereits erwähnte – Grundtenor im Marketing und in der Werbung, der von Frauen verlangt, ständig an sich zu arbeiten, sich ständig zu «verbessern»?

Roberts: Die Wurzeln davon liegen tief in unserer Sozial- und Kulturgeschichte. Frauen hatten durch die Jahrtausende hindurch gesellschaftlich eigentlich immer einen sekundären Stand; das implizierte, dass sie sich so verhalten und präsentieren mussten, dass sie den Männern gefällig waren. Ihre Aufgabe sollte es bloss sein, sich männliche Anerkennung zu sichern. Und, wissen Sie – wir als moderne Gesellschaft reden ja gerne davon, dass sich in der Politik und in der Wirtschaft viel bei der Gleichberechtigung getan hat. Aber in Wirklichkeit sind die grosse Mehrheit der Vorstandsvorsitzenden immer noch Männer, die grosse Mehrheit der Staatsoberhäupter ebenfalls. Realität ist, dass Männer immer noch vielerorts die Macht haben; alleine die Verantwortung tragen. Folglich sollen sich Frauen immer noch häufig so ver­halten, dass sie die Mächtigen nicht verärgern.

 

… was sich in den Idealen wider­spiegelt, die durch Marketing und Werbung vermittelt werden …

Roberts: Ja. Kleine Mädchen sollen niedlich und lieb sein, sich um Tiere und Puppen kümmern, alles nett finden, was rosa- oder pastellfarben ist, während die kleinen Jungen Abenteuer erleben dürfen. Da ist es auch egal, ob sie sich schmutzig machen, ob sie Raufbolde sind. Mädchen dagegen sind permanent und praktisch von Beginn ihres Lebens an den Botschaften ausgesetzt, dass sie besser aussehen, besser «sein» müssten; werden total auf ihr Äusseres reduziert.

Cunningham: Letzteres ist übrigens etwas, das noch schlimmer wird, wenn aus den Mädchen junge Frauen werden. Erinnern Sie sich noch an die Modeschauen von Victoria’s Secret? Früher gab es da diese sehr jungen Models, die überall in den Medien zu sehen waren – sie sprachen darüber, wie viel sie abgenommen hatten, wie viel Sport sie trieben, um noch dünner zu werden, sie liessen sich Haarverlängerungen machen et cetera. Dann kamen sie auf den Catwalk und trugen riesige Flügel. Sie waren Engel und stellten ein Klischee dar, das besagte: «Ich bin hier, um so schön und so ansprechend wie möglich zu sein – nicht für mich selbst, sondern für das männliche Auge.» Und natürlich durfte der hübscheste, schlankste, vollbusigste Engel am Ende der Show die weissen Hochzeitsdessous tragen. Die Message war: «Gib dir Mühe und optimiere dich, dann darfst du mit viel Glück irgendwann einmal heiraten!» (lacht)

Roberts: Auch Müttern wird ja ständig suggeriert, dass sie perfekt sein müssen, was wiederum impliziert, dass sie versagen, wenn sie es einmal nicht sind … wenn sie nicht einhundert Prozent der Zeit darüber happy sind, Mutter zu sein. Und ältere Frauen, darüber haben wir schon gesprochen, verschwinden einfach von der Bildfläche, weil sie nicht mehr … «nützlich» sind, durch eine männliche Linse hindurch betrachtet. Wissen Sie, es ist ja nicht nur im Marketing so, es ist ein kulturelles Problem im Allgemeinen, dass diese Vorstellungen über Frauen immer noch transportiert werden. Aber während wir bei Film, Musik und Fernsehprogrammen endlich Fortschritte sehen, hinken Marketing und Werbung wirklich hinterher.

«Der hübscheste, schlankste Engeldarf am Ende die Hochzeitsdessous tragen. Die Message: Wenn du dir Mühe gibst, findest du vielleicht mal einen Ehemann.»

 

Haben Sie eine Idee, warum das so ist? Im Allgemeinen sehen sich die Fachleute in Marketing und Werbung doch als Menschen, die Trends nicht nur erkennen, sondern sie sogar setzen …

Roberts: Einer der ganz unmittelbaren Gründe ist sicher, dass die Kreativabteilungen in den Agenturen nach wie vor weitgehend von Männern besetzt und geführt sind. Ich weiss nicht, wie es bei Ihnen in der Schweiz ist, aber hier in London sind etwa zwei Drittel der Leute, die in den Kreativ­abteilungen arbeiten und Kampagnen kreieren, Männer. Und auch eine bestimmte Art von Männern: ziemlich jung, in der Regel weiss, in der Regel eher urban sozialisiert. Die Kultur dort ist oft dieses «Hey, Bro!», diese betont lockere Darstellung von Maskulinität. Diese Kreativen neigen dazu, sich mehr um eine gute Pointe zu kümmern als darum, ihr Publikum wirklich und tiefergehend zu verstehen. Passend dazu gibt es auch ein grosses Lohngefälle von etwa dreissig Prozent zwischen den männlichen und den weiblichen Mitarbeitenden in den Agenturen – was ziemlich scheinheilig ist, da die Agenturen ja Empowerment-Kommunikation verkaufen, aber ihren eigenen Ansprüchen überhaupt nicht gerecht werden.

(Illustration: Loreto Manzanera)

Sie haben vorhin über die Daten gesprochen, die Sie gesammelt haben. Agenturen und Marketingabteilungen erzählen mir ständig, dass auch sie ihre Entscheidungen auf der Grundlage von Daten treffen. Aber wenn sie das wirklich täten, müssten sie die weiblichen Zielgruppen anders behandeln, oder?

Cunningham: Nun, die relevanten Agenturen und grossen Unternehmen sammeln eine Menge Daten, ja. Aber wenn sie selbst Marktforschung betreiben, stellen sie oft die falschen Fragen. Sie gehen zu einer Gruppe von Frauen und sagen: «Möchten Sie die Bullshit-Innovation Nummer eins oder die Bullshit-Innovation Nummer zwei?» Und obwohl beide Optionen für die Fokusgruppe nicht wirklich attraktiv sind, werden die Frauen wahrscheinlich antworten: «Wenn wir wählen müssen, entscheiden wir uns eben für Nummer zwei.» Und das Unternehmen schliesst daraus: «Super, wir haben das evaluiert, sie finden Nummer zwei toll.» Aber was nicht gefragt wurde, ist: «Wie stehen Sie prinzipiell zu unserem Bullshit?» Da wäre die Antwort wahrscheinlich eine ganz andere gewesen (lacht).

 

Was sollte sich hier ändern?

Cunningham: Es sollte Standard werden, Frauen offen und ehrlich nach ihrer Meinung zu fragen. Zum Beispiel: «Was gefällt Ihnen nicht an der Art und Weise, wie diese Marke Sie adressiert?» Oder: «Welche Ihrer Bedürfnisse werden von diesem Produkt nicht befriedigt?» Nochmal: Ja, es gibt jede Menge Daten, auf die man zugreifen kann. Ja, es wird viel geforscht. Aber wie viel davon ist echtes Zuhören, wie viel davon ist das Bemühen um einen echten Dialog? Die Art von Dialog, in der Unternehmen total offen sind für die Antworten, die sie erhalten? Im Rahmen unserer Consulting-Tätigkeit haben wir immer wieder von Klienten gehört: «Ja, wir haben mit einer Fokusgruppe gesprochen, aber sie haben bloss die Dinge gesagt, die Frauen eben immer sagen.» Nun, wenn sie etwas immer wieder sagen, dann meinen sie es vielleicht auch! (lacht) Wie absurd, das als Argument anzuführen, um einer Aussage keine Bedeutung zu schenken, oder?

Roberts: Manchmal gibt es auch diesen sexistischen Unterton, mit dem Marketing- oder Werbeverantwortliche sagen: «Oh, ich lasse mir doch nicht von sechs Hausfrauen, die irgendwo befragt werden, sagen, wie meine Werbung auszusehen hat …» Für diese Typen mag das in einem Meeting plausibel und tough klingen, aber in Wirklichkeit ist es sehr erniedrigend, herablassend und sorgt dafür, dass wichtige Botschaften nicht gehört werden.

«Realität ist, dass Männer immer noch vielerorts die Macht haben; alleine die Verantwortung tragen.»

 

Und die müssen gehört werden, sagen Sie, auch wenn sie für die Unter­nehmen unbequem sind.

Roberts: Natürlich ist es für ein Unternehmen nie einfach, zu hören, dass dessen Kundinnen unzufrieden sind; natürlich ist es schwierig, sich unbequemen Wahrheiten zu stellen. Gerade wenn gewonnene Erkenntnisse bedingen, dass man sich stark verändern muss. Wir sagen aber immer, dass die Veränderung sowieso kommt – der «Wendepunkt» ist da, Marketing und Werbung müssen dieser Tatsache endlich Rechnung tragen. Wir befinden uns mitten in einem massiven kulturellen Wandel, weil Frauen besser ausgebildet sind als je zuvor. Weil durch die sozialen Medien, die ja sonst durchaus ihre Nachteile haben, weibliche – und vom Mainstream abweichende – Stimmen Gehör finden.

Cunningham: Die Frauen kann und wird man nicht mehr zum Schweigen bringen. Die Zeit ist also reif für besseres Marketing, bessere Werbung. Daher unser Buch, das eine wichtige Botschaft transportiert: Wenn es Marken und Unternehmen ernst damit meinen, Frauen anzusprechen, weibliche Kundinnen zu gewinnen und die Kundinnen, die sie haben, zu halten, müssen sie sich bewegen. Unverzüglich. Wir erleben den Anbruch eines echten, authentischen «Fempowerment» – im Gegensatz zu den oberflächlichen Narrativen, die in den vergangenen paar Jahren kursiert sind.

«Die Frauen kann und wird man nicht mehr zum Schweigen bringen. Die Zeit ist also reif für besseres Marketing, bessere Werbung.»

 

Das müssten Sie mir bitte noch einmal im Detail erklären.

Roberts: Das falsche, oberflächliche «Fempowerment»-Narrativ hat den Frauen weiterhin suggeriert, dass sie sich ändern sollen, aber zielte dabei auf ihre innere Einstellung ab. Früher verkündeten Marken Botschaften wie: «Du musst dein Aussehen optimieren.» Dann sind sie dazu übergegangen, zu sagen: «Du musst dein Handeln, Denken und Fühlen optimieren.» Frauen sollen Karriere machen, furchtlos sein. Mutig. «Stark ist das neue Schön.» Derart verstandenes «Fempowerment» hat kein Interesse daran, das System und die hartnäckigen Überbleibsel des Patriarchats zu beseitigen, sondern verortet weiterhin die ganze Verantwortung bei den Frauen. Und eigentlich ist es genau das, was aufhören muss.

Der Bestseller «Brandsplaining» von Jane Cunningham und Philippa Roberts. (Bild: zVg.)

Unternehmer fragen sich vielleicht, was mit ihren Umsätzen passiert, wenn sie nicht mehr behaupten können, dass ihre Produkte für ein besseres Leben nötig seien.

Cunningham: Es ist doch nichts falsch daran, Bedürfnisse zu befriedigen, oder? Es ist absolut nichts falsch daran, Bedürfnisse zu befriedigen und Frauen zu fragen, was sie wollen, um dann hilfreiche Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Falsch ist jedoch dieser über-kritische Blick auf Frauen, der sagt: Mit dir stimmt etwas nicht. Wir werden dir das Gefühl geben, dass mit dir etwas nicht stimmt. Damit du denkst, du brauchst ein Mittel dagegen. Und dann werden wir dir dieses Mittel verkaufen. Darin liegt der grosse Zynismus.

 

Was können Männer – in der Marketing- und Werbebranche, aber auch darüber hinaus – tun, um positive Veränderungen mit anzustossen?

Roberts: Ich denke, das Wichtigste ist erst einmal, sich problematische Narrative bewusst zu machen. Diese uralte Idee einer «Frau, die gefallen muss» ist so fest in das kollektive Bewusstsein eingebrannt, dass sie noch immer Einfluss darauf hat, wie Zielgruppen segmentiert, Kategorien kodifiziert, Kommunikation produziert und Vorschläge verfasst werden. Männer müssen das verstehen und davon ausgehend aufmerksam und kritisch sein. Glücklicherweise macht Wissen hier den Unterschied: Wenn man sich einmal damit auseinanderzusetzen begonnen hat, ist es praktisch unmöglich, in einen Zustand der Ignoranz zurückzukehren.


Jane Cunningham und Philippa Roberts sind Gründerinnen und Geschäftsführerinnen der Consultancy «Pretty Little Head», die Unternehmen im Bereich Marketing für weibliche Zielgruppen berät. Im Rahmen ihrer Tätigkeit haben sie mehrere internationale Studien und drei Bücher verfasst. Zuvor waren sie in der Agenturbranche tätig, etwa bei DDB und Ogilvy.

Die Medienpyramide

Welche Medien wählen Brands und Unternehmen, wenn sie besonders viele Menschen erreichen möchten? Und wo schalten Auftraggebende Spots und Inserate, wenn sie es auf die Zielgruppe der Leader abgesehen haben?

Die Medienpyramide
(Bild: Unsplash/Michael Dziedzic)

Wie erreiche ich meine Zielgruppe am besten? Diese Frage treibt sämtliche Marketingverantwortlichen um. Die Medienpyramide (breit an der Basis, schlanker an der Spitze) bietet für alle Ansprüche etwas. Aber nicht alle Mediagattungen eignen sich für alle Brands. Neben der Reichweite oder Qualität steht bei Werbetreibenden auch das Preis-Leistungs-Verhältnis oder die Affinität der Kundschaft im Vordergrund. Die Reichweitenpyramide sieht also je nach Unternehmen wieder anders aus. Eine Mindestreichweite ist, laut Thomas Rüttimann von ZipMedia, aber immer ein Basisziel. Bei den Beratungen seiner Kunden stehe immer die Media-Zielgruppe im Fokus. Diese wird bei ZipMedia von der Marketing- und Kommunikationszielgruppe abgeleitet. Die richtige Zielgruppe wird in der Regel gemeinsam mit dem Kunden definiert oder die Agentur arbeitet aufgrund der Marketingzielgruppe einen Vorschlag aus. «Wichtig ist, dass die Zielgruppe – gerade bei einer Breitenstrategie – nicht zu stark eingeschränkt wird, damit sie auf verschiedenen Medien und Planungstools anwend- und auswertbar ist», so Rüttimann.

In der Breite liegt die Kraft

Wenn eine Marke oder ein Unternehmen möglichst viele Personen erreichen möchte, ist eine Breitenstrategie grundsätzlich der beste Ansatz. «Es kommt sicher auf die Zielgruppengrösse an, aber in der Regel stehen dann TV, Out-of-Home und Online im Vordergrund», sagt der Mitgründer der Zürcher Full-Service-Media-Agentur. Grundsätzlich zählt der 48-Jährige Print nicht zur Basis der Medienpyramide. «Für eine nationale, breite Kampagne mit einer Zielgruppe, die nicht erst bei 40 Jahren anfängt, ist es mit Print kaum möglich – zu angemessenen Kosten – eine zufriedenstellende Reichweite zu generieren.» Es sei anzunehmen, dass Print mit der Zeit in der Medienpyramide immer weiter nach oben rutschen werde.

