Grabesstille in der Gerüchteküche
Trotz Konjunkturresistenz herrscht bei Ringier alles andere als Business as usua
Wofür Ringier vor wenigen Jahren noch bemitleidet wurde, erweist sich zurzeit als Segen: die relative Unabhängigkeit vom kollabierten Immo- und Stelleninseratemarkt. Umso grösser die Überraschung und Verunsicherung an der Dufourstrasse über den zehnprozentigen Sparauftrag aus der Teppichetage. Deutlich spür-, wenn auch (noch) kaum hörbar ist zudem die kollektive Frage, ob die Verlegerfamilie nun tatsächlich «springt».
Einen nasskalten, ungemütlichen Herbstmorgen haben wir uns da für die Tour d’horizon durchs grösste und von der grassierenden Branchengrippe offenbar nur vermeintlich verschonte Schweizer Verlagshaus ausgesucht. Leicht verschnupft wirkt auch Jürg Ramspeck, wie er mit hochgeschlagenem Mantelkragen und obligater Zigarette im Mundwinkel vor dem voll verschalten Pressehaus 1 hin und her tigert, wohl auf täglicher Gedankenjagd nach dem Stoff, der morgen Leserherzen bewegen soll.
Hätte der ungekrönte König der Kolumnisten etwas mehr Freiheit und Mut zur Nabelschau, sein nächstes Thema läge eigentlich direkt vor ihm auf der Strasse. Schliesslich erkundigt sich sogar die interne Kioskfrau beim Besucher reflexartig nach dessen Einschätzung der «Springier»-Spekulationen. Gegenfrage: «Kaufen denn die Ringier-Mitarbeiter in den letzten Tagen bei Ihnen mehr Springer-Blätter?» Die Zeitungsverkäuferin verneint, fügt jedoch schelmisch hinzu, man hätte ja vorher Zeit genug gehabt, sich ein «Bild» davon zu machen, «was da auf uns zukommen könnte».
In der Lobby wandert der Blick dann von einer aufdringlich flimmernden Leuchtschrift – «faster, better, bigger»: Zumindest der letzte Teil dieses frommen Verlegerwunsches könnte bald in Erfüllung gehen – zu einer Serie grossformatiger, edel gerahmter Landschaftsfotografien.
Zwei Herzen schlagen in der Verlegerbrust
«Wenn Michael Ringiers publizistische Leidenschaft so gross wäre wie seine kunstsammlerische, würde er vermutlich gerne das serbelnde Du übernehmen», schiesst es uns durch den Kopf, als plötzlich Jürg Lehmann in der Lifttür steht. Während der Aufwärtsfahrt schwärmt der Blick-Chefredaktor vom gestrigen Wahlkrimi: «Bis nachts um eins ging voll die Post ab. Da macht der Job hier wieder so richtig Spass.»
Merklich weniger Freude bereitet ihm die Aussicht, ab sofort den Geldgürtel noch enger schnallen zu müssen. Bei der offiziellen Sparvorgabe von zehn Prozent und knapp 100 Vollzeitstellen (inklusive Backoffice) müssten 2003 allein beim Flaggschiff (und Cashcow) zehn Redaktionssessel geräumt werden.
Nach allem, was dieses Jahr schon auf sie eingeprasselt sei, nähmen seine Leute diese Ankündigung vergleichsweise gelassen. Bei ihm habe sich jedenfalls noch kein von Existenzängsten geplagter Mitarbeiter gemeldet. Aber Vorbeugen ist im Zweifelsfall immer besser als Heilen, weshalb Lehmann bereits seit einigen Monaten seine Abgänge nicht mehr ersetzt. Viele Kollegen bezeichnen dies hinter vorgehaltener Hand als «Alarmzeichen», doch keiner will die Sturmglocke läuten.
Damokles, «Schutzpatron» der Ringier-Redaktionen
Auch über das zweite Damoklesschwert, das seit einigen Wochen über den Redaktorenhäuptern schwebt, wird in der sonst stets brodelnden Gerüchteküche dieser Tage diskret geschwiegen. An der vom Chefredaktor geleiteten Mittagskonferenz fällt kein Wort über die 100 Meter entfernt publizierte Warnung des Medienministers vor einem «Kulturschock», sollte Springers langer Arm dereinst auch an der Dufourstrasse die Hebel ziehen.
Anders tönt es freilich unter vier Augen, wo von verschiedener Seite die Hoffnung geäussert wird, dass sich «ein solcher Ausverkauf» zu Lebzeiten von Verlegervater Hans Ringier nicht durchziehen lasse.
Lehmann seinerseits, der Leuenbergers Wort «mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen» hat, setzt hauptsächlich hinter das projektierte Benchmarking von Ringier- und Tamedia-Titeln ein dickes Fragezeichen. Schweizer Familie und Schweizer Illustrierte respektive SonntagsZeitung und SonntagsBlick liessen sich allenfalls noch vergleichen, aber «für den Blick ist der mit ungleich grösseren Ressourcen ausgestattete Tages-Anzeiger gewiss kein Massstab», so der Berner Boulevard-Profi.
Mit anderen Worten: Wenn noch irgendwo Fettaugen in der Buchstabensuppe schwimmen, dann an der Werdstrasse. Eine insofern schlüssige Logik, als die Vergleichsidee vom neuen Tamedia-Boss Martin Kall stammt. Schliesslich hat der Ex-Kader von Ringier dieses Managementtool an der Dufourstrasse bereits jahrelang angewendet, weshalb SoBli, SI et al. bei dieser zweigleisigen Sparübung wohl ungeschorener wegkommen als ihre direkte Konkurrenz.
