Die heile Welt hält wieder Einzug in WerbekampagnenVon Luca Aloisi Nach dem Platzen der New-Economy-Blase ist wieder nostalgische Naturästhetik in der Werbung gefragt. Romantische Werte sollen in vertrauten Inszenierungen Zuversicht schaffen und die Krise vergessen lassen. Verblasst sind die Hypes, die Pull-Marketing-Ansätze und der kühle Business-Touch des Cyberspace-Zeitalters.
«Listen to the sky, can you hear the clouds sing?», säuselt eine männliche Stimme über einen weichen Klangteppich im neuen Coop-Spot «Dream» für Naturaline. Eine Schar Gänse zieht unter einem Himmel voller Schäfchenwolken vorbei. Weiss gewandete Menschen schwelgen in der unberührten Natur. Für die Butter präsentiert sich das Set nicht minder harmonisch: Eingebettet in sattgrünen Wiesen und anmutigen Wildblumen wandelt eine verträumte Naturschönheit im romantisch cremefarbenen Kleid im warmen Sonnenlicht und zählt den Zuschauern in Urner Dialekt die Vorzüge der Butter auf.
Aktuelle Kampagnen, die das Bild einer heilen Welt evozieren, finden sich zurzeit zu Hauf: Zürcher Verkehrsverbund, Toni-Jogurt, Canon, ja sogar Porsche. Egal ob Mode-, Uhren- oder Autowerbung, die Devise lautet «Zurück zur Natur». Die Familienidylle wird der CEO-Coolness vorgezogen. Seelenlose Skylines weichen dem Alpenglühen. Hauptsache, alles sieht «authentisch» aus. Wie die Kampagne für Carl F. Bucherer und andere beweisen, lag der Bildersturm seit einiger Zeit in der Luft, weil die Wirkung moderner Ikonen nachliess. Es fegt ein neuer Bildersturm übers Land und taucht die Welt in Pastelltöne und Durklänge.
Schnörkellose Informationen sind gefragt
In der darnieder liegenden Konjunktur wird das Barometer für kreative Werbung nicht neu geeicht. Angeeckt wird kaum noch und wenn, dann höchstens mit wohl kalkulierten Folgen. War eine regelrechte Testimonialschwemme die erste deutliche Reaktion einer kränkelnden Werbebranche, lässt sich seit einigen Wochen eine weitere Häufung feststellen: die Rückkehr der Werbemotive aus der heilen Welt.
Anders als Testimonials zeigen sich die Romantikauftritte etwas besser davor geschützt, in der Banalität unterzugehen. Was in den Neunzigerjahren als Kitsch durchgegangen wäre, gilt heute als willkommener Seelentröster. Im Unterschied zu den vergangenen Jahren sieht man immer mehr Kampagnen, die idyllische Welten und romantische Mythen nicht karikieren, sondern zum Nennwert als visuelle Pfadfinder einsetzen.
«Nach der Zukunftseuphorie des New-Economy-Hype stellen wir einen gewissen Innovation-Overload fest, der jetzt durch eine Sehnsucht nach Normalität und Einfachheit, nach Wärme und Sicherheit kompensiert wird», erklärt Karin Frick, Leiterin Research beim Gottlieb-Duttweiler-Institut (GDI). Selbst bei Early-Adopters ist eine Übersättigung und Verlangsamung nicht zu übersehen. Die allgemeine Ernüchterung wurde durch die Terrorwelle und die negative Wirtschaftsentwicklung zusätzlich verstärkt.
In dieser Stimmung der Verunsicherung suche man nicht mehr das Aussergewöhnliche, sondern eher das Beruhigende und Vertraute, unterstreicht Frick. Auch in der Werbung würde momentan eine Entwirrung der Komplexitäten stattfinden. «Die Leute haben keine Lust mehr, Rätsel zu entziffern. Sie wollen einfache Botschaften. Wenn die Leute verwirrt sind, Trost und Sicherheit suchen, muss man ihnen wieder mehr Vertrautes anbieten», empfiehlt Frick.