«Es ist anzunehmen, dass Print in der Medienpyramide immer weiter nach oben rutschen wird.»

«Gewisse Zielgruppensegmente wird man mit Print zwar nach wie vor erreichen; die Reichweite wird aber konti­nuierlich geschmälert.» Für spezifische Zielgruppen, wie Leader und Gutverdienende, eigne sich die Presse, beispielsweise Finanztitel, Sonntagspresse oder Special-Interest-Medien, aber nach wie vor ausgezeichnet: «Weil die Affinität und Leserbindung hoch sind.» Ergänzend sieht Rüttimann bei den Leaders auch Onlinekanäle wie Newsletter, Fachportale oder Finanz- und Wirtschafts-Websites.

Sunrise UPC: Media-Mix als Schlüssel

Damit Sunrise UPC in kurzer Zeit eine hohe Reichweite respektive Kontaktfrequenz erzielen kann, setzt das Telekomunternehmen auf (D)OOH, Online und TV (siehe Interview unten). Das schliesse aber auch die «Below The Line»-Massnahmen wie POS, E-Mailing oder SMS-Aktivitäten «sehr stark» mit ein, sagt Stefan Fuchs, Chief Marketing Officer bei Sunrise UPC. Im Onlinebereich macht das Grossunternehmen zusätzlich von der Möglichkeit Gebrauch, über dezidierte Medien, Kanäle und auch Targetings verschiedene Bevölkerungsgruppen gezielt anzugehen, um möglichst eine effiziente Reichweite zu generieren.

Anders sehe das bei Print- oder Pendlermedien aus: «Hier sind wir nach wie vor präsent, aber reagieren natürlich auf die Digitalisierung und gehen eher ‹pointiert› vor», so Fuchs. Hinzu komme, dass es dort aufgrund der «Reizüberflutung» schwieriger sei, die Segmentierung zu gewährleisten, und somit ein zu grosser Streuverlust die Folge sein könne.

Auch mal Neues ausprobieren

Wenn es darum geht, möglichst viele Personen zu erreichen, hängt die Strategie bei Sunrise UPC von verschiedenen Faktoren ab. Basierend auf der richtigen Budgetierung, versuchen Stefan Fuchs und sein Team – je nach Zielgruppe – die geeigneten Massnahmen zu ergreifen. «Das bedeutet, wenn wir anhand der KPIs (Reichweite/OTS) erfolgreich sind, erweitern wir die Planung um weitere ‹Touchpoints› oder innovative Platzierungen; inner- und ausserhalb der meistfrequentierten Medien», wie der Bamberger erklärt. Als Beispiel zählt er Open-Airs, Kinos oder sogar Mega-Poster in den Bergen auf. «Daneben haben wir als Innovationsführer zum Auftakt unserer ‹Zusammen mehr Wow›-Kampagne als Premiere das ‹WelcomeAd› für Mobile und Desktop mit Ringier geschaltet – und auch exklusiv Sonderformate in der nationalen Sonntagspresse mit Mantel respektive Pano lanciert.»

«Ein bisschen Breite, sogar ein bisschen Streuverlust, bringt einer Marke oft mehr, als sich nur auf ganz wenige Zielpersonen zu fokussieren.»

Zudem scheue sich der Telekommunikationsanbieter nicht, auch Neues auszuprobieren: Bestes Beispiel sei die schweizweite Kampagne mit den UPC-Trucks, mit denen das flächendeckende «1 Gbit/s» lanciert wurde. Mit diesen Aktivitäten ist Fuchs überzeugt, «dass wir in die ‹richtige› Richtung fahren – und alles abdecken». Der Schlüssel zum Erfolg liege im richtigen Media-Mix.

Saubere Abstimmung der Kanäle

Dama Halter, die Leiterin der Goldbach Crossfactory, mit dem Kernbereich Crossmedia und 360 Grad Kommunikation bei Goldbach Audience, sieht es gleich wie Fuchs. «Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass der Mix und die saubere Abstimmung der verschiedenen Kanäle den Erfolg einer reichweitenstarken Kampagne ausmachen.» Natürlich müsse die Kampagne laufend optimiert und angepasst werden, je nach Ziel und Zielgruppe. «Copy and Paste» funktioniere – je nach Kampagnenzeitraum – innerhalb einer Brand-Strategie teilweise, jedoch gelte dies definitiv nicht als Faustregel für eine gute Mediaplanung. Wann sollte man auf Fernsehwerbung setzen?

«TV, als Medium mit der am Abstand höchsten Werbeerinnerung, macht für national Werbetreibende Sinn, wenn man schnell Reichweite gewinnen will.» Hier würden aber noch viele weitere Faktoren eine Rolle spielen, wie zum Beispiel der Zeitraum der Kampagne, das Budget oder die Kreation, wie Halter erklärt. Je grösser die TV-Station, desto grösser sind auch die Reichweiten und dementsprechend grösser müsse auch das Budget sein. Bei Werbung im unmittelbaren Umfeld gehe man dann besser auf die regionalen Fernsehanstalten, wo auch weniger Budget nötig sei, um im gewünschten Einzugsgebiet erfolgreich zu werben. «Es ist immer sinnvoll, die Zielgruppe gemäss ihrer User-Journey auf verschiedenen Kanälen abzuholen.» Von TV über Online, DOOH, Print oder Radio gäbe es aber keinen perfekten Mediaplan, welcher sich einfach so auf alles anwenden liesse. Ausserdem würde es immer wieder Innovationen und neue Trends geben. «Wenn man sich zum Beispiel das Thema E-Sports und Gaming anschaut, stellt man schnell fest, dass sich die Brands künftig auch mit diesen Themen bei der Mediaplanung auseinandersetzen müssen, um die gaming-affine Zielgruppe zu erreichen und seine Marke neu ins Gespräch zu bringen», so die 34-jährige Crossmedia-Spezialistin.

Social Media immer wichtiger

Sunrise UPC beobachtet den Influencer- respektive Creator-Markt mit grossem Interesse, vor allem auch, wenn es darum geht, mit einer jüngeren Zielgruppe zu interagieren und zu kommunizieren. Als Beispiel erwähnt der Marketing-Chef Kooperationen mit dem IzzMag oder die Partnerschaft mit dem Schweizer Twitch Streamer Enkera. «Kampagnenseitig haben wir mit dem UPC-Brand letztes Jahr mit einem Profitänzer und Influencer einen eigenen Dance kreiert und erfolgreich auf unseren sozialen Medien gespielt», so Fuchs. Thomas Rüttimann von ZipMedia sieht, dass mehr und mehr Unternehmen heute die spitze Seite der Pyramide wählen, um Kunden zu gewinnen respektive zu behalten: «Eine Tendenz ist schon da, gezielt einzelne Segmente zu bewerben – oft auch, weil das Budget für grosse, nationale Breitenkampagnen fehlt.» Aber nur ganz kleinteilig mit Minisegmenten zu arbeiten, bringe oft nicht den erwünschten Erfolg. «Ein bisschen Breite – sogar ein bisschen Streuverlust – bringt einer Marke oft mehr, als sich nur auf ganz wenige Zielpersonen zu fokussieren.» Streuverlust sei oft Streugewinn und könne einen Brand stärken und das Potenzial ausweiten, auch wenn diese Aussage natürlich nicht zu jeder Marke respektive zu jedem Produkt passe.


NACHGEFRAGT

«Fokus auf grösstmöglicher Reichweite»

Dr. Stefan Fuchs ist CMO der jüngst fusionierten Sunrise UPC.

m&k: Stefan Fuchs, in welchen Medien inseriert Sunrise UPC vor allem?
Stefan Fuchs: Wir fokussieren uns vor allem auf die Medien für «grösstmögliche» Reichweite: (D)OOH, Online & TV. Diese Mischung hat sich immer bewährt und wird auch in Zukunft von uns so weitergeführt.

 

Wie sieht der Mix genau aus?

Wir investieren rund 50 Prozent unseres Budgets in OOH & TV, 25 Prozent entfallen auf alle Onlinedisziplinen und circa 10 Prozent auf Print. Die übrigen 15 Prozent verteilen sich auf Diverses wie Radio, Kino und weitere Nischenkanäle wie spezielle Events oder Anlässe.

 

Was sagen Sie zur Werbestrategie Ihrer Konkurrenz?

Wir beobachten die Aktivitäten unserer Wettbewerber interessiert und aufmerksam. Daraus lassen sich teils interessante Rückschlüsse ziehen. Um unsere Zielgruppen aber optimal anzusprechen, liegt unser Hauptfokus klar auf unserer eigenen Marken- und Werbestrategie mit den entsprechenden Massnahmen. Diese werden in den seltensten Fällen direkt durch Konkurrenzaktivitäten beeinflusst, da sie im langfristigen Kontext geplant sind und unabhängig davon funktionieren.

 

Auf welche Werbung springen Sie als Medienkonsument selber an?

Kreativer und überraschender Werbung schenke ich eigentlich immer meine Aufmerksamkeit. Das ist quasi eine Berufskrankheit. Am anfälligsten bin ich als Konsument aber, wenn mich die erzählte Geschichte der Werbung emotional berührt oder einen bestimmten Mood bei mir erzeugt. Wenn mir die Werbung ein gewünschtes Lebensgefühl vermittelt, bin ich quasi schon verloren (lacht).

 

Welche Werbeform übersehen Sie als Privatperson vielleicht auch mal gerne?

Nicht adressierte Postwurfsendungen im Briefkasten sowie Beilagen in Zeitungen ignoriere ich persönlich nahezu grundsätzlich – ganz speziell die der umliegenden Möbelhäuser und Supermärkte. TV-Spots übersehe ich zwar nicht, bin dann aber doch immer wieder erstaunt, wie rein produktzentrisch und visuell aus der Zeit gefallen gewisse Spots noch immer gemacht sein können.

Matthias Zehnder: Zwischen Sender und Empfänger

Kommunikation, sagt der Basler Publizist Matthias Zehnder, werde oft zu einseitig gedacht. Unternehmen müssten diesen Fehler vermeiden, wenn ihre Botschaften etwas bewirken sollen.

Dr. Matthias Zehnder ist freier Publizist, Berater und Autor in Basel. (Illustration: Silvan Borer)

m&k: Matthias Zehnder, wenn ich Ihnen die Frage stelle, was Sie unter «gelungener Kommunikation» ver­stehen – welche Antwort kommt Ihnen dann spontan in den Sinn?

Matthias Zehnder: Als Wissenschaftler würde ich mit einer Gegenfrage beginnen: Was ist das überhaupt, Kommunikation? Nun: Kommunikation ist, wenn ein Sender einem Empfänger eine Botschaft übermittelt. Ich glaube ja, wir alle machen immer wieder den Fehler, dass wir Kommunikation nur aus der Perspektive des Senders betrachten. Sie definiert sich aber darüber, was beim Empfänger ankommt! Wenn ich über das Gelingen von Kommunikation rede oder nachdenke, dann muss ich das aus der Empfängerperspektive heraus tun. Das als erster Punkt. Zweitens gilt: Wenn man über gelingende oder gelungene Kommunikation spricht, dann ist meist nicht die Kommunikation an sich gemeint, sondern die Kommunikationswirkung. Also das, was die Kommunikation auslöst. Und das ist meist nicht direkt Teil der Kommunikation, sondern ein über- oder untergeordnetes Ziel, das mit noch ein paar anderen Aspekten verbunden ist.Und die wären?

Was oft komplett vergessen geht, ist, dass Kommunikation soziales Handeln ist, welches zwei Partner beinhaltet. Also nicht nur einen handelnden Sender, sondern eben auch einen handelnden Empfänger. Und damit die beiden miteinander interagieren können, auch wenn es eine «One-Way-Kommunikation» ist, benötigen sie eine gemeinsame Wirklichkeit, in der sie sich bewegen. Diese Wirklichkeit muss ich, vor allem in der digitalen Welt, über Kommunikation zuerst herstellen, damit wir uns dort begegnen können. Also: Wenn wir nach dem Gelingen von Kommunikation fragen, fragen wir eigentlich, ob wir über eine gemeinsame Wirklichkeit verfügen und ob wir uns wirklich gemeinsam darin bewegen. Als Sender muss ich dazu den Empfänger ernst nehmen, ihm zuhören, ihn integrieren. Sonst schicke ich meine Botschaft irgendwohin und sie kommt womöglich nie an.

Wieso neigen wir als Sender dann so oft dazu, einfach mal «darauf loszukommunizieren?» Weil wir voreingenommen sind und a priori überzeugt, man würde uns schon verstehen?

Ich glaube, das hat mehrere Gründe. Der erste Grund – vor allem in den Medien – ist, dass die klassischen Medien gar keine andere Wahl hatten, als nur zu senden. Eine Zeitung, ein Radio, ein Fernsehen: Das sind Sendebetriebe, das sind Broadcaster. Das sind Maschinen und Maschinerien; oft industrielle Betriebe, die allein auf das Senden ausgerichtet sind. Zweitens: Vor allem in Unternehmen ist es oft so, dass die Kommunikation stark um sich selbst kreist. Der Empfänger ist «irgendwo da draussen», wird gar nicht richtig wahrgenommen. Und der dritte Faktor, der hier hineinspielt … wissen Sie, es ist wesentlich unbequemer, die Empfänger in meine Überlegungen mit einzubeziehen (lacht). Weil ich mich dabei ja selbst hinterfragen muss oder das Bild, das der Empfänger von mir haben könnte, erahnen und darauf reagieren muss. Es ist doch viel bequemer, nur zu senden.

Werden Unternehmen nicht auch zunehmend zu Empfängern? In den sozialen Medien etwa bekommen sie nun Reaktionen auf ihr Handeln zu hören. Das gab es früher nicht.

Darf ich da leicht korrigieren? Solche Reaktionen haben vorher auch schon stattgefunden. Nur haben die Unternehmen sie in der Regel nicht wahrgenommen. Heute ist es so, dass die Unternehmen nicht mehr darum herumkommen, sich mit den Reaktionen zu beschäftigen. Zum Glück. Weil sie so die Kommunikation natürlich sehr viel genauer steuern und den Kunden wirklich wahrnehmen können.

Sie sind ein ausgewiesener Experte für Digitalisierung und Kommunikation im virtuellen Raum. Selbige hat in der Pandemie einen noch grösseren Boom erlebt. Wie hat das Ihrer Meinung nach unser kommunikatives Miteinander verändert?

Wir konnten in den vergangenen anderthalb Jahren eine «Implosion der Kanäle» beobachten. Es hat sich plötzlich alles auf dieses leuchtende Viereck – den Bildschirm – im Heimbüro konzentriert. Jegliche Kommunikation. Die berufliche und die private, die kommerzielle, die Familienkommunikation, die interne Kommunikation und die externe Kommunikation. Es fand alles im selben Medium statt. Für Firmen war die Herausforderung gross, nur schon in der internen Kommunikation.

Geben Sie uns ein Beispiel?

Wir beide sitzen hier und sprechen miteinander, in meinem Büro. Vis-à-vis ist da das Roche-Hochhaus zu sehen. Vor der Pandemie konnte sich Roche allein durch diese Location bei den Mitarbeitenden positionieren. Die sind morgens auf ein grosses Firmengelände gefahren, links und rechts sehen sie vielleicht tolle Autos der Geschäftsleitung, sie kommen in ein fantastisches Hochhaus. Das höchste Hochhaus der Schweiz! Dann buchen sie sich ihre Liftfahrt in den zwanzigsten Stock und haben dann eine fantastische Aussicht über Basel. Schon bevor sie überhaupt den Computer hochfahren, haben sie wahrgenommen: «Unser Unternehmen ist spitze!»

