Über die Grenzen denken
Zukunft der Werbung Kommunikation wird immer mehr zum Synonym für Marketing. Und Wirklichkeit zum Ergebnis von Kommunikation.
Zukunft der Werbung Kommunikation wird immer mehr zum Synonym für Marketing. Und Wirklichkeit zum Ergebnis von Kommunikation. Wenn Sie im Februar dieselbe Statistik wie ich gelesen haben, wissen Sie, was im letzten Jahr die meistkommunizierten Begriffe in der Schweiz waren:• Haben Sie eine Cumulus-Karte?
• Bei Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
• The person you have called is not available.
Seit dem 1. März ist diese Statistik überholt. Seit dem Alinghi-Sieg spricht man nur noch von Backbord und Steuerbord, und jede Hausfrau weiss, was doppelter Schotstek ist. Seit dem 1. März würde jeder zweite Schweizer die Sicht auf Eiger und Mönch gegen freien Zugang zum Mittelmeer tauschen.
Kommunikation macht süchtig
Und es gibt jede Menge Beweise dafür, dass Kommunikation nicht nur Denkweisen verändert, sondern auch regelrecht süchtig macht:
In Holland musste ein Taxifahrer wegen SMS-Sucht in eine Klinik eingeliefert werden. Im Schnitt verschickte er täglich 267 Nachrichten. Das hat ihn fast ruiniert. In Amerika gibt es seit 10 Jahren den Club anonymer Telefonierer. Ein Mitglied, eine Fotografin, ruft alle 3 Minuten ihre Voicebox ab.
In Lausanne hat eine Firma im Dezember einen Mitarbeiter entlassen, der es am Tag auf 193 private
E-Mails brachte. Finanz & Wirtschaft beklagte im Februar, Angestellte chatteten privat bis zu vier Stunden.
Das Zweithandy ist ebenso
üblich wie Zweitauto, Zweitwohnung, Zweitpartner. Es gibt Konsumenten, die 50 Kundenclubs angehören, 42 Kreditkarten haben, auf 39 Zeitschriften abonniert sind und 78 Versandhauskataloge bekommen.
In Stockholm werden seit Dezember in der Metro jeden Tag
1,4 Millionen Gratiszeitungen verteilt, obwohl die Stadt nur 750000 Einwohner hat.
In Thorberg haben vor Weihnachten die Häftlinge nicht wegen des verhassten Birchermüeslis zum Frühstück gemeutert, sondern weil sie nur 27 statt 43 TV-Sender empfangen können.
Gleichzeitig haben wir alle die alte Kindergartenangst, uns könnte jemand die Murmeln wegnehmen. Wir haben heute mehr Freiheit denn je. Aber die wenigsten wollen so viel. Und immer mehr Gemeinschaft stirbt aus. Herr und Frau Schweizer fahren zwar noch zusammen in die Migros, nehmen aber zwei Einkaufswagen, weil sie sich nicht auf ein Toilettenpapier einigen können.
In Amerika war Bowling so lange out, bis Bowling alone kam. Abgeschirmt von anderen, schiebt der Bowler jetzt seine einsame Kugel – und Bowling boomt wie noch nie.
Nicht das Zuwenig ist heute unser Problem, sondern das Zuviel. Noch mehr kaufen, ausgeben, noch mehr lernen, kommunizieren, essen, trinken, wohnen, arbeiten – Spass haben und lieben geht nicht mehr.
Pro Jahr kommen heute 50000 neue Artikel auf den Markt, von denen 90 Prozent gleich wieder verschwinden. Denn nach 115 Jahren Markenartikel gibt es immer noch kein Auto, das innen grösser ist als aussen.
Überall gilt das Primat des Tempodroms: Das Essen wird fast, die Liebe quick, der Mittagsschlaf nennt sich neuerdings Power Nap.
Frauen sind die neuen Helden
Die Werbung dagegen ist träge geworden. Sie muss sich neu orientieren, weil die alten Bilder nicht mehr stimmen:
• Nicht die Männer, sondern die Frauen werden die Helden des neuen Jahrhunderts. 2002 wurden in der Schweiz mehr Motorräder auf Frauen als auf Männer zugelassen. Und Franz Carl Weber verkauft die Puppe Barbie heute am besten im Outfit einer promovierten Zahnärztin.
• Die Kids wollen heute nicht mehr die Geschichte mit der Maus hören, weil das nervt. Sie fragen nach dem Dax und dem Swiss Performance Index. Ich habe mir sagen lassen, dass verantwortungsbewusste Eltern ihr Kind heute schon ab zehn Jahren mit einem Mobiltelefon ausstatten, damit es unter Gleichaltrigen nicht isoliert ist.