Angesichts dieses Stimmungswandels hat das GDI den Marketers schon im März zwei Empfehlungen aus den USA übermittelt, um die Orientierungslosigkeit im Marketing zu überwinden: In Krisenzeiten wollen die Menschen keine Ironie, Sarkasmus oder Übertreibungen, sondern schnörkellose, konkrete Informationen und Ansprache.
Adbusters, die medien- und werbekritische Zeitschrift aus Kanada, rät: Wenn die Tagesaktualität schockierend ist, kann Werbung als «comfort food», als Trostspender dienen, der das Herz erwärmt und Hoffnung verspricht. Konkreter wird der US-Ableger des internationalen Netzwerks Euro RSCG: «Senden Sie Botschaften der Sicherheit und Rückbesinnung via nostalgischer Bilder, Musik oder Worte. Versichern Sie Ihren Kunden, dass bessere Zeiten kommen werden.»
«Zwar entsprechen die Bilder und Mythen, die man jetzt wieder vermehrt belebt, der Sehnsucht nach Vertrautem – aber nicht der Realität», sagt Frick und sieht darin den Grund, weshalb sie nur als mittelfristiger Trost funktionieren werden. Sobald eine Sättigungsgrenze erreicht sei, werde auch dieser Zyklus wieder kippen.
Zunahme an Motiven aus der eigenen Kindheit
Der Hamburger Trendforscher Peter Wippermann ist überzeugt, dass «diese ganzen Bewegungen in Wirklichkeit viel länger dauern, als man das in den Medien zur Kenntnis nimmt». Er begründet dies mit der geringen Bereitschaft der Konsumentinnen und Konsumenten, Änderungen emotional wirklich aufzunehmen. Es brauche eine bestimmte Zeit, um diese neue, simulierte, nichtironisierte heile Welt in die Köpfe und Herzen zu bringen.
«Die heutigen Bilder unterscheiden sich deutlich von jenen der Neunzigerjahre», stellt Wippermann fest. Die Bilder der damaligen Purismus- und Ökowelle seien meist spirituell überhöht gewesen, während man heute zur «idealisierten Romantik Hollywoods» zurückgeht.
Die Idee, sich in einem «perfect past» zu bewegen und das Vergangene noch besser als in der Erinnerung zu inszenieren, habe es für die jüngeren Generationen schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren gegeben. Neu ist, dass diese nostalgische Romantik heute auch für die ältere, konservative Generation eingesetzt wird. Es gibt eine Zunahme von Motiven, die an Kindheitserinnerungen und an eine heile Welt anknüpfen.
Diese Beruhigungsstrategie der Werbung werde erst dann wieder durch mehr Experimente und Witz abgelöst, wenn die Unsicherheit, Dynamik und chaotischen Strömungen in Wirtschaft und Gesellschaft abebbten, fasst Wippermann seine Erkenntnis zusammen.
Hinweise auf die Sehnsucht nach Poesie und Romantik hat das Trendbüro in Hamburg an verschiedenen Details der Jugendkultur erkannt. So beispielsweise am längeren Haar der männlichen Models, die auch sonst lyrischer aussehen als in der Hochphase der Techno-Kultur. Damals galten glatzköpfige junge Männer als Idealbild einer in die Zukunft stürmenden Generation.
Eine Branche, die besonders früh diesen Wandel vollzogen habe, sei die Uhrenbranche, sagt Wippermann. «Diese ist immer interessant zu beobachten, weil sie schnell und sensibel reagiert. In Anzeigen der Topmarken sieht man jetzt vor allen Dingen neu interpretierte alte Themen wie ‹Romeo und Julia›, oder Vater mit Kind, was die Idee der romantischen Liebesbeziehung oder der Dynastie wieder in Erinnerung ruft», sagt der Trendforscher.