«Der Empfänger gibt mir das Wertvollste, was er hat: seine Zeit. Er hat Anrecht auf einen Gegenwert.»

Das alles entfällt zu Hause …

Ja, jetzt sitzen die Mitarbeitenden zu Hause und der tolle Arbeitgeber meldet sich auf derselben Oberfläche wie Bauer Meier, der ihnen Brennholz verkaufen will (lacht). Da ist es unendlich viel schwieriger, die Menschen bei der Stange zu halten. Ich habe sehr oft mit Programmierern Kontakt, die sassen alle in den letzten anderthalb Jahren zu Hause am Küchentisch und haben programmiert. Mehrere haben mir gesagt: «Weisst du, ob ich jetzt für Microsoft, Adobe, Google oder Apple arbeite, ist völlig egal. Ich sitze sowieso immer an meinem Küchentisch und alles ist gleich.» Das ist für die Firmen katastrophal.

Und was hat die Pandemie mit der externen Kommunikation gemacht?

Wir sehen an dem Beispiel, das ich gerade gegeben habe, dass wir doch immer gesagt haben: «Los! Digitalisiert euch!» Aber wenn wir alles andere wegnehmen und nur noch einen digitalen Kanal haben, wird es unendlich schwierig! Weil es schwieriger ist, über diesen Kanal eine gemeinsame Wirklichkeit zu schaffen. Wenn wir nur noch diesen einen Kanal haben, ist er rasch völlig verstopft, wie der Gotthard vor den Sommerferien. Es muss alles da hindurch und die Wahrnehmung des Einzelnen leidet darunter massiv. Es hat natürlich auch positive Effekte: Wir haben in manchen Bereichen, in denen wir lange darauf gewartet haben, plötzlich digitale Transformationen gesehen. Die Akzeptanz von digitalen Interaktionen ist heute viel höher. Digitale Zahlungen, digitaler Handel, digitale Interaktionen generell, das hat massiv zugenommen. Das ist wunderbar. Aber die Herausforderungen für die Kommunikation sind eher grösser als vorher.

Umso wichtiger scheint mir, dass Unternehmen in der Kommunikation inhaltlich auf höchste Relevanz setzen. Sehr oft gehen sie aber mit maximal uninteressanten Details an die Öffentlichkeit. Woran liegt das?

Ich glaube, das war schon immer so. Vielleicht weil der Bereich Kommunikation sich zuerst intern verkaufen muss, sich durchsetzen muss und ein Budget zugesprochen erhalten muss … Ein nettes Beispiel sind Werbungen im Lokalfernsehen: Wie wirksam die sind, ist oft sehr fraglich, aber «der Chef sieht sich selbst im Fernsehen, das ist immer gut». Das ist ein Effekt, den wir schon lange haben. Und das ist in der digitalen Welt nicht anders. Ich glaube deshalb, wenn wir nach dem Gelingen von Kommunikation fragen, dann müssen wir zuallererst fragen: «Was ist denn das Ziel der Kommunikation?» Und das Ziel darf nicht nur ein Ziel auf der Unternehmensseite, der Seite des Senders sein. Es muss mit einem Ziel oder einem Nutzen auf der Seite des Empfängers verbunden sein. Ich kann in der Kommunikation keinen einseitigen Handel betreiben, denn dann wäre es ja kein Handel mehr.

Beide Seiten müssen etwas geben.

Richtig. Der Empfänger gibt mir das Wertvollste, das er hat – und das ist seine Zeit. Geld kann ich jederzeit vermehren, ich kann Häuser vermehren, ich kann Autos vermehren. Aber Zeit kann ich nicht vermehren. Wenn der Empfänger mir seine Zeit gibt, hat er Anrecht auf einen Gegenwert im Sinne eines konkreten Nutzens. Das kann ein wissenswertes Detail sein, es kann Unterhaltung sein, es kann ein Preisnachlass sein. Was auch immer. Der Empfänger muss nur stets den Eindruck haben, dass es sich gelohnt hat, seine Zeit zu investieren.

Wenn wir nun von der Inhaltsebene auf die Ebene des Trägers abstrahieren – welche Rolle spielt es, ob eine Botschaft, sagen wir, auf einem Natel-Bildschirm oder auf Papier daherkommt?

Wie gesagt: Ich beschäftige mich seit mehr als dreissig Jahren mit Digitalisierung und habe mir so lange den Mund in Vorstandsetagen fusselig geredet, habe gesagt: «Schaut euch die digitale Welt an, kümmert euch darum!» Doch es gibt eben auch das ganz grosse «Aber» dazu, welches mit der Überfüllung des digitalen Kanals entsteht. Und heute immer grösser wird. Deshalb gibt es bis jetzt auch nichts, was eine so gute Positionierungskraft aufweist wie der Print. Wenn ich mit etwas in einem Briefkasten lande und dieses Etwas es dann vielleicht sogar auf den Küchentisch schafft, habe ich eine Präsenzfläche in einem Haushalt und kann mich in diesem Haushalt positionieren. Das heisst noch nicht, dass die Kommunikation gelingt. Aber es ist eine Voraussetzung dafür. Die Voraussetzung für gelingende Kommunikation ist Aufmerksamkeit des Empfängers. Und diese Aufmerksamkeit kann ich mit gut gemachtem Print wahrscheinlich einfacher und nachhaltiger gewinnen als mit digitaler Kommunikation. Das heisst nicht, dass Print besser ist als Digital oder umgekehrt, aber Print kann im Kommunikationsset weiterhin – und wird weiterhin – eine wichtige Rolle spielen.

Und Print hat dazu natürlich auch immer noch das haptische Element. Oder ist das ein reines Nostalgikerargument?

Sie haben recht. Print ist diesbezüglich stärker als jede Form digitaler Kommunikation, in die eine oder die andere Richtung. Ein Produkt, das eine bestimmte Ausgestaltung hat, eine bestimmte Haptik, einen Geruch, kann natürlich auch negativ wahrgenommen werden, wenn etwa schlecht riechende Farben benutzt werden. Aber: Print vermittelt mir von Anfang an ein Gefühl dafür, was enthalten ist; wo der Anfang und das Ende ist. Das ist bei digitaler Kommunikation anders. Da braucht es Kon­strukte, um das zu vermitteln. Es gibt zum Beispiel bei Online-Artikeln diesen Mechanismus, der sichtbar macht, wie viel Prozent eines Artikels ich schon gelesen habe. Oder bei elektronischen Büchern, wo sich auf der Seite ein Balken füllt, wenn wir «weiterblättern». Das sind Hilfskonstrukte, um das Produkthafte wieder mehr in den Vordergrund zu rücken.

Schmälern AI-Texte oder «automatisierte Individualisierung» den Impact von digitaler Kommunikation?

Die Maschine hat mit dem Sinn wenig zu tun. Automatisierung kann ein sehr sinnvolles und mächtiges Instrument sein, wenn ich von Anfang an einen Dialog mit dem Empfänger aufbaue und nicht nur einmal etwas aussende. Wenn der Dialog gut und regelmässig ist, dann kann er durchaus automatisiert sein; dann kann ich damit erste Interaktionen anstossen, die sich vertiefen lassen. Kommunikation bleibt auch dann eine soziale Handlung, wenn auf meiner Seite zunächst ein Roboter steht.

«Man braucht Präzision im Sinne der Empfänger und im Sinne der Botschaft. Mut ist oft, alles andere wegzulassen.»

Werden wird in ein Zeitalter eintreten, wo wir die allermeisten Kommunikationsleistungen – auch auf inhaltlicher Ebene – vollends automatisieren können?

Lassen Sie mich noch einmal eine Gegenfrage stellen: Was ist menschlich an Kommunikation? Ich glaube … der Fehler. Die Abweichung. Der überraschende Stolperer. Die Rhythmusänderung. Wenn man ein Herz pochen hört. Und diese Art der Unmittelbarkeit, die kann der Computer im Nachhinein nachmachen und simulieren. Aber er kann sie nicht kreieren. Computer sind nicht kreativ. Sie sind nur unglaublich gut im Sammeln von Daten, im Auswerten von Erfahrungen und in der Reproduktion von Mustern. Was durchaus problematisch sein kann, wie man weiss. Denn wenn man Computer über das Internet lernen lässt, dann führt das zum Beispiel zu Rassismus und Sexismus, weil die Menschen sich so äussern. Ich glaube, es ist gut, wenn Computer einen Teil der Kommunikation übernehmen. Nämlich jenen Teil, der sich automatisieren lässt. Der uns Menschen, die menschliche Seite von uns Menschen, nicht braucht. Dann können wir uns auf die humane Seite konzentrieren. Wir sehen diese Entwicklung ja schon in den Medien, viele Resultate-Seiten, alles, was datenorientiert ist, kann der Computer effizienter generieren. Gut so, dann kann sich der Mensch auf das kreative Element konzentrieren, das überraschende Bild schiessen oder auswählen und die emphatische Geschichte dazu schreiben. Wichtig ist, dass es noch Menschen gibt, die genau das tun können. Und dass sie den Freiraum und die Mittel haben, hier Wert zu schöpfen. Aber dass Computer eine immer grössere Rolle in Medien und Kommunikation spielen werden, das ist klar.

Sie selbst helfen Unternehmen mit unkomplizierten Kommunikations-Checks. Was hat es damit auf sich?

Ich war jahrelang Blattmacher von wichtigen Zeitungen, verantwortlich für elektronische Kommunikation in einem grossen Unternehmen, beteiligt an Start-ups … und ich stelle diese Erfahrungen in einem externen Fachreview zur Verfügung.

Welche kommunikativen Fehler beobachten Sie in Ihren «Checks» am häufigsten?

Es sind genau die erwähnten Grundsatzfehler, die immer wieder stattfinden. Es wird nicht zuerst das Wichtigste, das für den Kunden im Zentrum steht, gesagt; es wird das gesagt, was die Organisation oder das Unternehmen gerade für wichtig hält. Viele Firmen gehen mit der Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser sehr nachlässig um. Etliche schauen auch zu sehr auf die Einzelelemente und vernachlässigen dabei die Gesamtmechanik. Wenn ich eine Zeitschrift in die Hand nehme, dann hat sie eine Mechanik. Sie hat ein Vorne und ein Hinten, man sollte sie in beide Richtungen lesen können – beides sollte geplant sein. Inklusive eines gewissen Rhythmus; mal ein langes, mal ein kurzes Stück … Das ist auch bei Firmenkommunikation so. Sie muss als Gesamtprodukt angelegt sein, die bewusst mit der Ressource Zeit umgeht, welche der Kunde zur Verfügung stellt.

Muss Kommunikation provozieren oder aufrütteln, um breit rezipiert zu werden?

Kommunikation braucht vor allem Präzision. Ich muss mir im Klaren sein, wen ich erreichen will. Und ich muss präzise wissen, was ich diesen Menschen zu bieten habe. Es nützt nichts, wenn fast die ganze Schweiz von meiner Kommunikation redet, nur die, die meine Kunden werden sollen, nicht. Man braucht unbedingt Präzision im Sinne der Empfänger und Präzision im Sinne der Botschaft, ihrer Wirkung. Der Mut besteht oft darin, alles andere wegzulassen.


Dr. Matthias Zehnder (*1967) ist freier Publizist, Berater und Autor in Basel. Er hat in Zürich Germanistik und Philosophie studiert und in Basel in Medienwissenschaften promoviert. Zehnder hat mehrere Start-up-Firmen und Publikationen rund um das Internet gegründet oder mitgegründet. 2007 bis 2012 war er Chefredaktor der «Coopzeitung», des grössten Printprodukts der Schweiz. 2012 bis 2015 war er Chefredaktor der Tageszeitung «bz Basel». Seit Anfang 2016 ist er selbstständig als Autor, Wissenschaftler und Berater. Als Publizist beschäftigt er sich seit 30 Jahren mit der Digitalisierung und ihren Folgen.

Sie interessieren sich für die Themen, über die Matthias Zehnder in diesem Interview gesprochen hat? Ähnliches, aber auch Gedanken zu Politik und Philosophie lesen Sie regelmässig, wenn Sie seinen «Wochenkommentar» abonnieren.

Storytelling statt Social Selling

Social Selling hat nichts mit Vertrauen zu tun und die Beziehung zum Kunden hört mit dem erfolgreichen Verkauf auf. Ganz im Gegensatz zum Storytelling.

Social Selling
Tijen Onaran, CEO von Global Digital Women und neue Kolumnistin bei m&k. (Bild: zVg.)

Wenn es ums Marketing geht, ist die Sache in den traditionellen Medien klar. Im Fernsehen unterbricht der Werbeblock das laufende Programm und im Print-Bereich müssen Anzeigen grafisch abgegrenzt und klar als solche erkennbar sein. In den Social Media aber verschwimmt die Grenze zwischen «normalen» Inhalten und Produktmarketing immer mehr. Warum das so ist, zeigt sich nirgendwo so deutlich wie beim Phänomen des Social Selling.

Social Selling – die Kaltakquise des Internets

Im Grunde ist Social Selling eine Vertriebsmethode. Schon der Begriff suggeriert, dass es dabei vor allem um eines geht: verkaufen, verkaufen, verkaufen. In vielerlei Hinsicht handelt es sich um die Social-Media-Variante der Kaltakquise. Und im schlimmsten Fall funktioniert sie auch mit ähnlichen Methoden – nur weniger kreativ. Das Worst-Case-Szenario spielt sich täglich auf Plattformen wie LinkedIn & Co ab. Häufig fallen die Anfragenden mit der Tür ins Haus. Direkt in der ersten Nachricht fragen sie, ob man ein Produkt kaufen will oder Zeit für einen gemeinsamen Austausch hat, um herauszufinden, ob es «gemeinsame Schnittstellen» gibt.

Dass Social Selling überhaupt zu einem Phänomen wurde, liegt unter anderem daran, dass es online schwieriger ist, die Aufmerksamkeit der Menschen zu erlangen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Beim Social Selling soll darum eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Verkäufer*in und Käufer*in hergestellt werden und den Verkauf fördern. Das Problem dabei ist: Social Selling hat nichts mit Vertrauen zu tun und die Beziehung hört mit dem erfolgreichen Verkauf auf.

Gute Inhalte und ­Botschafter*innen

Gutes Produktmarketing hat im Gegensatz dazu viel mehr mit gelungener Kommunikation zu tun als mit dem schlichten Anpreisen und Verkaufen von Dingen oder Dienstleistungen. Der Unterschied mag vielleicht auf den ersten Blick marginal erscheinen, aber er ist entscheidend. Zwar werden auch beim Social Selling die Social-Media-Kanäle genutzt, um mit Kund*innen ins Gespräch zu kommen. Die Frage ist jedoch das Wie.

Während beim Social Selling «Content» an eine relevante Zielgruppe verteilt wird, setzt gutes Produktmarketing auf den Aufbau einer Community sowie relevante und spannende Inhalte. Dafür braucht es eine echte Kommunikation, die das Ziel hat, Vertrauen zum Gegenüber aufzubauen. Gelungenes Produktmarketing beruht auf Sichtbarkeit, Storytelling mit guten Inhalten und Botschafter*innen, die diese kommunizieren.

