«Ein abrupter Strategiewechsel ist kaum zu erwarten»
Tamedia-Sprecher Peter Hartmeier über die Forumspresse und seinen neuen Chef
Tamedia-Sprecher Peter Hartmeier über die Forumspresse und seinen neuen ChefFormschwäche ja, Krisenstimmung nein: Der Tages-Anzeiger habe seinen Tiefpunkt überwunden, kommentiert Peter Hartmeier dessen schlechte Wemf-Werte. Zugleich plädiert der Tamedia-Sprecher für einen branchenweiten Abschied von der Auflagenkosmetik.2001 verzeichnet der Tages-Anzeiger einen rekordverdächtigen Auflageneinbruch von knapp 7 Prozent. Wie lange, Peter Hartmeier, fischt die Gratispresse noch im Anzeigengewässer Ihres Flaggschiffs?
Peter Hartmeier: Nach den Erfahrungen anderer Zeitungen in vergleichbaren europäischen Metropolen sollten wir die Talsohle nun erreicht haben. Ob diese Hoffnung trägt oder trügt, hängt jedoch sehr von den weltpolitischen und ökonomischen Entwicklungen der nächsten Monate ab. Nach dem 11. September etwa stabilisierte sich die Tagi-Auflage schlagartig. Diese Festigung auf etwas tieferem Niveau hält bis heute an und spiegelt sich vor allem im Kioskverkauf wider, der tendenziell anzieht.
Ernsthaft bröckelt das Tagi-Urgestein erst seit zwei Jahren. In Stockholm und Göteborg hat Metro die etablierten Titel einiges länger bluten lassen. Stimmt Sie die Schweizer Pleite des schwedischen Gratispioniers so optimistisch?
Hartmeier: Ich habe mich letztes Jahr bei der «Leader»-Ausbildung der World Association of Newspaper intensiv mit den Pendlerzeitungen beschäftigt. Metro und 20 Minuten basieren nicht auf tragfähigen Businessmodellen. Unsere Branche benötigt beide Ertragssäulen, die Einnahmen der Leser genauso wie die Anzeigenerlöse. Deshalb glaube ich nicht ans langfristige Überleben dieser Art von Gratiszeitungen. Im publizistischen Wettbewerb zwingen sie uns allerdings zu selbstkritischer Reflexion: Haben wir es verpasst, für neue Zielgruppen neue Zeitungstypen zu entwickeln?
Vielleicht leidet der Tagi zusätzlich noch unter einem anderen Genreproblem. Als Forumszeitung ist er verglichen mit polarisierenden Meinungsblättern wie Blick und NZZ jedenfalls deutlich ins Hintertreffen geraten.
Hartmeier: Forumszeitungen sind heute wichtiger und erfolgreicher denn je. In unserer immer pluralistischer werdenden Gesellschaft wachsen das Bedürfnis und die Notwendigkeit zu wissen, was die anderen Menschen und Interessengruppen denken und tun. Zudem bedarf das vielfältige Millionenzürich einer übergreifenden regionalen Identität. Diese täglich neu zu schaffen, betrachtet der Tages-Anzeiger als eine seiner zentralen Aufgaben. Eine solche Integrationswirkung geht den beiden erwähnten, eher national orientierten Zeitungen völlig ab. Recht haben Sie hingegen, was die allgemein verstärkte Nachfrage nach klaren, pointierten Meinungen angeht. Der journalistische Lehrsatz, wonach Zeitungen das einzige Konsumprodukt darstellen, das man kauft, um sich – zumindest gelegentlich – darüber zu ärgern, ist heute so aktuell wie nie zuvor. Dass wir kritische Köpfe wie Roger de Weck und Daniel Cohn-Bendit engagiert haben…
…ist wohl vor allem dem neuen Konkurrenzdruck am Sonntag zu verdanken.
Hartmeier: Als liberaler Mensch gebe ich gerne zu, dass uns der Auftritt der gelifteten «alten
Tante» da etwas auf die Sprünge geholfen hat.
Laut Pressemitteilung hat Tamedia dieses Jahr erstmals auf die Ausschöpfung des üblichen Beglaubigungspielraums verzichtet und den Tages-Anzeiger bei exakt 250000 fixiert. Diese stolz als «Paradigmenwechsel in der Auflagenbewirtschaft» deklarierte Massnahme sieht aber vielmehr wie eine Flucht nach vorn aus.
Hartmeier: Da liegen Sie völlig falsch. Wir wollen mit diesem Schritt eine wichtige und überfällige Debatte anstossen, die uns besonders am Herzen liegt. Mit unserer neuen Beglaubigungspolitik kämpfen wir gegen die grassierende Gratismentalität in der Branche, ob das nun die Pendlerzeitungen oder die mit Gratisabos betriebene Auflagenkosmetik betrifft. Dasselbe gilt auch fürs Internet, wo wir wie andere Verlage heute klar zugeben, unsere Services und Contents zu lange kostenlos angeboten zu haben. Seit Februar ist unser Onlinearchiv kostenpflichtig, und weitere Bereiche werden folgen. Journalistische Unabhängigkeit und Qualität haben halt ihren Preis. «Maximaler Erlös pro Abo» heisst deswegen unsere Devise.
