Das freiwillige Abschalten der Flimmerkiste macht in den USA allmählich SchuleVon Oliver Classen Im fernsehverrückten Nordamerika hat die spassbetonte «TV Turnoff Week» paradoxerweise längst Kultcharakter. Dieses Jahr geniesst die kommende Woche zum achten Mal stattfindende Boykottaktion sogar staatliche Unterstützung. In Europa tun sich Werbe- und Medienkritiker mit einer solch kollektiven Abstinenz freilich noch schwer.
Auf CNN laufen in diesen Tagen zwei Werbespots der subversiven Art. Der eine zeigt nichts weiter als eine schwarze Mattscheibe mit einer laufenden Uhr, welche die unablässig verstreichende Lebenszeit anzeigt. Die Pointe des 30 Sekunden währenden Bildausfalls lautet: «Don’t waist any more of your time. Turn your TV off – now, and at least for one week.»
Im anderen Spot der Adbusters (siehe Beitrag auf Seite 15) sieht man, wie ein stupsnäsiges Mädchen gebannt vor der Flimmerkiste kauert und mit immer grösseren Augen ein durchaus repräsentatives US-Programm verfolgt. Zwischen Kaufaufforderung, Kanonendonner und Bettgestöhn fragt zuletzt eine sonore Stimme aus dem Off: «Woher hat sie ihr gesellschaftliches Rollenverständnis? Wer vermittelt ihr Werte und Weltsicht? Wessen Kind ist sie, Ihres oder das der TV-Stationen?» Da sich angesichts der faszinierten Nachwuchszuschauerin jede Antwort erübrigt, bleibt der anschliessende Appell nicht ohne Wirkung: «Übernehmen Sie Verantwortung für Ihre Kinder. Fertig lustig – fertig fernsehen.»
Bemerkenswerter noch als diese beiden eindringlichen «Uncommercials» ist die Tatsache, dass CNN sie überhaupt ausstrahlt. Bis vorletztes Jahr scheiterten nämlich noch alle Versuche der hochprofessionell arbeitenden Antiwerber, für ihre 1994 lancierte und heuer vom 22. bis 28. April stattfindende «TV Turnoff Week» Timeslots bei den grossen amerikanischen Networks zu kaufen.
Selbst der Gesundheitsminister schaltet eine Woche ab
Kurzfristig soll die mittlerweile zum alternativen Sozialritual avancierte Aktion laut Adbusters-Gründer Kalle Lasn «eine merkliche Reduktion der Einschaltquoten» bewirken; langfristiges Ziel sei indes «die Hebung der Lebensqualität und Selbstbestimmung unserer medial verseuchten Mitmenschen». Kein Wunder also, weigern sich ABC, CBS und NBC bislang standhaft, diese Trojanischen Pferde auf ihren Werbeblock-Rennbahnen einlaufen zu lassen.
Aber auch in Europa, wo vor allem britische, französische und skandinavische Aktivisten via Internet und Handzettel Werbung für die «TV Turnoff Week» machen, sind Lasn und seine zumeist ehrenamtlichen Mitstreiter mit ihren «Uncommercials» bislang abgeblitzt.
Dass diese (notabene gegen das Recht auf freie Meinungsäusserung verstossende) Aussperrungsstrategie auf Dauer kontraproduktiv ist, zeigt die wachsende Zahl von Nordamerikanern, die der Abstinenzaufforderung gerade wegen dieses von Adbusters natürlich öffentlich gemachten Boykotts Folge leisten. Dieses Jahr solidarisiert sich gar der amerikanische Gesundheitsminister mit «Greenpeace für den Kopf» (Eigenwerbung) – aus rein volksgesundheitlichen Gründen, versteht sich. Immerhin rangieren Übergewicht und Fettleibigkeit in der «Couch-potato»-Nation USA auf Platz zwei der häufigsten vermeidbaren Todesursachen.