Storytelling zum Aufbau vertrauensvoller Beziehungen

Selbstverständlich erfüllen gerade die beruflichen Plattformen und das eigene Netzwerk auch nützliche Funktionen, wie etwa zur Suche von potenziellen Kunden. Damit dies nachhaltig und langfristig funktioniert, sollte der Fokus auf dem Aufbau einer Community, transparenter Kommunikation und nicht zuletzt von Vertrauen liegen. Erst in einem dritten oder vierten Schritt kann es dabei auch darum gehen, etwas zu verkaufen. Ich selbst gehe dabei nach der Devise vor: Ich kaufe nur, wenn ich vertraue.


Tijen Onaran schreibt eine wiederkehrende Kolumne in der Printausgabe von m&k. Sie ist CEO von Global Digital Women, Autorin des «Spiegel»-Bestsellers «Nur wer sichtbar ist, findet auch statt» und wurde 2020 unter die zehn einflussreichsten Player auf LinkedIn gewählt. Ihre Themen: Diversity und Inclusion.

 

Immer auf der Suche

Sie ist kaum greifbar, entzieht sich einer genauen Definition und ist doch die Essenz ihrer Arbeit: m&k hat Top-Werber:innen der Schweiz gefragt, woher sie ihre Inspiration beziehen. Statements zum Denken, Nicht-Denken und allem dazwischen.

Andrea Bison ist Mitgründerin und Partnerin der Agentur Thjnk Zürich.

Andrea Bison: Es ist meine Überzeugung, dass Kreativität jede Frage beantworten kann. Es kann ein einziger Gedanken sein, der die Kraft hat, alles zu verändern. Und ich glaube, dass jede und jeder diesen Gedanken haben kann. Deshalb sollte Kreativität für mich nicht praktisch in die Abteilung Kreation delegiert werden, sondern ein Anspruch sein an alle in ihrem Bereich und nach ihren Fähigkeiten.

Die Voraussetzung dafür ist freies Denken, nur so entsteht Raum für kreative Lösungen. Für diese Art von Gedanken brauchen wir ein Klima, in dem das Andersdenken nicht als Gefahr gesehen wird, sondern als Chance, ein Arbeitsumfeld, das Freiheit bietet, den Arbeitsalltag so zu gestalten, wie es die Aufgabe erfordert, und in dem Wohlfühlen und Vertrauen Teil der Kultur sind. Um diese Voraussetzungen zu schaffen, versuche ich, im Alltag immer wieder gewohnte Mechanismen zu durchbrechen, übliche Abläufe zu hinterfragen und Grenzen zu beseitigen, um damit wieder Raum für Neues zu schaffen. Und wenn neue, ungewöhnliche, vielleicht unkonventionelle Ideen auf dem Tisch sind, dann ist es meine Motivation, Türen zu öffnen und Barrieren zu beseitigen, um diese möglich zu machen.

Meine Inspiration? Praktisch alles und jede:r auf dieser Welt, was anders an Dinge herangeht und neue Wege findet. Die Natur ist im Grunde unser bestes Vorbild in Sachen Kreativität. Sie zeigt uns jeden Tag, wie man neue Wege finden kann.

Mich inspirieren auch alle Menschen, die das Gewohnte und das Konventionelle beiseiteräumen, um so auf vollkommen neue Ideen zu kommen und neue Lösungen zu schaffen. Alle, die an ihre Ideen glauben und sich von «geht nicht» oder «gibt’s nicht» nicht bremsen lassen.Mich beeindrucken im Moment neue Ansätze, die im Bereich Nachhaltigkeit entstehen, innovative Lösungen, die ein kleines bisschen Hoffnung machen. Ich wünsche mir, dass hier noch viel grössere Grenzen eingerissen werden, um neue Lösungen zu ermöglichen und das grösste Problem unserer Zeit zu lösen.Und nicht zuletzt sind es auch Kinder, die mich immer wieder aufs Neue in­spirieren. Sie haben all die Scheren noch nicht im Kopf, die uns immer wieder blockieren. Sie helfen mir, Dinge zu hinterfragen, neue Lösung zu sehen und immer wieder alles für möglich zu halten.

«Kinder haben all die Scheren noch nicht im Kopf, die uns blockieren. Sie helfen mir, Dinge zu hinterfragen.»

Parvez Sheik Fareed ist Creative Director bei PAM Advertising.

Parvez Sheik Fareed: Was mich inspiriert? Weiss ich nicht. Oder zumindest glaube ich zu wissen, dass ich nicht weiss, was mich inspiriert. Die küssende Muse ist es jedenfalls nicht. Sie, die plötzlich auftaucht und den genialen Einfall liefert, wenn man nicht weiterkommt. Sollte es diese Muse tatsächlich geben, scheint sie den Weg zu mir nicht zu finden.

Das Suchen nach einer Idee, das Denken, ist ein stiller Vorgang. Ich sitze dabei meistens. Manchmal mit aufgestütztem Kopf wie Rodins «Der Denker», aber nicht nackt. Fallen mir keine oder nur lausige Ideen ein, lasse ich das Ganze eine gewisse Zeit ruhen. Befasse ich mich dann später wieder aktiv damit, fallen mir manchmal plötzlich neue Dinge ein. Fällt mir immer noch nichts ein, lasse ich es wieder ruhen. Und befasse mich später wieder damit. Und so weiter.

«Natürlich gibt es Brainstormings und Co-Creation. Aber beides ist Quatsch.»

Das Nicht-Weiterkommen bei der Ideensuche gehört zum Prozess. Das Interessante an Ideen ist ja, dass man nicht wirklich weiss, woher man Ideen hat. Man realisiert nur, dass man eine Idee hat im Moment ,als die Idee plötzlich aufploppt. Wie eine Luftblase, die an der Wasseroberfläche auftaucht. Woher die Idee kam, bleibt ein Rätsel.

Wüsste man, wie Ideen aus den geistigen Untiefen zu angeln sind, hätten Firmen diesen Prozess längst implementiert. Natürlich gibt es Brainstormings und Co-Creation. Aber beides ist Quatsch. Das sieht man an den Ergebnissen, die solche Orgien jeweils produzieren. Aber ich schweife ab. Die Frage war ja nach der Inspiration. Fände ich mit einem Kniff jeweils den Ausweg aus einer geistigen Sackgasse, wüsste ich wohl, was mich inspiriert. Vielleicht brauche ich nochmals etwas Zeit, um darüber nachzudenken. Ich lasse dieses Thema jetzt ruhen und gehe spazieren. Auf Spaziergängen bin ich der Muse übrigens auch noch nie begegnet. Falls Sie die Muse kennen, geben Sie ihr doch bitte meine E-Mail-Adresse: [email protected]. Vielleicht ist sie heutzutage ja auch digital unterwegs.

Karin Estermann ist Executive Creative Director der Agentur Inhalt und Form.

Karin Estermann: Am meisten inspirieren mich gute Fragen: Ich spüre, wie mein Gehirn bei einer überraschenden oder ungewöhnlichen Frage auf Hochform aufläuft und nach Antworten und Lösungen sucht. Gute Fragen hinterlassen einen Funken Unruhe in mir. Bewusst oder unterbewusst begibt sich mein Geist auf die Suche nach Antworten und wird angekurbelt. Wahrscheinlich ein antrainierter Zug aus unserer lösungsorientierten, schnellen Branche – aber trotzdem holen mich gute Fragen in neue Denkmuster und folgend zu neuen Ideen.

Gute Ideen kommen mir auch oft, wenn mein Gedankenfilter nicht so funktionsfähig oder leicht benebelt ist. Mein Gehirn sortiert dann nicht sofort alles nach «gut» und «schlecht» und «das ist es!» – es lässt sozusagen alle Gedanken ins Rennen. Dazu kann ich stundenweise auf Bilddatenbanken im Netz rumsurfen. Bilder bringen mich gut in diesen Gehirn-auf-Halbmast-Zustand.

Und dann gibt es noch meine ganz vielen «schlechten» Ideen. Auch diese niederzuschreiben lohnt sich für mich. Am besten immer sowieso alle Ideen aufschreiben. Auch die «viel zu teuren» und die «Das-machen-die-doch-niiiiiie-im-Leben-Ideen». Genau diese miesen Dinger können am nächsten Morgen mit neuer (oder eben benebelter) Sicht das Sprungbrett zur richtig guten Gold-Idee sein, und eben nicht jene, an der man seit zwei Tagen festhält. Ganz im Sinne von «kill your darlings».

«Ich versuche immer wieder, aus dem Alltagstrott auszubrechen, die Routinen zu brechen mit neuen Impulsen.»

Aber zu all dem oben Erwähnten gilt zu sagen: Wer immer nur das Gleiche macht, kommt auch nur immer auf die gleichen Ideen. Unser Alltag besteht zu achtzig Prozent aus Routine, und das lullt unser Gehirn ein. Darum suche ich nicht immer nur nach guten Fragen. Darum rede ich nicht mehr über Corona. Ich versuche immer wieder, aus dem Alltagstrott auszubrechen, die Routinen zu brechen mit neuen Impulsen. Das kann am Morgen ein neuer Weg ins Büro sein, Reisen, ja einfach das Gehirn challengen, damit es mit seinem Latein am Ende ist und den Gedanken wieder einen Klaps gibt.

Florian Beck ist Founder und Chief Creative bei Sir Mary, ausserdem Papa mit Leidenschaft.
Florian Beck: Prinzipiell denke ich zu viel. Was ich mache, um nicht zu denken: Banale Sachen, ich gehe zum Beispiel – Der erste AI Bundesrat Gepixeltes Dosenbranding Da Da Da Yeaah Kater Dreh Fiat Panda kaufen Rita Levi …

«Scheisse, ich kann das so nicht schreiben. Das ist Saudoof.»

Montalcini CSS Ode ans Leben – mit meiner Tochter spazieren, wenn ich mich da nicht auf sie – Crack Cloud Samsung Casefilm Digital Switzerland nicht runterkochen Versicherungs Versicherung ­Warum muss ich immer alles selber machen – konzentriere, sondern mich ablenken – Brand nur auf TikTok aufbauen Sir Mary Cocktail Kaspar Ineffizienter Scheiss Prozess Kunden wollen immer was Neues was sie schon dreimal gesehen haben Haftpflicht anrufen Wohnungsübergabe – lasse, wird es gefährlich. Gib mir die Hand, Yael, wir müssen – Mit dem Logo sieht alles Kacke aus Goldfolie Panda Film nur mit dem Kack Logo? So scheisse dass es schon wieder geil ist 5 Jahre Sir Mary Party Fuck wir werden zu fett – über die Strasse, Yael, Achtung!

Oder ich mache Sport, da kann ich auch – Scheisse ich kann das so nicht schreiben Das ist Saudoof Bin kein Texter Ist aber auch eine dämliche Frage F355 GTB Der Redakteur hat doch eigentlich was in der Birne Walter Röhrl Linus Bill schreiben Boilerplate. Hegarty. Hegarty Wein hat er in der Birne – gut abschalten.

«Was ich mache, um nicht zu denken: Banale Sachen, ich gehe zum Beispiel (…) mit meiner Tochter spazieren.»

Ohne Furcht und Freunde – Rebecca Blumenstein im Interview

Sie ist Deputy Editor der «New York Times», Chefstrategin und Sparring-Partnerin des Verlegers: Kaum jemand weiss besser als Rebecca Blumenstein, wie der Titel tickt. Wir haben mit der Journalistin gesprochen; über China, Trump, Populismus — und den ständigen Kampf um Unabhängigkeit.

Rebecca Blumenstein, wie unser Illustrator sie sieht: Die Journalistin ist eine der mächtigsten Frauen bei der «New York Times». (Illustration: Silvan Borer)

m&k: Bevor Sie zur New York Times kamen, waren Sie für das renommierte Wall Street Journal tätig. Sie leiteten beispielsweise von 2005 bis 2009 das WSJ-Büro in Peking. Wie war das Leben als westliche Journalistin in China?

Rebecca Blumenstein: Nach China zu gehen war definitiv eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe. Es war ein grosses Risiko, denn 2005 sprach ich kein Mandarin, ich war noch nie dort gewesen und ich hatte drei kleine Kinder. Aber ich ging zu einer Zeit, als sich die Story vom Aufstieg Chinas zu einer der grössten Geschichten entwickelte, über die man schreiben konnte; als der Welt bewusst wurde, wie das Land alles umzugestalten entschlossen war. Aber leider wird sich unsere Zeit in China so kaum wiederholen – inzwischen sind so viele westliche Journalisten des Landes verwiesen worden …

 

Sie haben vor den Olympischen Spielen 2008 eine Politik der Öffnung erlebt – und danach den Beginn eines «Crackdown» …

Vor den Olympischen Spielen 2008 wollte China der Welt beweisen, dass es ein solches Grossereignis durchführen kann. Im Run-up zu den Spielen wollte man neben einem grossen Abkommen mit der Welthandelsorganisation auch eine gewisse mediale Offenheit an den Tag legen. Obwohl die inländische Presse verfolgt und überwacht wurde und die ausländische Presse in der Vergangenheit in China überwacht worden war, wurden viele dieser Beschränkungen aufge­hoben. Wir waren beispielsweise relativ frei in unserer Berichterstattung. Und wir schrieben, worüber wir wollten, auch wenn die chinesische Regierung sich manchmal darüber empörte. Das ist jetzt fast alles passé. Ehrlich gesagt, ist es enorm traurig, wenn man bedenkt, wie wenig Zugang ein Grossteil der westlichen Presse zu China hat. Ich hoffe sehr, dass die Regierungen der USA und Chinas ihre Beziehungen wiederbeleben können, denn es ist für beide Länder von grundlegender Bedeutung, sich gegenseitig zu ­verstehen.

 

Glauben Sie, dass die strategischen Ziele der Chinesen immer noch unterschätzt werden – etwa, weil Handel und Wirtschaft ja auch so ganz gut funktionieren?

Nun, die Chinesen sind organisiert, entschlossen, langfristig planend und unbeirrbar in ihrem Bestreben, eine weltweite Vorherrschaft ihres Landes zu etablieren. Und in letzter Zeit werden sie dabei immer aggressiver. Deshalb erleben wir im Moment eine Entfremdung zwischen den USA und China. Die grosse Frage ist, ob das so weitergeht. Wissen Sie, was man bedenken muss – und was China von fast allen anderen Ländern der Welt unterscheidet –, ist die Grösse seiner Bevölkerung. Und die Tatsache, dass der chinesische Markt etwas ist, das kein Unternehmen ignorieren kann. Der Einfluss der Chinesen auf das weltweite Klima, die Autoindustrie, das Gesundheitswesen ist gewaltig … und diese Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

«Wir haben uns die Fehde mit Trump gewiss nicht ausgesucht.»

Gleichzeitig sind viele Länder von chinesischen Zulieferern abhängig, um ihre eigenen Unternehmen am Laufen zu halten.

