Zu nah und zu weit ist nicht gut
Publizistische Ausschüsse und Gremien brauchen eine klarere Positionierung in den Unternehmensstrukturen
Publizistische Ausschüsse und Gremien brauchen eine klarere Positionierung in den UnternehmensstrukturenVon Daniel Schifferle Publizistische Ausschüsse in Medienunternehmen kranken oft an zwei Dingen: Entweder sind sie zahnlose Alibigremien, oder sie nehmen ungebührlich starken Einfluss. Beides ist schädlich. Damit die Selbstkontrolle richtig spielen könne, plädiert die Medienwissenschaft für eine klare Trennung von strategischen und operativen Zuständigkeiten.
Die ständige Reflexion und Überwachung der eigenen journalistischen Arbeit gehört zu den zentralen Aufgaben jedes Medienunternehmens. Grosse Unterschiede bestehen jedoch in der Form, mit der die Unternehmen diese Verlegerpflicht heute erfüllen. In fast allen Schweizer Verlagen wird diese Aufgabe immer noch von den Verlegerfamilien selbst wahrgenommen. Bei dieser Mehrheit gilt die publizistische Qualitätskontrolle nach wie vor als selbstverständliche Pflicht, die mit zur Leidenschaft des Verlegerdaseins gehört. Dazu bekennt sich etwa Matthias Hagemann, VR-Präsident der Basler Mediengruppe, ganz klar. «Für unser Unternehmen haben wir kein Bedürfnis nach einem Beirat.
Die publizistische Verantwortung wird von der Familie selber wahrgenommen. Diese Aufgabe ist für uns seit je zentral, und wir erfüllen sie auch gerne.»
Doch diese traditionsreiche Form der publizistischen Selbstkontrolle stösst mit zunehmender Grösse der Medienunternehmen, bei denen es eine breite Produktepalette zu betreuen gilt, rasch an ihre Grenzen. Grossverlage im Ausland und im Inland legen sich deshalb oft publizistische Ausschüsse zu. Deren Aufgabe ist es, die inhaltliche Ausrichtung der Titel zu kontrollieren und aufeinander abzustimmen – und mitunter auch steuernd einzugreifen.
Meistens sind das Gremien mit rein beratenden Funktionen, die aber deshalb auch Gefahr laufen, als reine Diskussionsrunden ohne Wirkung aufs Tagesgeschäft vor sich hin zu debattieren. Dazu müsste eigentlich auch die neue publizistische Konferenz von Tamedia gerechnet werden, wäre da nicht Roger de Weck. Diese Art von Gremium spielt ihre Rolle klar auf strategischer Ebene, ohne konkrete Funktionen im operativen Bereich auszuüben. Die andere Variante eines publizistischen Ausschusses, die mehr Biss hat, war beziehungsweise ist bei Ringier am Werk. Allerdings hat die grössere Wirksamkeit dieser Version ihren Preis. Sie scheint nur möglich zu sein, wenn die Grenzen zwischen strategischer und operativer Einflussnahme übergangen werden.
Statt Beiräte können auch externe Experten ihr Gutes tun
Dass die Vermischung von strategischen und operativen Funktionen enorme Risiken birgt, hat der Fall Borer eindrücklich demonstriert. «Ein Problem bei Ringier ist, dass dessen publizistischer Ausschuss auch das eigentliche Machtzentrum im Medienunternehmen war», sagt der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof. «Dabei handelt es sich natürlich nicht um eine unabhängige Reflexionsinstanz.»
Doch ironischerweise liefert ausgerechnet das im Moment viel kritisierte Haus Ringier jenes Beispiel, bei dem ein publizistischer Beirat bisher am effizientesten arbeitete. Gerade weil dieser Ausschuss besonders nahe am Tagesgeschäft agierte. Dieser Meinung ist auch der Unternehmensberater und Ex-Tamedia-Stratege Kurt W. Zimmermann. «Die journalisti-sche Qualitätskontrolle und die publizistische Diskussion müssen nahe bei der täglichen Produktion der Inhalte angesiedelt sein, sonst funktioniert das nicht.» Leider seien all diese publizistischen Gremien in der Regel aber nicht ständig verfügbare Ansprechpartner der Chefredaktoren.
