Lifestyle: Luxus neu gedacht
Die Zeitschrift «Madame» gehört zu den renommiertesten Fashion-und Lifestyle-Magazinen im deutschsprachigen Raum. Seit Anfang 2021 operiert sie ohne ein grosses Verlagshaus im Rücken – und entwickelt sich, trotz Print-Krise, stetig weiter. Wie geht das?

Dieser Tage sind Erfolgsgeschichten in der Print-Medienbranche rar, auch im DACH-Raum. Das Magazin Madame – nebst seiner Begleit-Publikation Monsieur – bildet eine der wenigen Ausnahmen: Anfang 2021 haben die langjährige Chefredaktorin Petra Winter und die Münchner Looping Group die Zeitschrift vom Bauer-Verlag übernommen, die Prozesse verschlankt und ein «publizistisches Schnellboot» daraus gemacht. Dieses soll nun, mithilfe der neuen Chief Business Officer Bettina Billerbeck, zu einer Plattform vielfältiger Aktivitäten ausgebaut werden. Wir haben die «Madame»-Doppelspitze zum Gespräch getroffen.
m&k: Petra Winter, Sie haben Anfang 2021 die bekannten Medienmarken «Madame» und «Monsieur» vom Bauer-Konzern übernommen – zusammen mit der Münchner Looping Group, einem Unternehmen, das vorher primär im Bereich Marketing und PR aktiv war. Sie selbst wurden dadurch von der Chefredaktorin zur Medienunternehmerin. Wie kam es zu dem Schritt?
Petra Winter: Der Bauer-Verlag hat 2020 im Zuge der Coronapandemie eine Portfoliobereinigung durchgeführt. Die Marke Madame war damals erst seit etwa zwei Jahren bei Bauer, zählte deswegen noch nicht zu den Kern-Assets und sollte zum Verkauf ausgeschrieben werden. Ich war ja bereits seit 2014 Chefredaktorin des Titels und wurde vom Verlag gefragt, ob ich mich an der Suche nach einem Käufer beteiligen möchte. Und einer meiner ersten Gedanken war tatsächlich die Looping Group, ein von Medien-Profis und ehemaligen Journalisten gegründetes Kommunikationsunternehmen in München.
«Unsere Storytelling-Fähigkeiten sind ein Asset, mit dem sich neues Businessgenerieren lässt.»
Kein klassisches Verlagshaus also.
Winter: Nein, aber eine Unternehmung mit einer hohen Affinität zur Medienbranche und starken digitalen Kompetenzen. Und gerade an Letzteren mangelte es in den letzten Jahren bei «Madame». «Madame» war immer ein tolles Heft, im Print haben wir, glaube ich, immer einen guten Job gemacht, haben uns gut entwickelt. Ich bin schon im neunten Jahr dabei, deswegen kann ich das rückblickend ganz gut einschätzen. Aber digital scheiterte es häufig an komplexen Strukturen im Verlag, an langen Entscheidungswegen, an Unentschlossenheit und vielleicht auch mangelnden Visionen. Und deswegen habe ich gedacht: Da muss jetzt dringend etwas passieren, sonst gibt es uns tatsächlich irgendwann nicht mehr. Keine Kompromisse bei der Print-Qualität und starke Innovationen im digitalen Bereich. Dominik Wichmann von Looping und ich haben dann relativ rasch gesagt: «Wir machen das zusammen!» Und darüber bin ich ganz, ganz glücklich.
Sie sind in Ihrem Feld eine der bekanntesten Journalistinnen Deutschlands und hätten sicher auch anderswo eine anspruchsvolle Anstellung gefunden, wäre die Madame nicht fortgeführt worden. Die Frage sei – mit einem Augenzwinkern – erlaubt: Wieso haben Sie sich das unternehmerische Risiko «angetan»?