Ich bin schon lange der Auffassung, dass wir es uns zu einfach machen, wenn wir China für alles die Schuld geben. Sagen, dass das Land für die Umweltverschmutzung und all diese schmutzigen Fabriken verantwortlich ist … Ich höre sehr oft die Frage: «Warum können sie nicht einfach mehr wie wir sein?». Und ich denke, wir müssen innehalten und die Tatsache reflektieren, dass die Chinesen unsere Telefone und unsere Kleidung und so vieles von dem, was wir in unserem Alltag benutzen, herstellen. Ich glaube, dass wir sie manchmal herabsetzen, indem wir ihnen quasi die alleinige Schuld an der daraus resultierenden Umweltverschmutzung geben. Wie gesagt, bin ich überzeugt, dass der Aufstieg Chinas die grösste Story unseres Lebens ist – und in den USA wie in Europa müssen wir uns darauf vorbereiten, die Macht und den Reichtum, den wir lange Zeit genossen haben, zu teilen. Jedes Produkt, jeder Sektor der Wirtschaft wird durch China, das in vielerlei Hinsicht führend sein wird, völlig verändert werden.

«Ich ging zu einer Zeit nach China, als sich die Story vom Aufstieg des Landes zu einer der grössten Geschichten entwickelte …»

Nachdem Sie China verlassen hatten und in die USA zurückgekehrt waren, hatten Sie verschiedene hochrangige Positionen beim Wall Street Journal inne, bevor Sie 2017 zur New York Times wechselten. Im Februar 2021 wurden Sie dort aufgerufen, eine exklusiv geschaffene Position zu übernehmen – Deputy Editor im Publisher’s Office. Könnten Sie uns erläutern, was diese Position mit sich bringt?

Der Verleger der Times, A. G. Sulzberger, hat mich angesprochen, ob ich für eine solche Aufgabe offen wäre. Er muss ein Unternehmen mit etwa 5’000 Mitarbeitenden leiten und braucht Hilfe dabei, es zu lenken. Wir sehen uns bei der Times mit denselben Fragen konfrontiert wie viele andere Unternehmen auch – etwa: «Was können wir tun, um unsere interne Kultur zu verbessern?» oder «Wie können wir sicherstellen, dass die Times der Ort ist, an dem sich jeder ermutigt fühlt, die beste Arbeit seiner Karriere zu leisten?»

Was machen Sie ausserdem?

Neben der Arbeit an den Antworten auf diese Fragen unterstütze ich unseren Verleger dabei, die interne und externe Öffentlichkeitsarbeit zu erweitern: Im 15. Stock des Times-Gebäudes hängen Bilder von Staatsoberhäuptern aus aller Welt, die in den vergangenen Jahren zu Publisher’s Lunches gekommen sind. Nach der Pandemie hoffen wir sehr, diese Veranstaltung wieder stattfinden zu lassen und führende Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft einzuladen, um mit unseren Reportern und Redaktoren zu sprechen. Dieser Austausch ist sehr wertvoll und trägt dazu bei, dass wir die wichtigsten Meinungen hören; dass wir offen bleiben.

Präsident vs. Zeitung: Bereits 2017 begann der damals frisch im Amt befindliche Donald J. Trump, Journalisten der New York Times als «Feinde des Volkes» zu bezeichnen. (Illustration: Silvan Borer)

Da wir gerade von politischen Führern sprechen – in Ihrer ersten Woche bei der Times, im Jahr 2017, begann Donald Trump, Sie und Ihre Kollegen als «Feinde des Volkes» zu bezeichnen. Können Sie sich daran erinnern, wie Sie sich damals gefühlt haben?

Ich kann Ihnen versichern, dass das definitiv eine Fehde ist, welche die Times nie forciert hat. Was 2017 begann, war eine Zeit, die viele Menschen an die Bedeutung der freien Presse erinnert hat. Das ist etwas, das wir in Amerika lange Zeit für selbstverständlich gehalten hatten, und plötzlich …

 

Plötzlich muss es sich so angefühlt haben, als gäbe es einen Versuch, diese Freiheit einzuschränken.

Ja. Es gab andauernd Kampagnen, um grundlegende Fakten und die Wahrheit zu diskreditieren. Das ist übrigens ein ziemlich hässliches Erbe aus dieser Zeit, mit dem wir weiterhin leben müssen. Es wurde bewusst versucht, unsere Glaubwürdigkeit zu beschädigen, die «Times» und andere Medien als «Feinde des Volkes» darzustellen. Das diente und dient dazu, aufzuwiegeln und anzustacheln. Wie unser Verleger A. G. Sulzberger immer wieder betont: Das ist enorm gefährlich. Arbeit und Leben sind für die Reporter der «Times», für Reporter in ganz Amerika, in der ganzen Welt gefährlicher geworden. Die USA waren so lange Zeit ein Leuchtturm und ein Verfechter der Freiheit; sie waren das Land, das andere Länder dazu anspornte, den Idealen einer freien Presse und den Grundlagen der Demokratie gerecht zu werden. Dass die USA nun zum Anstifter für die Abkehr von eben diesen Grundsätzen wurden, gab vielen Staatsoberhäuptern auf der ganzen Welt einen politischen Blankoscheck, um ebenfalls hart gegen den Journalismus vorzugehen. Die Trump-Präsidentschaft hat also eine Dynamik in Gang gesetzt, die … sehr bedauerlich ist, um es gelinde auszudrücken.

Hat Ihnen das aber auch geholfen, sich die Werte der «Times» erneut zu vergegenwärtigen?

Nun, wir sind einfach standfest in dem geblieben, was wir immer getan haben; nämlich über die Welt zu berichten, ohne Angst vor oder Gefälligkeiten für irgendwen. Wenn Sie so wollen, haben wir unsere Anstrengungen sogar verdoppelt; ob es nun um Politik oder den Corona-Tracker geht, für den wir gerade einen Public Service Award gewonnen haben. Denn wir sind die einzige Unternehmung auf der Welt, die jeden einzelnen Covid-Fall festhält.

Hatten Sie das Gefühl, dass sich Ihre Leserinnen und Leser hinter Sie stellten, als Sie unter politischen Druck gerieten?

Wir haben die Unterstützung der Leser auf jeden Fall via unsere Abonnemente gespürt. Die Zahl der Abonnenten ist in den letzten Jahren stetig gestiegen – seit wir die Paywall eingerichtet haben, ist die Zahl der Abonnenten auf mehr als acht Millionen angewachsen. Aber wir sind, wie gesagt, überzeugt, dass es den Leserinnen und Lesern nicht «nur» um Politik geht. Tatsächlich haben unsere Berichterstattung über das Coronavirus, unsere Daten, der Impfstoff-Tracker, unsere Koch-App, unsere Rätsel … den Anstieg der Abonnemente befeuert. Und wir wissen den Support unserer Leserschaft sehr, sehr zu schätzen. Wir brauchen sie. Ich denke, eine der Tatsachen, die mich derzeit in Bezug auf den Journalismus an sich so optimistisch stimmen, ist, dass der regelrechte Kollaps des Wahrheitsbegriffs innerhalb sozialer Medien viele Menschen zu dem Schluss gebracht hat, dass sie bekommen, wofür sie bezahlen. Und dass Qualitätsinhalte nicht kostenlos sind.

Wenn eine Zeitung wie die New York Times vor allem von einer Seite des politischen Spektrums angegriffen wird, wie schwer ist es dann, die Neutralität zu wahren und gleichzeitig «zurückzuschlagen»?

Wir wollen keinesfalls die Zeitung einer bestimmten Seite sein. Und ich denke, dass wir an vielen Tagen die politische Linke genauso oder noch mehr ärgern wie die politische Rechte. Einige der schärfsten Kritiken, denen wir ausgesetzt sind, kommen von der politischen Linken und manchmal, ehrlich gesagt, wissen wir dann ganz besonders, dass wir einen Treffer gelandet haben (lacht). Wir müssen beide Seiten verstehen, beschreiben und, wenn nötig, kritisieren.

In der Schweiz gab es in letzter Zeit einige intensive Diskussionen über die Situation von Frauen, die in den Medien arbeiten. Wie würden Sie – als jemand, der eine beeindruckende Karriere in den Medien gemacht hat – besagte Situation einschätzen?Ich denke, sie verbessert sich ständig. Aber ich weiss, dass es noch viel zu tun gibt. Es kann zum Beispiel für Frauen schwierig sein, in Meetings das Wort zu ergreifen. Manche meinen, dass Zoom-Meetings und Fernarbeit das einfacher gemacht hätten … Ich denke hingegen, es ist noch schwieriger geworden! Ich ermutige Frauen immer dazu, sich in Meetings frühzeitig zu melden, aber viele von ihnen haben damit wirklich Probleme. Ausserdem glaube ich, dass viele Frauen, vor allem diejenigen, die Kinder haben, sich selbst ein Stück weit aufgeben und denken, dass sie es im Job nicht mehr schaffen können. Ich hatte das Glück, dass mir in solchen Momenten des Zweifelns stets neue Möglichkeiten aufgezeigt wurden. Und ich arbeite immer noch daran, mich dafür zu revanchieren und Frauen zu ermutigen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Es deprimiert mich mitunter regelrecht, wenn bei uns eine Auslandskorrespondenz frei wird und keine einzige Frau sich bewirbt!

 

Sind Sie der Meinung, dass die Pandemie – und die Tatsache, dass viele Unternehmen inzwischen auf Telearbeit setzen – berufstätigen Müttern neue Möglichkeiten eröffnet?

Ja, vielleicht erleben wir gerade einige Veränderungen, die den Frauen jene Flexibilität geben, die sie sich gewünscht haben. Zwei Tage im Büro, drei Tage von zu Hause aus arbeiten … das ist etwas, das Frauen wirklich helfen könnte, denn es macht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf viel leichter. Und die Unternehmen profitieren davon sehr, sehr stark: Ich habe früher für einen Chefredaktor gearbeitet, der immer sagte: «Mütter sind Deadline-fokussierte Menschen, sie erledigen, was man ihnen aufträgt!» (lacht)

«Was können wir tun, um unsere interne Kultur zu verbessern?»

Wenn Sie in die nicht allzu ferne Zukunft blicken, glauben Sie, dass der Populismus seine Hochphase erlebt hat – oder nimmt er gerade quasi Anlauf?

Nun, ich bin keine Politikjournalistin. Aber ich komme aus einer Stadt in Michigan namens Bay City. Ich habe im Vorfeld der Wahl eine Geschichte über die Stadt geschrieben: Sie ist ein Ort, der eine demokratische Hochburg war, 2016 aber an Donald Trump ging und 2020 erneut, obwohl Michigan – wenn auch nur knapp – von den Demokraten gewonnen wurde. Die Antwort auf Ihre Frage lautet dementsprechend wohl: Wir wissen nicht, was passieren wird, aber wir müssen stets vor Ort sein und unser Bestes tun, um das zu verstehen, was geschieht. Es ist beispielsweise enorm bedauerlich, dass die Frage der Impfungen in den Vereinigten Staaten Teil der Parteipolitik geworden ist, während der Rest der Welt sich darum reisst, überhaupt Impf­dosen zu bekommen. Ich fürchte, dass die Parteilichkeit nicht verschwinden wird.

Was können Journalisten tun, um bei der Verständigung zu helfen?Was wir als Journalisten tun müssen, ist, zu versuchen, die Menschen aus ihren «Informationsblasen» herauszuholen. Eben weil die sozialen Medien in vielerlei Hinsicht nicht in der Lage sind, Fehlinformationen zu korrigieren. Wir müssen in der Lage sein, den Menschen Fakten zu liefern – auf mindestens das, eine gemeinsame Faktenbasis, müssen wir uns einigen können. Ich bin aber gleichzeitig der festen Überzeugung, dass es keinen Sinn macht, Menschen für ihre Überzeugungen zu verteufeln – selbst wenn man nicht mit ihnen übereinstimmt. Für eine Zeitung wie die unsere gibt es im Allgemeinen nichts Besseres, als vor Ort zu sein und zu versuchen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen. Um noch einmal auf Ihre vor­herige Frage zurückzukommen: Die Zwischenwahlen in den USA werden interessant sein; niemand weiss, wie sie ausgehen werden, aber es steht viel auf dem Spiel. Es wird eine unglaubliche Story sein, über die wir da berichten können.


Rebecca Blumenstein ist Deputy Editor im Publisher’s Office bei der «New York Times». In dieser Funktion zeichnet sie für die strategische Ausrichtung, aber auch die öffentliche Repräsentation des Blattes mitverantwortlich. Zuvor hielt sie verschiedene hochrangige Positionen bei der «NYT» und dem «Wall Street ­Journal»; bei Letzterem etwa die stellvertretende Chefredaktion und die Leitung des China-Büros.

Heute die Schweiz, morgen die Welt?

Schweizer Agenturen treten selten als internationale Leadagenturen auf. Die Vorurteile halten sich hartnäckig: teure Krea-Arbeitskräfte, zu hohes Preisniveau in der Produktion, zu wenig internationale Vernetzung. Doch all das greift zu kurz.

Eine Senior-Brand-Designerin in Valencia verrechnet einen Stundensatz von 35 Euro. Inklusive aller Sozialleistungen. Der verrechnete Stundensatz einer LSA-Branding-Agentur liegt bei durchschnittlich 350 Schweizer Franken. Dem oder der ge­neigten Ökonom:in unter den Schweizer Agenturchef:innen ist klar, was das bedeutet: Mietverträge auflösen, Nearshoring-Modelle aufsetzen und damit global wettbewerbsfähig werden.Aber: Ist die Lösung so radikal wie einfach? Oder liegt die Wahrheit, wie so oft, irgendwo in der Mitte? Es gibt immer noch und immer wieder Beispiele, bei denen Schweizer Agenturen trotz weniger wettbewerbsfähiger Preise globale Kommunikationsverantwortung für Unternehmen übernehmen: Sir Mary ist seit diesem Frühling die globale digitale Kreativagentur der Allianz und hat in dieser Rolle soeben die #SparkConfidence-Kampagne umgesetzt, Publicis entwickelte 2020 die globale Kampagne der UBS weiter und mit Jung von Matt arbeiten wir auf globaler Ebene für Geberit und V-Zug.Die Gründe, warum es immer wieder zu diesen vermeintlich teureren Zusammenarbeiten kommt? Vor allem gewachsene Beziehung. Und vielleicht auch ein wenig das Verständnis für die Tradition von Unternehmen. Mit Ausnahme der Allianz sind alle der genannten Unternehmen ursprünglich aus der Schweiz. Und legen oft mehr, selten weniger Wert auf diese Herkunft.

«Warum soll ich fünf Tage die Woche in ein Bürogebäude, an meinen fixen Arbeitsplatz, wenn die kreative Kollaboration doch auch von Mallorca aus klappt?»

Und genau dort liegt wohl der Grund, warum die oben genannte Lösung doch nicht so klar auf der Hand liegt. Und eben auch der Grund, warum es auch in Zukunft möglich ist, dass Schweizer Agenturen global tätig sind: Übersteigt der Abstimmungs- und Erklärungsbedarf den effektiven Arbeitsaufwand einer Agentur, so nützen irgendwann auch Stundensätze von 35 Euro wenig. Das gemeinsame Verständnis für den Kontext eines Unternehmens – nicht zuletzt, wenn es sich zu bestimmten Teilen über seine Swissness definiert – ist wohl einer der grössten Effizienztreiber.

Nichtsdestotrotz: Bis es aus diesen Gründen zu einer finanziellen Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Agenturen mit internationalen Konkurrent:innen kommt, liegt ein langer, steiniger Weg hinter einem. Den wohl die wenigsten Unternehmen auf sich nehmen. Eher werden Agenturbeziehungen vorher gekappt und erneut in einen anderen, tiefpreisigen Markt verlagert.