Apropos Qualität: Die Du-Auflage ist 2001 um 16,6 Prozent eingebrochen. Wie lange können und wollen Sie Ihre Aktionäre noch für dieses intellektuelle Feigenblatt zahlen lassen?
Hartmeier: Dieser Ausreisser lässt sich ganz einfach erklären. Vorletztes Jahr schnellte die Gesamtauflage durch eine Sondernummer über Gottlieb Duttweiler derart nach oben, dass der Verlust nun gewaltiger aussieht, als er de facto ist. Im Übrigen schliesst aber die Maxime, konzernübergreifend Gewinne zu erwirtschaften, die Publikation eines Nischenprodukts für die Kulturelite keineswegs aus. Im Gegenteil: Ohne gesundes Kerngeschäft keine unabhängige Spitzenqualität im Stile von Du. Und Tamedia ist im Kern ein topfites Unternehmen.
Der Rückgang des Betriebsergebnisses um 8 Prozent deutet eher auf ein Formtief hin. Läuft Ihr Sparprogramm Fokus noch? Und wann wird der Einstellungsstopp wieder aufgehoben?
Hartmeier: Unter dem Namen Fokus wurden alle Betriebsabläufe überprüft. Dieser Optimierungsprozess steht kurz vor dem Abschluss. Der Einstellungs- und Investitionsstopp hingegen bleibt bis auf Weiteres bestehen. Die Zahlen des ersten Quartals lassen uns da keinen Spielraum.
Kommende Woche tritt Martin Kall sein Amt als Tamedia-CEO an. Es kursieren Gerüchte, wonach er zunächst intern mit dem eisernen Besen kehren und dabei auch defizitäre Traditionstitel wie Du oder Spick nicht verschonen will.
Hartmeier: Macht- und Generationenwechsel lösen immer allerlei Gerede aus. Nach zehn Jahren mit Michel Favre an der Unternehmensspitze bricht für Tamedia am 16. April eine neue Ära an. Dass diese so revolutionär beginnt, wie manche zu hoffen und andere zu fürchten scheinen, glaube ich aber nicht. Die ersten Wochen wird Martin Kall ein Einführungsprogramm absolvieren, das die Konzernleitung ausgearbeitet hat und das Kall mit allen Interna vertraut macht. Ein abrupter Strategiewechsel ist auch deshalb kaum zu erwarten.
Mittelfristig darf man von Ihrem neuen deutschen Chef aber schon die eine oder andere Innovation erwarten. Nahe liegend bei seinem Background und dem Wachstumszwang der Tamedia wäre beispielsweise eine Expansion ins Ausland.
Hartmeier: Als kosmopolitischer Mensch, der als Journalist viel gereist ist, finde ich extrem spannend, was da in der Person von Martin Kall auf uns zukommt. Ob die anstehende Erneuerung aber gleichbedeutend mit Internationalisierung ist, bleibt abzuwarten. Interview: Oliver Classen
Peter Hartmeier: Nach den Erfahrungen anderer Zeitungen in vergleichbaren europäischen Metropolen sollten wir die Talsohle nun erreicht haben. Ob diese Hoffnung trägt oder trügt, hängt jedoch sehr von den weltpolitischen und ökonomischen Entwicklungen der nächsten Monate ab. Nach dem 11. September etwa stabilisierte sich die Tagi-Auflage schlagartig. Diese Festigung auf etwas tieferem Niveau hält bis heute an und spiegelt sich vor allem im Kioskverkauf wider, der tendenziell anzieht.
Ernsthaft bröckelt das Tagi-Urgestein erst seit zwei Jahren. In Stockholm und Göteborg hat Metro die etablierten Titel einiges länger bluten lassen. Stimmt Sie die Schweizer Pleite des schwedischen Gratispioniers so optimistisch?
Hartmeier: Ich habe mich letztes Jahr bei der «Leader»-Ausbildung der World Association of Newspaper intensiv mit den Pendlerzeitungen beschäftigt. Metro und 20 Minuten basieren nicht auf tragfähigen Businessmodellen. Unsere Branche benötigt beide Ertragssäulen, die Einnahmen der Leser genauso wie die Anzeigenerlöse. Deshalb glaube ich nicht ans langfristige Überleben dieser Art von Gratiszeitungen. Im publizistischen Wettbewerb zwingen sie uns allerdings zu selbstkritischer Reflexion: Haben wir es verpasst, für neue Zielgruppen neue Zeitungstypen zu entwickeln?
Vielleicht leidet der Tagi zusätzlich noch unter einem anderen Genreproblem. Als Forumszeitung ist er verglichen mit polarisierenden Meinungsblättern wie Blick und NZZ jedenfalls deutlich ins Hintertreffen geraten.