• Aber auch die Oldies sind nicht mehr das, was sie in der Werbung einmal waren: blasenschwache Käufer von Klosterfrau Melissengeist, die im Stöckli bescheiden ihren Ankezieger mümmeln und die Kreuzworträtsel in der Glückspost lösen.
In Wirklichkeit haben wir es heute mit bunt gekleideten Rentnern im Forever-young-Dress des Fitness-Doktors Ulrich Strunz zu tun. Braun gebrannt wie Indianersquaws, die mit wehend weissen Haaren und Bomberjacken scharenweise die Piazza von Ascona bevölkern. Und es sieht danach aus, als sei die Welt von morgen nicht mehr das Reservat junger Hirsche, sondern ein Jagdgrund für graue Panter.
Kein Zweifel, die Lage der Werbung ist hoffnungslos. Aber nicht ernst. Wenn Papst Johannes Paul II. am Karfreitag wieder aus Tradition fünf Gläubigen aus fünf Kontinenten die Beichte abnimmt, habe ich Hoffnung, dass auch die einmal zur Beichte gehen, die dafür verantwortlich sind, dass die Kommunikation heute so ist, wie sie ist.
Erstens die Auftraggeber. Die von Customer Satisfaction reden und alles verschwinden lassen: Fahrkartenschalter und Autowäscher, Briefkästen und Postämter, den Migros-Wagen, die Zwergschulen im Onsernonetal, den Störungsdienst und Telefone, mit denen man einfach wählen – und telefonieren konnte.
Ich meine die blassen Bürokraten, die innen zwei Sparschweine und drei Registrierkassen haben. Und die nichts so fürchten wie den unverschämten, massenhaft rumlungernden Privatkunden, der nichts bringt. Kaum Knete auf dem Konto, zur Miete wohnen, kein Telebanking kapieren, dafür händisch Überweisungen tätigen, händisch Tickets buchen – und bei allem frech wie Oskar und gleich reklamieren.
Man muss verstehen, dass immer mehr Firmen mit Martin Mustermann abschliessen. Schluss mit dem Zweiter-Klasse-People, das bei jedem Preisaufschlag wimmert. Entweder nur noch Geschäftskunden. Oder wie die Swiss rechnen, die den Privatkunden für die Holzklasse auf Kleinformat designt, damit zwei dieser Fabelwesen auf einen Platz passen.
In die Verantwortung genommen gehören auch die Agenturen, wo sich heute die Klassik zum Direktmarketing wie der Vater verhält, der seine minderjährige Tochter auf den Strich schickt, damit er dem Sohn das Theologiestudium finanzieren kann.
Wenn Sie heute in Zürich eine Werbeagentur betreten, werden Sie nicht vom kreativen Chaos, sondern vom frostigen Charme einer Bankfiliale empfangen. Die Controller, die dort das Sagen haben, zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, hinter Ihnen eine Drehtür zu betreten, um vor Ihnen wieder rauszukommen. In ihren mausgrauen Vestons sehen sie so unauffällig aus wie Mormonenmissionare und sind so cool, als könnten sie Eiswürfel spucken.
Die Frauen in der Grafik, die im Lift immer auf den Boden starren, gleichen Racheengeln: bleicher Teint, schwarze Lippen, asketisch kurze Haare, Unheil verheissende Klumpfüsse, schwere Totengräberröcke.
Die Entzauberung der WeltHinterfragen müssen wir auch die Rolle des Konsumenten: Ist er wirklich ein König? Weise, gerecht, souverän? Will er tatsächlich wissen, ob es die Happy Cow von der Migros nett hatte, bevor sie als Schnitzel paniert auf seinem Teller gelandet ist?
Kunden finden Kinderarbeit entsetzlich. Und erwarten dennoch beim Baumarkt den handgeknüpften Teppich für 64 Franken. Bei Tschibo die 2 Pfund Kaffeebohnen für 2.95. Bei Franz Carl Weber den Lederball für 6.75. Ohne dass danach gefragt wird, welche kleinen Hände wohl da dran rumgepusselt haben!
Und die meisten Kunden sehen auch alles andere als königlich aus, sondern wirken so kleinlaut, als wären sie vom Rhythmus der neuen Wirklichkeiten überfordert: Log-in, Log-out, Log-on, Log-off.