In Italien, Ursprungsort der Purismus- und Naturalismuswelle im Design, sei die Rückbesinnung auf vertraute Motive und Stimmungen der Kindheit ebenfalls bis in die Werbung durchgedrungen, sagt Emilio Genovesi, Director Education Area der Domus Academy, einem renommierten Mailänder Institut für Trendforschung. Genovesi präzisiert aber: «Die Rückkehr zur Harmlosigkeit und Natürlichkeit in der Werbung ist alleine schon durch die erhebliche Kürzung der Budgets bedingt. Das hat in unserem TV-lastigen Land einerseits zu einer gesunden Selektion der Ideen und Umsetzungen geführt. Andererseits erkennt man einen Trend zu solideren Werten, der aber nicht so prononciert ist, weil die hiesige Werbung die katholische Moral zwar nicht deklariert, von ihr aber doch geprägt ist.»
Diesem Bilderkanon widersetze sich nur die Modewerbung, wo – auch in der Krise – die Übertretung von Konventionen und der Exzess weiterhin ausgereizt würden. Zwar werde auch hier die Naturkulisse mehr und mehr in den Vordergrund gerückt, doch nur, um ihre Unschuld und Romantik mit zynischer Ironie zu brechen. Ein schönes Beispiel dafür steht auf Seite 8 dieser Ausgabe.
low-tech-Games sind in den Usa in
Die US-Agentur der Trendpäpstin Dee Dee Gordon, LookLook, hat festgestellt, dass obwohl Computergames schneller und realistischer werden, immer mehr Kids und Teens ihre Joysticks zu Gunsten traditioneller, Low-tech-Spiele weglegen: Karten- und Gesellschaftsspiele wie Uno oder Monopoly seien voll im Trend. Als Gründe dafür nennt Gordons Domain look look.com die Technologieübersättigung, fehlende menschliche Komponenten, der hohe Preis der Games und die beschränkte Mobilität der Spielkonsolen. Ausserdem hätten die alten Spiele eine «Retro Cool»-Qualität.
Marketing in Zeiten der Verunsicherung
Lars Feldmann vom TrendLab des GDI stellte folgende US-Rezepte (Euro RSGC Worldwide, USA, und Adbusters März/ April 02) für Marketer zusammen:
Seien Sie real und authentisch! Echtheit und Authentizität waren nie wertvoller als im Moment.
Vermeiden Sie jede Form von Hype! Die Menschen fühlen sich verletzlich und unsicher. Sie wollen schnörkellose, konkrete Informationen. Vermeiden Sie Ironie, Sarkasmus oder Übertreibung in der Ansprache Ihrer Kunden.
Vermitteln Sie ein Gefühl der Zusammengehörigkeit! Mehr denn je wünschen sich Konsumenten Sicherheit und Zugehörigkeit durch die emotionale Bindung zu einer Marke.
Erinnern Sie die Kunden an Ihre gemeinnützigen Engagements! Zeigen Sie ihnen auf subtile Weise, wie Sie sich für das Gemeinwohl einsetzen.
Offerieren Sie kleine Lichtblicke! Senden Sie Botschaften der Sicherheit und Rückbesinnung via nostalgischer Bilder, Musik oder Worte. Versichern Sie Ihren Kunden, dass bessere Zeiten kommen werden. Fokussieren Sie Friedensbotschaften.
Vereinfachen Sie die Botschaft! Während einer Krise sind die Menschen nicht gewillt, in komplizierten Werbebotschaften Sinn zu suchen.
Machen Sie «Advertainment»! Wenn die Tagesaktualität schockierend ist, kann Werbung als «comfort food» dienen, die das Herz erwärmt und Hoffnung verspricht.
Bringen Sie die Menschen zum Lachen! Sanfte Spässe und «Das Leben ist manchmal schon komisch»-Humor sind angesagt. Ironie ist verpönt.