Resilienz wider den Sturm

Publicis-Groupe-CEO Alexander Haldemann schreibt in m&k zu selektiven Themen im Spannungsfeld von Marken, Kommunikation und Strategie. Aus gegebenem Anlass reflektiert er über die Bedeutung von Resilienz in stürmischen Zeiten.

Alexander HaldemannDie Freunde klassischer Kriminalliteratur unter Ihnen (er)kennen vielleicht das folgende Zitat: «There’s an east wind coming all the same, such a wind as never blew on England yet. It will be cold and bitter, Watson, and a good many of us may wither before its blast. But it’s God’s own wind none the less, and a cleaner, better, stronger land will lie in the sunshine when the storm has cleared.»Arthur Conan Doyle legte diese Worte seinem Detektiv Sherlock Holmes in den Mund, 1917, während der Erste Weltkrieg tobte und die europäische Ordnung aus ihren Angeln hob. Heute findet sich ein Teil des Kontinents in einer nicht unähnlichen Lage wieder; und der harsche Wind aus dem Osten, um in Doyles Metapher zu bleiben, ist auch mit einiger Entfernung zum «Auge des Sturms» deutlich spürbar. Nach zwei Jahren Pandemie und unter dem Einfluss des russischen Angriffskrieges ist ein Gefühl der Verunsicherung omnipräsent – bei Unternehmen wie bei Privatpersonen.Aus dem Impuls heraus, den sich rapide verändernden Gegebenheiten zumindest irgendetwas entgegenzusetzen, wird nun allenthalben über Resilienz gesprochen; diese besondere Kraft der Psyche, die uns hilft, Belastungen «auszuhalten». Jedoch: Unternehmerinnen und Unternehmer­ wissen, dass in diesem Verb nicht ohne Grund ein «-halten» steckt. Denn wenn wir Resilienz lediglich als die Fähigkeit begreifen, den Status quo zu bewahren — uns in den Sturm zu stellen, die Füsse gegen den Boden gepresst; ohne Schritte zurück zwar, aber auch ohne die Energie, nach vorne zu gehen —, dann können wir in andauernden Krisen nicht erfolgreich sein.Und so sehr wir alle auf bessere, einfachere Tage hoffen: Wir wissen nicht, ob nun noch einige Wochen, einige Monate oder gar eine längere Periode der globalen Volatilität folgen. Vielleicht müssen wir also lernen, Resilienz proaktiver zu begreifen? Resiliente Unternehmen wären dann solche, die nicht nur ausharren und spekulieren, dass die Gesamtsituation sich schon noch rechtzeitig ändern wird, um wieder business as usual zu betreiben. Es wären Unternehmen, die strategische Ziele mit Weitsicht und Konsequenz umsetzen, dabei aber agil genug sind, um auf kurzfristige Challenges zu reagieren.

In einer entsprechenden Lesart hat Resilienz vier zentrale, praktische Implikationen: Resiliente Organisationen haben einen Kompass, der als Richtschnur Strategie und Spontanität verbindet. Sie verfügen über die Geschwindigkeit und die Courage, schnelle Entscheidungen zu treffen; auch, indem sie Mitarbeitende auf allen Hierarchieebenen zur Eigeninitiative befähigen. Resiliente Organisationen arbeiten im Kollektiv, als «hive mind» gar, gruppiert um eine starke Marke, die als zentraler Ankerpunkt fungiert. Und sie bleiben offen — schaffen Werte für ihre Kundinnen und Kunden, aber auch für das gesellschaftliche Kollektiv. So halten sie die Stürme unserer Zeit nicht nur aus. Sondern, um zu Arthur Conan Doyles Worten zurückzukehren: Sie helfen auch, das Land und den Sonnenschein zu sehen, die dahinter liegen.


* Alexander Haldemann ist CEO der Publicis Groupe in Zürich. 

Das Phänomen negativer Preise

Warum sollte man den Käufer bezahlen?

Prof. Dr. Sören Bär ist Professor für Marketing und Eventmanagement an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) Berlin. Er forscht an den Universitäten Leipzig und Bayreuth.
Bild: zVg

Negative Preise laufen der Gesetzmässigkeit und Logik von Austauschprozessen zuwider, dass man für ein erhaltenes Gut eine angemessene Gegenleistung erbringen muss, was üblicherweise in Form der Zahlung einer Geldsumme geschieht. Es kommt überhaupt erst dann zu einer Transaktion, wenn aus Sicht des Käufers der wahrgenommene Nutzen des Gutes mindestens so gross ist wie der dafür verlangte (positive) Preis. Auch für Anbieter ist der Verkauf eines Produktes prinzipiell nur dann sinnvoll, wenn daraus ein positiver Deckungsbeitrag pro Einheit resultiert, der Preis also die variablen Kosten pro Einheit übersteigt.

In der traditionellen Ökonomie sind Grenzkosten grösser als null typisch, so dass auch die Preise von Gütern null übersteigen müssen. Bei negativen Preisen kommt hingegen paradoxerweise exakt das Gegenteil dieses Prinzips zur Anwendung: Der Verkäufer erhält nicht nur kein Geld vom Käufer als Gegenleistung für die Überlassung des Gutes, sondern bezahlt ihn vielmehr sogar dafür, dass er es ihm abnimmt. Was zunächst kontraintuitiv erscheint, lässt sich dadurch erklären, dass bei einem grossen Angebotsüberhang kein positiver Preis und selbst ein Preis von null nicht ausreichen, um das Überangebot zu reduzieren. Die Käufer erhalten als Anreiz für die Abnahme einer nicht benötigten Menge eines Gutes eine Zahlung, damit Angebot und Nachfrage zum Ausgleich kommen können.

Negative Preise sind nicht neu

Gänzlich neu sind negative Preise allerdings nicht. Auf einigen zweiseitigen Märkten haben sie sich seit längerer Zeit etabliert. Aufgrund der während der Coronakrise entstandenen Überkapazitäten und des notwendigen Abbaus der damit einhergehenden Angebotsüberhänge sind negative Preise nunmehr viel häufiger anzutreffen. Die bei digitalen Gütern möglichen Grenzkosten von nahezu null und intensive Preiskämpfe in vielen Branchen lassen eine höhere Frequenz des Einsatzes erwarten. Ebenso sehen sich Banken durch die Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank veranlasst, negative Zinssätze an die Verbraucher weiterzugeben. Negative Preise werden temporär sogar als Promotion-Instrument bei der Einführung neuer Produkte und als Anreiz im Rahmen der Neukundenakquisition eingesetzt, um das psychologische Motiv der Verknappung zu nutzen.

Swiss Marketing veröffentlicht auf der Website den Artikel zu diesem Thema in voller Länge. > www.swissmarketing.ch/news

4 Tipps des Experten

1.

Zum Abbau von Überkapazitäten sollten negative Preise nur von Marken bzw. Unternehmen in der Niedrig- und Mittelpreisposition eingesetzt werden, weil die Preiselastizität der Nachfrage in diesen Preispositionen negativ ist. In der Premium- und Ultrapremiumposition bzw. bei Luxusgütern mit positiver Preiselastizität hätten negative Preise hingegen eine Markenerosion zur Folge. Dort ist stattdessen eine Verknappung der Produktionszahlen empfehlenswert.

2.

Auf Cash-back-Strategien sprechen Kunden gut an. Auch wenn rechnerisch und ökonomisch kein Unterschied zwischen einem Verkaufspreis von 15 000 CHF und einem Verkaufspreis von 20 000 CHF und einer Cash-back-Zahlung von 5000 CHF existiert, wird durch die Rückzahlung als Ausprägung eines negativen Preises ein höherer Nettonutzen bei den Konsumenten generiert.

3.

Die Markteinführung neuer Produkte bzw. die Verbreitung neuer Angebote lässt sich – eventuell zeitlich begrenzt und limitiert, um das psychologische Motiv der Verknappung zu nutzen – durch negative Preise unterstützen. Dies eignet sich besonders für digitale Produkte mit Grenzkosten nahe null.

4.

Für die Neukundenakquisition bieten sich Empfehlungsprogramme(«Referrals») an. Es schafft zusätzliches Vertrauen, von einer Freundin oder einem Freund eingeladen bzw. geworben zu werden, die dafür mit einer Bonuszahlung honoriert werden.

Autor

Prof. Dr. Sören Bär ist Professor für Marketing und Eventmanagement an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) Berlin. Er forscht an den Universitäten Leipzig und Bayreuth.

Lebenslang lernen

Die Schweizer Hochschulen starten mit innovativen Marketing- und Kommunikationsweiterbildungen ins neue Jahr. Dabei reicht die Angebotspalette von «Customer Psychology» über «Wissenschaftliche Kommunikation in den sozialen Medien» bis hin zu «Augmented and Virtual Reality».

Bild: unsplash.com / Nathan Dumlao

Die Nachfrage nach Weiterbildungsprogrammen an den Schweizer Fachhochschulen und Universitäten bleibt trotz der Pandemie hoch. In den vergangenen zwei Jahren war jedoch eine hohe Flexibilität gefragt: Dozierende und Studierende mussten sich immer wieder auf neue Unterrichtssituationen und Schutzmassnahmen einstellen. Zeitweise fanden Veranstaltungen nur virtuell statt, dann wieder im Wechsel vor Ort und digital. Diese Anpassungen hatten nicht nur Nachteile. «Nach fast zwei Jahren Pandemie haben wir gelernt, dass die digitale Lehre das Studium in Präsenz nicht ersetzen, aber durchaus erweitern kann», sagt Saverio Genzoli, Sprecher an der Hochschule Luzern (HSLU). Die rasche Umstellung auf Onlineunterricht habe zu einem sehr schnellen Lernprozess geführt. Zudem hätten in der ersten Welle viele Unternehmen und Mitarbeitende festgestellt, dass sie gerade im digitalen Marketing oder in der internen Kommunikation ihr Wissen erweitern beziehungsweise aktualisieren müssen. Innerhalb der Hochschulen sei die Umstellung gewaltig gewesen, bei der Organisation und Durchführung von Onlineunterricht habe man wertvolle Erfahrungen sammeln können. Die Weiterbildungsteilnehmenden hätten sich in den letzten zwei Jahren zudem an Onlineformate gewöhnt und sähen auch die Vorteile darin. Klar sei, dass es immer wieder Situationen geben werde, in denen digitale Lehre sinnvoll eingesetzt werden könne – selbst nach Corona. Klar sei jedoch auch, dass ein gesicherter Präsenzbetrieb klare Vorteile für die Aneignung von neuem Wissen habe, die sich nicht ersetzen liessen. Die dauerhafte Mischung beider Formate werde künftig die Weiterbildung prägen, erklärt Genzoli.

«Man sollte sich fragen, was man am liebsten lernt und wie die Weiterbildung zeitlich gestaltet werden soll.»

Aktuell bieten viele Schweizer Hochschulen ihre Programme in hybriden Formaten an, m&k hat eine Auswahl der innovativsten Weiterbildungsangebote im Bereich Marketing und Kommunikation zusammengestellt:

Universität Basel

Ein erfolgreiches und bewährtes Programm der Universität Basel ist der MAS Marketing Management und Business Development, der im Frühjahr 2022 erneut startet. Der MAS wird berufsbegleitend durchgeführt und vermittelt ein Portfolio an fundierten Kenntnissen, Know-how und vielfältigen Anwendungserfahrungen. Die aktive Teilnahme an den Lernprozessen im MAS Marketing Management und Business Development verstärkt die Fähigkeiten zum konzeptionellen und strategischen Planen und Handeln und verbindet diese mit den umsetzungsorientierten Überlegungen für eine nachhaltige Gestaltung und Optimierung der vielfältig miteinander gekoppelten Aktivitäten für die Gewinnung und Entwicklung von Geschäftsfeldern und Märkten, in der Marktbearbeitung und für die Kundengewinnung.

Ausserdem bietet die Universität unter dem Titel «Wissenschaftliches Werkzeugwissen» verschiedene Kurse an, unter anderem Wissenschaftliche Kommunikation in den Social Media. Dieser Weiterbildungskurs gibt anhand von praktischen Übungen eine Einführung in die Wissenschaftskommunikation in den sozialen Medien und liefert praktische Tipps und Tricks, wie relevante Netzwerke sinnvoll genutzt werden können.

hwz Hochschule für Wirtschaft Zürich

Der Studiengang CAS Business Creation & Marketing Strategy ist Teil des MAS Marketing Excellence an der HWZ und setzt im Marketing den Fokus auf digitale Kanäle und Massnahmen, die auch bereits mit kleinen Budgets und innert kürzester Zeit Erfolge versprechen. Der Studiengang richtet sich an Personen, die im Rahmen dieses CAS alle Schritte an einem realen Produkt oder einer Dienstleistung erarbeiten und umsetzen möchten.

ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

Die ZHAW School of Management and Law bietet das CAS Marketing Management für KMU & Start-ups, welches den Teilnehmenden die nötigen Kompetenzen vermittelt, um das Marketing in KMU und Jungunternehmen erfolgreich zu gestalten. Dabei handelt es sich nicht um eine Weiterbildung im klassischen Sinn, da die Studierenden über den gesamten Lehrgang hinweg an einem Unternehmens-Case arbeiten – von der Analyse über die Entwicklung bis hin zur Umsetzung einer eigenen Marketing-Roadmap. Weiter gibt es an der School of Management and Law das CAS Customer Centric Transformation, im Rahmen dessen die Teilnehmenden lernen, was es braucht, um ein Unternehmen beziehungsweise eine Organisation kundenzentriert zu gestalten. Der Lehrgang vermittelt, wie die Transformation eines Unternehmens entlang den Kundenbedürfnissen ausgerichtet werden kann.Das Departement Angewandte Linguistik lancierte letztes Jahr das CAS Innovation im Journalismus, das gemeinsam mit dem MAZ Luzern angeboten wird. Vor dem Hintergrund des fortschreitenden Wandels von Technik, Mediennutzung und Berufsrollen vermittelt dieser Lehrgang neue Kompetenzen im journalistischen Prozess der Themenfindung, Recherche, Aufbereitung, Vermittlung und Interaktion. Weiter ist am Departement ein neues CAS-Programm für Ein- und Umsteigerinnen in den Bereich PR/Unternehmenskommunikation geplant, das die bestehenden CAS-Programme für etablierte Kommunikationsprofis ergänzen soll, wie beispielsweise das CAS Digitale Transformation oder das CAS Community Communication.

Fachhochschule Graubünden

Neben dem weiterhin sehr neuen und entsprechend aktuellen CAS Augmented and Virtual Reality sind die Zertifikatsangebote CAS Digital Communication Excellence und CAS Urban Forestry sehr beliebt. Das CAS Digital Communication fokussiert darauf, die Möglichkeiten der digitalen Transformation als Teil der Leadership-Strategie gekonnt zu planen, einzusetzen und zu verantworten. Das CAS Urban Forestry richtet sich an Teilnehmende, die städtische Lebensräume nachhaltig gestalten und den integrativen Blick auf die urbane Entwicklung und das Management des urbanen Ökosystems schärfen wollen.

Ein Weiterbildungsklassiker ist die Journalismusausbildung IMK-Lehrgang Medien. Das jüngste Kind im Bereich Marketing und Kommunikation an der FH Graubünden ist das CAS Mindful Communication and Innovation, das ab Herbst 2022 angeboten wird.

Hochschule Luzern

Verstehen, wie Kundinnen und Kunden ticken und was sie bewegt, steht im CAS Customer Psychology im Zentrum. Dabei geht es darum, psychologische Prozesse zu erfassen und in Marketing und Kommunikation zu nutzen. Kundenzentrierung und die gezielte Analyse von Daten sind ein zentrales Element des HSLU-Weiterbildungsangebots. Im Herbst 2022 folgen neue Programme in den Bereichen strategisches Content Marketing, Marketing Automation und Customer Experience Management, die dieses Kundenverständnis für die Herausforderungen der zweiten Digitalisierungswelle erschliessen. Alle Angebote sind darauf ausgerichtet, Orientierung zu bieten, methodische Sicherheit zu vermitteln und durch professionelle Begleitung bei der Konzeption und Implementierung eigener Veränderungsvorhaben zu unterstützen.

Licht im Weiterbildungs-Dschungel

Das aktuelle Weiterbildungs­angebot ist breit gefächert. Wie findet man das passendste Programm für die persönlich angestrebte Karriere? Die Weiterbildungsexperten der Schweizer Hochschulen raten dazu, an Weiterbildungs-und Absolventen-Messen teilzunehmen sowie das Gespräch mit Berufsberatern und Berufsverbänden zu suchen. Wichtig seien ausserdem persönliche Netzwerke, direkte Empfehlungen aus dem Arbeits- und Freundeskreis, Werbung in sozialen Medien und Fachzeitschriften sowie Erfahrungswerte von Berufskollegen. Zudem sollte man sich selbst die Frage stellen, wo die persönlichen Interessen lägen, was man am liebsten lerne und wie die Weiterbildung zeitlich gestaltet werden soll.Auch die Hochschulen selbst sind gute Anlaufstellen und bieten auf ihren Websites entsprechende Suchmöglichkeiten. So hat beispielsweise die Hochschule Luzern (HSLU) kürzlich einen Weiterbildungskonfigurator aufgeschaltet, der eine erste Auswahl erleichtern soll, wenn jemand ganz am Anfang der Entscheidungsfindung steht (www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/weiterbildung/weiterbildungs-konfigurator/#/). Andere Fachhochschulen und Universitäten verfügen über ähnliche Tools.Ausserdem bieten die Hochschulen Info-Veranstaltungen sowie individuelle Beratungsgespräche mit den Studienleitern für Interessierte. Dies ist besonders bei der richtigen Wahl von CAS-Programmen zentral, weil dabei individuell auf die persönliche und berufliche Situation sowie Bedürfnisse und Erwartungen eingegangen werden kann.Für Kandidaten, die bereits wissen, was für eine Weiterbildung sie suchen, kann eine Internetrecherche zielführend sein. Für systematisches Suchen existieren Weiterbildungsdatenbanken, beispielsweise www.swissuni.ch/swissuni-datenbank/ (für universitäre Weiterbildungen) oder www.bildungspool.ch (übrige Weiterbildungen).

Der Schlüssel zum Erfolg

Jan-Willem Weischer, Co-CEO und Mitinhaber von BabyOne, erzählt, welche Herausforderungen und Chancen sich bei einem familiengeführten Franchisesystem ergeben und wie BabyOne die Transformation hin zu einem ­Omnichannel-Unternehmen meistert.

Eltern und diejenigen, die es werden möchten, haben hohe Ansprüche, wenn es um das Wohl ihres Kindes geht.
Bild: Shutterstock.com
Nichts ist so beständig wie der Wandel. Gerade im Detailhandel dürfte dies aufgrund der sich verändernden Kundenansprüche mittlerweile ein festes Prinzip sein. Ständige Transformation dennoch nachhaltig zu gestalten, ist dabei die Herausforderung und zugleich der Schlüssel zum Erfolg.

Melanie Käser Warum sollten Eltern und jene, die es werden möchten, bei BabyOne einkaufen?

Jan-WILLEM WEISCHER Werdende Eltern haben eine Menge Fragen, wenn es darum geht, die Erstausstattung für ihr Baby auszusuchen. Solche Menschen wünschen sich eine kompetente Beratung und Begleitung. Das ist unsere Kernkompetenz. In unseren 103 Fachmärkten in der DACH-Region können sich unsere Kundinnen und Kunden über Produkte wie Autositze, Kinderwagen oder zum Beispiel Kinderzimmerausstattung beraten lassen und zudem in den Produktwelten wie Mode oder Spielzeug stöbern. Über unsere Social-Media-Kanäle bieten wir ihnen zudem Formate wie eine Hebammen- oder Stillberatung an.

Warum lohnt es sich, bei Ihnen Franchisenehmer zu werden?

Unseren Franchisenehmern ermöglichen wir ein sehr gut funktionierendes Franchisenetzwerk, das Sicherheit und gleichzeitig unternehmerische Freiheit bietet. Ein Pluspunkt ist sicher auch, dass wir unsere Filialen über ein Ship-from-Store-Modell bereits an den Onlinehandel angeschlossen haben. Zudem haben wir diverse Austauschformate mit unseren Franchisepartnerinnen und -partnern, die wir kontinuierlich ausbauen. Und last but not least: Wir sind Teil einer sehr krisensicheren Branche, denn Babys werden immer geboren.

Was hat sich in Ihrer Branche in den letzten Jahren verändert, waren beziehungsweise sind die Bedürfnisse von Eltern nicht schon immer die gleichen?

Zwar haben sich die Bedürfnisse von Eltern grundsätzlich kaum verändert; die Art, wie sie ihre Bedürfnisse befriedigen, aber sehr wohl. Werdende Eltern informieren sich oft schon sehr präzise online und kommen dann in den Laden, um ihre Produktentscheidung abzusichern. Oder sie kaufen gleich online, wissen es aber sehr zu schätzen, dass sie bei Fragen auch in die nächstgelegene Filiale fahren können, um zum Beispiel zur Handhabung eines Produkts Hilfe zu bekommen. Oder sie tauschen etwas um und sind froh, wenn sie den Kinderwagen einfach abgeben können und ihn nicht wieder einpacken müssen. Wir sehen in diesem Omnichannel-Ansatz unsere Zukunft und verstehen unser starkes Filialnetz als klaren Pluspunkt.

Sie führen das BabyOne-Franchisesystem in Co-Geschäftsführung mit Ihrer Schwester als Familienunternehmen. Wie meistern Sie den Spagat zwischen Familien-, Unternehmens- und Franchisenehmerinteressen?

Für mich haben alle Interessen die gleiche Zielrichtung: Wir wollen BabyOne erfolgreich machen. Unterschiedliche Vorstellungen davon, wie dieser Erfolg bestmöglich erreicht wird, gibt es natürlich immer wieder. Aber gerade diese Impulse geben uns eine hohe Vielfältigkeit. Daneben macht uns der familiäre Aspekt als System einfach aus. Das zeigt sich durch ein hohes Grundvertrauen zwischen allen Parteien – aber auch in kurzen Abstimmungswegen, grossem Mut und hoher Entscheidungsfreude.

«Zwar haben sich die Bedürfnisse von Eltern kaum verändert; die Art, wie sie diese befriedigen, aber sehr wohl.»

BabyOne befindet sich in der Transformation zu einem Omnichannel-Unternehmen. Was bedeutet das und warum ist diese Transformation gerade in einem Franchisesystem notwendig und wichtig für die Nachhaltigkeit eines solchen Partnersystems?

Für jedes stationär geprägte Handelsunternehmen ist es wichtig, parallel zu den Filialen einen starken Online-Vertrieb aufzubauen. In Franchisesystemen ist das vielleicht komplizierter, weil so viele Stakeholder beteiligt sind, aber durch unser Ship-from-Store-Konzept haben wir eine perfekte Lösung gefunden, von der alle profitieren. Nur wenn wir als ganzes System zusammenarbeiten, können wir unsere Stärke ausspielen. Entscheidend war für uns, Kundenbedürfnisse in den Fokus zu stellen. Ohne die Zufriedenheit unserer Kundinnen und Kunden können wir nicht bestehen. Das bedeutet für uns, das Einkaufserlebnis über all unsere Filialen und Kontakt­kanäle hinweg einheitlich zu gestalten – nur so stiften wir bei unserer Zielgruppe Vertrauen und die Marke BabyOne kann als Einheit wahrgenommen werden.

Wie beziehen Sie Ihre Franchisenehmenden in die Transformation mit ein?

Bei uns gibt es einen Beirat, der die Interessen unserer Partnerinnen und Partner vertritt und in alle wichtigen Entscheidungen eingebunden wird. Zudem haben wir diverse Austauschformate zu spezifischen Fachthemen, in denen sie eingebunden werden können und wir gemeinsam strategische Themen erarbeiten. Impulse für Veränderungen kommen dadurch oft auch aus Reihen der Franchisenehmerinnen und -nehmer, die wir dann auf die gesamte Gruppe ausrollen. Beispielsweise war es der Wunsch, ein E-Learning-System einzuführen, um das Verkaufswissen aller Filialen zu bündeln und teilbar zu machen.

«Der Handel verändert sich, als Franchiseunternehmen ist man zum Glück kein Alleinkämpfer.»

Was ist Ihre Erfahrung bei diesem Change-Prozess? Passt das allen Franchisenehmenden?

Das Wichtigste ist, dass alle im System eine gemeinsame Zielrichtung haben. In den Details gibt es aber durchaus unterschiedliche Ansichten; Veränderungsprozesse sind nie einfach. Aber offene Diskussionen sind genau das, was wir brauchen, um unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen zu können. Der Handel verändert sich gerade sehr und als Franchiseunternehmen hat man den Vorteil, kein Alleinkämpfer zu sein.

 
Dr. Jan-Willem Weischer ist geschäftsführender Gesellschafter bei der Fachmarktkette BabyOne. Der Jurist stieg 2017 in den elterlichen Familienbetrieb ein. Er ist selbst Vater von zwei Kleinkindern.

Autorin

Das Interview wurde von Melanie Käser, ­Geschäftsführerin von Swiss Distribution, geführt.

Wieviel Print brauchen wir noch?

Tote leben länger, meint der Volksmund. Ob dies auch für die Printbranche zutrifft, ist eine berechtigte Frage. Denn Drucksachen brauchen wir nach wie vor und auch die gedruckte Presse ist noch immer nicht verschwunden, allen Unkenrufen zum Trotz. Deshalb fragen wir bei repräsentativen Branchenvertretern nach sowie bei Druckproduzenten, wie sie die Printzukunft einschätzen.

Print
(Bilder: Unsplash.com/ Naomi August)

Den besten Überblick über das Geschehen in der Schwarzen Zunft, wie sich die grafische Branche früher mit berechtigtem Stolz nannte, haben die Repräsentanten der Druckindustrie, so Bernhard Büchler, der Geschäftsführer des Verband Schweizer Druckindustrie, VSD. Auf die Zukunftschancen der Printbranche angesprochen, sieht er solche für jene Produktionsbetriebe, die in der Lage sind, «einen echten Mehrwert für die Kunden zu schaffen. Ich denke hier an bedürfnisorientierte Beratungsleistungen und individualisierte, personalisierte, hochwertige Produkte mit effizienteren digitalen Druckverfahren.» Laut dem VSD-Geschäftsführer kann sich die Druckbranche so mit ihren bisherigen Qualitäten behaupten, weil sie diesbezüglich über die nötige Glaubwürdigkeit verfügt, und zwar seit vielen Jahren. «Wo lauern dann die Gefahren?», fragt sich der Aussenstehende nach dieser positiven Zukunftseinschätzung. Bernhard Büchler sagt: «Gefahren gibt es einige … Print wird nicht aussterben; elementar sind aus meiner Sicht, die Bedürfnisse seines ­Kunden genau zu kennen, um diese mit echten Mehrwerten präzise abdecken zu können.» Fakt ist laut dem VSD-Geschäftsführer, dass die Zahl der Druckbetriebe in den letzten Jahren abgenommen hat; dieser Prozess wurde durch die Coronapandemie noch beschleunigt.