Hartmeier: Forumszeitungen sind heute wichtiger und erfolgreicher denn je. In unserer immer pluralistischer werdenden Gesellschaft wachsen das Bedürfnis und die Notwendigkeit zu wissen, was die anderen Menschen und Interessengruppen denken und tun. Zudem bedarf das vielfältige Millionenzürich einer übergreifenden regionalen Identität. Diese täglich neu zu schaffen, betrachtet der Tages-Anzeiger als eine seiner zentralen Aufgaben. Eine solche Integrationswirkung geht den beiden erwähnten, eher national orientierten Zeitungen völlig ab. Recht haben Sie hingegen, was die allgemein verstärkte Nachfrage nach klaren, pointierten Meinungen angeht. Der journalistische Lehrsatz, wonach Zeitungen das einzige Konsumprodukt darstellen, das man kauft, um sich – zumindest gelegentlich – darüber zu ärgern, ist heute so aktuell wie nie zuvor. Dass wir kritische Köpfe wie Roger de Weck und Daniel Cohn-Bendit engagiert haben…
…ist wohl vor allem dem neuen Konkurrenzdruck am Sonntag zu verdanken.
Hartmeier: Als liberaler Mensch gebe ich gerne zu, dass uns der Auftritt der gelifteten «alten
Tante» da etwas auf die Sprünge geholfen hat.
Laut Pressemitteilung hat Tamedia dieses Jahr erstmals auf die Ausschöpfung des üblichen Beglaubigungspielraums verzichtet und den Tages-Anzeiger bei exakt 250000 fixiert. Diese stolz als «Paradigmenwechsel in der Auflagenbewirtschaft» deklarierte Massnahme sieht aber vielmehr wie eine Flucht nach vorn aus.
Hartmeier: Da liegen Sie völlig falsch. Wir wollen mit diesem Schritt eine wichtige und überfällige Debatte anstossen, die uns besonders am Herzen liegt. Mit unserer neuen Beglaubigungspolitik kämpfen wir gegen die grassierende Gratismentalität in der Branche, ob das nun die Pendlerzeitungen oder die mit Gratisabos betriebene Auflagenkosmetik betrifft. Dasselbe gilt auch fürs Internet, wo wir wie andere Verlage heute klar zugeben, unsere Services und Contents zu lange kostenlos angeboten zu haben. Seit Februar ist unser Onlinearchiv kostenpflichtig, und weitere Bereiche werden folgen. Journalistische Unabhängigkeit und Qualität haben halt ihren Preis. «Maximaler Erlös pro Abo» heisst deswegen unsere Devise.
Apropos Qualität: Die Du-Auflage ist 2001 um 16,6 Prozent eingebrochen. Wie lange können und wollen Sie Ihre Aktionäre noch für dieses intellektuelle Feigenblatt zahlen lassen?
Hartmeier: Dieser Ausreisser lässt sich ganz einfach erklären. Vorletztes Jahr schnellte die Gesamtauflage durch eine Sondernummer über Gottlieb Duttweiler derart nach oben, dass der Verlust nun gewaltiger aussieht, als er de facto ist. Im Übrigen schliesst aber die Maxime, konzernübergreifend Gewinne zu erwirtschaften, die Publikation eines Nischenprodukts für die Kulturelite keineswegs aus. Im Gegenteil: Ohne gesundes Kerngeschäft keine unabhängige Spitzenqualität im Stile von Du. Und Tamedia ist im Kern ein topfites Unternehmen.
Der Rückgang des Betriebsergebnisses um 8 Prozent deutet eher auf ein Formtief hin. Läuft Ihr Sparprogramm Fokus noch? Und wann wird der Einstellungsstopp wieder aufgehoben?
Hartmeier: Unter dem Namen Fokus wurden alle Betriebsabläufe überprüft. Dieser Optimierungsprozess steht kurz vor dem Abschluss. Der Einstellungs- und Investitionsstopp hingegen bleibt bis auf Weiteres bestehen. Die Zahlen des ersten Quartals lassen uns da keinen Spielraum.
Kommende Woche tritt Martin Kall sein Amt als Tamedia-CEO an. Es kursieren Gerüchte, wonach er zunächst intern mit dem eisernen Besen kehren und dabei auch defizitäre Traditionstitel wie Du oder Spick nicht verschonen will.
Hartmeier: Macht- und Generationenwechsel lösen immer allerlei Gerede aus. Nach zehn Jahren mit Michel Favre an der Unternehmensspitze bricht für Tamedia am 16. April eine neue Ära an. Dass diese so revolutionär beginnt, wie manche zu hoffen und andere zu fürchten scheinen, glaube ich aber nicht. Die ersten Wochen wird Martin Kall ein Einführungsprogramm absolvieren, das die Konzernleitung ausgearbeitet hat und das Kall mit allen Interna vertraut macht. Ein abrupter Strategiewechsel ist auch deshalb kaum zu erwarten.
Mittelfristig darf man von Ihrem neuen deutschen Chef aber schon die eine oder andere Innovation erwarten. Nahe liegend bei seinem Background und dem Wachstumszwang der Tamedia wäre beispielsweise eine Expansion ins Ausland.
Hartmeier: Als kosmopolitischer Mensch, der als Journalist viel gereist ist, finde ich extrem spannend, was da in der Person von Martin Kall auf uns zukommt. Ob die anstehende Erneuerung aber gleichbedeutend mit Internationalisierung ist, bleibt abzuwarten. Interview: Oliver Classen