Winter: (lacht) Ein Kind gibt man doch auch nicht zur Adoption frei, sobald es mal etwas schwierig wird. Unsere Mannschaft war mir damals, als Bauer den Verkauf der Marke erwog, sehr ans Herz gewachsen. 16 tolle Kolleginnen und Kollegen, für die ich mich verantwortlich fühlte. Ich wollte denen nicht sagen müssen: «Uns gibt es morgen nicht mehr, es ist alles vorbei.» Ich hänge an der Marke, an unserem Produkt. Als Chief Creative Officer bin ich nach wie vor für den redaktionellen Teil des Magazins verantwortlich; die Rolle als Unternehmerin, die neu hinzugekommen ist, macht mir gleichzeitig wahnsinnig viel Spass. Einfach, weil der Effekt jeder einzelnen Entscheidung einen viel unmittelbarer betrifft; weil nichts über den eigenen Kopf hinweg bestimmt wird. Ich scheue Verantwortung nicht, sondern sie lässt mich aufblühen.

Frau Billerbeck, Sie sind vor einigen Monaten als Chief Business Officer in die Chefredaktion der Madame eingestiegen. Zuvor haben Sie Schöner Wohnen geführt, das grösste Wohnmagazin Europas unter der Ägide von Gruner+Jahr. Grossverlag oder kompaktes Medienunternehmen: Welchem Businessmodell gehört die Zukunft?
Bettina Billerbeck: Ich glaube, das kommt ganz auf das Genre an. Für Premium- Magazine würde ich kleine, unabhängige Unternehmen als Träger klar im Vorteil sehen. Das hat auch viel damit zu tun, dass es in grossen Verlagen immer die historisch gewachsenen Strukturen gibt, die riesigen Zentralbereiche. Und die gibt es natürlich auf so einem «Schnellboot» wie bei uns nicht. Das hat Vor- und Nachteile: Man muss zwar unheimlich viel selber machen, aber dafür die Zentralabteilungen nicht mitfinanzieren – zulasten des eigenen betriebswirtschaftlichen Ergebnisses. Und, ganz ehrlich: In den grossen Verlagen ist es längst nicht mehr so komfortabel, wie es einmal war.
Winter: Die Verlage waren immer verwöhnt von den wahnsinnigen Margen, die über viele Jahrzehnte eingefahren wurden – 30 Prozent Rendite oder mehr waren nicht unüblich. Das war natürlich sensationell, deswegen sind ja auch viele Verleger so unglaublich reich. (lacht) Fast alle bedeutenden Verlage werden in Deutschland ausserdem von Familien geführt, die eher konservativ agieren. Beide Faktoren zusammen haben dazu geführt, dass man vielerorts wohl zu spät bemerkt hat, wenn etwas nicht mehr funktioniert. Dass man sich mal überlegen müsste: «Wie sieht denn die Zukunft aus?» Und aus mangelnder Flexibilität oder schwachen Visionen erwachsen dann nur kurzfristige Konzepte. Die Marge sinkt? Dann sparen wir einfach.
«… deswegen habe ich gedacht: Da muss jetzt dringend etwas passieren, sonst gibt es uns tatsächlich irgendwann nicht mehr.»
Sie wollen sinkenden Margen – und der zunehmenden Print Ad-Skepsis von Werbeauftraggebern – jedoch anders, proaktiver begegnen?
Winter: Ja. Die Madame gibt es seit genau 70 Jahren, und wir haben in dieser Zeit die besten Verbindungen zu den Entscheidungsträgern der Fashion- und Lifestyle-Branche aufgebaut – von Armani bis Chanel. Wir kennen die Brands, wir verstehen deren Zielgruppe, weil sie deckungsgleich mit unserer Leserschaft ist. Und deshalb kommen die Marken verstärkt zu uns und fragen: «Habt ihr nicht eine Idee, wie wir unsere neue Kollektion, unser neues Produkt, unseren neuen Service vorstellen können?» Unsere Storytelling-Fähigkeiten sind ein Asset, mit dem sich neues Business generieren lässt.