Gut sichtbare und versteckte Trends

Sucht man nach den Treibern zur Entwicklung im Printmarkt, so stösst die Betrachterin zunächst auf die gut sichtbaren Trends: Vor allem die technische Entwicklung in der Medienlandschaft, die zu neuen Medien führte und das Nutzungsverhalten – insbesondere von Jungen und Jung­gebliebenen, also den künftigen Kundinnen – nachhaltig veränderte. Dadurch wurde das Printmedium in den Hintergrund gedrängt, welches bisher die Kommunikationslandschaft beherrschte. Doch es gibt auch negative Trends, deren Wirkung auf die Drucksachenproduktion eher im Versteckten liegt. Die digitale Transformation hat den Herstellungsprozess wesentlich verändert; er ist nicht nur kürzer, sondern auch einfacher geworden, mit vielen Softwarehilfen, sodass auch Einsteiger akzeptable Ergebnisse erzielen. Zudem erlauben moderne Prepress-Systeme (Vorstufengeräte) die Herstellung von Contentvorlagen für unterschiedliche Medienarten. Dies nutzte insbesondere die Werbebranche, um die Umsetzungsarbeiten selbst in die Hand zu nehmen. Dadurch erwuchs der grafischen Industrie gleich ein doppelter Schaden; eine wichtige Kundengruppe reduzierte sich stark und wurde zudem zum unerwünschten Konkurrenten. Dieser Trend lässt sich jedoch auch umkehren. Bernhard Büchler vom VSD spricht in diesem Zusammenhang vom digitalen Gesamtdienstleister, der neben dem klassischen Druck weitere, neue Dienstleistungen anbietet. Mit der Begründung: «Die Kunden suchen für alle Kommunikationsbedürfnisse einen kompetenten Ansprechpartner, der eine Lösung für alle Auftragsarten anbieten kann.»

Die Zahl der Druckbetriebe hat abgenommen; dieser Prozesswurde durch die Corona­pandemie noch beschleunigt.

Wieweit die Betriebsgrösse eine Rolle spielt

Was sind dies für Unternehmen, die sich in diesem schwierigen Markt behaupten können? Auf diese Frage hin antwortet der VSD vage: «Der Faktor ‹kritische Grösse einer Unternehmung› ist in diesem Zusammenhang sicher relevant; vom Wandel sind jedoch alle Betriebe stark betroffen.» Geben wir die Frage deshalb an einen der grössten Drucker der Schweiz weiter – die Swissprinters mit Sitz in Zofingen – Eigner sind die beiden Mediengruppen Ringier und NZZ. Stephan Gartenmann, in der Geschäftsleitung für Verkauf und Marketing zuständig, erläutert: «Die Grösse von Swissprinters ermöglicht dem Kunden Produktionen – auch in hohen Auflagen – innert kürzester Zeit, eine hohe Produktions­sicherheit durch Parallelanlagen und eine Produktion an einem Standort, was ökologische und ökonomische Vorteile bringt.» Auf die Zusatzfrage, ob aus diesem Grund noch weitere Druckpartner gesucht werden, meint Gartenmann: «Weitere Kooperationen sind nicht geplant. Wohl aber Zusammenarbeiten, wie am aktuellen Beispiel mit der Schellenberg-Gruppe. Die Kundinnen und Kunden profitieren durch die vertiefte, standortübergreifende Partnerschaft von einem geballten Know-how und dem schweizweit grössten Angebot an Druckverfahren.» Haken wir bezüglich Know-how nach und fragen den Marktverantwortlichen der Swissprinters, welches spezifische Wissen die heutigen Kunden verlangen. Stephan Gartenmann präzisiert: «Primär geht es darum, dass der Kunde eine kostenoptimierte Variante als Offerte bekommt. Um dies sicherzustellen, müssen wir in Themen Papier, Produk­tions- und Ausrüstarten beste Kenntnisse haben. Weiter müssen Bedürfnisse wie z.B. kurze Abgabezeiten für Verlage erkannt und befriedigt werden. Durch die sehr wichtige, bereichsübergreifende Zusammenarbeit wird effizient und in höchster Qualität gefertigt.»Print

Der Kleine ist der Feine

In der Printproduktion sind in der Schweiz wie auch im Ausland insbesondere kleinere Druckereien tätig. Deshalb abschliessend die Frage: «Wie sieht deren Zukunft aus?» Wir fragen dazu Daniel Käser, ob die Grösse eines Printunternehmens ein Verkaufsargument sein kann. Der Co-Geschäftsleiter eines kleinen Druckbetriebes meint: «Wir glauben dies nicht und sagen: Die kleine-mittlere Grösse ist ein Verkaufsargument – lieber klein und agil; die Person, die das Telefon abnimmt, ist kompetent und kann die Kundin über die ganze Produktion begleiten.» Präziser äussert sich Käser bei der Frage nach der idealen Betriebsgrösse: «klein-mittel, etwa 5 bis 25 Mitarbeiter. Früher sagte man mindestens zehn Mitarbeiter, heute auch etwas darunter, aber nicht nur One-Man-Show.» Die Käser Druck selbst hat sich in ihrem Einzugsgebiet, im Bezirk Affoltern a.A., mit einem zweiten Produktionsstandort vergrössert. Diesen Wachstumsschritt begründet Daniel Käser klar: «Um einen Standort näher bei den Kunden zu haben; wir hatten vermehrt Kunden aus Affoltern und möchten dort auch neue ansprechen. Anfang 2021 nutzten wir die Gelegenheit, eine Lokalität zu übernehmen und entschieden uns, trotz schwieriger Viruszeit gegen den Strom etwas zu wagen – aus drei Gründen: Trend hin zu Kleinauflagen / Beratungsangebot als Alternative zu Online-Apparaten. Doch gleichzeitig muss auch ein besonderes Wissen vorhanden sein. So meint Käser zum Schluss: «Viel aktuelles Fachwissen bezüglich Druckdaten und Produktionsmaschinen sollte nicht fehlen.»

Die digitale Transformation hat den Herstellungsprozesswesentlich verändert. Er ist nicht nur kürzer, sondern auch einfacher geworden, mit vielen Softwarehilfen, sodass auch Einsteiger akzeptable Ergebnisse erzielen.

Die Politik stellt neue Hürden in den Weg

Grosse und kleine Druckunternehmen können sich behaupten, wenn sie die veränderten Kundenbedürfnisse erkennen und ihr Angebot entsprechend anpassen. Doch es sind weitere Hürden zu nehmen, wie sich in der Schweiz und der EU zeigt. In unserem Land wurde vor Kurzem die Bewerbung von alkoholischen Getränken stark eingeschränkt. Dies betrifft sowohl die gedruckten Medien als auch Werbedrucksachen. Und zusätzliches Unheil mit weiteren Kommunikationseinschränkungen droht, etwa bei der Fleischwerbung. In der EU wird zudem ein Verbot von unadressierter Werbung erwogen. Dies würde insbesondere die grossen Produktionsbetriebe betreffen: Auch in der Schweiz, wenn unser Land sich einer solchen Gesetzesänderung anschliesst.

Pitchen: Warum tun wir uns das an?

Um ein Mandat zu erhalten, müssen Agenturen teilweise langwierige Pitch-Verfahren durchlaufen. Sind die Prozesse wirklich nötig, um die optimale Zusammenarbeit zu evaluieren, oder gibt es Alternativen?

Pitchen
(Illustrationen: Christy James)

Was wären die tollsten ­Produkte ohne eine emotionale Message? Unternehmen sind darauf angewiesen, am Markt ein Echo auszulösen, das im besten Fall einen Hype auslöst und die Kassen klingeln lässt. In den meisten Fällen arbeiten Werbeauftraggeber dafür mit Agenturen zusammen. Je nach Ziel der Werbemassnahme scannen sie den Agenturmarkt, um die optimale Zusammenarbeit und damit das beste Ergebnis zu erreichen.Damit sich Topf und Deckel finden, müssen sich Agenturen einem Pitch-Verfahren aussetzen. Das kann über Monate gehen, mächtig Ressourcen binden und wenn im Endeffekt kein Auftrag herauskommt, war alles für die Tonne. Das fordert Agenturen und löst Frust aus. Aber auch die Auftraggeberinnen investieren viel Zeit und Geld für Berateragenturen, Pitch-Honorare und Administration.

Wir wollten wissen, ob das Pitchen noch zeitgemäss ist und haben diverse Meinungen gesammelt: Von «Pitch-Berater» Roland Sutter, von Leading Swiss Agencies (LSA) und dem Schweizer ­Werbeauftraggeber Verband (SWA) sowie von mehr als zweihundert unserer Newsletter-Abonnent*innen (hier geht es zum Artikel auf Werbewoche.ch mit den Statements aus der Leser:innen-Community).

 

m&k: Roland Sutter, wenn Auftraggeber:innen Mandate ausschreiben, startet ein Prozess, der unter dem Begriff Pitch läuft. Eigentlich beginnt der Prozess des Pitches schon weit früher: Beim Screening des Marktes, um die infrage kommenden Agenturen zu ermitteln. Wie genau können Sie als Pitch-Berater Ihre Hilfe anbieten?

Roland Sutter*: Zuerst zum Begriff Pitch-Berater, den ich nicht wirklich mag. Selbstverständlich gehört das Begleiten eines Pitches zu den Dienstleistungen, die Observatory International auf dem Markt anbietet. Aber die Gruppe sieht sich als deutlich umfassenderen Dienstleister. Ihr Tätigkeitsgebiet ist die Optimierung von Marketingressourcen, das heisst eine strukturelle und organisatorische Gesamtberatung für Marketingentscheider. Inhaltliche Aspekte des Marketings hingegen werden ausgeklammert. Agenturpartner sind wichtige und ganz zentrale Marketingressourcen. Entsprechend zentral sind tragfähige, erfolgversprechende Beziehungen zu ihnen. Aus unserer Sicht ist ein Pitch nicht immer die beste Art und Weise, seine Agenturbeziehungen neu zu gestalten. Im Gegenteil: Eigentlich ist es die Ultima Ratio. Wenn es jedoch darum geht, einen Pitch durch einen neutralen Fachmann begleiten zu lassen, ist es empfehlenswert, diesen möglichst früh in den Prozess einzubinden. Wichtigste Stichworte, die für eine solche Begleitung sprechen, sind: Marktkenntnisse, Beziehungsnetz, Entlastung, Erfahrung, Professionalisierung, Objektivierung, Revisionssicherheit. Pitches sind aufwendige Projekte, die Geld und Ressourcen binden, auf Auftraggeber- wie auf Agenturseite. Entsprechend sorgfältig sollten sie geplant und durchgeführt werden. Keinesfalls sollten sie eine Alibiübung für die Sanktionierung bereits gefällter Entscheide sein.

 

Der Prozesstrichter wird nach unten enger, eine Longlist wird erarbeitet; welche Kriterien gelten da genau und wie viele Agenturen finden sich auf dieser ungefähr?

Jeder Pitch ist anders und benötigt eine entsprechend individuelle Vorbereitung und Durchführung. Als Erstes bemühen wir uns, herauszufinden, was die wirklichen Bedürfnisse des Auftraggebers sind. Diese sind nämlich nicht unbedingt mit denen identisch, die wir von ihm hören. Dazu haben wir ein spezielles Tool entwickelt, den sogenannten Alignment Comparator, der die Ansprüche aller wesentlichen internen Stakeholder abholt, woraus wir dann ein verbindliches und möglichst spezifisches Anforderungsprofil für die anschliessende Suche ableiten. Agenturen, die aus unserer Sicht in dieses Profil passen, kommen auf unsere erste Longlist. Dabei kann es sich leicht um mehr als 20 Agenturen handeln, denn nicht alle, die wir sehen, sind schliesslich bereit oder in der Lage, am geplanten Pitch auch wirklich teilzunehmen.

 

Werden die Agenturen der Longlist dann alle schon eingeladen zum persönlichen Gespräch?

Die Longlist legen wir dem Auftraggeber zur Abnahme vor. Die Kandidaten, mit denen er einverstanden ist, werden von uns kontaktiert, um ihr Interesse abzuklären und weitere sachdienliche Informationen einzuholen, die uns in unserer Wahl bestätigen oder eben nicht. Dies ist die Phase des RFI, des Request for Information, in der es im Normalfall noch keinen direkten Kontakt zwischen Auftraggeber und potenziellem Agenturpartner gibt.

 

Wie schaffen es Agenturen auf die Shortlist?

Die im Rahmen des RFI erhaltenen Informationen bereiten wir zu einer Präsentation auf und geben eine begründete Empfehlung ab. Meist sind dann noch ca. zwölf Agenturen im Rennen, die gemeinsam mit dem Auftraggeber in offener Diskussion nach einer im Voraus erstellten Liste von Kriterien auf eine Anzahl von rund sechs reduziert werden, das ist dann die Shortlist. Alle Agenturen auf der Shortlist laden wir zu einem ersten persönlichen Gespräch ein, dem sogenannten Chemistry Meeting.​

 

Wie genau läuft dieses «Ermitteln der Chemie» zwischen dem Auftraggeber und der Agentur dann ab?