Zur Beichte schicken sollte man auch die Wissenschaft. Denn sie macht es uns Werbern immer schwerer, die Welt zu verzaubern. Früher war es jedem klar, warum die Mon-Chérie-Kirsche so gut schmeckt. Es stecke, so sagten die Pralinenmacher, eine original Piemont-Kirsche drin. Die Feinbäcker von Ferrero erklärten, für ihre Baci-Kügelchen würden byzantinische Königsnüsse zerstampft.
Das glaubten die Menschen – bis die Wissenschaftler kamen. Sie brachten Mikroskope und Reagenzgläser mit. Sie wogen und zerlegten jeden Mythos. X-beliebige Kirschen seien in Mon Chérie. Von einer byzantinischen Königsnuss hätten sie nie gehört, erklärten die Nussforscher.
Immer mehr zu schaffen macht der Werbung auch das Heer von Richtern und Bedenkenträgern. Ein Senator in Washington DC hat vor wenigen Wochen den Vorschlag gemacht, Rauchern die bürgerlichen Ehrenrechte zu entziehen.
Und ein EU-Kommissar will jetzt den Autobauern jede Form der Werbung mit dem Argument verbieten, dass die Lust aufs Rasen verwerflich sei. So gesehen ist es ein Wunder, dass es Werbung überhaupt noch gibt.
Und sicher ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man feststellt, dass TV-Spots für Süssigkeiten die Karies fördern. Dass Anzeigen für Kaffee schuld sind, wenn das Herz schneller schlägt.
Stilgruppen statt Zielgruppen
Werbung hatte es noch nie so schwer. War aber auch noch nie so harmlos. Denken Sie nur an die Amerikaner. Die halten sich an alle Ratschläge der Werbung und kaufen selbst Mineralwasser «cholesterol-free». Weil in den USA auf allem «no fat» steht, und selbst Big Macs «light» zu haben sind, müssten die Amerikaner längst als ätherische Wesen hoch über der Erde schweben. Tun sie aber nicht
Oder nehmen Sie die Werbesendungen, die meist nach Mitternacht im Fernsehen ausgestrahlt werden. Vibrierende Heizdecken, sich sekundenschnell selbst aufblasende Gästebetten, auf denen zum Entzücken der Hausfrau schwere Männer Testhopsen machen: Wow – das Bett hält uns aus!
Ich bin der Meinung, dass wir endlich aufhören müssen, von Zielgruppen zu reden, weil wir es mit Stilgruppen zu tun bekommen. Denn es ist wichtiger, wenn Leute die gleiche Krawatte tragen, als wenn sie gleichaltrig sind oder denselben Beruf haben.
Und wir müssen uns auf offensives Marketing einstellen. Also die Märkte anführen, indem man überlegenen Kundennutzen liefert, indem man selbst die Initiative ergreift, indem man das Risiko eigener Wege eingeht und indem man die Mitbewerber in die Nachahmerposition zwingt.
Vor allem aber müssen wir die Leichtigkeit des Seins wieder zulassen. Einsehen, dass Kaufen weltanschauliche Qualitäten hat. Dass Konsum keine Bedürfnisse befriedigt, sondern Wünsche erfüllt.
Und dass Services Glücksgefühle binden.
Werbung ist lebensnotwendig. Auch wenn sie nie in der Lage sein wird, Konflikte zu verhindern und Menschen zur Vernunft zu bringen. Aber sie kann Brücken schlagen zwischen gesellschaftlichen Utopien und Normalverbrauchern. Und muss deshalb die treibende Kraft im Marketing bleiben. Es wird nie genügen, den Menschen zu sagen, wie viel Prozent Erdbeeren in der Marmelade sind. Denn sie wollen auch wissen, wer diese Erdbeeren gepflückt hat und was man sich dort für Geschichten erzählt. Nur Werber können Valerie Klitschkow im Boxring Dr. Faust lesen lassen. Gar den lieben Gott zum Käufer von Toni-Jogurt machen und Boris Becker wieder «drin» sein lassen, während Verona Feldbusch ihren «Blub» dazutut. Wir brauchen die kreativen Virtuosen, die so haarscharf an der Wahrheit entlangschreiben, dass es ihnen gelingt, des Kaisers neue Kleider als Haute Couture zu verkaufen.
Marketing muss führen
Denn es bringt kein Unternehmen weiter, die Kundenbeziehung der megaintelligenten CRM-Software zu überlassen. Genauso wenig wie die Illusion, dass das Marketing der Zukunft von der Zustimmung des Kunden leben kann. Wenn die Menschen nur noch kaufen, was sie wirklich brauchen, wird unser Wirtschaftssystem innerhalb von 10 Wochen zusammenbrechen.