Von sporadisch stattfindenden Auseinandersetzungen um die publizistische Ausrichtung, die meistens in Retraiten, Seminarien und allenfalls Blattkritiken stattfinden, hält Zimmermann nicht viel. «Meine Erfahrung als Chefredaktor hat gezeigt, dass es den täglichen Diskurs braucht», sagt er. «Mit Frank A. Meyer hatten die Chefredaktoren genau dies, nämlich einen täglich verfügbaren Ansprechpartner. Bei aller Kritik muss man diese Rolle anerkennen. Hier wurden publizistische Ziele konkret diskutiert, unabhängig davon, ob man nun die Ringier-Produkte gut oder schlecht findet.»
Doch die dort praktizierte Vermischung von operativen und strategischen Funktionen hat einen hohen Preis. Der Fall Borer habe die Problematik unzureichender publizistischer Führungsstrukturen sowie Defizite im Qualitätsmanagement besonders deutlich gemacht, sagt Professor Otfried Jarren, Direktor des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. «Die Tatsache, dass es überhaupt so weit hat kommen können, wirft ein schlechtes Licht auf den dort zuständigen publizistischen Ausschuss und das von ihm praktizierte Konzept.
Die Defizite und Missstände haben sich als so gravierend gezeigt, dass man sich fragen muss, ob die dort bestehende Struktur und Praxis alleine für das künftige Qualitätsmanagement noch taugt», kritisiert er. Solche Gremien müssten klar definiert sein, bezüglich ihrer Einflussmöglichkeiten als auch bezüglich ihrer Grenzen. Damit diese Instanzen effektvoll agieren können, plädiert er für eine möglichst weit gehende Distanz vom Tagesgeschäft.
Ganz im Sinne der im Moment intensiv diskutierten betriebswirtschaftlichen Konzepte rund um das Stichwort «Good Governance». Diese fordern für die Unternehmen unter anderem eine differenzierte Aussenperspektive. Jarren rät deshalb, die Beratung systematisch durch die personelle Zusammensetzung sicherzustellen wie auch fallweise und projektbezogen Experten von aussen hereinzuholen.
Dass sich bei Ringier etwas ändern müsse, davon ist auch Kurt Imhof überzeugt. Denn der Fall Borer sei noch nicht ausgestanden. «Der Reputationsschaden ist Tatsache. Aber auch im Innern des Medienhauses ist die Verunsicherung nach wie vor gross. Zusammengehörigkeitsgefühl und Orientierung der Mitarbeitenden sind beschädigt.» Mittlerweile sei mit dem Sabbatical von Frank A. Meyer aber immerhin bereits etwas getan. «Damit demonstriert das Medienunternehmen nach aussen eine geklärte Führungsstruktur – und offenbar die Bereitschaft, diese intern auch herzustellen.»
Ob diese Hoffnung trägt oder trügt, steht noch dahin. Der offizielle Wortlaut zu den Aufgaben und Funktionen von Frank A. Meyer nach seinen so genannten «Ferien» (siehe Kasten) lässt alles offen. Auch die Rückkehr in sämtliche bisherigen Rollen ist möglich. Dabei dürfte ihm vom Kader kaum nennenswerter Widerstand erwachsen. «Dort sitzen ja Leute, die praktisch alle die Jünger von Frank A. Meyer sind», meint ein Ringier-Insider.
Zukunft für Frank a. Meyer offen
Zu den künftigen Rollen und Funktionen von Frank A. Meyer geisterten in den Medien verschiedenste Varianten herum. Die offizielle Version, wie sie bei Ringier intern kommuniziert wurde, liest sich laut Ringier-Sprecher Fridolin Luchsinger wie folgt: «Im März 2003 nimmt Frank A. Meyer seine Arbeit wieder auf. Diese umfasst dann seine Tätigkeit als Kolumnist, als TV-Moderator, die Mitarbeit bei publizistischen Projekten oder Strategien und die journalistische Aus- und Weiterbildung.» Wie Luchsinger gegenüber der WerbeWoche sagte, wurde das verlagsinterne Communiqué von Michael Ringier persönlich so formuliert. Der wenig konkrete Wortlaut der Mitteilung lässt allerdings alle möglichen Schlupflöcher bezüglich der künftigen Positionierung von Frank A. Meyer offen.
