Agenturen Sebastian Turner, Vorstandsvorsitzender von Scholz & Friends, hat sich aus der Cordiant-Gruppe freigekauft und blickt mit Optimismus in die Zukunft.WW Um ein solches Buyout in der gegenwärtigen Krise
abzuschliessen (siehe auch Kasten), muss man entweder die Lage
verkennen oder ein unverbesserlicher Optimist sein. Wo reihen Sie sich ein, Herr Turner?
Sebastian Turner: Bei den Krisen-Abschliessern. Wir schliessen sie jetzt einfach mal ab.
Die am Management Buyout
(MBO) beteiligte Private-Equity-
Gesellschaft will aber ihre
Beteiligung an Scholz & Friends
(S&F) in fünf Jahren Gewinn
bringend verkaufen. Stehen Sie
jetzt nicht unter einem enormen
Erfolgsdruck?
Ja. Wie alle anderen allerdings auch.
S&F hat für rund 50 000 Euro 154 Arbeiten in Cannes eingereicht. Wie sieht Ihre Erfolgsbilanz aus?
Einmal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze, dazu 19 Shortlistplätze.
Branchenexperten wollen einen Trend Richtung regionale Kreativagentur sehen, weil immer mehr Grosskonzerne wie Procter & Gamble – oder in Ihrem Fall Coca-Cola und
Siemens – solche den bisherigen
Netzwerk-Agenturen vorziehen. Wie
beurteilen Sie diese Entwicklung?
Die Auftraggeber stehen unter einem noch grösseren Erfolgsdruck. Ihre Budgets sinken, aber die Erwartungen steigen. In dieser Situation erkennen sie, dass Kreativität der Wirkungshebel ist, der nicht mehr Geld, sondern mehr Intelligenz verlangt. Das ist eine grosse Chance für alle Agenturen, die ein hohes kreatives Niveau pflegen. Für Scholz & Friends als kreatives Network ist es ein Geschenk. Den Gewinn von Coca-Cola und Siemens sehen wir als Zeichen, dass dieser Weg zum Ziel führen kann.
Was gibt Ihnen die Gewissheit, für die Grosskunden mit der Zeit nicht auch langweilig zu werden?Gewissheit gibt es keine. Wir müssen sehr gut sein, das heisst, unsere Kunden müssen sehr erfolgreich sein, und das heisst heute: Die Agentur muss die richtige Strategie richtig kreativ umsetzen.
Verlassen Sie sich da nicht zu sehr auf die Treue Ihrer Top-Kreativen, die ja jederzeit von den Netzwerk-Agenturen abgeworben werden könnten?
Die Mitarbeiter sind wichtiger als die Kunden, so sonderbar sich das anhört. Nur wer gute Leute hat, kann Kunden gewinnen und binden. Mit dem MBO schaffen wir ein einzigartiges Netzwerk, das inhabergeführt, kreativ und unternehmerisch ist. Das ist ein Biotop für Spitzenkönner, das Sie nicht einfach in jedem Bürocenter nachzüchten können.
Was waren die Motive, sich trotz MBO und schrumpfende Werbevolumen in der Schweiz, in Zürich, ein Büro zu eröffnen?Ein tolles Team – Christian Binder, Günther Schneider und Yvonne Hodel als Verwaltungsrätin. Gute Leute machen Märkte.
Apropos Yvonne Hodel: Weshalb hat sich Scholz & Friends in der Schweiz nicht nach einer passenden und gut positionierten Agentur wie zum Beispiel WHS umgeschaut?
Wir haben jetzt eine wunderbar zu uns passende und sehr gut positionierte Agentur. Aus dem Stand hat Scholz & Friends Zürich Etats von Coca-Cola und von Viva erobern können. Ich selbst habe 1990 in Ostdeutschland eine Agentur zu dritt gegründet. Seit Jahren sind wir in der Region die Nummer eins mit rund 170 Leuten.
Derzeit wird spekuliert, dass nach JvM und S&F auch Springer & Jacoby zum Sprung über den Rhein ansetzt. Was macht das kleine Werbeland Schweiz für deutsche Agenturen so interessant?
Die Schweiz ist nah, wohlhabend und liegt im gleichen Sprachraum. Zudem gibt es auch eine emotionale Seite. Die gute Werbung kam mit der GGK über die Schweiz nach Deutschland. Mit einem Büro in der Schweiz sind wir da, wo die Qualität herkommt.
Nach zwei Jahren kräftiger Einbussen spricht jetzt der Zentralverband der Deutschen Werbewirt-
schaft von «einigen punktuellen
Lichtblicken», wie steigende Werbeetats und seit langem wieder erste Wachstumsraten im April.
Mit einem Bein stehen Sie jetzt
auch in der Schweiz. Steht uns
auch hier eine Trendwende bevor?
Davon verstehe ich zu wenig. Meine Mentalität ist eher: Wir fangen jetzt einfach mal an, geben uns viel Mühe, haben auch etwas Glück und dann wird es schon werden.
Welche Branchen werden Hoffnungsträger sein und die Werbeinvestitionen wieder ankurbeln?Der Handel, die Telefonie, die schnell drehenden Konsumgüter.
Scholz-&-Friends-Kampagne in der Schweiz für Viva.
Rückkauf der Kontrolle
Tage der Entscheidung in Berlin: Die siebtgrösste Werbeagenturgruppe Deutschlands – Scholz & Friends – kauft sich zusammen mit einer
Risikokapitalgesellschaft für rund 50 Millionen Euro aus der von Schulden geplagten englischen Werbeholding Cordiant frei. Die neuen Inhaber wollen nach Abschluss des Management Buyouts und des Rückkaufs von gestreuten Aktien über 95 Prozent des Aktienkapitals kontrollieren. (la)
Interview: Luca Aloisi