Geben Sie uns ein Beispiel? Das ist bestimmt auch für die Kolleg*innen in Schweizer Medienhäusern interessant.
Winter: Wir haben im vergangenen Jahr mit der Marke Giorgio Armani eine sogenannte One-Production gemacht. Das ist ein Kommunikations-Produkt, das Looping erfunden hat: In diesem Fall war es ein Drehtag mit dem Kunden; Stylings für Männer und Frauen, die mein Modechef Konstantin Spachis gemacht hat. Konzipiert für eine Zielgruppe, die damals noch im Lockdown sass. Wir haben Social-Media-Material für unsere Kanäle generiert, haben die Bilder für das CRM von Armani und deren Kundschaft erstellt … und den Umsatz der Marke im Zeitraum der Kampagne um über 50 Prozent steigern können. Das geht über die klassische Transaktion «Mediakunde gibt Geld, Medium liefert Anzeige» weit hinaus. Und das Material, das erstellt wird, gehört hinterher dem Kunden, kann also immer wieder verwertet werden.
Sprich, klassische Werbung ist ein Auslaufmodell?
Winter: Es gibt noch einige Kunden, denen es wichtig ist, auch einen «Aufschlag» im Print zu machen – neben weiteren Aktivitäten. Chanel etwa; die konzipieren ihre Kampagnen im Hinblick auf alle medialen Kanäle. Laut einer aktuellen Studie sind Magazin-Ads immer noch Awareness-Driver Nummer Eins. Andere erstellen bereits keine dezidierten Print-Sujets mehr und wollen dann zwar noch ins Magazin, aber eher mit einem Advertorial. Vielleicht wird das dazu führen, dass wir unsere Copy-Preise über die Dauer der Zeit anheben müssen, aber wir bauen darauf, dass die Leserschaft mitzieht – weil ihnen das Produkt auch einen höheren Preis wert wäre. Ganz sicher aber führt es dazu, dass wir unsere Erlösmodelle diversifizieren und neue Angebote machen. Sowohl im B-to-B als auch im B-to-C Bereich.
Billerbeck: Was ich allerdings extrem spannend finde, Petra: Man merkt doch auch, dass einige Werbetreibende ein bisschen enttäuscht sind vom Display-Advertising. Ich höre immer wieder, dass das sogar ein Grund für eine teilweise «Rückkehr» in den Print sein kann. Aktuell jedenfalls dürfen wir mit den Anzeigenständen sehr zufrieden sein. Und für die Zukunft arbeiten wir, wie gesagt, an neuen Modellen.
Und an neuen publizistischen Formaten: So haben Sie mit «Maison Madame» eine «Luxury Healthness»-Marke ins Leben gerufen, die sich bewusst an Frauen und Männer mittleren Alters richtet. Eine bis anhin in Medien und Werbung vernachlässigte Target Group?
Billerbeck: Wir arbeiten mit einer sehr erwachsenen Brand, haben es aber auch mit einer erwachsenen Leserschaft zu tun. Früher ist man ja mit 50 aus der relevanten Werbezielgruppe rausgefallen – und das sehen wir natürlich überhaupt nicht so! Die typische «Madame»-Leserin ist Mitte 40, der Monsieur an ihrer Seite vielleicht ein bisschen älter. Die haben viele finanzielle Freiheiten, werden aber auch nicht jünger. Und man muss, wenn man ein Magazin macht wie wir oder Produkte rundherum entwickelt, genau überlegen, wie sich die Bedürfnisse der Leserschaft verändern: Welche Probleme haben sie, wo können wir Hilfe und Ideen anbieten? «Maison Madame» arbeitet an der Schnittstelle von Luxus, Wellness und Gesundheit, stilvoll – aber entspannt. Und mit einem realistischen Blick auf «echte» Frauen und Männer, die sich etwas Gutes tun möchten.
«Je mehr Brüche sich in der Welt zeigen, desto mehr hat man das Bedürfnisnach Schönheit und Ablenkung.»