Corona muss es mal wieder richten

Fassen wir zusammen: Schweizer Agenturen sind global wettbewerbsfähig, weil sie durch gewachsene Beziehungen und ein Verständnis für Swissness von hoher Effektivität und Effizienz profitieren. Damit diese Erkenntnis bei Unternehmen ankommt, braucht es unter Umständen lange Wanderjahre auf internationalen Pfaden, die mit Verständnishindernissen gepflastert sind. Bis Unternehmen dann irgendwann in den Schweizer Hafen zurückkehren.

«Wie viele Mitarbeitende träumten schon vor Corona davon, nach den Sommerferien nicht mehr von der Ferieninsel zurückkehren zu müssen?»

Ein realistisches Szenario? Selten. Aber – wie soll es anders sein – auch hier hat die Coronakrise einiges durcheinander gebracht. Zum Vorteil von Schweizer Agenturen. Wir haben uns konsequent von Standorten gelöst und unser kreatives Schaffen in den digitalen Raum verlagert. Und in dem gibt es ja bekanntlich keine Grenzen. Arbeits- und Freizeit, Remote Work und Staycations vermischten sich zu einem grossen Pool an Möglichkeiten, wo und wie (und manchmal auch wann) wir arbeiten. Wir wurden zu digitalen Nomad:innen und schlugen unsere Home­office-Zelte in den Bergen, an Stränden und auf Ferieninseln auf. Was sich in den vergangenen 1,5 Jahren wie ein temporärer Ausbruch aus ­bekannten Mustern anfühlte, ist zu unserer täglichen Realität geworden. Warum soll ich fünf Tage die Woche in ein Bürogebäude, an meinen fixen Arbeitsplatz, wenn die kreative Kollaboration doch auch von Mallorca aus klappt? Und muss ich überhaupt noch zurück oder soll ich meinen Lebensmittelpunkt nicht gleich auf die Ferieninsel verlagern?

Die institutionelle Antwort auf diese individuelle Frage ist: Kommt drauf an. Und genau hier öffnet sich der Möglichkeitshorizont, der die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Agenturen in Zukunft massgeblich mitbestimmt.

Von Nearshoring zu Off-Screening

Schaffen wir es, das Momentum der Krise zu nutzen und Angebotsmodelle zu bauen, die auch im internationalen Vergleich bestehen können? Wir glauben: Ja. Unser Vorschlag: Nearshoring – also die Verlagerung von Arbeiten ins nähere, günstigere Ausland – neu denken. Von Nearshoring zu Off-Screening. Heisst: Offshoring – was ja theoretisch überall auf der Welt stattfinden kann – mit Remote Work am Screen verbinden und so jegliche Grenzen auflösen.

Verpackt in eine konkrete Proposition am Arbeitsmarkt heisst das entweder, ein globales (oder zumindest europaweites) Recruiting von Personen mit Know-how des Schweizer Markts zu etablieren. Remote Work ist Standard, die Anstellungsverhältnisse sind attraktiv, gemessen am Wohnort der Mitarbeitenden, und attraktiv, gemessen am Standort des oder der Schweizer Arbeitgeber:in. Oder aber Arbeitgeber:innen suchen gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden Lösungen, wie Remote Work konsequent gedacht und umgesetzt werden kann. Wie viele Mitarbeitende träumten schon vor Corona davon, nach den Sommerferien nicht mehr von der Ferieninsel zurückkehren zu müssen? Warum sollten solche Vorstellungen weiterhin als Träumereien abgetan werden, wenn uns die letzten 1,5 Jahre genau das Gegenteil bewiesen haben?

Natürlich, das alles ist ein Prozess. Wir werden nicht von heute auf morgen auf «Full-time Off-Screening» umstellen. Und auch nicht übermorgen komplett ready sein, dass solche Strukturen immer effektiv und effizient laufen. Aber wir lernen mit jedem Mitarbeitenden und jeder Mitarbeitenden, die solche Möglichkeiten ausprobieren, dazu. Auch bei Jung von Matt.

Die Beispiele von Matthias Wobrock und ­Christian Koop im Interview zeigen: Mit Mut, Vertrauen und den Erfahrungen der letzten ­Monate stehen uns neue Wege offen, wie wir unsere Arbeit in Zukunft organisieren. Und damit auch dafür, wie Schweizer Agenturen in Zukunft noch attraktiver werden für globale Leadpositionen.


NACHGEFRAGT

Arbeiten und Wohnen an verschieden Orten? Kein Problem

Roman Hirsbrunner hat bei Christian Kopp und Matthias Wobrock nachgefragt, wie sie damit umgehen, in einem Land zu leben und in einem anderen zu arbeiten.
Christian Koop (links) arbeitet für Jung von Matt Tech «remote» von Hamburg aus. Matthias Wobrock arbeitet für Jung von Matt Impact zeitweise aus Kapstadt. (Bilder: zVg.)

Roman Hirsbrunner: Was ist für Sie das A und O, wenn man remote arbeitet bzw. der Wohnort viele Kilometer vom Arbeitsort entfernt ist?

Christian Koop: Vertrauen. Man muss sich kennen und wissen, wie der oder die andere tickt. Das ist für ein eingespieltes Team mit Sicherheit einfacher – was wir zum Glück sind.

MATTHIAS WOBROCK: Ich finde, Teammitglieder sollten in der gleichen Zeitzone arbeiten, um die Koordination und Kommunikation einfacher zu gestalten. Ausserdem ist ein professionell ausgestatteter Arbeitsplatz wichtig – entweder im dafür eingerichteten Office zu Hause oder im Co-Working Space.

Denken Sie, dieses Arbeits- und Lebensmodell wird in Zukunft Standard?

Koop: Da sich unser Leben ständig verändert, werden sich auch solche Modelle immer mehr wandeln. Ob mein Set-up zum Standard wird, weiss ich nicht. Es hat aber viele Vorteile. Neulich habe ich eine Woche aus dem Wohnmobil gearbeitet und war abends am Strand, das hat natürlich viel Spass gemacht. Wichtig scheint mir, dass Arbeits- und Lebensmodelle für Mitarbeitende und Agenturen in Einklang stehen und man die Menschlichkeit nicht aus den Augen verliert.

Wobrock: Ja, in bestimmten nichthandwerklichen Berufsfeldern. Der Arbeitsweg fällt weg, was viel Zeit einsparen kann, so die Lebensqualität verbessert und die Umwelt schont. Und Talente werden Remote-Möglichkeiten erwarten.


* Roman Hirsbrunner ist CEO von der Zürcher Agentur Jung von Matt Limmat. Als Expat aus dem Kanton Bern prägt und inspiriert Hirsbrunner seit vielen Jahren den Kreativplatz Schweiz und arbeitet mit Jung von Matt Limmat für Kunden wie Coop, Ovomaltine oder Die Mobiliar.

Unsere Sprache: Organ und Geheimnis

Sie ist unser soziales Organ – und das grosse Geheimnis unseres menschlichen Miteinanders: die Sprache. Doch was zeichnet sie aus? Und wie wird sie zum Vehikel gelingender Kommunikation?

(Illustrationen: Luciana Guerra)

Wer «gutes Deutsch» spricht, wie man so sagt, wird geschätzt. Wer im internationalen Business kein Englisch spricht, steht «dumm» da. In einer privaten Beziehung führt «Sprachlosigkeit» zur Krise, und in der internationalen Politik zu Konflikten. Sprache ist das psychosoziale Organ des Menschen schlechthin. Trotzdem denken wir normalerweise überhaupt nicht über dieses Organ nach, so wie wir im Normalfall auch nicht an unsere Leber oder unsere Muskeln im Körper denken. Erst wenn es schlecht läuft oder wenn wir etwas bewegen wollen, ändert sich das. Plötzlich werden unsere Organe, wird auch unsere Sprachlichkeit oder unsere Nichtsprachlichkeit zum Thema: Sprechen wir überhaupt genug und in der richtigen Weise miteinander? Finde ich jeweils die richtigen Worte? Passt mein persönlicher Sprachstil? Spreche ich genug Sprachen? Plötzlich bemerken wir, wie wichtig dieses «Organ» ist. Doch wie funktioniert es und was ist mit dem Wort «soziales Organ» überhaupt gemeint?

Das Ergebnis harter Arbeit

Meist vergessen oder verdrängen wir im fortgeschrittenen Alter, dass unsere Sprachlichkeit ein Resultat jahrelanger harter Arbeit in den ersten beiden Jahrzehnten unseres Lebens ist. Jahrelang lernen wir unsere Muttersprache; jahrelang lernen wir eine oder gar mehrere Fremdsprachen; jahrelang und mühsam lernen wir dann zu allem Überfluss auch noch ihre Visualisierungen, also die Schriften, und wie man schreibend geglückte Sätze aufs Papier bringt; manche brauchen Jahrzehnte, um wirklich gute muttersprachliche Texte hinzubekommen. Dabei belohnt oder bestraft uns das Bildungssystem durch sozialen Imagegewinn oder durch Deklassierung, und wir erleben frühe Erfolgs- oder Misserfolgsdramen in der Freundesgruppe oder in der Familie.

«Sprechen wir überhaupt genug und in der richtigen Weise miteinander? Finde ich jeweils die richtigen Worte?»

Später wird der Erziehungsstress gern vergessen. Doch eines sollte uns immer bewusst sein: Sprachlichkeit ist die Kulturtechnik und die soziale Kompetenz schlechthin, und die Zeit ihrer Aneignung ist so oder so für jeden die grosse Zeit des kulturellen Tunings, also der gesellschaftlichen Spracheinstimmung und sozialen Eichung. In der Muttersprache steckt eben nicht nur Sprachwissen, sondern auch Weltwissen unseres Kulturraums. Kein Mensch erfindet eine Sprache für sich, echte Sprachen sind konventionell, immer müssen wir sie als vorgegeben annehmen und uns ihnen unterwerfen, wenn wir im Ausdruck «korrekt» sein wollen. Die Muttersprache geht uns in Fleisch und Blut über, wie man sagt, und wir erleben sie wie eine Art Körperorgan.

Richtige, falsche, wahnhafte Sicht

Was ist ein «Organ»? Der Begriff kommt vom griechischen Wort Organon, was sowohl Werkzeug als auch Instrument oder Körperorgan heissen kann. Unsere Muttersprache ist in diesem Sinn ein geistiges Organ unseres Ichs und seiner Identität, aber zugleich auch ein kommunikatives Werkzeug. Die genannte Tuning-Prämisse, das heisst die soziale Einstimmung des jahrzehntelangen Spracherwerbs mit seinen Dramen oder auch Erfolgserlebnissen und die des täglichen Sprachgebrauchs, führt bei Menschen zu den unterschiedlichsten Schlussfolgerungen bezüglich der Sprachlichkeit: zu richtigen, falschen und wahnhaften.

«Wenn man Sprachen nicht mehr als Werkzeugsieht, werden die Betrachtungsweisen schwierig bis problematisch.»

Richtig und höchst plausibel ist die von uns allen geglaubte Sprachwerkzeug-Hypothese, denn mithilfe von Sprachen können wir uns tatsächlich am besten sinnvoll verständigen und mehr noch: kalkulierte Handlungswirkungen erzielen, etwa indem andere Menschen auf unsere Rede immer wieder einmal so reagieren, wie wir es im Sinne einer Idee des zwanglosen sprachlichen Zwangs wünschen. Sprache befindet sich nämlich an der Schnittstelle menschlich-kognitiver Systeme, wie Niklas Luhmann gesagt hätte, und kann zwischen Menschen Anschlussoperationen auslösen. Das erleben wir jeden Tag beim Austausch von Texten (den konkreten Realisationen angewandter Sprache) und darum können wir realistischerweise ein Urvertrauen in das «Organ» Sprache als Vermittler im Fall persönlicher und auch gemeinsamer Interessenlagen haben.

«Meist vergessen oder verdrängen wir im fortgeschrittenen Alter, dass unsere Sprachlichkeit ein Resultat harter Arbeit ist.»

Zu den grossen Irrtümern über die Wirkungsfunktionen von Sprache gehört allerdings die schlichte Reiz-Reaktions-Hypothese. Sie geht von einer Stimulus-Response-Mechanik nach Art des Befehls aus: Einer sagt etwas, der andere reagiert entsprechend. Wenn Kommunikation tatsächlich so funktionieren würde, bräuchten wir keine Rhetorik, keine Formulierungs- und Argumentationskunst und keine Arbeit an ausgefeilten Texten. Solcher Aufwand wäre dann gar nicht nötig.

Imperativsagenfunktioniert nur selten

In Wirklichkeit funktioniert Kommunikation aber auf Basis des Imperativsagens, wie man es nennen könnte, nur selten und nur unter einer ganz bestimmten Bedingung: Alle Beteiligten müssen die jeweilige Ritualordnung mit der vereinbarten «Befehlskette» kennen; dann reicht ein Befehl tatsächlich als Wirkungsauslöser aus: etwa der Ordnungsruf in der Schulklasse, die kurze Ansage des Chefs, der Obszönruf beim Sex oder der Marschbefehl beim Militär, um nur diese Beispiele zu nennen. Ansonsten setzen sprachliche Beeinflussungen in der Lebenswelt der Menschen jedoch die erwähnten aufwendigen Formulierungskünste voraus, die wir nicht einfach als nebensächliche Soft Skills abtun können. Sie bestimmen unser Leben, zu viel hängt davon ab, und wir müssen solche Kunstfertigkeiten ein Leben lang trainieren und verfeinern, weil sich die Verhältnisse jeden Tag ändern und neue sprachliche Situationseinstellungen erfordern. Es gibt also beides: die sprachliche Reiz-Reaktions-Mechanik in ritualisierten Standardsituationen und die aufwendige Sprechrhetorik unter wechselnden, komplexen Rahmenbedingungen.

Grund für Kontroversen?

Gesellschaftlich kontrovers wird Sprachverhalten, wenn sich Einzelne in der Sprechergemeinschaft angegriffen fühlen. Dabei handelt es sich um Situationen oder Kontexte, die in die Kriminal­kommunikation übergehen können. Ich meine den Reiz-Reaktions-Mechanikfall der Beschimpfung, Beleidigung und Stigmatisierung. Jede Sprache verfügt als System über entsprechende «Register», wie man es linguistisch nennt, speziell für solche fragwürdigen Zwecke (die es aber eben auch gibt). In jüngster Zeit etwa findet verstärkt eine Debatte über Wörter aus dem rassistischen Sprachregister statt. Dabei ist international das von Anfang an rassistisch konnotierte Wort «Neger» zum Fahnenwort der Diskussion geworden. Diese hat sich bislang auf zwei Stufen abgespielt: erstens ethisch berechtigter Aufruf zur Vermeidung von Wortschatz aus diesem Register (auch mit der Frage nach Alternativausdrücken: Farbiger, Schwarzer und so weiter …).

«Der Begriff ‹Organ› (…) kann sowohl Werkzeug als auch Instrument als auch Körperorgan heissen.»