Die ständige Reflexion und Überwachung der eigenen journalistischen Arbeit gehört zu den zentralen Aufgaben jedes Medienunternehmens. Grosse Unterschiede bestehen jedoch in der Form, mit der die Unternehmen diese Verlegerpflicht heute erfüllen. In fast allen Schweizer Verlagen wird diese Aufgabe immer noch von den Verlegerfamilien selbst wahrgenommen. Bei dieser Mehrheit gilt die publizistische Qualitätskontrolle nach wie vor als selbstverständliche Pflicht, die mit zur Leidenschaft des Verlegerdaseins gehört. Dazu bekennt sich etwa Matthias Hagemann, VR-Präsident der Basler Mediengruppe, ganz klar. «Für unser Unternehmen haben wir kein Bedürfnis nach einem Beirat.
Die publizistische Verantwortung wird von der Familie selber wahrgenommen. Diese Aufgabe ist für uns seit je zentral, und wir erfüllen sie auch gerne.»
Doch diese traditionsreiche Form der publizistischen Selbstkontrolle stösst mit zunehmender Grösse der Medienunternehmen, bei denen es eine breite Produktepalette zu betreuen gilt, rasch an ihre Grenzen. Grossverlage im Ausland und im Inland legen sich deshalb oft publizistische Ausschüsse zu. Deren Aufgabe ist es, die inhaltliche Ausrichtung der Titel zu kontrollieren und aufeinander abzustimmen – und mitunter auch steuernd einzugreifen.
Meistens sind das Gremien mit rein beratenden Funktionen, die aber deshalb auch Gefahr laufen, als reine Diskussionsrunden ohne Wirkung aufs Tagesgeschäft vor sich hin zu debattieren. Dazu müsste eigentlich auch die neue publizistische Konferenz von Tamedia gerechnet werden, wäre da nicht Roger de Weck. Diese Art von Gremium spielt ihre Rolle klar auf strategischer Ebene, ohne konkrete Funktionen im operativen Bereich auszuüben. Die andere Variante eines publizistischen Ausschusses, die mehr Biss hat, war beziehungsweise ist bei Ringier am Werk. Allerdings hat die grössere Wirksamkeit dieser Version ihren Preis. Sie scheint nur möglich zu sein, wenn die Grenzen zwischen strategischer und operativer Einflussnahme übergangen werden.
Statt Beiräte können auch externe Experten ihr Gutes tun
Dass die Vermischung von strategischen und operativen Funktionen enorme Risiken birgt, hat der Fall Borer eindrücklich demonstriert. «Ein Problem bei Ringier ist, dass dessen publizistischer Ausschuss auch das eigentliche Machtzentrum im Medienunternehmen war», sagt der Zürcher Soziologieprofessor Kurt Imhof. «Dabei handelt es sich natürlich nicht um eine unabhängige Reflexionsinstanz.»
Doch ironischerweise liefert ausgerechnet das im Moment viel kritisierte Haus Ringier jenes Beispiel, bei dem ein publizistischer Beirat bisher am effizientesten arbeitete. Gerade weil dieser Ausschuss besonders nahe am Tagesgeschäft agierte. Dieser Meinung ist auch der Unternehmensberater und Ex-Tamedia-Stratege Kurt W. Zimmermann. «Die journalisti-sche Qualitätskontrolle und die publizistische Diskussion müssen nahe bei der täglichen Produktion der Inhalte angesiedelt sein, sonst funktioniert das nicht.» Leider seien all diese publizistischen Gremien in der Regel aber nicht ständig verfügbare Ansprechpartner der Chefredaktoren.