Und wenn man Werbung künftig vom Einverständnis des Kunden abhängig macht, wird die Hälfte aller Unternehmen Konkurs anmelden. Denn Marketing muss führen statt nachlaufen. Muss den Kunden abholen und dort hinbringen, wo er hin will, bevor es ihm selbst bewusst wird.
Daran haben auch 11. September, Swissair-Grounding, Wirtschaftsflaute und der Beginn eines unseligen Krieges nichts geändert. Aber: Vieles scheint über Nacht fragwürdig geworden, und nichts scheint uns so zu faszinieren wie die Erwartung des Schlimmen.
Könnte man heute über die Zukunft abstimmen – viele Europäer wären dagegen. Und das Unsicherheitszeitalter hat auch das Umfeld der Werbung verwüstet. Kein Wunder, dass noch nie so viele Psychopharmaka in der Schweiz verkauft wurden. Und dass neun von zehn Menschen keinen grösseren Wunsch haben, als zum Alltag zurückzukehren, zur Normalität, zu Nachrichten ohne die Wörter Rumsfeld, Massenentlassungen, Managerentschädigungen.
Schreckensmeldungen haben jedoch schon immer zum Umfeld der Werbung gehört. Und die Inhalte der Werbung sind trotzdem die gleichen geblieben: Es muss also weitergehen. Und es wird weitergehen. Aber: Wir müssen neue Zusammenhänge für eine Welt herstellen, in der nichts so sicher ist wie das Gefühl der Ungewissheit. Wir brauchen in Zukunft auch in Marketing und Kommunikation mehr Respekt. Respekt davor, was die Menschen fühlen und was unsere Kunden wirklich bewegt.
Wir müssen lernen, über die Grenzen von Marketing und Kommunikation hinauszudenken. Einsehen, dass die Aufgaben der Werbung keinen Anfang und kein Ende haben. Und wir müssen die Werber ermuntern und wieder das Lachen zulassen, weil aus einem verzagten Arsch kein fröhlicher Furz kommt.
Wenn ich Werber sage, meine ich die unberechenbaren Alphatiere. Die Quer-, Gegen- und Linksdenker. Die nie cool sind, sondern immer Feuer und Flamme. Sie müssen die Werbung jetzt neu erfinden. Und sie müssen den Mut und die Leidenschaft haben, die Welt immer wieder mit neuen Augen zu betrachten, neue Farben für den Himmel, die Erde und das Wasser zu mischen, eine neue Sprache, einen neuen Code und neue Zusammenhänge herzustellen für dieses Jahrtausend.
Wir brauchen dazu nicht die Naturgesetze aufzuheben, sondern nur unsere Faustkeile effizienter zu machen, die Verbotstafeln aufzuheben und ein paar Biotope mit Artenschutz zu schaffen. Denn das Rohmaterial – der schöpferische Mensch – ist vorhanden.
Früher waren nur Genies schöpferisch. Heute kann es auch der Sanitär sein, weil die neuen Kreativen nicht mehr im Elfenbeinturm sitzen – sondern mitten im prallen Leben. Erst kürzlich habe ich in der Anzeige eines Zürcher Coiffeurladens gelesen: «Wir bringen Ideen in Ihr Haar» – was mich fast dazu verleitet hat, mir von Yvonne oder von Uschi ein paar Ideen ins Haar winden zu lassen.
Botschaften auf der Meta-Ebene
Die Lage der Werbung scheint hoffnungslos, aber sie ist nicht ernst. Denn es wird auch in Zukunft nicht reichen, den Kunden zu sagen, wie wartungsfreundlich ihr Auto ist. Die Menschen erwarten vielmehr Botschaften, die über die Meta-Ebene auf Schatzsuche in ihre eigenen Erinnerungen führen. Auf die Gefahr hin, dass der Schein manchmal zum Sein mutiert. Aber mit der Chance, dass das tausendfach reproduzierte Klischee vom Glück beim tausendundersten Mal Wirklichkeit wird.
Und weil uns die Meteorologen beigebracht haben, dass das Flügelflattern eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Hurrikan entfachen kann, sollten wir die Hebelwirkung kreativer Werbung nicht unterschätzen. Schliesslich suchen die Wissenschaftler heute noch nach der rationalen Erklärung dafür, wieso die Kühe in der Schweiz ein lilafarbenes Fell haben.
«Konsum erfüllt Wünsche», sagt Friedhelm Lammoth: Kaufhof-Filiale an der Frankfurter Hauptwache zur Ausstellung «Shopping» in der Schirn.
• Bei Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
• The person you have called is not available.