Das Chemistry Meeting bietet Auftraggeber und Agentur die Chance, sich zu beschnuppern und herauszufinden, ob man mit der jeweiligen Gegenseite gerne mehrere Jahre zusammenarbeiten möchte. Diese persönliche Übereinstimmung ist das A und O jeglicher Agenturbeziehung. Nur wenn das nötige Vertrauen und der nötige gegenseitige Respekt vorhanden sind, kann eine erfolgreiche Zusammenarbeit entstehen. Fachliche Qualitäten kann man ja heute auf beiden Seiten voraussetzen. Sie allein genügen aber nicht, wenn die emotionale Basis fehlt. Für die Chemistry Meetings geben wir in der Regel einen verbindlichen Rahmen vor. Dazu gehören von Auftraggeberseite ein grober Umriss über Gründe und Ziele der laufenden Ausschreibung, von Agenturseite Credentials, die bestimmte Punkte beantworten müssen, im Übrigen aber frei gestaltet werden können, sowie meist ausgewählte Case-Studies, die einen möglichst direkten Bezug zur ausgeschriebenen Aufgabe haben und dadurch Rückschlüsse auf Erfahrung und Eignung zulassen. Ausserdem braucht es genügend Raum für gegenseitigen Austausch, ein Round-Table-Gespräch, das durch gezielte Fragen befeuert wird. So kann ein Chemistry Meeting gut und gern zwei Stunden dauern. Unfair ist es, für ein Chemistry Meeting von der Agentur bereits konkrete Vorleistungen zu verlangen.

Erst jetzt beginnt der Prozess des Pitches, normalerweise sind nun nicht mehr als 3 bis 4 Agenturen auf der Liste. Wie viel Zeit liegt zwischen Screening des Marktes und dem Pitch?

Ein nach allen Regeln der Kunst organisierter Pitch-Prozess dauert insgesamt zwischen vier und sechs Monate. Etwa ein Drittel davon ist für die Endrunde, den eigentlichen Pitch, reserviert, d.h. die Lösung einer vorgegebenen Aufgabe durch drei bis vier Agenturen, die sich im vorhergehenden Prozess dafür qualifiziert haben. Diese Phase wird in der Regel honoriert, wobei das Honorar natürlich in keinem Verhältnis zu den mit einem Pitch verbundenen Aufwänden steht.

 

Pitches sind für Agenturen ein ressourcenbindender Prozess. In kreativer, administrativer, zeitlicher Hinsicht. Oft ist diese Arbeit «umsonst», wenn die Auftraggeberin sich für eine andere Agentur entscheidet. Wie sehen Sie als unabhängiger «Berater» diesen Prozess?

Das ist so und lässt sich nicht wegdiskutieren. Rein numerisch gesehen, gibt es bei jedem Pitch mehr Verlierer als Gewinner. Allerdings kann man auch nur schwer sagen, wann etwas wirklich umsonst gewesen ist. Man sieht sich meist mehr als einmal im beruflichen Leben, besonders in einem überschaubaren Markt wie der Schweiz. Ein guter Eindruck, den man bei einem nicht gewonnenen Pitch hinterlassen hat, wird bestimmt zu neuen Chancen führen, die man das nächste Mal hoffentlich packt.

 

Wo könnten Sie sich Veränderungen vorstellen, die beiden Seiten zugutekämen?

Pitches sollten keinesfalls inflationär eingesetzt werden. Es gibt auch Alternativen dazu, die vielleicht etwas mehr Mut bedingen, aber zu einem genauso guten Ergebnis führen können. Ich denke da an Probeaufträge, an Empfehlungen durch Berufskollegen, an neue Aufgaben für Agenturen, mit denen man bereits in einem anderen Feld erfolgreich zusammenarbeitet. Oder weshalb sich nicht nach einem erfolgreichen Chemistry Meeting direkt für die Agentur entscheiden, mit der man so gerne zusammenarbeiten möchte? Die auch im vergleichsweise idyllischen Markt Schweiz in den letzten Jahren massiv gewachsene Bedeutung von Procurement und Compliance muss dem nicht unbedingt im Wege stehen.

 

Ist der Prozess noch zeitgemäss ?

Was heisst schon zeitgemäss? Pitches waren immer und sind wohl weiterhin ein mögliches Mittel, seine Agenturbeziehungen auf eine neue Basis zu stellen. Sie sind genauso wenig wegzudenken wie Architekturwettbewerbe. Wenn sie selektiv und fair durchgeführt werden, ist wenig gegen sie ins Feld zu führen.

Sie sind mit der Agentur Observatory International neun Jahre im Dienste der Marketeers gewesen, was waren die essenziellsten Erkenntnisse/Learnings?

Ich habe festgestellt, dass eine professionelle Begleitung der Ausgestaltung von Agenturbeziehungen im Interesse beider Seiten ist und auch von beiden Seiten als das gesehen wird. Trotzdem finden gerade in der kleinen Schweiz die meisten Ausschreibungen ohne eine solche Begleitung statt. Die entsprechende Notwendigkeit wird von Auftraggebern kaum gesehen, entsprechend gering ist die Bereitschaft, dafür Geld in die Hand zu nehmen. Deshalb wird diese Dienstleistung wahrscheinlich auf absehbare Zeit ein Nischenprodukt bleiben.

 

Seit zwei Jahren sind Sie Owner of Sphynx Marketing. Beschreiben Sie, was Sie anbieten.

Sphynx GmbH ist in Absprache mit Observatory International entstanden, damit ich jetzt, wo ich nicht mehr vollamtlich für die Observatory-Gruppe tätig bin, auch andere Dienstleistungen im Marketingbereich anbieten kann, die mit der Optimierung von Marketingressourcen nichts zu tun haben. Dabei kann es sich um inhaltliche Beratung aller Art handeln, die ja, wie bereits erwähnt, bei Observatory International ausgeklammert ist. Allerdings hält sich meine diesbezügliche Tätigkeit aufgrund meines doch schon recht fortgeschrittenen Alters in engen Grenzen.

 

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, den Prozess zu optimieren, wo würden Sie ansetzen?

Ich plädiere dafür, langfristige Agenturbeziehungen nicht unter den Generalverdacht der ungerechtfertigten Begünstigung zu stellen und keinesfalls Pitches als Mittel zum kontinuierlichen Drücken des Preises einzusetzen.

 

*Roland Sutter ist seit über 50 Jahren im Bereich Marketingkommunikation tätig und Experte für die Beziehungen von Auftraggebern zu ihren Agenturen. Er war Mitbesitzer und Geschäftsführer von Sulzer, Sutter, einem damaligen Shooting Star der Schweizer Agenturszene mit Kunden wie Bally, BMW, Swatch oder Unilever. 2013 übernahm er die Leitung der Schweizer Niederlassung von Observatory International, einer weltweit agierenden Managementberatung für die Optimierung von Marketingressourcen. Heute ist er immer noch Ansprechpartner der Gruppe für den Schweizer Markt, aber nur noch selten aktiv im Einsatz.


STATEMENTS

Was sagen Leading Swiss Agencies (LSA) und der Schweizer ­Werbeauftraggeber Verband (SWA) zu Sinn und Unsinn des Pitchens?

SWA: «Der Agentur-Pitch bleibt!»

Roland Ehrler, Direktor SWA

«Werbeauftraggeber führen Wettbewerbspräsentationen durch, um für eine kommunikative Herausforderung eine Agentur zu finden, welche sie mit Ideen und Arbeit unterstützt. Solche Ausschreibungen kennt man auch in anderen Branchen – wie der Architektur – und sie haben sich über viele Jahre bewährt.

So ist es keine Überraschung, dass nach wie vor viele neue Aufträge oder Etatwechsel über einen Pitch vergeben werden. Zudem kommt es immer wieder vor, dass sich Agenturen aus dem In- und Ausland direkt bei Werbeauftraggebern melden, sich für Arbeiten empfehlen oder gleich Ideen feilbieten. Obwohl es neben dem Pitch zahlreiche Alternativen gäbe, bleibt diese Art der Agenturevaluierung beliebt. Kunden könnten auch auf eine Direktvergabe von Aufträgen, ein Chemistry Meeting, eine Offertanfrage, einen Strategie-Workshop oder ein Vorprojekt setzen.

Werbetreibende Unternehmen müssen sich allerdings bei einer Wettbewerbspräsentation bewusst sein, dass dies für alle Seiten viel Aufwand bedeutet. Obwohl ein Pitch-Honorar keine Pflicht ist, deckt eine Entschädigung von einigen Tausend Franken oft die entstandenen Kosten der teilnehmenden Agenturen nicht ab. Damit bezahlen indirekt die Bestandskunden der Agenturen diesen Aufwand. Deshalb sollten nicht mehr als 3 bis 5 Agenturen zu einem Pitch eingeladen werden. Richtig kennenlernen kann man eine Agentur schliesslich erst, wenn man 1:1 im Tagesgeschäft mit ihr zusammenarbeitet. Eine faire Honorierung oder die kompetenten Mitarbeitenden sind für die Agenturwahl ebenso wichtig wie das präsentierte Kreativkonzept.

Der SWA unterstützt seine Mitglieder aktiv zu Fragen im Agenturmanagement, mit Beratung bei der Agenturwahl, Checklisten oder Vorabklärungen.»

LSA: «Es gibt Alternativen zum Pitch»

Catherine Purgly, Geschäftsführerin LSA

«Die Zusammenarbeit zwischen Kunde und Agentur ist langfristig erfolgreich, wenn die Beziehung von gegenseitigem Verständnis, Respekt und Vertrauen geprägt ist. Um den passenden Partner zu finden, braucht es keine aufwendigen Evaluationsverfahren wie den klassischen Pitch. Zu ineffizient, zu intransparent und vor allem auch zu realitätsfern ist dieses Auswahlverfahren: Erstens sagt der klassische Pitch nichts über die Qualität der Zusammenarbeit aus. Zweitens sind die Wettbewerbs­präsentationen nicht immer miteinander vergleichbar. Drittens ist die Vorbereitung für Auftraggeber oft zu zeitintensiv, und die Bezahlung für die Präsentationen hätte man doch lieber direkt in die Projektumsetzung investiert.

Es gibt bessere Wege, um den richtigen Partner zu wählen. Auftraggeber können sich bei der Suche eines neuen Agenturpartners an alternativen Auswahlverfahren orientieren, die mehr Gewicht auf den kulturellen Fit, die Haltung und Arbeitsweise einer Agentur legen. Zum Beispiel eignet sich ein Chemistry Meeting bestens, um herauszufinden, ob ein gegenseitiges Verständnis für die Aufgabe besteht und die Chemie stimmt. Referenzprojekte geben zudem Einblicke in die Kompetenzen einer Agentur.

Die Checkliste zur Agenturauswahl vom LSA dient als Hilfestellung für die Vorbereitung einer Agenturevaluation. Oberstes Ziel ist es, die Agenturwahl treffsicher, effizient und fair durchzuführen. Damit von Beginn an eine prosperierende Zusammenarbeit zwischen Kunde und Agentur sichergestellt ist.»

Und wie steht die Werbewoche.ch-Community zum Thema Pitchen? Hier geht es zu einer Auswahl von Antworten auf unsere im April durchgeführte Umfrage.

Agon Partners: In heikler Mission

Als «Kommunikationskanzlei» vertritt Agon Partners Klientinnen und Klienten nicht nur juristisch, sondern auch in der Litigation-PR. Ein Gespräch über Transparenz, Glaubwürdigkeit und Moralpolitik.

Agon Partners
Verbinden juristische Beratung mit kommunikativer Expertise: Agon-Chairman Patrick L. Krauskopf, Verwaltungsrat Béla Anda und Head of Communications Michel Rudin (v.l.n.r.). (Bild: Chris Reist)

Verbinden juristische Beratung mit kommunikativer Expertise: Agon-Chairman Patrick L. Krauskopf, Verwaltungsrat Béla Anda und Head of Communications Michel Rudin (v.l.n.r.). (Bild: Chris Reist)

m&k Agon Partners ist eine besondere Kanzlei: Sie beraten Mandantinnen nicht nur juristisch, sondern – wenn nötig – auch in Fragen der Litigation-PR. Wie ist dieses «Kombi-Angebot» entstanden?

Patrick Krauskopf: Ich war vor fast zwanzig Jahren in den USA tätig. Dort merkte ich bei vielen juristischen Auseinandersetzungen: Zwanzig, dreissig Prozent des Erfolgs hängen tendenziell von den Inhalten ab; rund siebzig Prozent aber haben mit der begleitenden Kommunikation zu tun – innerhalb und ausserhalb des Gerichtssaals. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz habe ich versucht, meine Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten hier umzusetzen. Und so entstand Stück für Stück die Unternehmung, die wir heute sind. Wir bieten natürlich alle Dienstleistungen gesondert an: Wir sind also fallweise auch «nur» im Bereich Legal respektive Compliance oder «nur» als Beratung für wertbasierte Kommunikation tätig. Das kommt auf die Bedürfnisse der Klientinnen an.

 

Bleiben wir einen Moment bei der Litigation-PR. In welchen Situationen tritt man typischerweise an Sie heran?