Übermässiger TV-Konsum – im amerikanischen Durchschnittshaushalt läuft die Flimmerkiste täglich während über sieben (!) Stunden – zeitigt aber auch psychische Kollektivfolgen. Die für die Mediengesellschaft zweifellos relevanteste, zugleich aber auch umstrittenste davon ist die erhöhte Gewaltanwendung von TV-Junkies. Zusätzliches Wasser auf diese Mühle der Fernsehkritiker lenkte kürzlich ein im renommierten Wissenschaftsmagazin Science geführter Nachweis, dass sich Fernsehkonsum und Gewaltbereitschaft bei erwachsenen US-Bürgerinnen und -Bürgern «direkt proportional» verhalten. Auch wenn diese Korrelation etwas gar polemisch und pauschalisierend wirkt: Tatsache ist, dass ein Zwölfjähriger im Land der unbegrenzten Möglichkeiten im Schnitt über 17000 Bildschirmtote gesehen hat.
Kontrolliertere Abgabe der Volksdroge Nummer eins?
Bei uns liegt diese Zahl und der damit verbundene Leidens- und Handlungsdruck (noch) deutlich tiefer. Aus diesem Grund sind Fernsehboykotts in deutschsprachigen Ländern seit den in allen Gesellschaftsfragen kritischen Siebzigerjahren kein ernsthaftes Thema mehr. Der letzte prominente Politiker, der sich in unseren Breiten öffentlich für eine kontrolliertere Abgabe der Volksdroge Nummer eins stark machte, war Helmut Schmidt.
Sein «Plädoyer für einen fernsehfreien Tag» von 1978 löste damals, vor der Liberalisierung des Medienmarkts, einen Orkan der Entrüstung aus. Schauspieler, Gewerkschafter und vor allem angehende TV-Unternehmer wehrten sich vehement gegen eine solch kulturpessimistische Attitüde und oberlehrerhafte Bevormundung. Der Altbundeskanzler und heutige Mitherausgeber der Wochenzeitung Die Zeit liess sich davon jedoch nicht beeindrucken und warnte unverdrossen – und in weiser Voraussicht auf die Murdochs und Berlusconis dieser Welt – weiter vor diesem «Medium, mit dem künftige Cäsaren sich in die Seele der Menschen eingraben».
Aber auch in der Schweiz verfügen Fernsehskeptiker bis dato über keine nennenswerte politische Lobby. Und dies obwohl einer der wenigen bekennenden TV-Abstinenzler Christoph Blocher heisst. Seine Begründung («Ich lasse mir doch nicht von irgendjemandem einfach in die Stube reden») tönt wie üblich etwas einfach, für einmal aber durchaus einleuchtend.
Das findet auch der Basler Medienpädagoge Bernhard Chiquet. Er ist einer der wenigen offiziellen, sprich: im Online-Aktivistenverzeichnis von adbus ters.org aufgeführten Schweizer Teilnehmer an der diesjährigen weltweiten Abschaltaktion. «Immer mehr Mütter und Väter resignieren angesichts der Bildschirmsucht ihrer Kinder. Mit diesem freiwilligen, spielerischen Denkanstoss möchte ich versuchen, meine Schüler und deren Eltern für diese Problematik zu sensibilisieren», sagt er.
Dafür hat Chiquet schulintern eine Art Abstinenzwettbewerb ausgeschrieben. Der Gewinnerin winkt – in guter bildungsbürgerlicher Tradition – ein Büchergutschein. Diese Idee ist in Amerika längst zu einem landesweiten Programm ausgebaut. Sein Name: «More reading, less TV». Seine Trägerin ist die internetbasierte Stiftung «TV-Turnoff Network».
Weitere Anti-TV-Sites:
www.tvturnoff.org
(USA)
www.whitedot.org
(Grossbritannien)
www.antipub.net
(Frankreich)
www.uschi-braun.de
(Deutschland)