Seit dem 1. März ist diese Statistik überholt. Seit dem Alinghi-Sieg spricht man nur noch von Backbord und Steuerbord, und jede Hausfrau weiss, was doppelter Schotstek ist. Seit dem 1. März würde jeder zweite Schweizer die Sicht auf Eiger und Mönch gegen freien Zugang zum Mittelmeer tauschen.
Kommunikation macht süchtig
Und es gibt jede Menge Beweise dafür, dass Kommunikation nicht nur Denkweisen verändert, sondern auch regelrecht süchtig macht:
In Holland musste ein Taxifahrer wegen SMS-Sucht in eine Klinik eingeliefert werden. Im Schnitt verschickte er täglich 267 Nachrichten. Das hat ihn fast ruiniert. In Amerika gibt es seit 10 Jahren den Club anonymer Telefonierer. Ein Mitglied, eine Fotografin, ruft alle 3 Minuten ihre Voicebox ab.
In Lausanne hat eine Firma im Dezember einen Mitarbeiter entlassen, der es am Tag auf 193 private
E-Mails brachte. Finanz & Wirtschaft beklagte im Februar, Angestellte chatteten privat bis zu vier Stunden.
Das Zweithandy ist ebenso
üblich wie Zweitauto, Zweitwohnung, Zweitpartner. Es gibt Konsumenten, die 50 Kundenclubs angehören, 42 Kreditkarten haben, auf 39 Zeitschriften abonniert sind und 78 Versandhauskataloge bekommen.
In Stockholm werden seit Dezember in der Metro jeden Tag
1,4 Millionen Gratiszeitungen verteilt, obwohl die Stadt nur 750000 Einwohner hat.
In Thorberg haben vor Weihnachten die Häftlinge nicht wegen des verhassten Birchermüeslis zum Frühstück gemeutert, sondern weil sie nur 27 statt 43 TV-Sender empfangen können.
Gleichzeitig haben wir alle die alte Kindergartenangst, uns könnte jemand die Murmeln wegnehmen. Wir haben heute mehr Freiheit denn je. Aber die wenigsten wollen so viel. Und immer mehr Gemeinschaft stirbt aus. Herr und Frau Schweizer fahren zwar noch zusammen in die Migros, nehmen aber zwei Einkaufswagen, weil sie sich nicht auf ein Toilettenpapier einigen können.
In Amerika war Bowling so lange out, bis Bowling alone kam. Abgeschirmt von anderen, schiebt der Bowler jetzt seine einsame Kugel – und Bowling boomt wie noch nie.
Nicht das Zuwenig ist heute unser Problem, sondern das Zuviel. Noch mehr kaufen, ausgeben, noch mehr lernen, kommunizieren, essen, trinken, wohnen, arbeiten – Spass haben und lieben geht nicht mehr.
Pro Jahr kommen heute 50000 neue Artikel auf den Markt, von denen 90 Prozent gleich wieder verschwinden. Denn nach 115 Jahren Markenartikel gibt es immer noch kein Auto, das innen grösser ist als aussen.
Überall gilt das Primat des Tempodroms: Das Essen wird fast, die Liebe quick, der Mittagsschlaf nennt sich neuerdings Power Nap.
Frauen sind die neuen Helden
Die Werbung dagegen ist träge geworden. Sie muss sich neu orientieren, weil die alten Bilder nicht mehr stimmen:
• Nicht die Männer, sondern die Frauen werden die Helden des neuen Jahrhunderts. 2002 wurden in der Schweiz mehr Motorräder auf Frauen als auf Männer zugelassen. Und Franz Carl Weber verkauft die Puppe Barbie heute am besten im Outfit einer promovierten Zahnärztin.
• Die Kids wollen heute nicht mehr die Geschichte mit der Maus hören, weil das nervt. Sie fragen nach dem Dax und dem Swiss Performance Index. Ich habe mir sagen lassen, dass verantwortungsbewusste Eltern ihr Kind heute schon ab zehn Jahren mit einem Mobiltelefon ausstatten, damit es unter Gleichaltrigen nicht isoliert ist.
• Aber auch die Oldies sind nicht mehr das, was sie in der Werbung einmal waren: blasenschwache Käufer von Klosterfrau Melissengeist, die im Stöckli bescheiden ihren Ankezieger mümmeln und die Kreuzworträtsel in der Glückspost lösen.
In Wirklichkeit haben wir es heute mit bunt gekleideten Rentnern im Forever-young-Dress des Fitness-Doktors Ulrich Strunz zu tun. Braun gebrannt wie Indianersquaws, die mit wehend weissen Haaren und Bomberjacken scharenweise die Piazza von Ascona bevölkern. Und es sieht danach aus, als sei die Welt von morgen nicht mehr das Reservat junger Hirsche, sondern ein Jagdgrund für graue Panter.