Krauskopf: Nun, entweder kommen Unternehmen zu uns, weil sie gar nicht erst ins Fadenkreuz von Behörden oder Gerichten geraten wollen. Das heisst, das Unternehmen benötigt eine antizipative, präventive Kommunikation, um eine Rechtsstreitigkeit zu verhindern. Wenn es dafür schon zu spät ist oder auch wenn Sie sich für eine juristische Auseinandersetzung bewusst entscheiden, dann kümmern wir uns um eine den Prozess begleitende Kommunikation innerhalb und ausserhalb des Gerichtssaals. Schliesslich gibt es die nachgelagerte Kommunikation, die sowohl bei einem Sieg als auch bei einer Niederlage wichtig ist. Denn: Sie können einen Prozess gewinnen, in den Augen der Öffentlichkeit aber trotzdem der Verlierer sein. Und vice versa.

 

Während Sie, Herr Krauskopf, primär für den juristischen Teil der Arbeit zuständig sind, kümmern Sie, Herr Rudin, sich federführend um den Bereich Public Affairs. Warum ist es gerade in der Litigation-PR wichtig, dass Sie Hand in Hand mit den Anwältinnen arbeiten?

Michel Rudin: Litigation-PR ist ähnlich komplex wie politische Kommunikation. Wenn juristische Streitigkeiten publik werden, dann gibt es bestimmte Erwartungen an alle Beteiligten. Es gibt viele Parteien, an die man denken muss, wenn man sich äussert: die Öffentlichkeit, die Medien, Eigentümerschaft oder Aktionärinnen einer Firma … Gegenüber diesen sehr unterschiedlichen Gruppen immer fachgerecht zu kommunizieren ist eine enorme Herausforderung. Und um hier erfolgreich zu sein, muss man sich gemeinsam mit den Juristinnen, die einen Fall betreuen, über die Zielsetzung absprechen – und die Ziele auch gemeinsam verfolgen.

 

Als Dritter im Bunde sitzen Sie, Béla Anda, hier. Sie sind neu im Verwaltungsrat von Agon, man kennt Sie aber auch als ehemaligen deutschen Regierungssprecher und Vize-Chefredaktor der «Bild»-Zeitung. Was reizt Sie an dem Engagement in der Schweiz?

Béla Anda: Krisenkommunikation zählt ebenso wie Litigation-PR in meiner Tätigkeit als Berater und Inhaber einer Kommunikationsagentur, die mehrere Dependancen in Deutschland hat, zu meinem Fachgebiet. In unserem Interview im vergangenen Jahr habe ich ja gesagt, dass ich gern dahin gehe, wo es richtig schwierig wird. (lacht) Und sehen Sie sich insbesondere den Bereich der Litigation-PR an: Da ist es schwierig, da herrscht höchster Druck! Michel Rudin hat bereits verschiedene Stakeholder erwähnt, auf die man achten muss, aber die Liste ist mit seiner Aufzählung noch nicht abgeschlossen. Denn auch innerhalb von Firmen steigt die Nervosität, wenn ein Prozess ausgetragen wird. Da kommt dann das Marketing oder der Verkauf und sagt: «Oh Gott, jetzt stehen wir schon wieder in der medialen Kritik. Wie sollen wir denn nun selbstbewusst zum Kunden gehen?» Da kommt die Pressestelle und fragt: «Das Thema war doch vertraulich, wie konnte diese oder jene Information nach aussen dringen?» Und da kommt der Finanzvorstand oder der CEO, der vielleicht selbst gar keine Fehler gemacht hat, aber die Sorge hat, dass etwas an ihnen «hängen bleibt». Das alles zu koordinieren und am Ende ein für alle positives Ergebnis zu erzielen – das ist eine ebenso grosse wie spannende Herausforderung.

Rudin: Was passiert in einer Unternehmung, wenn am Morgen die Wettbewerbsbehörde kommt und eine Hausdurchsuchung macht? Das löst bei den Mitarbeitenden nichts anderes aus, als dass sie denken, in ihrer Firma muss jemand kriminell sein. Und wenn dann noch ein hierarchisches System vorherrscht, dann werden Personen infrage gestellt. Das muss abgewendet werden, denn sonst geht das normale Alltagsgeschäft nicht mehr weiter.

 

Sollte man der Kommunikation hin und wieder einen «Spin» verpassen; vielleicht bestimmte Dinge erst einmal zurückhalten oder Aufmerksamkeit «umleiten»?

Rudin: Davon würden wir in der Regel abraten. Man kann diese Art der Kommunikation nur faktenbasiert betreiben. Es ist gefährlich, nicht mit den Fakten zu operieren. Dies gilt insbesondere auch deshalb, weil heutzutage die Transparenz sehr schnell hergestellt ist. Alles, was digital ist, kann öffentlich werden. Stellen Sie sich vor, Sie haben einen Prozess vor sich und dann kommt plötzlich heraus, dass Sie die Öffentlichkeit bewusst getäuscht haben?! Wir sind also keine «Spin-Doktoren» – da würde ich uns schon eher als «Übersetzer» bezeichnen.

 

Das müssen Sie bitte näher erläutern.

Anda: Nehmen wir Journalistinnen als Beispiel: Früher hatten Medien, wenn ein Prozess öffentliches Interesse erregte, in der Regel erfahrene Gerichtsreporterinnen vor Ort. Die gibt es heute kaum noch – sondern da kommen nun, und das sage ich mit grossem Respekt, Journalisten, die im Tagesgeschäft über zahlreiche weitere Themen berichten. Was freilich dazu führen kann, dass sie mit typischen juristischen Ausdrucksweisen nicht vertraut sind und Ausführungen, die eigentlich für eine Entlastung des Klienten sprechen, genau umgekehrt interpretieren. Hier kommen wir als «Übersetzer» ins Spiel und versuchen, Klarheit zu schaffen.

 

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Art «goldene Regel» für die Kommunikation in Krisensituationen?

Rudin: «One Size Fits All»? Da bin ich immer skeptisch. Aber es gibt wohl grundlegende menschliche Emotionen, die in Krisen häufig auftreten. Die Wut im Moment der Bedrohung durch einen Rechtsstreit etwa. Aus der Wut kommt nämlich der Impuls zur unmittelbaren Gegenwehr. Klüger als kopflose Gegenwehr aber ist es, abzuwarten und in Ruhe Vor- und Nachteile einer Antwort abzuwägen.

Krauskopf: Ich spreche jetzt primär als Jurist, Michel und Béla haben viel mehr Ahnung von Kommunikation als ich. (lacht) Dennoch erlaube ich mir, die Qualität der Verlässlichkeit, der Glaubwürdigkeit als eine Art «goldene Regel» anzumerken. Rechtsstreitigkeiten sind nichts anderes als Verhandlungen in einem speziellen Kontext. Und in Verhandlungen ist es fatal, wenn man in dem Ruf steht, nicht glaubwürdig zu sein. Wir haben schon Unternehmen vertreten, von denen es hiess, dass sie unehrlich wirken; die zum Teil mit kleinen Winkelzügen das über Jahre aufgebaute Vertrauen der Öffentlichkeit zerstört haben. Da muss man ran und muss das wieder aufbauen. Das kann dauern.

Wie ein Prozess ausgeht, hat zu siebzig Prozent mit Kommunikation zu tun – innerhalb und ausserhalb des Gerichtssaals.

Patrick Krauskopf, Béla Anda und Michel Rudin (v.l.n.r.): «Abwarten, Ruhe bewahren und Vor- und Nachteile einer Antwort abwägen.»

Neben der Arbeit in der Litigation-PR engagierten Sie sich auch in der Wertekommunikation. Sie helfen Unternehmen, gesellschaftliche Stimmungslagen zu erkennen und sich entsprechend zu positionieren. Wie tickt denn unsere Gesellschaft gegenwärtig?

Rudin: Ich glaube, es gibt im Moment zumindest in unserer westlichen Gesellschaft zwei Megatrends. Das ist zum einen die Ökologie und zum anderen die Diversity. Was ich sehr spannend finde: Wir hatten bis hin zu den «Achtundsechzigern» eine sehr stark wertebasierte Gesellschaft. Ich bin 1985 geboren, da ist das bereits gekippt und es stellte sich eine gewisse Beliebigkeit ein. Seit einigen Jahren werden Werte – echte, gelebte Werte – aber wieder enorm wichtig. Konsumentinnen verlangen regelrecht, dass Firmen wie moralische Individuen agieren; dass sie «Charakter beweisen» …

Anda: … und das bringt seine ganz eigenen Herausforderungen mit sich. Auch solche, die man als Aussenstehender kaum vermuten würde. Ich habe beispielsweise mehrere Jahre lang ein grosses Fashion-Unternehmen beraten. Die haben natürlich auch in Fernost eingekauft und dergleichen. Eine Abteilung für «Nachhaltigkeit» existierte zwar, aber fristete ein absolutes Schattendasein. Und als dann in Deutschland ein neues Lieferketten-Gesetz erlassen wurde, gab die Geschäftsleitung eine Weisung aus: «Die Konkurrenz engagiert sich für Sustainability, wir machen das jetzt auch!» Da traten die Verantwortlichen aus dem Schatten – auf einmal waren sie enorm gefragt in der Firma. Und nutzten das, um erst einmal allen anderen Abteilungen zu zeigen, wie sehr sie jahrelang unter mangelnder Aufmerksamkeit gelitten hatten. Ausserdem verlangten sie nach Öffentlichkeit, nach grossen Initiativen, die sie den Menschen verkünden wollten. Und da sagt man dann als Berater für Wertkommunikation: «Wartet mal ab. Lasst euch zertifizieren. Nichts überstürzen. Es gibt jede Menge Mitbewerber, Medien und NGOs, die euch beobachten und euch genau auf die Finger schauen.» Und so wurde es schliesslich für das Unternehmen auch ein Erfolg.

 

Tritt vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges ein weiterer Wert zu Diversity und Ökologie hinzu? Ein Wert wie, sagen wir, die «moralische Integrität» von Unternehmen?

Rudin: Es hat sicherlich eine Verschiebung von Werten gegeben. Der Habitus ist heute bei vielen Menschen näher bei der Moral, als er früher beim Konsum war. Beim Thema Ökologie ist es bereits selbstverständlich, sich entsprechende Gedanken zu machen: Ich kann mir einen Business-Flug vielleicht leisten – aber ist es okay, dass ich das Flugzeug für meine Reise wähle? Im politischen Kontext werden diese Fragestellungen zunehmen, tun es stellenweise bereits. Aber das birgt auch Gefahren: Wenn wir uns wünschen, dass Unternehmen politisch aktiv werden und sich positionieren – dann kann es ja auch sein, dass sie in eine Richtung gehen, die uns nicht gefällt?! Dass sie Dinge sagen oder tun, die wir für problematisch halten. Dass sie gar Ressourcen für Projekte einsetzen, die einem Teil der Gesellschaft schaden. Sie merken: Ich blicke nicht ohne Vorbehalte auf diese Art der «engagierten Wirtschaft».

 

Zumal auch im öffentlichen Diskurs manche Themen relativ raschen Veränderungen unterworfen sind, auf die man dann immer reagieren müsste.

Krauskopf: Es gibt in unserem Kulturkreis gewisse unverhandelbare Werte, auf deren Einhaltung Unternehmen von der Öffentlichkeit – zu Recht! – kritisch überprüft werden. Aber es gibt auch Werte, die sich im politischen Kontext verändern. Schauen Sie sich die Energiepolitik an. Nach Fukushima hiess es: «Nie wieder Atomkraft!» Jetzt will man die Kraftwerke wieder ans Netz bringen, weil man die Gasabhängigkeit reduzieren möchte. Langfristige Strategien weichen kurzfristigem Handlungsdruck. Ich würde in solchen Einzelfällen die Moral nicht überbewerten: Moral spielt sich immer innerhalb eines politischen Prozesses ab. Und unser Job ist es, diese Prozesse bestmöglich zu begleiten. Alles darüber hinaus hielte ich für vermessen.


Was bedeutet «Litigation-PR»?

Litigation-PR (etwa «Öffentlichkeitsarbeit im Rechtsstreit », auch strategische Rechtskommunikation oder prozessbegleitende Öffentlichkeitsarbeit) ist eine Form der Public Relations, bei der die Kommunikation nach aussen vor, während und nach juristischen Auseinandersetzungen gesteuert wird. Ziel der Litigation-PR ist es, die juristische Strategie der beteiligten Staatsanwälte und Verteidiger zu unterstützen, das Ergebnis der juristischen Auseinandersetzung mithilfe der Öffentlichkeit zu beeinflussen und gleichzeitig Schäden an der Reputation des Mandanten zu vermeiden.


Agon Partners berät und vertritt sowohl Grossunternehmen als auch KMU und Verbände im gesamten Spektrum wettbewerbsrechtlicher Zivil-, Verwaltungs- und Strafverfahren. Gleichzeitig bietet die Kanzlei ­Dienstleistungen im Bereich Public Affairs und Wertkommunikation.

MACH BASIC 2022-1: Gewinner und Verlierer im Medienuniversum

20 Minuten ist in der Deutschschweiz vom Thron gestossen worden. Von der Schweiz am Wochenende. Besser lief es in der Pandemie Migusto. Mit den Verantwortlichen der WOZ haben wir über die aktuellen MACH-Basic-Leserzahlen gesprochen und die WEMF gefragt, was die Methodenanpassung der Studie bringen wird.

MACH BASIC 2022-1
(Bild: Unsplash.com/Egor Vikhrev)

Die MACH-Basic-Studie wird von den Verlagen immer gespannt erwartet und zeigt jeweils auf, wie gut eine Zeitung oder ein Magazin beim Pu­blikum ankommt. In der Kategorie Tageszeitungen und regionale Wochenpublikationen hat sich die Schweiz am Wochenende mit 947 000 täglichen Leserinnen als neue Nummer 1 etabliert. Das Nachsehen hat 20 Minuten, das laut der MACH Basic 2022-1 mit einer Leserschaft von 935 000 Personen auf dem zweiten Platz liegt. Auf Rang drei und vier folgen der Tagi und die Nordwestschweiz. Den Blick, vormaliger MACH-Basic-Bronze-Gewinner, findet man neu auf Position fünf.