Zweitens Ingangsetzen von Tabuisierungskampagnen, die rigorose Unaussprechbarkeitsforderungen aufstellen und im genannten Fall überhaupt nur noch die Unsagbarkeitsersatzform «N*-Wort» zulassen wollen (die irgendwann auch unkenntlich gemacht werden müsste, weil alle wissen, was damit wirklich ausgedrückt werden soll). Der Struktur nach ist das Tabu ein von Sigmund Freud untersuchter psychosozialer, quasi-religiöser Sprechordnungsregulierer (wir denken an Religionen, in denen man etwa den Namen Gottes oder des Teufels nicht aussprechen darf), der auf absoluter und repressiv eingeforderter Einhaltung besteht. Wie man zurzeit sieht, wird das sogar in demokratischen Gesellschaften zum Bestandteil von Diskursen, in denen ausgehandelt wird, was ungescholten gesagt werden darf oder nicht, was man sprachlich vermeiden soll oder nicht («Indianer» verboten, «Indigener» erlaubt …).

Sprachpolitik und Emanzipation

Geht es bei den Diskussionen über den Gebrauch des rassistischen Sprachregisters um den Schutz von Würde und Integrität bestimmter Mitbürger, so stehen andere sprachpolitische Kampagnen im Dienst demokratischer emanzipatorischer Bestrebungen. Zum Beispiel kann nach Meinung vieler Aktivistinnen durch Sprechregulierung die Geschlechtergerechtigkeit vorangetrieben werden. Das Anliegen ist berechtigt und gut nachvollziehbar. Und rhetorisch gesehen, können Diskussionen über Gendersternchen zweifellos Bewusstwerdungsprozesse in diese oder jene Richtung anregen. Auch hier ist abzuwarten, was sich am Ende durchsetzt. So ist das bei demokratischen Sprechregulierungsdebatten. Bei den sprachtheoretischen Begründungen jedoch sollte Vorsicht walten. Aus Unkenntnis der linguistischen Funktion grammatischer Formen wird da viel Sprachmystik in die Welt gesetzt. Der französische «Mond» ist nicht weiblich und der deutsche «Mond» nicht männlich im Gendersinn, auch wenn solche naiven Schlussfolgerungen möglich zu sein scheinen. Projektionen linguistisch-formaler Systemtatsachen auf reale Geschlechterverhältnisse sind reine Irreführung. Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich spreche von den Sprachen als Zeichensystemen, die ihre Benutzer niemals geschaffen haben, und nicht von den Texten, die manche Menschen mithilfe des Sprachsystems verzapfen.

Autoritäre Systeme: Mach’s einfach

Historisch gesehen, haben es sich autoritäre Systeme bei ihrer Sprachpolitik meist einfacher gemacht und oft ohne Rücksicht Sprachgebrauchsprinzipien dekretiert; ebenso oft ohne Erfolg. Kurios ist vor diesem Hintergrund die 2013 in Frankreich durch die politischen Gremien gegangene identitäre Gesetzesinitiative, die das Englische als Sprache stigmatisierte und vorsah, französische Zeitungen zu hohen Geldstrafen zu verurteilen, wenn sie auf der Titelseite Anglizismen verwendeten. Unverkennbar waren hier Sprachmystiker des Französischen am Werk.

«Sprachreinigungsbestrebungen erheben das Sprachliche zum Thema des politischen Diskurses.»

In all diesen Fällen haben wir es mit Sprachreinigungsbestrebungen zu tun, die es in Ländern wie Frankreich oder Deutschland seit Jahrhunderten gibt und die das Sprachliche zum Thema des politischen Diskurses erheben, meist mit dubiosen Begründungen, die regelmässig auf mystische Substanzvorstellungen hinauslaufen und nicht mehr an ein Werkzeug denken lassen. Wenn man Sprachen aber (und es gibt ja nur einzelne Sprachen, keine Sprache an sich) nicht mehr als Werkzeug sieht, werden die Betrachtungsweisen oft schwierig bis problematisch.

Das Organ als «heilige Kuh»?

Dann wird das Sprachliche nicht selten zum Bestandteil von Sprachpolitik, Identitätsspekulation und -aktivismus sowie Sprachmystik. Muttersprachen werden dann bisweilen zu ideologisch-spekulativ aufgefüllten Seinsgrössen, wobei die Prämissen reine Glaubenssache sind. Und unser Organ Sprache wird dann höchst übertrieben als unverletzlich und als eine Art «heilige Kuh» gesehen. Und auch hier möchte ich keine Missverständnisse aufkommen lassen: Muttersprachen gehören in der Tat zur Identität von sozialen Grossgruppen, die wir Regionen, Nationen oder Ländern zuordnen. Die Frage ist eben nur, wie weit man den Mystizismus in der modernen Welt bei ihrer Pflege treiben sollte.

«Sind Sprachwandel, Anpassungen und Neuerungen nicht zwingend notwendig, um das ‹Werkzeug› Sprache funktions-tüchtig zu halten?»

Ist es wirklich sinnvoll, das Englische zu verteufeln (siehe das erwähnte Beispiel Frankreich)? Sind Sprachwandel, Anpassungen, Sprachimporte (die es immer gab) und Neuerungen nicht zwingend notwendig, um das «Werkzeug» Sprache funktionstüchtig in sich wandelnden Verhältnissen zu halten? Diese Problemstellungen müssen regelmässig und immer wieder diskutiert werden, weil es hier keine endgültigen Antworten geben kann. Warum? Weil unsere Sprachen einerseits etwas Beständiges und in unserem Leben tief Verwurzeltes sind, zugleich aber eben auch etwas Funktionales und ständigem Anpassungszwang Unterworfenes. Da­rüber müssen wir immer weiter reden und uns mit Augenmass austauschen.


Prof. Dr. Joachim Knape ist ein deutscher Rhetorikforscher und Literaturwissenschaftler, der sich insbesondere mit Rhetorikgeschichte und -theorie befasst. Knape war bis zu seiner Emeritierung im Sommer 2018 Professor für Allgemeine Rhetorik am Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen und widmet sich seither freien Lehr-, Forschungs- und Vortragsaktivitäten.

Kurzgeschichten aus dem Jahr 2050

H2: Unlimited Energy in Space.

marketing kommunikation werbewocheOpa und Lena wollen gerade das Haus verlassen, da dreht Opa sich nochmal zu Lena um: «Mach doch bitte noch das Licht aus.» – «Ach Opa, du weisst ja jetzt, dass wir seit Kurzem kein Energieproblem mehr haben.» – «In meiner Jugend hiess es eben immer, man müsse Strom sparen.» – «Aber das ist doch heute nicht mehr nötig. Energie gibt es überall und ist mehr als reichlich vorhanden. Gerade haben die Chinesen ihr erstes Weltraumkraftwerk eingeweiht. Das deckt den Energiehunger der Chinesen auf Jahre hinaus.» – «Ja, ich habe auch davon gelesen.»

Lena: «Nun, China hat eine Weltraumstation nur zur Energiegewinnung gebaut. Papa hat mir gesagt, dass diese Station sich so bewegt, dass sie immer im Tageslicht stünde und daher ständig von der Sonnenenergie profitieren könne», führt Lena aus. «Viele Sonnenpanels würden dann das Licht einfangen und in Strom umwandeln. Diese Energie wird dann gebraucht, um Wasserstoff zu erzeugen. Opa, was ich nicht ganz verstehe, ist, was man dann mit dem Wasserstoff machen kann. Den kann ich doch nicht in die Steckdose stecken und dann kommt der Strom heraus, mit dem ich meinen VR-Transformer aufladen kann.»

Opa: «Wasserstoff hat gegenüber der direkten Nutzung von Strom einen grossen Vorteil: Man kann Wasserstoff orts­unabhängig und zeitversetzt mit nachhaltiger Energie produzieren und vor allem lagern. Wasserstoff lässt sich auch viel einfacher als Strom transportieren», antwortet Opa. – «Ach, jetzt verstehe ich, Opa. Die Chinesen fliegen mit vielen Transport-Shuttles zum Raumkraftwerk und holen den Wasserstoff in riesigen Tanks ab. So können sie den Wasserstoff im Raum herstellen und dann im eigenen Land später einsetzen.» – «Ja, das macht absolut Sinn», meint Opa und fährt gleich fort. «Wasserstoff wurde anfänglich für die Mobilität genutzt. Doch heute nutzen wir sie zur Wärmegewinnung und zur Produktion von Strom. Viele Industrien sind schon lange von Wasserstoff abhängig.»

«Zum Glück machen fossile Energieträger nur noch wenige Prozentpunkte der gesamten Energiegewinnung aus», meint Lena. «Richtig», bestätigt Opa, «das waren früher richtige Umweltverschmutzer. Doch haben wir dank neuer Technologien die Energiewende noch rechtzeitig geschafft.» – «Die Menschen umzuerziehen und sparsamer mit dem Strom umzugehen, hat zu wenig gefruchtet», wirft Lena mit schuldbewusster Miene ein. – «Genau, darum mach doch bitte jeweils das Licht aus, Lena, auch wenn wir heute über genug Energie verfügen. Verschwendung ist nie gut», lacht Opa.


* Jörg Eugster ist «Der Zukunftsbotschafter». Er berichtet für m&k regelmässig aus dem Jahr 2050, wie sich die Technologien und Lebensweisen entwickelt haben.

 

Braucht die Werbung eine Imagekampagne?

In Rankings wie «Welchen Berufsgruppen vertrauen Sie am meisten?» schaffen wir Werber/-innen es gerade mal, Politiker und Versicherungsvertreter hinter uns zu lassen. Und in manchen Jahren nicht mal das.

Bild: zvg

Mich beschleicht das Gefühl, ich müsse mich schämen, in der Werbung zu arbeiten. Ausser natürlich, ich hocke an der ADC-Gala oder ähnlichen «inzestiösen» Veranstaltungen, an denen ich «unter meinesgleichen» bin. Ausserhalb dieser Blase bewegen sich die verbalen und non-verbalen Reaktionen auf meine Berufsgattung irgendwo zwischen kopfschüttelndem Mitleid, perfekt vorgetäuschten Varianten von «das ist ja interessant» und Muttis «wenn’s dich glücklich macht». Meiner eigenen jedenfalls kann ich kaum erklären, was ich den lieben langen Tag so mache und schon gar nicht, was ich daran so liebe.

Okay, okay: Bei TV Spots, in denen Shampoos zwischen goldenen Molekülen schweben, die mit immer ausgefuchsteren chemischen Zusammensetzungen noch glänzendere und seidigere Haare versprechen, erblasst nicht nur die Chemie-Nobelpreisträgerin Jennifer Doudna vor Neid, sondern auch der überzeugteste Werber vor Fremdscham.

Werben ist fast wie flirten

Werbung – das Wort muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. So schön. Für etwas werben, um jemanden werben. Fast wie flirten; aber käme jemand auf die Idee, sich fürs Flirten zu schämen? Wir flirten wie Wingman oder Wing­woman. Im Namen der Auftraggeber/ -innen werben wir für Produkte, Haltungen, Überzeugungen und manchmal sogar für Menschen selbst. Wir werben darum, bei etwas mitzumachen, sich gesünder zu ernähren, mehr Sport zu machen und in Cannes ständig dafür, die Welt zu retten. Und ja, manchmal werben wir auch einfach für Burger, Polyester-Schlafanzüge oder ein neues Auto. Warum auch nicht? In allererster Linie werben wir aber um die Aufmerksamkeit von Menschen. Das hat was mit Respekt vorm sogenannten Conscious Consumer zu tun; denn zu glauben, dass sich jeder dafür interessiert, was Marken oder deren Agenturen ihnen verkaufen wollen, wäre fast ein bisschen arrogant.

Wir sind nicht so mies wie unser Ruf

Wir können auch anders. Wir können echte Innovationen für Kunden entwickeln, Services, Apps, Produkte und vieles mehr. All das ist auch Werbung. Oder mit den Worten von Lee Clow: «Everything a brand does is advertising». Sind wir vielleicht auch selbst schuld am teilweise miesen Image von Werbung und Werbeagenturen? Ja bestimmt, aber nicht nur wegen freischwebender Shampoos, sondern auch, weil wir uns manchmal viel zu ernst und gleichzeitig nicht ernst genug nehmen. Wir stellen unsere Leistung unter den Scheffel. Dabei berühren wir Menschen, bringen sie zum Lachen, zum Nachdenken und sogar dazu, das nächste Waschmittel zu kaufen, das seit 45 Jahren jedes Jahr weisser wäscht. Genial.

So oder so bewirkt das freischwebende Seidenglanzshampoo mit seiner hyperinnovativen Formel für die Werbung, so wie ich sie liebe, das Gegenteil: Es sorgt dafür, dass die Branche weniger glänzt, als sie es könnte. Dem entgegenwirken will ich hier mit der kleinen ­Kolumne und ein bisschen Werbung für die Branche machen, die angeblich seit 15 Jahren tot ist.

 

Unsere neue Kolumne: Jetzt und hier starten wir das Projekt Wenzel. Manuel Wenzel, Kreativchef von TBWA\Zürich wird uns in den folgenden Ausgaben verwenzeln. Was das heisst? Das wissen wir auch noch nicht so genau, deshalb lieben wir es. Die Werbebranche hat ein schiefes Image bei den Leuten da draussen, das muss geradegebogen werden, findet der Wenzel. Wir sind gespannt.

Krisen machen kreativ – Kolumne von Tijen Onaran

Kreativität kann Unordnung, Unsicherheit, Unplanbarkeit, Widerspruch und auch Scheitern bedeuten. Kreativität ist damit ein Stück weit krisenhaft.

Tijen Onaran

Kreativität kann Unordnung, Unsicherheit, Unplanbarkeit, Widerspruch und auch Scheitern bedeuten. Kreativität ist damit ein Stück weit immer auch krisenhaft. Ich bin der festen Überzeugung, dass darum die meisten Unternehmen Kreativität scheuen, weil sie eigentlich Angst vor Unplanbarkeit und Unsicherheit haben. Wenn im Bereich Marketing und Kommunikation von Kreativität gesprochen wird, ist es darum einerseits fraglich, was genau damit gemeint ist. Andererseits muss auch immer klar sein, dass echte Kreativität auch wirklich gewollt werden muss.

Kreativität braucht Raum

Die schlechte Nachricht zuerst: Kreativität kann man nicht verordnen. Es ist ebenso wenig möglich, auf die Aufforderung «Sei spontan!» richtig zu reagieren, wie auf den Befehl «Sei kreativ!». Die gute Nachricht lautet aber, dass man die Rahmenbedingungen für Kreativität schaffen kann. Dazu gehören allen voran diverse Teams. Diversität schafft nämlich Widerspruch und Unordnung. Denn wenn Menschen aufeinandertreffen, die unterschiedlichste Erfahrungen gemacht haben – sei es aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Sozialisierung oder ihres Geschlechts –, dann bringen diese sehr unterschiedliche Perspektiven mit an den Tisch. Darum fördert Diversität eine intensivere Auseinandersetzung mit Themen und fördert damit auch Kreativität und Innovativität. Neben der Diversität ist es wichtig, keine Hierarchien im Team zu haben. Denn auch diese können hinderlich sein, wenn es um einen offenen und ehrlichen Austausch auf Augenhöhe geht. Nicht zuletzt ist Kreativität auf einer individuellen Ebene auch eine Frage der Haltung. Denn Kreativität bedeutet für mich immer auch, sich freizumachen von der eigenen Eitelkeit, da ich mich auf Dinge ausserhalb meiner Komfortzone einlassen muss, ohne schon am Anfang zu wissen, was am Ende dabei herauskommt.