Kein Zweifel, die Lage der Werbung ist hoffnungslos. Aber nicht ernst. Wenn Papst Johannes Paul II. am Karfreitag wieder aus Tradition fünf Gläubigen aus fünf Kontinenten die Beichte abnimmt, habe ich Hoffnung, dass auch die einmal zur Beichte gehen, die dafür verantwortlich sind, dass die Kommunikation heute so ist, wie sie ist.
Erstens die Auftraggeber. Die von Customer Satisfaction reden und alles verschwinden lassen: Fahrkartenschalter und Autowäscher, Briefkästen und Postämter, den Migros-Wagen, die Zwergschulen im Onsernonetal, den Störungsdienst und Telefone, mit denen man einfach wählen – und telefonieren konnte.
Ich meine die blassen Bürokraten, die innen zwei Sparschweine und drei Registrierkassen haben. Und die nichts so fürchten wie den unverschämten, massenhaft rumlungernden Privatkunden, der nichts bringt. Kaum Knete auf dem Konto, zur Miete wohnen, kein Telebanking kapieren, dafür händisch Überweisungen tätigen, händisch Tickets buchen – und bei allem frech wie Oskar und gleich reklamieren.
Man muss verstehen, dass immer mehr Firmen mit Martin Mustermann abschliessen. Schluss mit dem Zweiter-Klasse-People, das bei jedem Preisaufschlag wimmert. Entweder nur noch Geschäftskunden. Oder wie die Swiss rechnen, die den Privatkunden für die Holzklasse auf Kleinformat designt, damit zwei dieser Fabelwesen auf einen Platz passen.
In die Verantwortung genommen gehören auch die Agenturen, wo sich heute die Klassik zum Direktmarketing wie der Vater verhält, der seine minderjährige Tochter auf den Strich schickt, damit er dem Sohn das Theologiestudium finanzieren kann.
Wenn Sie heute in Zürich eine Werbeagentur betreten, werden Sie nicht vom kreativen Chaos, sondern vom frostigen Charme einer Bankfiliale empfangen. Die Controller, die dort das Sagen haben, zeichnen sich durch die Fähigkeit aus, hinter Ihnen eine Drehtür zu betreten, um vor Ihnen wieder rauszukommen. In ihren mausgrauen Vestons sehen sie so unauffällig aus wie Mormonenmissionare und sind so cool, als könnten sie Eiswürfel spucken.
Die Frauen in der Grafik, die im Lift immer auf den Boden starren, gleichen Racheengeln: bleicher Teint, schwarze Lippen, asketisch kurze Haare, Unheil verheissende Klumpfüsse, schwere Totengräberröcke.
Die Entzauberung der WeltHinterfragen müssen wir auch die Rolle des Konsumenten: Ist er wirklich ein König? Weise, gerecht, souverän? Will er tatsächlich wissen, ob es die Happy Cow von der Migros nett hatte, bevor sie als Schnitzel paniert auf seinem Teller gelandet ist?
Kunden finden Kinderarbeit entsetzlich. Und erwarten dennoch beim Baumarkt den handgeknüpften Teppich für 64 Franken. Bei Tschibo die 2 Pfund Kaffeebohnen für 2.95. Bei Franz Carl Weber den Lederball für 6.75. Ohne dass danach gefragt wird, welche kleinen Hände wohl da dran rumgepusselt haben!
Und die meisten Kunden sehen auch alles andere als königlich aus, sondern wirken so kleinlaut, als wären sie vom Rhythmus der neuen Wirklichkeiten überfordert: Log-in, Log-out, Log-on, Log-off.
Zur Beichte schicken sollte man auch die Wissenschaft. Denn sie macht es uns Werbern immer schwerer, die Welt zu verzaubern. Früher war es jedem klar, warum die Mon-Chérie-Kirsche so gut schmeckt. Es stecke, so sagten die Pralinenmacher, eine original Piemont-Kirsche drin. Die Feinbäcker von Ferrero erklärten, für ihre Baci-Kügelchen würden byzantinische Königsnüsse zerstampft.
Das glaubten die Menschen – bis die Wissenschaftler kamen. Sie brachten Mikroskope und Reagenzgläser mit. Sie wogen und zerlegten jeden Mythos. X-beliebige Kirschen seien in Mon Chérie. Von einer byzantinischen Königsnuss hätten sie nie gehört, erklärten die Nussforscher.