Champagnerkorken knallten Anfang April bei der Schweiz am Wochenende keine. «Aber wir freuen uns sehr, dass wir neu der meistgelesene Titel der Deutschschweiz sind», sagt der Leiter der Unternehmenskommunikation von CH Media, Stefan Heini. Wie der frühere Sonntagstitel, der nun jeweils samstags erscheint, 20 Minuten den Spitzenplatz abluchsen konnte, habe mit einem attraktiven Angebot zu tun, das bei den Lesern einfach gut ankomme. Vor allem ist der Schweiz-am-Wochenende-Verbund aber auch laufend gewachsen. Diesen Sommer stösst mit dem Bieler Tagblatt ein weiterer Partner hinzu. «Viele weisse Punkte bleiben in der Deutschschweiz nicht mehr», sagt Heini. Auf diese Weise dürfte die Samstagszeitung in Zukunft also kaum noch weiterwachsen. Obwohl für weitere Kooperationspartner die Tür stets offenstehen würde, wie der Sprecher erklärt. Die Strategie, um bei den Leserzahlen weiterhin auf Platz 1 zu bleiben, sei eine konsequente Investition in hochwertigen Journalismus.

Quo vadis, XX minuta?

Das Abrutschen von 20 Minuten auf den zweiten Platz in der aktuellen MACH Basic dürfte mit den kleineren Pendlerströmen während der Pandemie zu tun haben. Laut dem Geschäftsführer von 20 Minuten, Marcel Kohler, habe man aber schnell reagiert und zusätzliche Standorte im Detailhandel erschlossen. Damit hat sich der Auflagerückgang jedoch nicht vollständig kompensieren lassen. «Gleichzeitig gibt es natürlich auch noch den strukturellen Wandel, also die Verlagerung ins Digitale, der nun durch die Pandemie beschleunigt wurde», erklärt der TX-Group-­Medienlenker. Aktuell aber zeichne sich eine starke Erholung der Druckauflage ab: «Was uns – neben der Tatsache, dass wir bisher immer mehr Nutzer für unser digitales Angebot gewinnen konnten, als wir im Print verloren haben – sehr positiv für die Zukunft stimmt.»

Ein Schock seien die WEMF-Zahlen nicht gewesen, auch wenn niemand gern vom Thron gestossen werde, wie der 62-Jährige zugibt. Und wie geht es weiter? Bei den Print-Leserzahlen in der Deutschschweiz gegen das wachsende Regionalzeitungskonglomerat der «Schweiz am Wochenende» anzukommen, werde möglicherweise schwierig. Die gedruckte Zeitung sei und bleibe aber wichtig für 20 Minuten: «Sie verleiht uns auch eine starke Sichtbarkeit im öffentlichen Raum, was natürlich auch die digitalen Kanäle stärkt», sagt Marcel Kohler, der nur noch bis Ende Juli die Geschicke der Pendlerzeitung leitet.

Unangetastete SoZ – schwächere WOZ

Beim Ranking der Sonntagstitel bleibt alles beim Alten: Die SonntagsZeitung steht mit einer ausgewiesenen Leserschaft von 470 000 vor dem SonntagsBlick (360 000) und der NZZ am Sonntag (325 000) klar an der Spitze. Laut Nick Lüthi, Redaktor bei der Medienwoche, dürfte die Position der SoZ auch damit zu erklären sein, dass die zahlreichen Tamedia-Tageszeitungen in der ganzen Deutschschweiz Kombi-Abos zum Vorzugspreis mit «ihrer» SonntagsZeitung anbieten würden. Im Vergleich zur letzten MACH Basic hat die Wochenzeitung WOZ an Reichweite eingebüsst. Neu hat die genossenschaftlich organisierte, linke Wochenzeitung eine Leserschaft von 93 000 Personen. Wie Camille Roseau, Marketingverantwortliche bei der WOZ, sagt, sei ein erstrebenswertes Ziel der Zeitung, 100 000 Leserinnen zu haben. «Offenbar müssen wir uns in Sachen Öffentlichkeitsarbeit da aber noch etwas nach der Decke strecken.» Die WOZ finanziert sich seit vielen Jahren zu 80% über die Abonnementseinnahmen, zu 10% über Inserate und zu 10% über Spenden. Was die Onlinereichweite betrifft, gibt es aktuell keine extern beglaubigten Zahlen. «Wir garantieren Inserentinnen 50 000 Ad-Impressions pro Woche und stützen das auf das Auswertungstool Matomo ab.» Dieser Wert sei eine «stabile Sache», so Roseau.

Die Strategie, auf Platz 1 zubleiben, ist eine konsequente Investition in hochwertigen Journalismus.

Anfang Juni wird eine neue WOZ-Website live gehen. Barrierefreiheit und bessere Lesbarkeit sind wesentliche Ziele des Redesigns, das Layout wird ganz grundsätzlich überarbeitet. Die linke Wochenzeitung will aber auch in Zukunft digital und im Print ein attraktives Angebot bieten und die Leserschaft dabei selber entscheiden lassen, was ihr lieber ist.

Migusto legt zu

Schauen wir noch auf die Magazine und Fachpublikationen: Auch dort hat sich an der Spitze nichts verändert. Coop ist mit 2,5 Millionen Leserinnen die Nummer 1 vor dem Migros-Magazin (2,2 Millionen) und Betty Bossi (1,2 Millionen). Neu auf dem fünften Rang findet sich Migusto. Die Crew des Migros-Kochmagazins hat auf den Erfolg von neu 859 000 Lesern bereits angestossen. Wie sieht die Strategie aus, damit Migusto bei der nächsten Leserschaftsstudie vielleicht den Drogistenstern (903 000) überholt? Man habe dafür unter anderem eine Befragung durchgeführt und das Heft weiterentwickelt, wie Cristina Maurer, Sprecherin beim Migros-Genossenschafts-Bund, sagt. «Wir sind mit Migusto persönlicher geworden, aufgeräumter, und wir erklären aufwendigere Rezepte nun Schritt für Schritt.»

Insgesamt wurden für die Deutschschweizer Auswertung der MACH Basic 2022-1 über 21 000 Personen befragt. Neu wurden für die Studie mehr Personen über Mobilnummern rekrutiert. Ausserdem wurde ein responsives Fragebogendesign eingeführt, das eine Umfrageteilnahme über Smartphones ermöglicht, weshalb die Zahlen der letzten Jahre mit der neusten Studie nun nur bedingt mitei­nander vergleichbar sind. Was aber bringt diese Methodenanpassung mit mehr Personen, die über eine Handynummer erreicht wurden? «Wir haben mit den Anpassungen das MACH-Forschungssystem vor allem zukunftssicher gemacht – insbesondere auch im Hinblick auf eine repräsentative Struktur der Stichprobe», sagt Dr. Jella Hoffmann, Deputy CEO und Executive Director of Research and Development bei der WEMF. Nur mit einem grösseren Anteil an Personen, die über Mobiltelefone befragt werden, und nur mit dem Zulassen aller Ausfüllgeräte, könne die WEMF AG für Werbemedienforschung auch zukünftig aussagekräftige und valide Daten liefern.

Obwohl die Printzahlen sich weiterhin in einem Schmelzprozess befinden, zeigt der Status quo der Nutzerzahlen laut Hoffmann, dass die gedruckte Presse in der Schweiz nach wie vor hohe Reichweiten aufweist. Beispielsweise werden noch immer 89% der Schweizer Bevölkerung ab 14 Jahren von gedruckten Zeitungen oder Zeitschriften erreicht.

Zahlende Kunden binden

Der Niedergang der Printprodukte wird aber unaufhaltsam weitergehen. «Bis einzelne Titel den Print komplett aufgeben, da vor allem die Kosten für die Distribution nicht mehr tragbar sein werden», erklärt Medienexperte Nick Lüthi. «Mit Le Matin gibt es bereits einen prominenten Titel, der den Schritt von Print auf digital gemacht hat.» Weitere Printprodukte würden in den nächsten Jahren folgen.

Wenn Verlage nur noch digital publizieren, entfallen die Kosten für Druck und Vertrieb, andererseits muss laut Lüthi intensiver um Abonnenten geworben werden. Print verkaufen Zeitungen in der Regel als Jahres- oder sogar Mehrjahres-Abos. Online lösen viele nur Monats- oder Halbjahres-Abos. «Es wird aufwendiger und personalintensiver, die zahlende Kundschaft bei der Stange zu halten», fasst Lüthi zusammen.


NACHGEFRAGT

«Selbstverständlich sind die MACH-Zahlen wichtig»

Marcel Kohler ist noch bis Juli Geschäftsführer von 20 Minuten.
m&k: Die Schweiz am Wochenende erreicht in der Deutschschweiz pro Tag mehr Print-Leserinnen als 20 Minuten. Wie sieht Ihre Strategie aus, damit Sie bei der nächsten MACH Basic wieder auf dem 1. Platz stehen?Marcel Kohler: Es ist unser Anspruch, unsere klare Nummer-1-Position in der Total Audience zu verteidigen. Unsere Fähigkeit, die digitale Transformation permanent zu antizipieren, hat bekanntlich dazu geführt, dass wir täglich mehr als drei Millionen Menschen in der Schweiz erreichen. Vor dem Hintergrund des strukturellen Wandels sowie mit unserer Social-Media-first-Strategie sind wir für die Zukunft gut – und besser als viele unserer Mitbewerber – gewappnet.

 

Welches Resultat hat Sie an der MACH Basic 2022-1 am meisten überrascht?

Gewisse abonnierte Zeitungen haben sich gut gehalten oder sogar Leserinnen gewonnen, was mich sehr freut.

 

Wie wichtig sind für Sie die MACH-Basic-Zahlen? Ist das Ihre wichtigste Währung bzw. wird bei 20 Minuten nun weniger Werbung gebucht aufgrund der neuen WEMF-Zahlen?

Selbstverständlich sind die MACH-Zahlen wichtig und dass die Leserzahlen unserer Zeitung gesunken sind, ist unerfreulich. Gleichzeitig sind die Nutzungszahlen unserer digitalen Angebote nachweislich gestiegen. Und auch die Zahlen unserer täglich abgesetzten Printauflage steigen wieder erfreulich an. Wir sind überzeugt, dass wir für die Zukunft gut aufgestellt sind und unseren Werbepartnern ein attraktives Gesamtpaket bieten können.

 

Was für Zeitungen beziehungsweise Magazine lesen Sie persönlich?

Natürlich und immer zuerst 20 Minuten, Print und Digital. Auch die Schaffhauser Nachrichten lese ich täglich. Ich bin in dieser wunderschönen Gegend wohnhaft und wurde gerade auch in den Verwaltungsrat gewählt, was mich sehr freut. Im Zug habe ich viel Zeit für die Mediennutzung. Zur täglichen Printlektüre gehören auch der Tages-Anzeiger und die NZZ. Hauptsächlich elektronisch lese ich Branchenmedien wie m&k Werbewoche.ch, Persoenlich.com und Horizont.

Switzerland, stand by Ukraine!

Unser Illustrator Demianiuk Oleksii lebt im ukrainischen Lemberg. In einem offenen Brief schreibt er, wie sich sein Alltag durch den Krieg verändert hat – und wie unsere Branche helfen kann. Wir haben uns entschieden, seine Worte im englischen Original abzudrucken.

Switzerland, stand by Ukraine!
(Illustration: Demianiuk Oleksii)

For more than eight years, I have been living in a war-torn country. In 2014, russia* invaded and illegally annexed Crimea and started a hybrid war in the Luhansk and Donetsk regions. Our country was really weak after the «Revolution of Dignity» back then. For a few weeks there was a turbulent situation in the East and South of Ukraine and russia used it to push further with its sneaky imperialistic purposes. For me as a Ukrainian it’s very important to talk about that, because many people around the world think that this war has started only February 24th, 2022. But actually, we are experiencing the second part of this war now.

The situation was really tense for about two months before February 24th. Reading the news was the first thing I did every morning when I woke up. Many people were expecting the worst – and then, it happened.

I’ll never forget the call from my mother on the day of the attack; I will never forget her words: «Wake up! russia has declared war, there are explosions all around Ukraine.» It was crazy! I opened the window and heard the air raid sirens in my city. To say that me and my wife were in a panic would be much more than an understatement. I recall the first three days when there was chaos everywhere. Some of my friends went to the Polish border in order to move their families to safety, others signed up for the territorial defence forces or the army. The shops were crowded, the lines to the gas stations and ATMs were huge.

On the third day, however, I suddenly felt that my mind calmed down a bit and the process of adaptation to the new reality started. A lot of people became volunteers. My friends and I joined as well: We help our army and refugees by providing them with different supplies, from food to body armor and cars. I live in Lviv in the very West of Ukraine, and the city has become a center of refuge and – at least a certain – safety for the rest of the country. Despite that, russia fired powerful missile strikes on Lviv too, so there’s no fully safe place in Ukraine now. But there is a strong feeling of unity, as all the citizens of Ukraine are working as one towards a common goal: We want freedom and victory! Everyone feels his contribution to this fight. That’s why russia has already lost the deplorable war that it has started.

