Aufgefallen Es gab Zeiten, in denen man als besonders trendy galt, wenn man es möglichst mit jedem trieb. Was uns die – jüngst wegen rückläufiger Einschaltquoten abgesetzte – «Ally McBeal»-Soap vormachte, und was sich leicht simplifiziert unter dem Begriff Paarbildungen Frau und Mann, Mann und Mann oder Frau und Frau zusammenfassen lässt, ist passé. Unsere individualisierte Gegenwart hat auch vor der Schlafzimmertür keinen Halt gemacht. Warum sich mit einem
Visavis abmühen, wenns auch alleine geht. Die Labels Calvin Klein und Iceberg machens vor und räumen mit einem alten katholischen Klischee auf. Nämlich dem, dass man bei egoistischer Handarbeit weder Hornhaut noch schwarze Flecken auf den Fingern bekommt. Auf jeden Fall nicht unmittelbar danach… Chandra Kurt
[email protected]Kolumne
Keiner will uns Von Michael Barney
Tut mir leid, aber es ist wahr: Werbebotschaften zählen nicht zu den Dingen, auf die die breite Öffentlichkeit hungrig oder neugierig ist. Ob Sarah Connor bei Thomas Gottschalk einen Slip getragen hat oder nicht, erregt die Menschheit mehr, als es der gesamte Etat von Calida je schaffen wird. Und der Fehltritt eines Botschafters wird so wichtig, als hinge unser Leben davon ab. Jedenfalls für Blick-Leser. Da gibt man nun für Reklame jede Menge Geld aus, aber regt sich jemand darüber auf? Erzählt er seinen Nachbarn davon? Mitnichten. Will einer wissen, was an Plakatwänden hängt, in Werbeblöcken läuft oder zwischen Redaktion in Zeitschriften platziert wird? Nein. Die Gründe dafür sind ganz menschlich. Weil hierzulande die Reklame nur bestätigt, was jeder schon weiss oder kennt. Getränke löschen den Durst, Schokolade machen Leute mit weissen Mützen und für alle Verkalkten steht dann noch die Küche unter Wasser. Solche Sachen hauen keinen mehr vom Hocker. Dabei waren sich die Verursacher vorher einig: Strategie stimmt, Zielgruppe stimmt, Mediaplan stimmt. Und sollte bei der Kreation noch etwas ungewöhnlich oder unverständlich gewesen sein, dann hat man so lange dran herumgenörgelt, bis es «richtig» im Sinne von langweilig oder lieb wurde. Und da liegen die Fehler. Schon Howard L. Gossage hat längst vor Jung von Matt, gewusst: «Der Mensch liest nur das, was ihn interessiert. Manchmal ist es eine Anzeige.» Weil da draussen keiner auf Bekanntes, Gelerntes oder Banales wartet, muss Reklame mutiger, frecher und provokanter auftreten. Geben Sie Ihrem Herzen einen Ruck, und lassen Sie bei der nächsten Präsentation ruhig mal eine Idee durch, die nicht von allen gemocht wird. Aber dafür von Ihrer Zielgruppe.
Michael Barney ist Senior-Copywriter bei der Lowe Werbeagentur, Zürich.
Business Lunch
Ein zarter und gedämpfter Blick von Medusa Beginnen wir mal mit dem Besuch der Toilette eines Restaurants. Früher hiess einen die Mamma die Hände waschen vor dem Essen. Warum ich ausgerechnet im «Rathauskeller» in Zug zuerst die Nasszelle aufsuchte, bevor ich zu Tisch ging? Was ich dort vorgefunden habe, muss einfach erzählt werden, weils passt: vier verschiedene Eau de Toilette, Zahnbürste (in Zellophan), Kamm, Haarbürste (sauber!). Das hat nichts mit dem Essen zu tun – aber sehr viel mit der Aufmerksamkeit von Hubert Erni und Stefan Meier den Gästen gegenüber.
Die Idee vom Restaurant als Gesamtkunstwerk (inklusive Toilette) wird in Zug mit Detailversessenheit durchgezogen. Mit Sicherheit im ersten Stockwerk, wo der Business Lunch eingenommen wurde (drei Gänge, 68 Franken). Der Raum mit Holzdecke und reichen Schnitzereien verströmt nicht Stumpenrauchgemütlichkeit, sondern soignierte Ruhe. Dafür sorgen auch die von Versace gestalteten Blumenvasen mit frischen Schnittblumen. Und das vom Modeschöpfer entworfene Rosenthal-Geschirr namens Medusa. Manchem mag es zu verschnörkelt sein – in dieser Etage passt es zum Ambiente.
Was auf diesen Tellern zu Tisch gebracht wurde, ist durchaus eigenwillig und zu loben. Nicht über den grünen Klee zwar. Das Entrée: zwei punktgenau gegarte Coquilles St-Jacques, Crevetten und ein geschmacklich etwas flacher, aber im Biss hervorragender Risotto, begleitet von zwei Spinatnockern. Der Hauptgang: rosa gebratene Taubenbrust mit einem Kartoffeltimbale und einer etwas launischen Pilzsauce – statt Champignons aus der Zucht hätten kräftige Steinpilze den starken Eigengeschmack des Taubenfleisches idealer ergänzt. Das Dessert: weisses Schokolade-Eis (im Krokantkörbchen) auf einem Erdbeercoulis mit Mangostückchen, perfekt. Mit einem halben Liter Weissen, einem Liter Mineral und zwei Kaffees kommt der Spass auf über 200 Franken zu stehen. Meinetwegen. Denn ein Spass ist es gewesen, zwei Schritte vom Ufer des Zugersees gegessen zu haben. Dass sich der erste Stock ausserdem bequem für Business Lunches eignet, muss ja nicht noch zusätzlich erwähnt sein. Handys haben übrigens in dem dicken Gemäuer des Altstadthauses keine Chance auf Empfang. Carlo Bernasconi [email protected]
Restaurant RathauskellerObere Altstadt 1
6300 Zug
Tel. 041 711 00 58
Fax 041 710 49 77
Parkplätze gibts zuhauf im Casino-Parkhaus.