Immer mehr zu schaffen macht der Werbung auch das Heer von Richtern und Bedenkenträgern. Ein Senator in Washington DC hat vor wenigen Wochen den Vorschlag gemacht, Rauchern die bürgerlichen Ehrenrechte zu entziehen.
Und ein EU-Kommissar will jetzt den Autobauern jede Form der Werbung mit dem Argument verbieten, dass die Lust aufs Rasen verwerflich sei. So gesehen ist es ein Wunder, dass es Werbung überhaupt noch gibt.
Und sicher ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man feststellt, dass TV-Spots für Süssigkeiten die Karies fördern. Dass Anzeigen für Kaffee schuld sind, wenn das Herz schneller schlägt.
Stilgruppen statt Zielgruppen
Werbung hatte es noch nie so schwer. War aber auch noch nie so harmlos. Denken Sie nur an die Amerikaner. Die halten sich an alle Ratschläge der Werbung und kaufen selbst Mineralwasser «cholesterol-free». Weil in den USA auf allem «no fat» steht, und selbst Big Macs «light» zu haben sind, müssten die Amerikaner längst als ätherische Wesen hoch über der Erde schweben. Tun sie aber nicht
Oder nehmen Sie die Werbesendungen, die meist nach Mitternacht im Fernsehen ausgestrahlt werden. Vibrierende Heizdecken, sich sekundenschnell selbst aufblasende Gästebetten, auf denen zum Entzücken der Hausfrau schwere Männer Testhopsen machen: Wow – das Bett hält uns aus!
Ich bin der Meinung, dass wir endlich aufhören müssen, von Zielgruppen zu reden, weil wir es mit Stilgruppen zu tun bekommen. Denn es ist wichtiger, wenn Leute die gleiche Krawatte tragen, als wenn sie gleichaltrig sind oder denselben Beruf haben.
Und wir müssen uns auf offensives Marketing einstellen. Also die Märkte anführen, indem man überlegenen Kundennutzen liefert, indem man selbst die Initiative ergreift, indem man das Risiko eigener Wege eingeht und indem man die Mitbewerber in die Nachahmerposition zwingt.
Vor allem aber müssen wir die Leichtigkeit des Seins wieder zulassen. Einsehen, dass Kaufen weltanschauliche Qualitäten hat. Dass Konsum keine Bedürfnisse befriedigt, sondern Wünsche erfüllt.
Und dass Services Glücksgefühle binden.
Werbung ist lebensnotwendig. Auch wenn sie nie in der Lage sein wird, Konflikte zu verhindern und Menschen zur Vernunft zu bringen. Aber sie kann Brücken schlagen zwischen gesellschaftlichen Utopien und Normalverbrauchern. Und muss deshalb die treibende Kraft im Marketing bleiben. Es wird nie genügen, den Menschen zu sagen, wie viel Prozent Erdbeeren in der Marmelade sind. Denn sie wollen auch wissen, wer diese Erdbeeren gepflückt hat und was man sich dort für Geschichten erzählt. Nur Werber können Valerie Klitschkow im Boxring Dr. Faust lesen lassen. Gar den lieben Gott zum Käufer von Toni-Jogurt machen und Boris Becker wieder «drin» sein lassen, während Verona Feldbusch ihren «Blub» dazutut. Wir brauchen die kreativen Virtuosen, die so haarscharf an der Wahrheit entlangschreiben, dass es ihnen gelingt, des Kaisers neue Kleider als Haute Couture zu verkaufen.
Marketing muss führen
Denn es bringt kein Unternehmen weiter, die Kundenbeziehung der megaintelligenten CRM-Software zu überlassen. Genauso wenig wie die Illusion, dass das Marketing der Zukunft von der Zustimmung des Kunden leben kann. Wenn die Menschen nur noch kaufen, was sie wirklich brauchen, wird unser Wirtschaftssystem innerhalb von 10 Wochen zusammenbrechen.
Und wenn man Werbung künftig vom Einverständnis des Kunden abhängig macht, wird die Hälfte aller Unternehmen Konkurs anmelden. Denn Marketing muss führen statt nachlaufen. Muss den Kunden abholen und dort hinbringen, wo er hin will, bevor es ihm selbst bewusst wird.
Daran haben auch 11. September, Swissair-Grounding, Wirtschaftsflaute und der Beginn eines unseligen Krieges nichts geändert. Aber: Vieles scheint über Nacht fragwürdig geworden, und nichts scheint uns so zu faszinieren wie die Erwartung des Schlimmen.