As a Ukrainian, I’m very grateful to all the countries that stand in solidarity in our fight and support my motherland. For many years I’ve worked as a commercial illustrator and graphic designer with a lot of companies from all over the world. I can safely say that there are many very creative and talented people in my country who perform at a qualitatively high level. I also know a lot of people who are great musicians, artists and talents from the production industry. The Ukrainian creative market is young, but truly open-minded, free and courageous. Now is a great opportunity for the Swiss market to start cooperating with Ukrainian artists; not just because we need your support, but also because we can provide a breath of fresh air and a new vision. I truly believe in the creative industry of Ukraine! Because, as I said before, there are a lot of talented and motivated people. I could even say it’s in our genetic code.

Ukraine will never give up! Switzerland, stand by Ukraine! Slawa Ukrajini!


* Ukrainische Medien, die auch auf Englisch publizieren, schreiben den Namen Russlands seit einigen Wochen bewusst mit einem kleinen «r» am Anfang. Der Autor wünscht, dass wir diese Schreibweise übernehmen.

Ich will hier leben, arbeiten, Steuern zahlen – mehr nicht.

Das sagt der Illustrator Demianiuk Oleksii (Instagram: @dovbush_sketch), mit dem m&k seit zwei Jahren eng zusammenarbeitet. Demianiuk lebt in Lemberg und will trotz des Krieges das tun, was er am besten kann: Er will zeichnen. Wir können ihn – und unzählige weitere ukrainische Freelancer – dabei unterstützen, indem wir sie «remote» engagieren. Plattformen wie «fiverr» oder «upwork» machen es möglich. Nutzen auch Sie, liebe Leser:innen, diese Möglichkeit – und helfen Sie dabei, etwas Normalität zu stiften.

Ihre m&k Werbewoche.ch Redaktion

Und es bewegt sich doch!

Der Screenforce Day 2022 soll zweierlei demonstrieren: Das Fernsehen ist auch in Zeiten von Streaming-Anbietern oder Clip-Apps ungeschlagen, wenn es um ein glaubwürdiges Werbe­umfeld geht; ist aber gleichzeitig flexibel genug, sich neuen Gegebenheiten anzupassen.

Screenforce Day 2022
(Bilder: Unsplash.com)

Wenige Tage nach dem Erscheinen dieses Magazins findet der diesjährige Screenforce Day statt. Nachdem einer der wichtigsten Events der Schweizer TV- und Medienbranche wegen der Coronapandemie vergangenes Jahr nur «remote» durchgeführt werden konnte, darf er dieses Mal wieder «live» ausgetragen werden: im Kongresshaus Zürich, vor grossem Publikum.Die Erkenntnisse, die dort präsentiert werden, durfte m&k schon vor dem Event sichten – und ohne zu viel zu verraten: Sie entsprechen natürlich ganz dem Motto des Screenforce Day, das mit «The Magic Of TV» Grosses erwarten lässt. Das Ziel der Veranstaltung ist in diesem Jahr zweigeteilt: Einerseits will der Screenforce Day den Werbeauftraggebern zeigen, dass ihre Budgets im TV immer noch gut aufgehoben sind (stecken doch Unternehmen wie Admeira, CH Media und Goldbach hinter der Organisation). Das «klassischste» der Bewegtbild-Medien, so der Tenor, brauche den Vergleich mit Youtube, Tiktok oder Netflix nicht zu scheuen. Andererseits soll der Event zeigen, dass TV trotz der langen Historie des Mediums keinesfalls starr und unbeweglich geworden ist, wenn es um technologische Innovationen geht. Frei nach Galileo Galilei: «Und es bewegt sich doch!», das Format, das einige Streaming- und Social-Propheten/-innen (auch im Fachjournalismus) längst abgeschrieben hatten.

Eine komplexe Ausgangssituation

Diese Bereitschaft zur Flexibilität muss man durchaus würdigen, denn: Der Ausgangspunkt, von dem die TV-Branche – also Sender, Vermarkter, letztendlich auch Auftraggeber – starten, ist kein ganz einfacher mehr. Selbst wenn wir davon ausgehen, dass aufgrund der «wirklich einzigartigen» Marktsituation in der Schweiz ein grosser Teil der Bevölkerung Zugang zu Replay-TV und damit mehr Wahlfreiheit als beim linearen TV hat, kämpft das Fernsehen um seinen Platz im Infotainment-Mix.

Erst vor wenigen Wochen konstatierte zum Beispiel das (für seine Arbeit mittlerweile weltbekannte) Institut Nielsen im jährlichen «State Of Play»-Report: «Streaming-Dienste sind die Zukunft.» Die britische «Daily Mail» – wenngleich, das sei gesagt, nicht gerade ein wissenschaftliches Fachblatt – titelte noch im April: «Das Fernsehen stirbt mit seinem Publikum aus». Und eine grössere deutsche Nachrichtenseite kommentierte jüngst, übrigens unter Berufung auf AGF-Daten von 2020: «Ruhe in Frieden, TV – wir werden dich nicht vermissen!»

Es kommt darauf an, wen man fragt

Aber wie bei allen Themen, bei denen (Werbe-)Gelder und diverse Stakeholder involviert sind, kommt es auch hier da­rauf an, wen man fragt. Der Screenforce Day 2022 in der Schweiz wird versuchen, die benannten Punkte – die mindestens als Klischees oder vage Vermutungen ihren Weg in den Geist der Auftraggeber gefunden haben – zu entkräften. Dafür führen die Organisatoren primär eine vom Zürcher Insight Institute konzipierte und durchgeführte Erhebung ins Feld. Diese belegt durchaus eindrucksvoll, dass sowohl lineares als auch nicht lineares Fernsehen mit einer Währung operieren, die sie anderen Mediengattungen immer noch weit voraus haben: Glaubwürdigkeit.

Eine Studie über das Vertrauen

Robert Schwarz, Managing Partner beim Insight Institute und Leiter der Studie «Der Glaubwürdigkeits-Faktor», erläutert: «Es war sehr spannend, zu sehen, wie sehr inhärente Eigenschaften des Kanals dessen Glaubwürdigkeit beeinflussen. Je besser ein Kanal diese Eigenschaften erfüllt, desto glaubwürdiger wird er für die Zuschauer. Dort hat TV aufgrund seines langen Bestehens und der Vertrautheit, die die meisten mit diesem Kanal haben, weiterhin einen grossen Vorsprung vor anderen Kanälen wie Facebook oder Youtube.» Will heissen: Vielleicht konsumieren gerade jüngere Menschen heute – je nach Studie variieren auch hier die Zahlen – zu einem bestimmten Prozentsatz weniger TV als die Generation(en) vor ihnen.

Der Ausgangspunkt, von dem die TV-Branchestartet, ist kein ganz einfacher mehr.

Aber sie empfinden dabei immer noch ein positives Gefühl; verbinden sie den Fernsehkonsum doch mit guten Erinnerungen. Das trage auch dazu bei, dass TV laut der Insight-Studie für eine Mehrzahl der Befragten «Entspannung» bedeute: «TV ist für viele ein sehr vertrautes Medium, das man seit der Kindheit kennt. Es wird daher sehr mit Entspannung und Vertrauenswürdigkeit assoziiert. Social-Media-Plattformen fühlen sich für viele Befragte noch nicht so entspannt an. Jedoch lässt sich natürlich beobachten, dass jüngere Befragte viel vertrauter mit Social Media umgehen als ältere Personen», elaboriert Robert Schwarz. Er mache sich nach abschliessender Betrachtung der Ergebnisse jedenfalls keine Sorgen, dass das Fernsehen als Werbeträger unattraktiv werde: «TV wird weiterhin ein attraktives Werbemedium bleiben, da sich Verankerungen und gelernte Muster tendenziell langsam ändern», ist der Wissenschaftler überzeugt.

Media-Planung: Technologie-Boost

Parallel zur Glaubwürdigkeit als «Pfund, mit dem man wuchern kann» kündigt IGEM-Präsident Stephan Küng im Rahmen des Screenforce Day die Einführung des Planungs-Tools EvoAd an, das den bekannten MediaWizard ersetzen wird. Die grossen Datenmengen, mit denen im stark fragmentierten Schweizer Markt gearbeitet werden muss (und die mit der Einführung des neuen, hybriden Messsystems der Mediapulse laut Küng «noch einmal massiv grösser werden»), hätten den MediaWizard an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gebracht. EvoAd sei dagegen ein auf die Zukunft und auf Replay-Ads ausgerichtetes Tool, mit dem der Markt «ein wertvolles Werkzeug an die Hand bekommt».

Hoffnung am Horizont

Und dann sind da ja auch noch externe Faktoren, die für ein erfolgreiches Fortbestehen des Mediums TV – gerade auch als Werbeträger – sprechen: Werbung im Fernsehen mag vergleichsweise kostspielig sein und, linear ausgespielt, nicht dem Trend des «Hypertargeting» folgen. Aber auch die Werbung auf digitalen Kanälen steht vor schwierigen Zeiten, da sich das digitale Ökosystem ändert und Cookies von Drittanbietern abgeschafft werden. Da Datenschutzrichtlinien und -vorschriften es zu einer Priorität machen, den Nutzern die Möglichkeit zu geben, die Speicherung von Cookies auf ihren Rechnern abzulehnen, werden auch Tracking und Ad-Targeting zunehmend infrage gestellt. All dies sind Punkte, die eine Investition in TV-Werbung wieder zunehmend attraktiv erscheinen lassen. In diese Bresche müssen die Vermarkter allerdings springen, ehe die OOH-Branche oder die Vermarkter von Print-Media sich zu viel der frei werdenden Budgets sichern.

«It’s the content, stupid!»

Schliesslich entscheidet sich Aufmerksamkeit via Inhalte. Wenn das Medium TV mit Streaming-Diensten und Apps konkurrieren will, muss es in erster Linie attraktiven Content bieten. Dieser wird zwar am Screenforce Day 2022 nicht das Hauptthema sein – aber dafür gibt es ja dann die screen-up, die im September stattfindet.


Key Learnings: Das spricht für das Medium TV

1. Glaubwürdigkeit

Laut der Studie «Der Glaubwürdigkeits-Faktor» des Zürcher Insight Institute geniesst TV eine überdurchschnittlich hohe Glaubwürdigkeit beim Zielpublikum. Und dies über alle Altersklassen hinweg.

2. Entspannung

Für die ältere Zielgruppe signalisiert TV das, was «sie am besten kennt»; für die jüngere Zielgruppe schwingen positive Nostalgie und Kindheitserinnerungen mit. Der Effekt bei beiden: Entspannung vor dem Fernseher, mehr als beim Konsum von Social Media.

3. Zukunftspotenzial

«Hypertargeting» ist in der Werbung das Gebot der Stunde. Nun aber wird durch das Ende der Third-Party Cookies und den Datenschutz fraglich, wie lange das noch so bleiben kann. Hier öffnet sich eine Bresche, in die das Medium TV springen kann.

4. «Live»-Inhalte

Manche Inhalte kann nur das Fernsehen auf eine für diese Inhalte perfekte Art und Weise präsentieren. Man denke etwa an Live-Sportereignisse wie eine Fussball-WM oder eine Olympiade – oder den jeweils neuen Sonntagabend-Krimi, der fester Bestandteil des Wochenendes ist.


INTERVIEW

«Wir brauchen Tools, die auf die Zukunft ausgerichtet sind»

Stephan Küng, Präsident der IGEM und Inhaber von TWMedia.

m&k: Die IGEM Schweiz, die Sie präsidieren, vertritt als «neutraler Player» die elektronischen Medien innerhalb der AGFS. Was sind dabei Ihre wichtigsten Prioritäten?Stephan Küng: In der IGEM – also der «Interessengemeinschaft elektronische Medien» – sind alle relevanten Player des kommerziellen Teils der elektronischen Medien in der Schweiz vertreten. Dementsprechend bringe ich innerhalb des AGFS die Sicht des «Marktes», insbesondere auch der Agenturen, ein. 

Der Screenforce Day 2022 steht, wie jedes Jahr, ganz im Zeichen des Mediums TV. Wie wichtig ist das Medium in Zeiten diverser Bewegtbild-Apps und Streaming-Plattformen noch?

TV ist als Werbemedium immer noch sehr wichtig. Ihre Frage deutet es zwar durchaus zutreffend an: Die Nutzung ändert sich, vor allem in den jüngeren Segmenten der Zielgruppe. Lineares TV weist aber nach wie vor die in absoluten Zahlen höchste Nutzung im Feld des Bewegtbild-Konsums auf. Und dazu kommt: Es ist ja nicht so, dass der TV-Markt nicht auf die Veränderungen reagiert. Es gibt zahlreiche Innovationen, die quasi durch die von Ihnen erwähnte «Konkurrenz» inspiriert werden, sowohl auf der Programmebene als auch im Bereich der Werbemöglichkeiten; etwa beim Replay-TV …

 

Bleiben wir doch direkt bei der Werbung: Sie sind ein Experte für die Tools, mit denen Werbetreibende ihr TV-Advertising planen können. Seit 2013 wird in der Schweiz das Programm MediaWizard genutzt – welche Vorteile hatte es?

Mit der Lancierung von MediaWizard vor knapp zehn Jahren wurden dem Schweizer Werbemarkt erstmals «personenindividuelle Nutzungsdaten», sogenannte PIN-Daten, zur Verfügung gestellt. Damit wurde es auch bei uns möglich, in der TV-Planung mit einer Datentiefe zu arbeiten, die den internationalen Vergleich nicht zu scheuen brauchte. Zudem wurde dem Markt erstmals ein Tool zur Verfügung gestellt, mit dem sämtliche Schritte des TV-Prozesses – von der Marktanalyse über die Planung bis zur Einbuchung, Optimierung und Controlling der Kampagnen – umgesetzt werden konnten.