Fehler sind erwünscht

Aus all diesen Gründen ist es wichtig, dass Führungskräfte ihren Teams den Freiraum und die Zeit für Kreativität geben. Gerade wenn beispielsweise neue Slogans oder neue Ideen für Marketingkampagnen gefunden werden sollen, muss es möglich sein, diese angstfrei auszuprobieren. Darum setzt Kreativität für mich auch eine gesunde Fehlerkultur voraus. Denn es muss möglich sein, mit Versuchen zu scheitern, ohne dass daraus negative Konsequenzen für die/den Einzelne*n folgen.

Krisen machen kreativ

Vor diesem Hintergrund war es umso interessanter, zu beobachten, wie die Pandemie Kreativität freigesetzt hat. Ob es die Art des Arbeitens war, neue Veranstaltungsformate, die gedacht und ausprobiert wurden, oder neue Geschäftsmodelle, die die bestehenden ergänzt haben, um gut durch die Krise zu kommen. Zahlreiche Einzelhändler*innen haben Instagram für sich entdeckt und darüber kleine Fashionshows veranstaltet. Zudem gab und gibt es viele «Rette-dein-lokal-X»-Plattformen, über die sich ganze Regionen zusammengetan haben. All diese Beispiele beweisen, dass Krisen kreativ machen. Und sie beweisen, dass sich Kreativität zwar nicht planen lässt, dass es aber Rahmenbedingungen gibt, die den Mut erfordern, Kreativität mit all ihren Unsicherheiten und Unplanbarkeiten zuzulassen.


Tijen Onaran schreibt Kolumnen für m&k. Sie ist CEO von Global Digital Women, Autorin des «Spiegel»-Bestsellers «Nur wer sichtbar ist, findet auch statt» und wurde 2020 unter die zehn einflussreichsten Player auf LinkedIn gewählt. Ihre Themen: Diversity und Inclusion.

Stefanie Heinzmann: Starke Stimme, sanfte Seele

Die Schweizer Popsängerin Stefanie Heinzmann hat es auf die internationalen TV-Bildschirme und Bühnen geschafft. Mit m&k spricht sie über Systemrelevanz, Krisen, Kreativität und Karma.

Stefanie Heinzmann
Die Schweizer Popsängerin Stefanie Heinzmann. (Bild: Maximilian König)

m&k: Stefanie Heinzmann, Sie sind seit dreizehn Jahren im Showbusiness. Haifischbecken oder Wohl­fühloase?

Stefanie Heinzmann: Als ich damals mit achtzehn die Castingshow bei Stefan Raab gewonnen habe, war ich wahnsinnig überfordert. Labil, sehr emotional, sehr sensibel, ich traute dem Business nicht. Was aber nur widerspiegelt, dass ich mir selber nicht getraut habe.

Und heute, nach über einem Jahrzehnt auf internationalen Bühnen und TV-Produktionen?

Ich habe mich viel damit beschäftigt, was es heisst, als Persönlichkeit in der Öffentlichkeit zu stehen. Wie gehe ich als Mensch damit um, wie gehe ich als Künstlerin damit um und mittlerweile ist das überhaupt kein Haifischbecken mehr. Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Ich habe keine Angst mehr.

Wie ist das mit dem Brand «Stefanie Heinzmann». Haben Sie sich jemals nach einem Künstlernamen à la Gentleman, DJ Bobo oder Rhianna gesehnt, der die Privatperson Stefanie schützt?

Abgrenzung ist in meinem Kosmos ein grosses Thema. Jetzt kann ich sagen, nein, ich bin froh, das ich so heisse, wie ich heisse. Denn ich bin keine gute Schauspielerin. Das war ich noch nie. Ich kann als Marke nur funktionieren, wenn ich wirklich ich bin. Ich kann nichts anderes. Ich möchte mir nicht immer überlegen, wie ich mein Image füttern muss, was zur Marke gehört und was nicht.

Sie werden sicher viel angefragt, für Produkte zu werben. Wie wählen Sie aus?

In Zeiten von Social Media gibt es unglaublich viele Anfragen von Random-Marken. Beauty-Produkte, Klamotten – die schicken ein Paket und wollen, dass man einen Post macht. Da habe ich mich bisher vehement geweigert.

Warum?

Ich will nicht meinen Fans, die mir auf den sozialen Medien folgen, etwas verkaufen, und das nur, weil ich dafür etwas bekomme. Aber ich werde auch angefragt, langjährige Partnerschaften einzugehen. Wenn es eine Marke ist, zu der ich wirklich stehen kann, bespreche ich das mit meinem Team. Macht das Sinn? Passt das zur Marke Stefanie Heinzmann? Ist das ein Produkt, wofür ich mein Gesicht her­geben möchte?

Gab es da schon Fehlentscheide?

Klar, man macht immer Fehler. Aber ich bin jetzt 32, es gibt Fans, die lassen sich von mir inspirieren und, das will ich nicht missbrauchen. Es ist mir wichtig, dass ich diesen jungen Frauen und Mädchen keinen Scheiss andrehe.

Haben Sie es je als Bürde empfunden, Ihre Fans so nah an sich heranzu­lassen?

Ja, das Gefühl habe ich kennengelernt. Ich war am Anfang meiner Karriere unglaublich unsicher und hatte nicht viel Selbstliebe für mich übrig. Teilweise fühlte ich mich echt fast verarscht, weil ich dachte, das kann doch nicht euer Ernst sein, wie könnt ihr mich gut finden? Denn ich weiss doch die Wahrheit über mich, ich bin nicht gut. Ich war völlig überfordert.

Wie haben Sie das überwunden?

Ich habe gemerkt, dass meine Fans genau so sind wie ich. Und wir eigentlich Hand in Hand durch die Jahre gehen. Und wir uns gegenseitig unterstützen. Ich habe ihnen das Gefühl gegeben, für sie da zu sein, und sie haben mir im Gegenzug gezeigt, dass ich super bin. Das ist eine sehr schöne Entwicklung. Und ich glaube, jetzt mit 32 ist mir absolut bewusst, was ich in manchen auslösen kann, was manche in mir sehen, was manche vielleicht auch in mich reininterpretieren.

(Bild: Maximilian König)

Ich habe das Gefühl, Sie sind äusserlich wie auch innerlich bei sich selbst angekommen, Sie strahlen eine wunderbare Ruhe aus.

(Lacht laut) Danke vielmals für die Worte. Ja, ich habe einen Weg gefunden, meine Gedanken nach aussen zu tragen. Und dies mit meiner Stimme. Ich habe etwas zu sagen und finde Gehör. Das ist toll. Und ja, die Reise ist sehr spannend gewesen, vom 18-jährigen Mädchen ohne Selbstvertrauen hin zu mir selbst als Künstlerin. Eine Reise mit mit sehr vielen Höhen und Tiefen, die es alle gebraucht hat. Voller Emotionen und viel Drama (lacht). Und genau das habe ich dann wiederum in Songs wie «Digging in the Dirt» oder «In the End» verarbeitet. Die Texte waren ein ganz wichtiges Ventil für mich. Und jetzt bin ich in einer inneren Ruhe gelandet, einer sehr wohligen, und ich freue mich über alles, was da ist. Alles hat Platz. Jede Emotion. Vor allem in der Musik.

«Ich lebe von Live-Auftritten, ich verdiene kein Geld mit CD-Verkäufen und Streams.»

Wie schreiben Sie Ihre Songs?

Ich sammle alles, was mich beschäftigt. Und dann gehe ich mit einem Team ins Studio, wir sind meistens zu dritt. Ein Produzent, ein Topliner und ich. Wir reden, ich erzähle, was mich beschäftigt. Der Topliner schreibt auf dem Laptop mit. Und der Produzent hat vielleicht schon einen Bass in der Hand und ist so am Grooven. Und ich sage so was wie, hey, es muss irgendwie Up-tempo sein, es muss eine Bassline sein. Und dann kommt ein Satz und ein Beat oder ein Gitarrenriff. Wir jammen und plötzlich haben wir einen Song. Das ist Wahnsinn. Das ist magisch.

Ist es nicht fantastisch, wenn man andere Menschen berühren kann?

Ich muss ehrlich sagen, wenn ich Nachrichten bekomme, in denen steht, dass ich sie mit dem Song aufgefangen, umarmt oder an die Hand genommen habe, das ist das grösste Geschenk. Ich kann mich nicht glücklicher schätzen.

Wie haben Sie die Pandemie erlebt? Als plötzlich keine Live-­Auftritte mehr möglich waren?

Ich lebe von Live-Auftritten. Ich verdiene kein Geld mit CD-Verkäufen und Streams. Trotzdem bin ich unglaublich privilegiert, denn wenn ich mal ein Jahr nichts zu tun habe, falle ich finanziell nicht auseinander. Ich bin ins Studio gegangen, damit ich vorbereitet bin, wenn es wieder losgeht.

Und Ihre Crew samt Band?

Ich konnte nicht wirklich helfen, das hat mich verrückt gemacht. Ich habe in meinem Band&Crew-Chat über 30 Leute. Denen bringt es nichts, wenn ich ein Interview gebe, denen hilft es nicht, wenn ich das Album schreibe. Also klar, natürlich schon, weil wir nächstes Jahr auf Tour gehen mit den neuen Songs. Aber in dem Moment habe ich die Brötchen, die ich verdient habe, nicht teilen können.

Sie konnten sie ja auch nicht auf Kurzarbeit setzen, oder?

Richtig, die sind bei mir nicht angestellt. Es ist hart, zu sehen, dass Kultur plötzlich als nicht systemrelevant gezählt wird und dass die Menschen nur noch essen, schlafen und arbeiten sollen. Und gleichzeitig geht die Depressionsrate senkrecht in die Höhe. Wir sind keine Pausenclowns. Musik, Theater, Kultur, Kunst, das ist Mensch. Das ist die Seele. Aber das Schöne ist, man kriegt Emotionen einfach nicht digitalisiert. Man kann ein Streaming-Konzert geben. Aber es ist nicht das Gleiche wie das Zusammensein. Und das ist, was Musik macht. Man ist verbunden, und das ist das, was die Menschen brauchen. Wir sind nicht dafür gemacht, allein auf dem Planeten rumzulaufen.

Das entstandene Album heisst ­«Labyrinth», warum?

«Labyrinth» ist ein Song vom Album und symbolisiert das Leben. Wir landen in Sackgassen, müssen umkehren, müssen ständig Entscheidungen treffen, gehen wir rechts oder links? Entscheidungen bedeuten Druck. Wie verhalte ich mich in dem Labyrinth? Lasse ich mich ständig unter Druck setzen? Habe ich die ganze Zeit Angst davor, was hinter der nächsten Ecke lauert? Oder entscheide ich mich dafür, zu sagen, das ist ein für mich einzigartiges, einmaliges Abenteuer. Es ist mein Labyrinth. Das gibt es nicht zweimal. Rechts oder links? Wer weiss, mal schauen, ich lasse den Bauch entscheiden. Wenn ich in einer Sackgasse lande, kann ich sagen, ich muss wieder zurück, oder aber ich sage, ich warte hier jetzt mal ab.

Wie sehen Sie die nächsten 13 Jahre in diesem Lebens­labyrinth?

Ich fühle mich sehr wohl in meiner Haut. Aber ich weiss, das nächste Loch wartet schon auf mich. Und ehrlich gesagt, freue ich mich darauf.

Die meisten Menschen fürchten sich davor.

Ich bin an einem Punkt, an dem ich finde, ja, Leben, zeig mir alles. An dem Tag, an dem ich sterbe, will ich alles erlebt haben. Will ich alles gefühlt haben, weil ich dann das Leben gesehen habe. Ich werde nicht die gleichen Dramen wie vor acht oder dreizehn Jahren erleben, denn ich habe die Tools und die Weitsicht angesammelt, mich selbst aus Löchern zu holen.

Wie?

Ich habe Verantwortung für meine Gedanken übernommen. Ich habe immer die Wahl, wie ich auf Dinge reagiere. Ich bin selbst sehr gespannt auf die Zukunft. Klar, kann ich sagen, dass ich gerne Mutter werden würde, ich würde gerne erfolgreich sein. Natürlich will ich Konzerte und Säle füllen. Aber ich will mein Glück nicht davon abhängig machen. Es wäre meinem eigenen Leben unfair gegenüber. Meiner Seele und meinem Ich. Ich bin einfach da und ich habe Berechtigung. Völlig egal, was ich mache oder nicht. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und dem möchte ich nicht nachgehen. Ich finde, ich darf einfach sein.

«Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Aber ich weiss, das nächste Loch wartet schon auf mich. Und ich freue mich darauf.»

Sie sind in einer Beziehung, halten diese aber aus der Öffentlichkeit, warum?

Ich habe lange kein wirkliches Privatleben gehabt. Ich hatte keine Hobbys, gar nichts. Vor vier, fünf Jahren hatte ich dann einen Breakdown. Ich wollte alles hinschmeissen. Ich hatte doch mal von einer Familie geträumt und nun hatte ich nicht mal mehr ein eigenes Leben. Und dann bin ich in die Beziehung gekommen, und das hat natürlich vieles geändert. Mein Privatleben fühlt sich an wie ein ganz kostbarer Diamant. Ich habe Verantwortung, weil es mir so unglaublich wichtig ist. Mein Freund möchte einfach nicht in der Öffentlichkeit stehen, und das respektieren ich. Er will einfach nicht mit meinem Job Hand in Hand gehen. Sondern mit mir als Mensch. Das ist das grösste Kompliment, das mir je ein Mensch gemacht hat.

Sie bewegen sich als Frau durch den Musikzirkus. Wie empfinden Sie die Themen rund um Gleichstellung und Diversität?

Ich muss hier die Perspektiven trennen. Wenn ich an meine Band denke, kann ich sagen, es gibt wahrscheinlich wirklich weniger Frauen am Bass, am Schlagzeug oder an der Gitarre.

«Ich bin an einem Punkt, an dem ich finde, ja, Leben, zeig mir alles. An dem Tag, an dem ich sterbe, will ich alles erlebt haben.»

Weil es weniger Vorbilder gibt.

Das ist genau der Punkt. Das ist ein Fakt, der eindeutig Zeit braucht.

Und die andere Perspektive?

Da geht es um die Entertainment-Branche insgesamt. Wenn ich in Jurys oder als Coach unterwegs bin, in Interviewrunden oder Talkshows, bin ich oft die einzige Frau. Argumente, es gebe nicht so viele weibliche Künstlerinnen, sind Blödsinn. Ich habe in meinem Umfeld tolle Frauen, die zusammenhalten, die sich unterstützen, die füreinander da sind.

Was muss getan werden?

Wir müssen laut sein, das ist erst mal sehr mühsam. Und alle sind genervt von den Emanzen und Feministinnen. Aber das muss jetzt sein. Wir müssen so lange laut sein, bis wir nicht mehr darüber reden müssen. Bis ich nicht mehr sagen muss: Hallo, ich bin Stefanie Heinzmann, ich bin weiss, ich bin hetero.


«Off The Record» mit Stefanie Heinzmann

Im Podcast «Off The Record» von m&k Werbewoche.ch hat sich Chefredaktorin Anna Kohler mit Stefanie Heinzmann unterhalten.

 
 
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