Von sporadisch stattfindenden Auseinandersetzungen um die publizistische Ausrichtung, die meistens in Retraiten, Seminarien und allenfalls Blattkritiken stattfinden, hält Zimmermann nicht viel. «Meine Erfahrung als Chefredaktor hat gezeigt, dass es den täglichen Diskurs braucht», sagt er. «Mit Frank A. Meyer hatten die Chefredaktoren genau dies, nämlich einen täglich verfügbaren Ansprechpartner. Bei aller Kritik muss man diese Rolle anerkennen. Hier wurden publizistische Ziele konkret diskutiert, unabhängig davon, ob man nun die Ringier-Produkte gut oder schlecht findet.»
Doch die dort praktizierte Vermischung von operativen und strategischen Funktionen hat einen hohen Preis. Der Fall Borer habe die Problematik unzureichender publizistischer Führungsstrukturen sowie Defizite im Qualitätsmanagement besonders deutlich gemacht, sagt Professor Otfried Jarren, Direktor des Instituts für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich. «Die Tatsache, dass es überhaupt so weit hat kommen können, wirft ein schlechtes Licht auf den dort zuständigen publizistischen Ausschuss und das von ihm praktizierte Konzept.
Die Defizite und Missstände haben sich als so gravierend gezeigt, dass man sich fragen muss, ob die dort bestehende Struktur und Praxis alleine für das künftige Qualitätsmanagement noch taugt», kritisiert er. Solche Gremien müssten klar definiert sein, bezüglich ihrer Einflussmöglichkeiten als auch bezüglich ihrer Grenzen. Damit diese Instanzen effektvoll agieren können, plädiert er für eine möglichst weit gehende Distanz vom Tagesgeschäft.
Ganz im Sinne der im Moment intensiv diskutierten betriebswirtschaftlichen Konzepte rund um das Stichwort «Good Governance». Diese fordern für die Unternehmen unter anderem eine differenzierte Aussenperspektive. Jarren rät deshalb, die Beratung systematisch durch die personelle Zusammensetzung sicherzustellen wie auch fallweise und projektbezogen Experten von aussen hereinzuholen.
Dass sich bei Ringier etwas ändern müsse, davon ist auch Kurt Imhof überzeugt. Denn der Fall Borer sei noch nicht ausgestanden. «Der Reputationsschaden ist Tatsache. Aber auch im Innern des Medienhauses ist die Verunsicherung nach wie vor gross. Zusammengehörigkeitsgefühl und Orientierung der Mitarbeitenden sind beschädigt.» Mittlerweile sei mit dem Sabbatical von Frank A. Meyer aber immerhin bereits etwas getan. «Damit demonstriert das Medienunternehmen nach aussen eine geklärte Führungsstruktur – und offenbar die Bereitschaft, diese intern auch herzustellen.»
Ob diese Hoffnung trägt oder trügt, steht noch dahin. Der offizielle Wortlaut zu den Aufgaben und Funktionen von Frank A. Meyer nach seinen so genannten «Ferien» (siehe Kasten) lässt alles offen. Auch die Rückkehr in sämtliche bisherigen Rollen ist möglich. Dabei dürfte ihm vom Kader kaum nennenswerter Widerstand erwachsen. «Dort sitzen ja Leute, die praktisch alle die Jünger von Frank A. Meyer sind», meint ein Ringier-Insider.
Zukunft für Frank a. Meyer offen
Zu den künftigen Rollen und Funktionen von Frank A. Meyer geisterten in den Medien verschiedenste Varianten herum. Die offizielle Version, wie sie bei Ringier intern kommuniziert wurde, liest sich laut Ringier-Sprecher Fridolin Luchsinger wie folgt: «Im März 2003 nimmt Frank A. Meyer seine Arbeit wieder auf. Diese umfasst dann seine Tätigkeit als Kolumnist, als TV-Moderator, die Mitarbeit bei publizistischen Projekten oder Strategien und die journalistische Aus- und Weiterbildung.» Wie Luchsinger gegenüber der WerbeWoche sagte, wurde das verlagsinterne Communiqué von Michael Ringier persönlich so formuliert. Der wenig konkrete Wortlaut der Mitteilung lässt allerdings alle möglichen Schlupflöcher bezüglich der künftigen Positionierung von Frank A. Meyer offen.