 

Nun – und auch das wird am Screenforce Day wichtig sein – soll Media­Wizard durch das Programm EvoAd ersetzt werden. Warum braucht es diese Innovation?

In der Schweiz haben wir im Bereich TV eine wirklich einzigartige Marktsituation: Es herrscht eine sehr grosse Fragmentierung; wohl in keinem anderen Land auf der Welt ist die Anzahl relevanter Sender mit Werbeangeboten so hoch wie bei uns. Eine weitere Eigenheit ist die Tatsache, dass die Agenturen mit dem Planungstool auch die Prognose der dem Pricing jedes Werbeblocks zugrunde liegenden Ratings von den Vermarktern zur Verfügung gestellt bekommen. In Summe führt das zu einem sehr grossen Datenvolumen, welches das Planungstool zu verarbeiten hat. Wir haben früh gemerkt: Da stösst der MediaWizard an seine Grenzen.

 

Also brauchte es neue Technologie?

Ja. Aus diesem Grund hat die AGFS schon vor geraumer Zeit entschieden, den internationalen Markt zu scannen und ein Tool zu evaluieren, das mit unseren Gegebenheiten umgehen kann und auf die kommenden Herausforderungen im Bewegtbild-Werbemarkt vorbereitet ist. Die Wahl fiel eindeutig auf EvoAd.

 

Was bedeutet die Implementierung von EvoAd konkret für die Agenturen, aber auch die Werbetreibenden in der Schweiz?

Die Agenturen erhalten mit EvoAd ein modernes, komfortables und auf die Zukunft ausgerichtetes Werkzeug, das auch mit grossen Datenmengen umgehen kann. Es ist auch bereits geplant, dass neue Replay-TV-Werbeformate mit EvoAd verarbeitet werden können.


Am 24. Mai 2022 findet der Screenforce Day statt. Informationen für vor, während und nach dem Event gibt es auf Screenforce.ch.

Dieser Artikel erschien zuerst in der m&k Printausgabe 5/2022.

Werbemittel: Geschenke, die happy machen

Pandemie, Homeoffice, Nachhaltigkeit – kaum ein Medium schafft es, sich so schnell und flexibel grossen Gesellschaftsthemen anzupassen wie die Werbeartikel. Egal ob es altbewährte Produkte wie Kugelschreiber und Frisbees sind oder Neu­heiten, die es so noch nicht gab: Die Branche ­beweist, dass alle Werbegeschenke innovativ sein können. Wenn man sie neu denkt.

Werbemittel
(Bild: Unsplash.com)

Wer früher seinen Kunden etwas schenken wollte, hatte es nicht schwer: Ein paar grosse Schüsseln voller bedruckter Kugelschreiber, bunter Plastik-Einkaufswagenchips und praktischer Nylon-Lanyards bereitgestellt, schon kamen die beglückten Gäste und bedienten sich. Doch diese Zeiten sind vorbei – und das aus gutem Grund. Denn Themen wie Klimawandel, Pandemie oder Digitalisierung verändern die Ansprüche, die Konsumenten an Unternehmen und Marken stellen, und damit auch die Voraussetzungen für Werbeartikel und kleine Geschenke. «Marken müssen sich heute sehr genau überlegen, worauf sie ihren Namen drucken», sagt Michael Mätzener. Der Geschäftsführer von die Werbeartikel und PromoFACTS und Inszenierer der Schweizer Werbeartikelmesse marke[ding] ist, wie er selbst sagt, in Werbeartikel «verliebt».

Kein Wunder, denn diese Art von Werbung wirkt: Einer DIMA-Studie im Auftrag des Verbandes Promoswiss zufolge nutzen mehr als 90 Prozent der Zielgruppe Werbeartikel länger als ein Jahr, über 90 Prozent der Bevölkerung haben Kontakt zu Werbeartikeln und rund 70 Prozent der Empfänger erinnern sich an den Namen des werbenden Unternehmens. Michael Mätzeners Credo: «Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit» – ein Motto, das bei Werbegeschenken so aktuell ist wie nie. Denn kaum ein Medium ist in der Lage, so flexibel auf die Themen einzugehen, die die Gesellschaft umtreiben, wie die Werbeartikel – und damit auf geschickte Art und Weise nach aussen zu kommunizieren, wofür ein Unternehmen steht. Ob es USB-Sticks sind, innovative Handy-Gadgets, bedruckte Mund-Nase-Masken oder Utensilien für das Homeoffice: Werbeartikel haben schon viele Trends abgebildet. Für die Unternehmen eine hervorragende Gelegenheit, den Kunden etwas zu geben, das sie gerade brauchen – inklusive Markenlogo.

Es muss nachhaltig sein

In den Katalogen der Werbeartikler finden sich dafür unendlich viele Möglichkeiten: Ob es die altbewährten «Evergreens» sind wie Kugelschreiber, Frisbees und Süssigkeiten oder innovative Neuentwicklungen wie Kühltaschen mit integriertem Grill und Hygiene-Schlüsselanhänger aus antibakteriellem Material, mit denen man Türen öffnen kann, ohne die Hände zu benutzen – wichtig ist heute vor allem, dass die Produkte einen hohen Nutzwert bieten und nachhaltig sind. Nachhaltigkeit, das ist der grosse Trend in der Werbeartikelindustrie. Die Branche spricht davon seit Jahren – doch der Durchbruch kommt erst jetzt. Denn mittlerweile kann es sich kein Unternehmen mehr leisten, seinen Namen auf Wegwerfprodukte aus Plastik zu drucken, die aus China kommen. «Es muss nachhaltig sein», sagt Michael Mätzener ganz pauschal und betont das «muss» dabei sehr deutlich. Doch nicht nur innovative Werbegeschenke wie Rucksäcke aus Kork und Badetücher aus Ozean-Plastik oder langlebige Produkte wie die Taschenmesser von Victorinox punkten mit Nachhaltigkeit und bieten gleichzeitig einen hohen Nutzwert.

Auch klassische Streuartikel beweisen heute auf spannende Art und Weise, dass auch sie innovativ und nachhaltig sein können. «Die Bedürfnisse der Kunden bzw. der Gesellschaft werden in die Klassiker implementiert, um die nachhaltigen und ökologischen Ansprüche zu erfüllen», erklärt Sacha Goldstein, Geschäftsführer der Gadget Factory aus Zürich. Mit zeitgemässen Materialien und innovativen Produktentwicklungen denken die Anbieter Kugelschreiber & Co. neu – und zukunftsfähig: Kugelschreiber gibt es aus Weizenstroh oder Austernschalen, Frisbees mit aufgedrucktem Logo müssen nicht mehr aus Plastik sein, sondern werden jetzt aus recyceltem Polypropylen angeboten, das bei der Produktion von Schutzmasken übrigbleibt, oder aus Kaffeesatz! Bleistifte lassen sich nach Gebrauch einpflanzen und werden zu frischen Kräutern, Grusskarten, die man nach dem Lesen in die Erde setzt, werden zu Wildblumen, Schlüsselbänder gibt es aus abbaubarem Papier oder Kork, und Fruchtgummis sind vegan und klimaneutral. «In der Werbeartikelbranche dreht sich aber nicht nur alles um nachhaltige Produkte», sagt Sarah Beringer, Geschäftsführerin und Inhaberin der simcla AG. «Das Thema muss ganzheitlich angeschaut werden: Auch Wiederverwertbarkeit, soziale Aspekte, nachhaltiges Branding, Verpackungsvarianten und Transportwege spielen eine Rolle», so die Expertin. Eine Studie des Gesamtverbands der Werbeartikel-Wirtschaft (GWW) bestätigt, dass das offenbar auch in den Unternehmen angekommen ist: Sie sind bereit, für nachhaltige Werbeartikel im Durchschnitt bis zu 10 Prozent mehr auszugeben.

Wichtig ist, dass Werbeartikel zum Unternehmen passen und vor allem bei der Zielgruppe eine hohe Relevanzaufweisen.

Booster für jede Werbekampagne

Doch nicht jedes Produkt ist für jeden Einsatzzweck gleichermassen geeignet. «Wichtig ist, dass Werbeartikel zum Unternehmen passen und vor allem bei der Zielgruppe eine hohe Relevanz aufweisen», erklärt Sarah Beringer. Ob ein Produkt relevant ist oder nicht, hängt auch davon ab, wie und wo die Kunden es geschenkt bekommen. Während der Coronapandemie fanden viele Messen und Events nur noch digital statt – damit fiel eine wichtige Distributionssäule für Werbeartikel weg. «In den letzten beiden Jahren gab es wenig bis keine echten Innovationen, weil die Branche leider fast zum Stillstand kam. Viel hat sich aber im Bereich der Digitalisierung getan», sagt Beringer. Ein weiteres Thema, bei dem die Branche unter Beweis stellen konnte, wie agil sie auf Trends reagiert. So schlugen Tassen mit integrierten NFC-Chips, in denen zum Beispiel das Programm einer virtuellen Veranstaltung hinterlegt war, Trinkgläser, die per RFID-Transponder über das Smartphone zu weiteren Informationen lenkten, oder QR-Codes auf Kugelschreibern, die auf eine Eventplattform führten, in Zeiten des Lockdowns erfolgreich die Brücke vom Homeoffice zu digitalen Events und hielten den Kontakt mit der Zielgruppe.

«Die Produkte wurden in der Pandemie sehr schnell an die Bedürfnisse der Menschen angepasst und entsprechend weiterentwickelt», sagt Michael Mätzener. Eine Fähigkeit, die viele andere Werbeträger so nicht bieten können. Klar ist, sagt der Experte: «Der Werbeartikel ist immer ein Booster für jede Werbekampagne, denn er ist immer eine sympathische, attraktive, auffallende, nützliche, auch oft kreative Werbeform, die das Kommunikationskonzept unterstützt.» Egal ob als neu gedachter «Evergreen» oder als innovative Produktneuheit, die es vorher noch nie gegeben hat.

Kunst-Commerce im Metaverse

Sarah Schlagenhauf ist Founder des Start-ups Art Deal. Art Deal möchte mit der App «Vivents» die digitale Transformation der Kunst- und Luxusbranche katalysieren.

Metaverse
Sarah Schlagenhauf, CEO von Art Deal. (Bild: Art Deal)

Ein Ladenlokal im trendigen ­Zürcher Kreis 4. Die Tür steht weit offen, die letzten Sonnenstrahlen fangen sich in einem Samtsofa, das mitten im Raum steht. Dahinter Schreibtische mit übergrossen Bildschirmen, natürlich für die Grafik-Designer, die sich hier kreativ austoben. Wir sind bei Art Deal. Einem Zürcher Start-up, das gerade dabei ist, E-Commerce für die Kunst- und Luxusbranche neu zu erfinden.

Sarah Schlagenhauf nimmt mir gegenüber auf dem Sofa Platz. Sie ist CEO von Art Deal, es ist ihr Baby. Die 33-jährige Zürcherin ist Business-erprobt. Die erste Firma Brand Relations läuft. «Wir realisieren hochkarätige Branchenkampagnen und visionäre PR-Strategien für die Transformation der Schweizer Bau-, Immobilien- und Bankingbranche», sagt sie.

E-Commerce im Kunstmarkt

Die Idee zu Art Deal kam Sarah und ihren Freunden, als sie bei einem Glas zusammensassen. Es ging um Kunst, eine Passion von Sarah, und wie man diese optimal ins Netz bringen könnte, sodass Buyer und Seller sich fänden. Die klassischen Vernissagen schienen ihnen ein Auslaufmodell und nur für eine kleine Elite. Das müsste doch anders gehen. «Wir wollen den digitalen Zugang für Galerien, Künstler und Luxus-Brands zu einer neuen Käuferschaft erschliessen», fasst Sarah Schlagenhauf zusammen. Art Deal möchte mit Vivents die digitale Transformation der Kunst- und Luxusbranche katalysieren.

Art Deal steht auf zwei Säulen: erstens der App Vivents, der Name speist sich aus den Wörtern «virtual» und «Events». Die App fungiert als Plattform für Kunst, Luxus und NFTs und funktioniert ähnlich wie Instagram. User müssen ein Profil anlegen. «Wir akquirieren und kuratieren unsere Seller akribisch, um unseren Buyern spannende, relevante und limitierte Angebote zu offerieren. Kaufen kann jedermann, verkaufen nur, wer sich dafür qualifiziert. Wer sich qualifiziert hat, kann ein Profil und virtuelle Events anlegen, an denen er sich vorstellt, per Video und mit einer Story. Brands können sich in neuen Storytelling-Formaten präsentieren und ihre Luxusprodukte an eine neue Käuferschaft promoten.»

Mit der App Vivents will Art Deal den Luxus- und Kunstmarkt im Netz revolutionieren. (Bild: Art Deal)

Art Deal im Metaverse

Die zweite Säule ist das Metaverse. Dort bauen die Designer und Grafiker von Art Deal, die an den Schreibtischen mit den übergrossen Bildschirmen sitzen, eine Mall, in der Brands ihre Produkte anbieten können. Grosse Namen sind interessiert, Art Deal steht in Verhandlung.

Art Deal hat gerade sein erstes Produkt «Vivents» in der Beta-Version gelauncht. Die App ist downloadbar und die Mall wird gebaut. Wir sind gespannt.

get_footer();