Drastisches Sparprogramm, diplomatische Statements
26 Hausnummern weiter in Richtung Seefeld wird das genauso gesehen. Dort residiert in Jugendstilambiente neben der Anzeigenabteilung übergangsweise auch der Verlag von Blick und SoBli. Dessen Direktor, Ringier-Urgestein Bruno Blaser, bezeichnet die häusliche Stimmung diplomatisch als «den Umständen entsprechend gut». Und meint damit nichts anderes, als dass die jüngsten Verordnungen (Reduktion der Overheadkosten um happige 15 Millionen Franken) und Vermutungen («Springier») auch bei seiner Mannschaft für wachsendes Unbehagen sorgen. Welche Service- oder Stabsstellen dem Rotstift des vom ehemaligen McKinsey-Mann Niels Lund gecoachten Konzernleiters Martin Werfeli zum Opfer fallen, steht laut Blaser noch in den Sternen.
Sicher ist seit der entsprechenden Kaderinformation vom
11. September (!) indes, dass die Übung nicht ohne Entlassungen über die Bühne geht. Dennoch hält es der gutmütige Verlagsleiter derzeit nicht für angezeigt, seine Belegschaft zur kollektiven «Chropflerete» in sein Büro zu laden. Zu diesem psychohygienischen Mittel hatte er zuletzt auf dem Höhepunkt des Borer-Skandals gegriffen, und zwar durchaus mit Erfolg, wie sich ein damals Anwesender deutlich, aber diskret erinnert.
Der einen Stock tiefer domizilierte Anzeigenchef Mario Cecchin sieht ebenfalls keinen internen Mitteilungs- oder gar Handlungsbedarf. Im Gegensatz zur unseligen Botschaftergeschichte nehme das Springer-Geraune draussen im Markt, aber auch drinnen «sowieso kaum jemand wirklich ernst». Das freilich könnte damit zu tun haben, dass seine seit drei Jahren unveränderte Verkaufscrew ein Durchschnittsalter von 47 Jahren hat – und ergo ein etwas dickeres Fell als der in Krisenzeiten besonders leicht zu verunsichernde Nachwuchs aufweist. Sollten aber wider Erwarten doch einige Stricke reissen, müssten sie sich zuletzt Zukunftssorgen machen. «Wir sind alles Spitzenverkäufer und würden jederzeit auch in anderen Branchen unterkommen.»
Zeitschriften helfen zähneknirschend beim Sparen
Trockenen Fusses weiter ins Herz des Seefelds: An der Höschgasse, dem provisorischen Sitz von Gesundheit Sprechstunde und Schweizer Illustrierte, klart auch die Stimmung des Gesprächspartners auf. Der heisst Urs Heller (hört aber auch auf den Namen «Mister SI»), ist Verlagsdirektor und strotzt geradezu
vor Selbstbewusstsein. Anzeigenmässig stehe man gut da, dank der Sonderhefte sogar deutlich besser als im Vorjahr – und besser als sonst jemand im Konzern.
Heller spricht gar von einem «Europarekord», weswegen sich sein Titel ohne innere Notwendigkeit dem Sparprogramm unterziehe. Ist sein Erfolgsrezept denn nicht übertragbar auf serbelnde Schwestertitel? «Nein, aber Cash & Co. wissen selbst sowieso am besten, wie die aktuelle Krise zu meistern ist.»
Synergiepotenziale sieht der sich in seinem kahlen, mit Umzugskartons voll gestellten Büro sichtlich wohl fühlende «Vollblutjournalist» (Selbsteinschätzung) «noch am ehesten» mit der Lausanner Ringier-Dépendance.
So habe man heuer erstmals die «Miss Schweiz»-Berichterstattung in Zürich gebündelt. Überdies soll die SI-Line-Extension Al Dente ab 2003 auch in der Romandie erscheinen. Den Einwand, das töne mehr nach Kolonialisierung als nach Kooperation, wischt Heller mit einem breiten Lächeln vom Tisch: «Ehrlich, der Austausch zwischen Genfer- und Zürichsee läuft so gut und gleichberechtigt wie nie zuvor in meiner Ringier-Zeit.»
Als wichtigste Konstante und Erfolgsgarantie in seinen zwölf SI-Jahren bezeichnet der vormalige Blick-Redaktor die «nahtlose, von keinerlei Berührungsängsten behinderte Zusammenarbeit» von Redaktion und Verlag. Und fügt hinzu: «Am einfachsten und effizientesten wars, als ich für Inhalt und Umsatz in Personalunion verantwortlich war.»
Die Doppelauslastung von Führungskräften hat Tradition bei Ringier. So amteten beispielsweise Walter Bosch als auch Fridolin Luchsinger jahrelang zugleich als Chefredaktoren von Blick und SoBli. Dass bei den Entscheidern im Pressehaus 1 über eine Reanimation dieser Art von (Top)Saläreinsparung nachgedacht wird, darf indessen bezweifelt werden. Vielmehr werden wohl – nach dem Sportvorbild – weitere Ressortzusammenlegungen erwogen. Das heisst: Auch beim «Verlag des kleinen Mannes» fordert die anhaltende Presse-Influenza kein Königs-, dafür aber eine ganze Reihe von Bauernopfern.
Medienserie, 2. Teil
Nach der Tamedia-Reportage vor drei Wochen (WW 32/02) setzen wir unsere Reihe in dieser Nummer mit einem Stimmungsbericht aus dem Hause Ringier fort. Bis kommendes Frühjahr werden in lockerer Folge weitere Innenansichten mehr oder minder konjunkturgeplagter Medienunternehmen folgen. Der nächste Besuch gilt Edipresse in Lausanne. (oc)
