Packaging 6 Altersbedingte Seh- und Körperschwäche lässt die Kauflust der Senioren schnell in Konsumfrust umschlagen. Eine Studie zeigt Nachholbedarf in altersgerechter Verpackung auf.Wer in einem gemischtgeschlechtlichen Haushalt lebt, kennt das Diskriminierungspotenzial von Marmeladen- oder Gurkengläsern. «Hier, mach du das verdammte Ding auf», heisst die jedermann vertraute Klage von Frauen, die sich umsonst an einem dieser Hochsicherheitsobjekte abgemüht haben, bevor sie es mit indigniertem Blick und trockenem Handtuch weiterreichen.Häufiger und heftiger noch als Frauen kämpfen ältere Menschen mit Getränkeflaschen, Konservendosen, Kunststofffolien und anderen widerspenstigen Verpackungen. Da sich diese Alltagsdramen zumeist hinter den verschlossenen Türen von Seniorenwohnungen oder Altersheimen abspielen, dringen sie kaum an die Öffentlichkeit. Und damit auch nicht ins Bewusstsein jener, die hier für Abhilfe oder wenigstens etwas mehr Convenience sorgen könnten: Die Productmanager der Lebensmittel-Konzerne und Grossverteiler.
Lieber Rot- statt BlautöneGlaubt man den Demografen, so dürfte sich diese Ignoranz gegenüber den Verpackungsbedürfnissen der so genannten «Best Ager» bald rächen. Denn Wachsen wird gemäss Bundesamt für Statistik künftig nur mehr das Bevölkerungssegment der über 50-, vor allem aber der über 64-Jährigen. Hersteller und Designer, die bereits vor 2040, wenn jede(r) vierte(r) Schweizer(in) im Pensionsalter sein soll, auf die Wünsche dieser überdurchschnittlich wohlhabenden Altersgruppe reagieren, dürften dafür reichlich belohnt werden. Optimal gestaltete Produkte erlauben es jenen Menschen nämlich, sich als Konsumenten ernst genommen und trotz kleinen körperlichen Einschränkungen weiterhin selbstständig zu fühlen. Im heute schon deutlich überalterten Japan hat man die Zeichen der Zeit erkannt: Dort ist man nicht nur am innovativsten, wenns um altersgemässe Produkte (wie rollstuhlgängige Autos oder Gehroboter) geht; Dentsu betreibt in Tokio auch das weltweit erste Special-Unit für «Senior Communications».
Etwas mehr Alters-Know-how wäre auch hiesigen Marketing- und Werbeagenturen zu wünschen. In seiner Pionieruntersuchung über «Packaging-(In)Convenience im Wachstumsmarkt Senioren» kommt das Saarbrücker Beratungsinstitut Meyer-Hentschel nämlich zum Schluss, dass die Probleme nicht erst beim Öffnen, sondern bereits bei der Auswahl von Markenartikeln beginnen. Abnehmende Sehschärfe und zunehmende Blendempfindlichkeit lassen klein gedruckte Produktinformationen auf spiegelnden Folien zu Rätselschriften mutieren. Und ungünstige Farbkombinationen (beispielsweise Hellblau-Pink oder Blau-Grün) lassen schicke, auf Wiedererkennbarkeit angelegte Logos für alterstrübe, gelbstichige Augen flugs zu schwarzen Löchern werden. «Wer diese immer wichtiger werdende Zielgruppe gezielt ansprechen oder zumindest nicht von vorneherein abschreiben will, hält sich mit Vorteil an Orange- und Rottöne», empfiehlt Hanne Meyer-Hentschel, Leiterin des gleichnamigen Consulting-Büros.
Vermeidbare ImageschädenVerpackungsmässig weit schwerer wiegt indes die Tatsache, dass bis zum 65. Lebensjahr – statistisch gesehen – ein Drittel der Muskelkraft schwindet und die Beweglichkeit der Gelenke drastisch abnimmt. Kein Wunder also, geben in der aufschlussreichen deutschen Studie 92 Prozent der 60plus-Generation «regelmässige Probleme beim Öffnen von Verpackungen» zu Protokoll. Knapp die Hälfte der 500 Befragten ärgert sich sogar täglich über schwabbelige Nachfüllbeutel, renitente Drehverschlüsse, vakuumierten Kaffee und nur mittels Schere knackbare «Sch(w)eissfolien» (siehe Tabelle).
Der Frust eines Bären, der mit seiner klobigen Tatze versucht, an den in einem Astloch versteckten Honig eines Bienennests heranzukommen, kann kaum grösser sein als das altersbedingte Scheitern an unzweckmässiger Verpackung. Entsprechend meiden 34 Prozent der älteren Konsumenten Produkte, mit denen sie einmal Öffnungsschwierigkeiten hatten. Und jeder fünfte derart Genarrte erzählt zudem seinen Bekannten von abgebrochenen Fingernägeln, Schnitten im Handrücken und anderen Blessuren, die ihm die Verpackungsindustrie zugefügt hat – was fehlbaren Firmen nebst einem Imageschaden in den USA auch schon Folgekosten wegen Produktehaftung beschert hat.
Nicht oder nur bei Gewaltanwendung funktionierenden Kartons, Flaschen und Dosen wohnt bei näherer Betrachtung gar eine gesellschaftspolitische Dimension inne: «Weil sie Hürden für eine möglichst lange selbstständige Lebensführung darstellen, sind altersuntaugliche Packungen potenzielle Verursacher von sozialen Kosten», gibt Meyer-Hentschel zu bedenken. Ihr besonderer Tadel gilt hier der Pharmaindustrie, deren unter Umständen lebenserhaltende Tuben und Filmtabletten-Dispenser immerhin 16 Prozent der Kernzielgruppe überfordern. Anders als in Deutschland dämmern die hiesige Altersorganisation Pro Senectute wie auch die Stiftung für Konsumentenschutz diesbezüglich noch im Dornröschenschlaf. Eine Anfrage der Werbewoche kommentierten beide Institutionen jedenfalls mit einem dezidierten «dazu haben wir noch keine Meinung».
Bleibt als Trost für Schweizer Verpackungsopfer vorerst nur die Erkenntnis, dass auch hier manchmal wohl das Schloss vor dem Schlüssel erfunden wird. Oder wie Thomas Hine in seinem Branchenklassiker «The Total Package» festhält: «The tin can was invented in 1815, but the can opener didn’t exist until 50 years later.»
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Oliver Classen