Könnte man heute über die Zukunft abstimmen – viele Europäer wären dagegen. Und das Unsicherheitszeitalter hat auch das Umfeld der Werbung verwüstet. Kein Wunder, dass noch nie so viele Psychopharmaka in der Schweiz verkauft wurden. Und dass neun von zehn Menschen keinen grösseren Wunsch haben, als zum Alltag zurückzukehren, zur Normalität, zu Nachrichten ohne die Wörter Rumsfeld, Massenentlassungen, Managerentschädigungen.
Schreckensmeldungen haben jedoch schon immer zum Umfeld der Werbung gehört. Und die Inhalte der Werbung sind trotzdem die gleichen geblieben: Es muss also weitergehen. Und es wird weitergehen. Aber: Wir müssen neue Zusammenhänge für eine Welt herstellen, in der nichts so sicher ist wie das Gefühl der Ungewissheit. Wir brauchen in Zukunft auch in Marketing und Kommunikation mehr Respekt. Respekt davor, was die Menschen fühlen und was unsere Kunden wirklich bewegt.
Wir müssen lernen, über die Grenzen von Marketing und Kommunikation hinauszudenken. Einsehen, dass die Aufgaben der Werbung keinen Anfang und kein Ende haben. Und wir müssen die Werber ermuntern und wieder das Lachen zulassen, weil aus einem verzagten Arsch kein fröhlicher Furz kommt.
Wenn ich Werber sage, meine ich die unberechenbaren Alphatiere. Die Quer-, Gegen- und Linksdenker. Die nie cool sind, sondern immer Feuer und Flamme. Sie müssen die Werbung jetzt neu erfinden. Und sie müssen den Mut und die Leidenschaft haben, die Welt immer wieder mit neuen Augen zu betrachten, neue Farben für den Himmel, die Erde und das Wasser zu mischen, eine neue Sprache, einen neuen Code und neue Zusammenhänge herzustellen für dieses Jahrtausend.
Wir brauchen dazu nicht die Naturgesetze aufzuheben, sondern nur unsere Faustkeile effizienter zu machen, die Verbotstafeln aufzuheben und ein paar Biotope mit Artenschutz zu schaffen. Denn das Rohmaterial – der schöpferische Mensch – ist vorhanden.
Früher waren nur Genies schöpferisch. Heute kann es auch der Sanitär sein, weil die neuen Kreativen nicht mehr im Elfenbeinturm sitzen – sondern mitten im prallen Leben. Erst kürzlich habe ich in der Anzeige eines Zürcher Coiffeurladens gelesen: «Wir bringen Ideen in Ihr Haar» – was mich fast dazu verleitet hat, mir von Yvonne oder von Uschi ein paar Ideen ins Haar winden zu lassen.
Botschaften auf der Meta-Ebene
Die Lage der Werbung scheint hoffnungslos, aber sie ist nicht ernst. Denn es wird auch in Zukunft nicht reichen, den Kunden zu sagen, wie wartungsfreundlich ihr Auto ist. Die Menschen erwarten vielmehr Botschaften, die über die Meta-Ebene auf Schatzsuche in ihre eigenen Erinnerungen führen. Auf die Gefahr hin, dass der Schein manchmal zum Sein mutiert. Aber mit der Chance, dass das tausendfach reproduzierte Klischee vom Glück beim tausendundersten Mal Wirklichkeit wird.
Und weil uns die Meteorologen beigebracht haben, dass das Flügelflattern eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Hurrikan entfachen kann, sollten wir die Hebelwirkung kreativer Werbung nicht unterschätzen. Schliesslich suchen die Wissenschaftler heute noch nach der rationalen Erklärung dafür, wieso die Kühe in der Schweiz ein lilafarbenes Fell haben.
«Konsum erfüllt Wünsche», sagt Friedhelm Lammoth: Kaufhof-Filiale an der Frankfurter Hauptwache zur Ausstellung «Shopping» in der Schirn.
Begnadeter RednerFriedhelm Lammoth ist kreativer Kopf der auf Direktmarketing spezialisierten Werbeagentur Lammoth Mailkonzept, St.Gallen, und Ehrenpräsident des Deutschen Direktmarketingverbandes. Einen Namen hat er sich nicht nur als Werber gemacht, sondern auch als begnadeter Redner und Publizist. Der vorliegende Text ist eine leicht gekürzte Fassung eines Referates, das Friedhelm Lammoth vergangene Woche am Frühlingsfest der Firma Blickle Direktmarketing gehalten hat. Sein nächstes Buch, «Kurswechsel im Marketing: Offensiver – innovativer – kreativer», erscheint im Sommer. (sh)
Friedhelm Lammoth