Mit Blick auf die Jahre der Pandemie und die aktuelle politische Situation: Welchen Platz können, dürfen denn Luxus, «sich etwas Gutes tun» oder Ästhetik in unser aller Leben haben?
Billerbeck: Ich glaube, sie können einen Beitrag leisten, um in schwierigen Zeiten bei Verstand zu bleiben. Schöne Dinge – eine kleine Reise, ein Tapetenwechsel – sind so wichtig, um die eigene Resilienz aufrechtzuerhalten. Und die braucht man, damit man anderen ein guter Helfer sein kann. Hinzu kommt der Aspekt der Nachhaltigkeit, der uns Luxus neu denken lässt: Viele haben gerade in der Zeit der Pandemie gemerkt, dass sie gar nicht so viele materielle Dinge benötigen, aber dass das, was sie kaufen, von besserer Qualität sein soll. Nichts ist nachhaltiger als das, was ich nicht entsorge.
Winter: Je mehr Brüche sich in der Welt zeigen, desto mehr hat man das Bedürfnis nach Schönheit und Ablenkung. Und das ist in Ordnung. Ein gewisser Hedonismus, ein «Carpe Diem» können mitunter befreiend wirken. Übrigens mag ich die Formulierung von Bettina, «Luxus neu zu denken», sehr: Als wir noch dem Bauer-Verlag angegliedert waren, hat das Unternehmen mitten in der Pandemie eine Umfrage unter den Mitarbeitenden gemacht: «Was bedeutet Luxus für Sie»? Und dann sagen die Leute nicht primär: «Eine Designerhandtasche!» Das sagen sie auch, aber das kommt erst viel später. Luxus ist für die meisten Menschen, Zeit mit ihren Liebsten zu verbringen, qualitative Zeit, zusammen zu essen, sich zu treffen, sich auszutauschen.
«Für Premium-Magazine würde ich kleine, unabhängige Unternehmen als Träger klar im Vorteil sehen.»
Diesem veränderten Bewusstsein wollen Sie auch publizistisch Rechnung tragen?
Winter: Wir sagen immer: Unsere Leserinnen und Leser wollen nicht nur das Schöne, sondern auch das Gute. Natürlich wissen wir, dass sich nicht jeder teure Luxusprodukte kaufen kann, die über Qualität und Preis ein besonderes Nachhaltigkeitsversprechen haben. Gerade die Jüngeren shoppen aber zunehmend Vintage Fashion, anstatt sich die Tüten beim Mode-Discounter mit billigen T-Shirts zu füllen. Und das ist nicht nur ein Trend; das wird uns erhalten bleiben.
Billerbeck: Es ist gut und richtig, dass wir über Dinge berichten, die unsere Leserschaft für 15 oder 20 Jahre begleiten können. Ein Pullover, ein Möbelstück: Die ganze Branche, also sowohl Marken als auch Publikationen im Premium-Segment, tragen Verantwortung für Sustainability. Wir nehmen diese Verantwortung wahr.



m&k: Sabine Wagner-Schäfer, derzeit gibt es eine sehr grosse Spendenbereitschaft für die Flüchtlinge des Krieges in der Ukraine. Wie spenden die meisten Menschen im Moment?Sabine Wagner-Schäfer: Die meisten Menschen spenden Geld an eine NPO. Ich halte dies für den richtigen Weg. Die Hilfsorganisationen wissen am besten, wie das Geld gezielt und nachhaltig den Flüchtlingen zugute kommt. Daneben gibt es in der Bevölkerung eine grosse Bereitschaft, Sachwerte zu sammeln und zu liefern. So schön diese Hilfsbereitschaft im Grunde ist, ich sehe sie eher kritisch. Eigene Aktionen sind zwar gut gemeint, führen aber sehr oft nicht zum Erfolg.














Klaus Kappeler war Mitgründer und CEO der Goldbach Group.




